Korruptionsgegnerin in Griechenland "Ich bin zurückgekehrt, um die schäbige Mentalität zu bekämpfen"

Hunderttausende junge Griechen haben ihr Land in der Krise verlassen. Kristina Tremonti ging den umgekehrten Weg: Sie gab ihre Karriere in New York auf - und kämpft nun gegen die Korruption in ihrer Heimat.

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Als Kristina Tremonti 2013 den Entschluss fasste, aus den USA zurückzugehen nach Griechenland, war sie gerade 23 Jahre alt, hatte einen Abschluss der US-Eliteuniversität Yale in der Tasche und einen gut bezahlten Job bei einer Immobilienfirma in New York. Sie führte das Leben, von dem viele ihrer Altersgenossen in Griechenland träumen. Hunderttausende von ihnen haben in den Jahren seit Ausbruch der Finanzkrise das Land verlassen.

Warum ist sie den umgekehrten Weg gegangen?

"Das Leben ist mehr als ein gutes Gehalt", sagt Tremonti. Sie habe damals auf den Titelseiten der "New York Times" die Krisenberichte aus ihrer Heimat gelesen, die Zeitungen brachten Fotos von Straßenschlachten. "Ich habe Athen brennen gesehen und gedacht: Das ist mein Zuhause. Ich kann nicht zusehen, wie mein Land zerfällt", sagt Tremonti.

Zur Person
  • Olga Stefatou
    Kristina Tremonti, 27, ist Wanderin zwischen den Welten. Sie wurde 1990 in Vail im US-Bundesstaat Colorado geboren, als Kind einer Griechin und eines Italieners. Im Alter von zwei Jahren zog sie mit ihrer Mutter nach Griechenland. Mit 16 kehrte sie in die USA zurück und machte an der Eliteuniversität Yale einen Abschluss in Politikwissenschaft.

Seit ihrer Rückkehr nach Griechenland hat Tremonti als Anti-Korruptions-Expertin für die griechische Regierung gearbeitet und bei internationalen Organisationen. Wegen ihres Einsatzes gegen Bestechlichkeit und für einen Mentalitätswandel in der griechischen Gesellschaft hat sie das US-Magazin "Forbes" kürzlich in seine "30 unter 30" Talentliste aufgenommen.

Tremonti ist überzeugt: Die Korruption zu bekämpfen, ist für Griechenland notwendig. Die 27-Jährige spricht akzentfreies Englisch, aber wenn es um das Thema Bestechung geht, sagt sie fakelaki, das ist der griechische Ausdruck für Zahlungen an Beamte. "Griechenland wurde nicht durch fakelaki zerstört, sondern durch die weit verbreitete fakelaki-Mentalität: den Vorrang des persönlichen Gewinns auf Kosten des öffentlichen Nutzens", sagt sie. Diese Einstellung des "Ich zuerst" ziehe sich durch die gesamte griechische Bevölkerung, "von den niedrigsten Rängen bis hoch zu den höchsten Entscheidern". Sie sei zurückgekommen, "um diese schäbige Mentalität zu bekämpfen, die Griechenland zerstört".

"Opa war ein Held - und dann haben sie ihn so behandelt"

Tremonti hat deshalb eine Webplattform gegründet, die den Mentalitätswandel befördern soll. Sie heißt "Edosa Fakelaki", auf Deutsch heißt das: Ich habe bestochen (hier geht's zur Webseite). Das Portal erlaubt Griechen, anonym über Korruption zu berichten. Das Ziel ist, ein möglichst authentisches und repräsentatives Bild vom Ausmaß des Problems zu bekommen - und Hinweise, welche Bereiche besonders stark betroffen sind.

Inzwischen haben Tausende Griechen davon Gebrauch gemacht und sich auf der Webseite gemeldet. An der Spitze der Liste: öffentliche Krankenhäuser. In einem Fall berichtet ein Grieche, er habe im Jahr 2016 400 Euro Bestechungsgeld an einen Arzt in einer öffentlichen Klinik gezahlt, um seiner Großmutter eine Augenoperation zu ermöglichen, sie litt an Grauem Star. Der Eingriff misslang. "Meine Großmutter verlor die Sehkraft ihres rechten Auges", berichtete der Betroffene.

Tremonti hat die Webseite aufgebaut, weil sie persönlich Ähnliches erlebt hat. Sie war 18 Jahre alt, als bei ihrem Großvater Prostatakrebs festgestellt wurde. Der Mann war ein Kriegsveteran, gelähmt seit dem griechischen Bürgerkrieg (1946 bis 1949). "Wir brachten ihn ins Krankenhaus und wurden vom medizinischen Personal ignoriert. Sie sagten uns, es gebe keine freien Betten, die Ärzte seien alle beschäftigt. Das waren Hinweise, dass wir Bestechungsgeld zahlen sollten. Wir waren verzweifelt und erschöpft und haben klein beigegeben."

Sie sagt, das Erlebnis habe sie beschämt - und zugleich empört. "Opa war wie ein Vater für mich. Er hat mich zusammen mit meiner Mutter großgezogen. Er war unser Held. Er hatte alles für dieses Land gegeben. Und dann haben sie ihn so behandelt", sagt Tremonti.

