Kreditrückzahlung Der IWF lässt Griechenland zur Ader

Griechenland steht kurz vor der Staatspleite. Auch, weil das Land allein in dieser Woche rund eine Milliarde Euro an den Internationalen Währungsfonds zahlen muss. Die Regierung Tsipras büßt für eine völlig verkorkste Rettungspolitik.

Baustelle in Athen: Griechenland geht das Geld aus
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Baustelle in Athen: Griechenland geht das Geld aus

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Irgendwie haben sie das Geld noch mal zusammenbekommen. 588 Millionen Euro sollen an diesem Montag von Athen nach Washington geflossen sein, berichten mehrere Medien. Fristgerecht zahlte die griechische Regierung damit eine Rate des 30 Milliarden Euro schweren Hilfskredits zurück, den der Internationale Währungsfonds (IWF) dem Land vor knapp fünf Jahren gewährt hatte.

Eigentlich sollte eine solche Rückzahlung selbstverständlich sein, jeden Tag zahlen irgendwo auf der Welt Staaten ihre Schulden zurück. Doch im Falle Griechenlands wird derzeit jede Rückzahlung zur Zitterpartie. Das Land hat eigentlich kein Geld mehr, um seine Kredite zu bedienen. Faktisch ist es pleite, doch seine Gläubiger wollen das so nicht akzeptieren.

Schon in dieser Woche könnte die Lage gefährlich werden. Am Freitag ist die nächste Kreditrate an den IWF fällig. Dann geht es um 336 Millionen Euro. Wo die Summe herkommen soll, ist unklar.

Zudem muss das Land ebenfalls am Freitag noch kurzfristige Staatsanleihen im Volumen von 1,6 Milliarden Euro bedienen. Normalerweise ist so etwas selbst in Griechenland kein Problem: Man zahlt das Geld zurück und leiht sich gleichzeitig neues, indem man neue Kurzfristanleihen ausgibt, sogenannte T-Bills.

Die Investoren haben solche Papiere bisher immer gerne gekauft, das Risiko für sie war minimal - schließlich musste das Land nur die nächsten drei oder sechs Monate zahlungsfähig bleiben. Aber eben das ist im Fall Griechenland nicht mehr selbstverständlich. Die Hoffnung ruht auf den griechischen Banken, die die Staatspapiere schon kaufen werden, egal wie wacklig die Rückzahlung ist.

Selbst wenn es diese Woche gut gehen sollte, dürfte das Zittern weitergehen. Ende März müssen Renten und Gehälter bezahlt werden, mehr als zwei Milliarden Euro sind dafür fällig. Sollte Griechenland nicht zahlen können, droht ein Volksaufstand.

Wenn die Renten nicht fließen, droht ein Volksaufstand

Verzweifelt versucht die Regierung in Athen, aus allen Ecken Geld zusammenzukratzen. Zahlungen an Lieferanten wurden gestoppt, staatliche Angestellte warten teilweise auf Gehalt. Öffentliche Einrichtungen wie die Sozialversicherungen sollen vorrübergehend Mittel zuschießen, weigern sich aber noch. Laut griechischen Medien verspricht sich die Regierung davon bis zu zwei Milliarden Euro.

Auch die Ausgabe neuer T-Bills könnte kurzfristig Erleichterung verschaffen - wenn sich denn Abnehmer dafür finden. Doch die Europäische Zentralbank (EZB) will nicht mitspielen. Sie weigert sich, die geltende Höchstgrenze von 15 Milliarden Euro anzuheben, bis zu der Griechenland solche Kurzfristpapiere ausgeben darf.

Es muss also schnell eine Lösung her - am besten noch in dieser Woche. Das gab auch Griechenlands Regierungschef Alexis Tsipras zu verstehen. Man werde bis zum Wochenende eine Lösung finden, sagte er der griechischen Tageszeitung "Ethnos", spätestens beim EU-Gipfel der Staats- und Regierungschefs, der am Donnerstag und Freitag in Brüssel stattfinden soll.

