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11. Juli 2015, 10:35 Uhr

Griechenlands Ex-Finanzminister

Varoufakis macht Schäuble schwere Vorwürfe

Deutschland forciere den Grexit, schreibt der ehemalige griechische Finanzminister Varoufakis im "Guardian". Damit wolle Schäuble sein "Modell einer Zuchtmeister-Eurozone" etablieren.

Niemand hat erwartet, dass Yanis Varoufakis Ruhe gibt. Und so macht Griechenlands prominentester Ex-Finanzminister nur wenige Tage nach seinem Abgang damit weiter, womit er zuletzt die europäische Öffentlichkeit - und insbesondere die Politelite - gegen sich aufgebracht hat: Er agitiert gegen die Gläubiger seines Landes, gegen Deutschland und vor allem gegen Finanzminister Wolfgang Schäuble.

Deutschland wolle mit einem Grexit Frankreich zur Übernahme des deutschen Modells der Eurozone zwingen, schreibt Varoufakis im britischen "Guardian". Der CDU-Politiker Schäuble wolle Griechenland aus der Währungsunion drängen, "um klare Verhältnisse zu schaffen, auf die eine oder andere Weise". Er wolle damit die Franzosen das Fürchten lehren und sie zwingen, "sein Modell einer Zuchtmeister-Eurozone" zu akzeptieren.

Das sind schwere Vorwürfe, aber wohlgemerkt die eines Ex-Ministers. Varoufakis war am vergangenen Montag überraschend von seinem Posten zurückgetreten. Als Finanzminister hatte er monatelang die Verhandlungen mit den Geldgebern über weitere Finanzhilfen für sein hochverschuldetes Land geführt und dabei mit häufig scharfer Rhetorik für Ärger gesorgt. So hatte er den Gläubigern seines Landes Terrorismus vorgeworfen, die Sparpolitik "fiskalisches Waterbaording" genannt. Das Verhältnis zu Schäuble, der gegenüber der Regierung in Athen eine harte Linie vertritt, war entsprechend schwierig. Vor dem Hintergrund war Varoufakis' Abtritt von Beobachtern erleichtert aufgenommen worden, obwohl kaum jemand an dem Sachverstand des Wirtschaftsprofessors gezweifelt hat.

Nun hat die entscheidende Woche zur Zukunft Griechenlands begonnen: Regierungschef Alexis Tsipras hatte am Mittwoch einen neuen Hilfsantrag beim Europäischen Rettungsfonds ESM gestellt und danach eine neue Reformliste nach Brüssel geschickt. Die ersten Reaktionen darauf waren überwiegend positiv. Am Nachmittag kommen die Eurofinanzminister zusammen, um über den Antrag zu beraten. Am Sonntag findet dann ein Gipfel der Staats- und Regierungschefs statt.

Sollte es keine Einigung geben, wird Griechenland voraussichtlich spätestens nach dem 20. Juli der Geldhahn abgedreht. Dann nämlich muss das Land 3,5 Milliarden Euro an die Europäische Zentralbank zurückzahlen. Eine Summe, die die Regierung in Athen ohne Hilfe nicht aufbringen kann. Bleibt die Zahlung aus, müssten spätestens dann die Nothilfen für die griechischen Banken gestoppt werden.

"Grexit als bevorzugtes Ergebnis"

Varoufakis ist überzeugt, dass es niemals so weit hätte kommen müssen. Zu Beginn der Schuldenkrise 2010 hätten die Euroländer statt einer Umschuldung und einer Reform der Wirtschaft eine "toxische Option" gewählt. So seien "neue Kredite an eine bankrotte Einheit vergeben worden, während so getan wurde, als bleibe sie solvent".

Zur Zeit des Amtsantritts der Syriza-Partei im Januar habe dann eine Mehrheit der Euroländer unter der Anleitung Schäubles "einen Grexit entweder als ihr bevorzugtes Ergebnis oder als ihre bevorzugte Waffe gegen unsere Regierung" angesehen, schreibt Varoufakis im "Guardian".

Eine ausführliche Analyse zu Varoufakis' Rücktritt lesen Sie hier.

yes/dpa

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