Griechenland fällt in Ranglisten weiter zurück

Gegen Korruption vorzugehen, ist eine der wichtigsten Bedingungen, an die internationale Geldgeber ihre Rettungspakete für Griechenland geknüpft haben. Das Land hat beträchtliche Unterstützung und Know-how von Gläubigern und internationalen Organisationen wie der OECD bekommen. Die Linksregierung von Alexis Tsipras hat dem Kampf gegen Korruption die höchste Priorität eingeräumt. Doch obwohl kein Mangel herrscht an Staatsanwälten und Antikorruptionsbehörden sind Fortschritte für die Bevölkerung kaum zu erkennen.

Tatsächlich hat sich die Lage laut dem aktuellsten Bericht von Transparency International sogar verschlechtert: 2016 ist das Land im Antikorruptionsranking der Organisation zurückgefallen, von Platz 58 auf 69.

Auch andere Untersuchungen weisen darauf hin, dass Korruption weiterhin ein großes Problem bleibt - darunter auch der jüngste Bericht dergriechischen Antikorruptionsbehörde . Demnach mussten 15 Prozent der Griechen im Krankenhaus unter der Hand zahlen, um behandelt zu werden. In einer im Dezember 2017 veröffentlichten Eurobarometer-Umfrage gaben 96 Prozent der befragten Firmen an, Korruption sei weit verbreitet. Höher lag der Anteil nur noch in Zypern.

Tremonti im Gespräch mit SPIEGEL-ONLINE-Korrespondent Giorgos Christides
Olga Stefatou

Tremonti im Gespräch mit SPIEGEL-ONLINE-Korrespondent Giorgos Christides

Tremonti gibt dennoch nicht auf. Es gebe keine Wunderlösungen. "Das braucht Zeit. Korruption kann nicht über Nacht ausgemerzt werden. Man benötigt Bildung, Training - und einen Wandel der Mentalität", sagt sie. Wichtiger als alles andere aber sei ein Kern junger, energischer und reformorientierter Menschen. Darum sei es so wichtig, dass die vielen Auswanderer in ihre Heimat zurückkehrten.

"Ich verstehe, warum die Leute gehen. Aber wir sind erledigt, wenn wir alle das Schiff verlassen", sagt Tremonti. Jeder solle sich fragen: "Wenn du weg bist, wer wird dann seine Stimme erheben?"

Sie ist zuversichtlich, mit der Hilfe anderer Rückkehrer werde ihr Land schon bald wieder aufblühen. "Wir brauchen Griechenland 2.0", sagt sie. "Und ich will dabei sein, wenn es passiert".



insgesamt 40 Beiträge
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Seite 1
alsterherr 12.02.2018
1.
Endlich eine Griechin, die die Verantwortung für die gesellschaftlichen und finanziellen Probleme der griechischen Bevölkerung innerhalb des eigenen Volkes sucht und nicht "die bösen" in der EU oder den Banken dafür verantwortlich macht. Das Wort "Steuerhinterziehung" suche ich allerdings in ihrem Berich vergebens ...
mwroer 12.02.2018
2.
Zitat von alsterherrEndlich eine Griechin, die die Verantwortung für die gesellschaftlichen und finanziellen Probleme der griechischen Bevölkerung innerhalb des eigenen Volkes sucht und nicht "die bösen" in der EU oder den Banken dafür verantwortlich macht. Das Wort "Steuerhinterziehung" suche ich allerdings in ihrem Berich vergebens ...
Wer versucht alles zu bekämpfen scheitert. Die Dame verschreibt sich der Bekämpfung einer bestimmten Mentalität, da kann sie auch was bewegen. Fakelaki und Steuerhinterziehung basieren auf dieser Mentalität. Steuerhinterziehung zu verhindern ist auch und vorrangig Sache des Staates - oder wollen Sie den dank privater Initiativen komplett aus der Haftung entlassen?
brux 12.02.2018
3. Massnahmen
Die Griechen wurden ja zu technischen Massnahmen gezwungen, z.B. Zahlung von Arztkosten nur per Kreditkarte, weil guter Wille kein realistischer Ansatz ist. Trotzdem schaffen es die Griechen einmal mehr alle Massnahmen auszuhebeln. Ich glaube, dass sich die Dinge erst ändern, wenn einfach gar kein Geld mehr da ist. Die Hilfskredite sind schwachsinnig.
frenchie3 12.02.2018
4. Ein Faulpelz ist die nicht
So einen Posten anzunehmen läßt sich nur durch ausgeprägten Masochismus erklären. Viel Glück und kaufen Sie sich eine kugelsichere Weste
JanIi 12.02.2018
5. Antikorruptionsranking....
Das Ranking das hier zitiert wird, sagt nicht aus das Griechenland korrupter geworden ist, sondern spiegelt die Meinung der Bevölkerung durch Umfragen wieder. Dadurch dass viel mehr Fälle von Korruption bekannt werden und die Regierung hart gegen Korruption vorgeht, ist es selbstverständlich dass die öffentliche Meinung die Korruption öfter wahrnimmt als früher.
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