Man könne einen Kompromiss finden, sagte Tsipras. Dazu müssten aber alle Beteiligten anerkennen, dass die bisherige Rettungspolitik gescheitert sei.

Griechenland gleicht einem Patienten auf der Intensivstation

Doch eben dieses Bewusstsein fehlt bei den Geldgebern offenbar. Sie haben Mitte Februar zwar grundsätzlich eine Verlängerung des laufenden Hilfsprogramms genehmigt, was die Zahlung einer letzten Tranche von insgesamt 7,2 Milliarden Euro bedeuten würde. Das Geld soll aber erst fließen, wenn die Regierung in Athen konkrete Reformen eingeleitet hat, die die Euro-Partner und der IWF von ihr fordern.

Und selbst dann wäre das Problem nur aufgeschoben. Denn ab Juni werden weitere Milliardenzahlungen an IWF und EZB fällig, die Griechenland unmöglich ohne fremde Hilfe leisten kann - auch wenn es noch so viel spart.

Während die Eurostaaten und der Rettungsfonds EFSF die Rückzahlung ihrer Griechenland-Darlehen bereits auf die Zeit ab 2020 verschoben haben, kommt ein solcher Verzicht für den IWF und die EZB nicht infrage. Der IWF verlangt bei Darlehen an Staaten grundsätzlich, vor allen anderen Gläubigern bedient zu werden. Und die Zentralbank will sich nicht der unerlaubten Staatsfinanzierung schuldig machen, indem sie auf Forderungen an Griechenland verzichtet.

Wenn beide Gläubiger ihre Darlehen pünktlich zurückbekommen wollen, werden die Eurostaaten also schon bald über ein neues Hilfspaket sprechen müssen, was immer neue Kredite und immer neue Sparauflagen bedeuten würde. Wie die Wirtschaft des Landes so wieder wachsen soll, weiß niemand.

Griechenland gleicht einem Patienten auf der Intensivstation, der an dramatischem Blutverlust leidet. Auf der einen Seite des Bettes steht das Ärzteteam von EU, IWF und EZB und verabreicht eine neue Bluttransfusion in den rechten Arm, während auf der anderen Seite des Bettes ein zweites Ärzteteam kräftig Blut aus dem linken Arm abzapft. Und dann wundern sich alle, dass der Patient nicht gesund wird.

Zusammengefasst: Griechenland geht das Geld aus. Das Land muss allein in dieser Woche fast eine Milliarde Euro Schulden an den IWF zurückzahlen - und kratzt dafür alle verfügbaren Summen zusammen. Lange kommt das Land so nicht über die Runden. Wenn die Gläubiger nicht auf ihr Geld verzichten wollen, müssen sie schon bald neue Hilfen gewähren.

Die Chronik der Griechenlandkrise

Am 1. Januar 2001 tritt Griechenland der Eurozone bei. Bei der Einführung des Euro 1999 war das Land noch nicht dabei. Erst im Jahr 2000 erfüllte es die sogenannten Konvergenzkriterien des Maastrichter Vertrages - zumindest auf dem Papier.

Im November 2004 wird klar: Die Regierung in Athen hat sich die Aufnahme in die Eurozone mit gefälschten Finanzdaten erschummelt. Alle Haushaltsdefizite vergangener Jahre waren in Wahrheit deutlich höher als zuvor an Brüssel gemeldet. So übertrafen die neuen Schulden in jedem Jahr die im Stabilitätspakt erlaubte Obergrenze von drei Prozent der Wirtschaftsleistung. Langjähriger Berater der Griechen war die US-Investmentbank Goldman Sachs.

Ende Oktober 2009 zeichnet sich zum ersten Mal so etwas wie eine Griechenland-Krise ab. Das voraussichtliche Haushaltsdefizit liegt bei rund 12,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, doppelt so hoch wie zunächst angenommen. Die neue Regierung von Ministerpräsident Giorgos Papandreou kündigt Sparmaßnahmen an.

Mitte Dezember 2009 stuft die Rating-Agentur Standard & Poor's Griechenlands Kreditwürdigkeit herab. Zuvor hatte dies schon die Agentur Fitch getan. Warnungen vor einer drohenden Staatspleite werden lauter. Der Kurs des Euro bricht ein. Bundeskanzklerin Angela Merkel beschwichtigt: "Ich bitte im Interesse einer sachlichen Diskussion, das nicht überzubewerten."

Im Frühjahr 2010 wird es eng: Griechenland bekommt nur noch sehr schwer Geld an den Finanzmärkten. Die Eurostaaten und der Internationale Währungsfonds (IWF) springen dem Land bei. Anfang Mai schnüren sie ein Rettungspaket mit Krediten über 110 Milliarden Euro, 30 Milliarden davon übernimmt der IWF, auf Deutschland entfallen 22,4 Milliarden Euro. Die Bundesregierung peitscht das Gesetz im Eilverfahren durch den Bundestag. Die Geldgeber sehen die Griechen-Krise offenbar als temporäres Problem: Die Laufzeit der Kredite beträgt nur drei Jahre. Kurz darauf geraten auch andere Länder wie Irland und Portugal ins Wanken.

Ein Jahr später spitzt sich die Schuldenkrise erneut zu. Weil absehbar ist, dass Griechenland sich nicht wie geplant bereits 2012 am Kapitalmarkt finanzieren kann, braucht es mehr Geld von den Staaten der Eurozone und dem Internationalen Währungsfonds. Am 10. Mai 2011 kündigt die griechische Regierung ein neues Sparpaket an. Wenige Tage später legen gewaltsame Demonstrationen Teile des Landes lahm. Die Polizei muss das Parlament gegen wütende Bürger verteidigen. Sie feuert Tränengas, Demonstranten werfen Steine zurück, attackieren die Limousine von Ministerpräsident Papandreou.

Zweites Rettungspaket, erster Versuch: Ein Sondergipfel der Eurostaaten beschließt am 21. Juli 2011 ein neues Hilfspaket für Griechenland mit einem Volumen von 109 Milliarden Euro. Der Großteil des Geldes soll aus dem europäischen Rettungsschirm EFSF und dem Internationalen Währungsfonds kommen. Erstmals sollen aber auch private Gläubiger beteiligt werden - auf freiwilliger Basis.

Ende Oktober 2011 legt die Troika aus EU, IWF und Europäischer Zentralbank (EZB) einen neuen Bericht zur Finanzsituation Griechenlands vor. Die Experten zeichnen darin ein düsteres Bild: Die Lage des Landes hat sich in den vorangegangenen Monaten weiter verschlechtert. Auf einem EU-Gipfel am 26. Oktober schmieden die Staats- und Regierungschefs einen neuen Rettungsplan: Private Gläubiger sollen auf mehr als 50 Prozent ihrer Forderungen gegenüber Griechenland verzichten. Das trifft vor allem europäische Banken. Athen soll weitere 100 Milliarden Euro erhalten, mit zusätzlichen 30 Milliarden Euro soll der Schuldenschnitt abgesichert werden.

Turbulente Herbsttage: Am 31. Oktober kündigt Griechenlands Ministerpräsident Papandreou überraschend eine Volksabstimmung über die Beschlüsse des Eurogipfels und die damit verbundenen Sparauflagen für sein Land an. Beim G20-Gipfel in Cannes nehmen Bundeskanzlerin Angela Merkel und Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy Papandreou Anfang November ins Gebet. Daraufhin lässt dieser den Referundumsplan fallen und tritt zurück. Loukas Papademos, der Ex-Vizepräsident der Europäischen Zentralbank, tritt am 11. November 2011 an die Spitze einer Übergangsregierung.

Im Februar 2012 stimmt das griechische Parlament einem neuen Sparprogramm zu. In Athen kommt es zu gewalttätigen Ausschreitungen. Die internationalen Geldgeber hatten auf verschärfte Reformen gepocht - im Gegenzug verabschieden die Euro-Finanzminister das zweite Rettungspaket. Neben dem Schuldenschnitt für die privaten Gläubiger enthält es auch die im Oktober angekündigten Hilfen in Höhe von 130 Milliarden Euro. Für die Kredite aus dem ersten Hilfspaket von 2010 werden die Zinsen halbiert. Der Schuldenschnitt wird am 9. März 2012 wirksam.

Bei der Parlamentswahl am 6. Mai 2012 strafen die Griechen die Traditionsparteien Nea Dimokratia (ND) und Pasok ab, die aus ihrer Sicht das Land einem internationalen Spardiktat unterworfen haben. Parteien wie Syriza, die eine Aufkündigung der Sparvereinbarungen fordern, legen kräftig zu. Eine Regierungsbildung scheitert. Nach der Neuwahl am 17. Juni wird ND-Chef Antonis Samaras als Ministerpräsident vereidigt. Unterstützt wird seine Regierung von Pasok und der demokratischen Linken (Dimar). Das bei den Wahlen zweitplatzierte Linksbündnis Syriza ist jedoch nicht beteiligt.

Die Lage an den Finanzmärkten spitzt sich im Sommer 2012 wieder zu. Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler sinniert über einen Austritt Griechenlands aus der Eurozone. Der Chef der Europäischen Zentralbank, Mario Draghi erklärt am 26. Juli, die EZB werde "alles Notwendige tun, um den Euro zu erhalten" - und leitet damit eine Wende in der Eurokrise ein. Von nun an schwindet die Angst davor, dass die griechische Krise auch Länder wie Italien oder Spanien anstecken könnte.

Am 8. Oktober 2012 besucht Angela Merkel zum ersten Mal seit Ausbruch der Krise Griechenland. Sie lobt die Fortschritte des Landes. Der IWF dagegen glaubt nicht, dass Griechenland den Sanierungszeitplan einhalten kann. Deutschlands Finanzminister Wolfgang Schäuble tritt Spekulationen über einen Euro-Austritt Griechenlands entgegen. Dabei gelingt ihm ein legendärer Satz auf Denglisch: "I think there will be no Staatsbankrott in Greece."

Griechenland erhält weitere Zugeständnisse: Am 27. November 2012 einigt sich die Euro-Gruppe mit dem IWF auf eine Anpassung des zweiten Rettungspakets: Die Regierung in Athen soll mehr Zeit für die Umsetzung der Sparvorgaben bekommen. Daraus ergibt sich eine Finanzlücke von 14 Milliarden Euro, die unter anderem mit günstigen Zinsen auf bereits gewährte Kredite gestopft werden soll.

Im Juni 2013 räumt der Internationale Währungsfonds (IWF) Fehler bei der Rettungspolitik ein. Beim ersten Hilfsprogramm aus dem Mai 2010 habe man zu optimistische Annahmen zugrunde gelegt. Weder der Schuldenstand noch das Wachstum hätten sich so entwickelt wie damals angenommen. Die griechische Wirtschaft schrumpft 2013 das fünfte Jahr in Folge. Seit 2008 ist das Bruttoinlandsprodukt um gut 22 Prozent eingebrochen, die Staatsverschuldung ist wieder höher als vor dem Schuldenschnitt.

2014 scheint die jahrelange Talfahrt endlich zu Ende zu gehen. Die griechische Regierung erwartet sogar ein kleines Wirtschaftswachstum - und wird forsch: Anfang April leiht sich das Land erstmals seit vier Jahren wieder langfristig Geld am Kapitalmarkt. Die Investoren sind begeistert - und geben den Griechen drei Milliarden Euro zu 4,75 Prozent Zinsen.

Ende 2014 laufen die Hilfen der Europartner für Griechenland aus - und Ministerpräsident Antonis Samaras wird nicht müde zu betonen, dass kein neues Geld nötig sei. "Die Ära der Rettungspakete geht zu Ende", jubelt er. Ende November meldet der SPIEGEL, es werde wohl doch ein weiteres Hilfspaket geben. Zehn Milliarden Euro aus dem Rettungsfonds ESM sollten umgewidmet werden.

Am 29. Dezember 2014 scheitert die Wahl des Staatspräsidenten im dritten Wahlgang - die griechische Verfassung sieht für diesen Fall Neuwahlen vor, die am 25. Januar stattfinden sollen. Das könnte die große Chance für das linke Syriza-Bündnis und dessen Chef Alexis Tsipras sein. Tsipras lehnt die Reformauflagen von EU und Internationalem Währungsfonds (IWF) ab und will im Falle eines Wahlsiegs einen Schuldenschnitt durchsetzen. Bei den Geldgebern stößt das nicht auf Begeisterung. Anfang Januar 2015 meldet der SPIEGEL, die Bundesregierung sei bereit, Griechenland notfalls aus der Eurozone ausscheiden zu lassen. Die Finanzmärkte reagieren schockiert.

Am 25. Januar 2015 gewinnt Alexis Tsipras mit seinem Linksbündnis Syriza die Parlamentswahl. Die absolute Mehrheit verfehlt er dabei knapp – und muss eine Koalition eingehen. Als Partner wählt Syriza ausgerechnet die rechtspopulistischen Unabhängigen Griechen. Am 26. Januar wird Tsipras als Ministerpräsident vereidigt.

Wenige Tage nach der Wahl reist Euro-Gruppenchef Jeroen Dijsselbloem nach Athen. Er will mit der neuen griechischen Regierung darüber sprechen, wie es mit dem Hilfs- und Reformprogramm weitergeht. Doch was er erlebt, ist eine knallharte Abfuhr. Griechenland weigere sich, weiter mit der Troika aus EU-Kommission, Europäischer Zentralbank und IWF zusammenzuarbeiten, sagt Finanzminister Giannis Varoufakis bei der gemeinsamen Pressekonferenz. Dijsselbloem steht auf und geht – es reicht nur noch für einen flüchtigen Händedruck.

Nach wochenlangem Ringen mit gegenseitigen Drohgebärden einigen sich Griechenland und die Euro-Finanzminister am 20. Februar in Brüssel auf eine Verlängerung des laufenden Hilfsprogramms. Doch das Geld soll erst fließen, wenn Griechenland konkrete Reformvorschläge vorlegt, die von den Gläubigern gebilligt werden.

Ende März 2015 legt Tsipras Reformvorschläge vor, die Gläubiger lehnen sie umgehend ab – so wie alle der zahlreichen Reformlisten, die im Frühjahr aus Athen nach Brüssel geschickt werden. Der Ton wird noch rauer, die Drohgebärden drastischer. Die Griechen holen viele Milliarden Euro von ihren Bankkonten. Dennoch scheint ein Kompromiss in letzter Sekunde zu gelingen – bis zum 26. Juni: Tsipras kündigt ein Referendum über die Forderungen der Geldgeber an und empfiehlt den Griechen, gegen sie zu stimmen, die griechischen Verhandler werden aus Brüssel abgezogen. Die Euro-Finanzminister beschließen, das Hilfsprogramm auslaufen zu lassen – ohne die letzte Tranche zu überweisen. Die griechische Regierung verhängt Kapitalverkehrskontrollen, vom 29. Juni an sind die Banken geschlossen, Abhebungen und Überweisungen gedeckelt.

In der Nacht vom 30. Juni auf den 1. Juli endet das zweite Hilfsprogramm – und Griechenland bleibt zum ersten Mal seit Beginn der Krise eine Kreditrate schuldig: 1,54 Milliarden Euro hätte das Land an den IWF zahlen müssen. Die Geldgeber lehnen neue Verhandlungen bis zum Referendum am 5. Juli ab, Tsipras und Varoufakis knüpfen ihre politische Zukunft an ein Nein des Volks zu den Gläubiger-Forderungen. Im ganzen Land bilden sich lange Schlangen vor Geldautomaten, pro Tag gibt es höchstens 60 Euro. Rentner warten stundenlang vor den wenigen offenen Bankfilialen auf einen Teil ihrer Renten.

Am 5. Juli findet das Referendum über die Sparauflagen statt. Begleitet wird es zum Teil von scharfen Angriffen auf Bundeskanzlerin Angela Merkel und Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (beide CDU), der auf Plakaten als Vampir verunglimpft wird. Nachdem die Umfragen lange ein Kopf-an-Kopf-Rennen voraussagen, triumphiert am Ende Tsipras: 61 Prozent der Abstimmenden folgen seinem Rat, die Reformforderungen der Gläubiger abzulehnen.

Unmittelbar nach dem Referendumserfolg vollzieht Tsipras eine beachtliche Kehrtwende: Sein umstrittener Finanzminister Varoufakis tritt zurück und braust am 6. Juli mit Ehefrau Danae von dannen (Foto). Kurz darauf legt Tsipras mit Unterstützung der französischen Regierung ein umfassendes Reformpaket vor, das den Forderungen der Gläubiger weit entgegenkommt. Obwohl dies eine 180-Grad-Wende bedeutet, bekommt Tsipras in der Nacht auf den 11. Juli im Parlament eine Mehrheit für die Aufnahme von Verhandlungen – allerdings nur mithilfe der Opposition.

Falls Tsipras sich von seinem Reformvorschlag eine schnelle Einigung erhofft hat, so wird aufs Gröbste enttäuscht. Zunächst bringt Finanzminister Wolfgang Schäuble vor einem Treffen mit seinen Amtskollegen die Option einen zeitweiligen Euro-Austritt ins Gespräch. Beim anschließenden Euro-Gipfel in der Nacht vom auf den 13. Juli verhindert EU-Ratspräsident Donald Tusk laut Teilnehmern ein Scheitern nur, indem er Merkel und Tsipras verbietet, den Raum zu verlassen. Am Ende wird Griechenland zwar ein neues Hilfsprogramm in Aussicht gestellt, nicht zuletzt auf Betreiben von Frankreichs Präsident Francois Hollande (M.). Doch Tsipras muss dafür Bedingungen akzeptieren, die deutlich härter als das ursprüngliche Angebot der Gläubiger sind.

Am 15. Juli muss das griechische Parlament die ersten Reformen beschließen, das Ultimatum haben die Euro-Partner gestellt. Für Tsipras und seinen neuen Finanzminister Efklidis Tsakalotos wird die Abstimmung jedoch zur Nervenprobe, denn der Widerstand in der Regierungspartei Syriza reicht bis zur Parlamentspräsidentin Zoi Konstantopoulou. Zwar bekommt Tsipras eine knappe Regierungsmehrheit zustande, doch die Spaltung seiner Partei ist nicht mehr zu übersehen. Darauf reagiert der Regierungschef, indem er zwei Tage später sein Kabinett umbildet und rebellische Minister entlässt. In der Nacht auf den 23. Juli werden weitere Reformforderungen verabschiedet, der Weg zu neuen Verhandlungen mit den Geldgebern ist vorerst frei.

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bbrot99 16.03.2015
1. der büsst vor allem für eine verkorkste Diplomatie
sinnvolle Verhandlungen einer verkorksten Vorgängerpolitik entgegenzustellen, wäre das Gebot der Stunde gewesen - die Chance wurde durch Krawallmacherei verpasst. Das heisst nicht als Bittsteller auftreten sondern die Zäsur eines Regierungswechsels geschickt nutzen. Erst mal alle Verprellen und sich in unausweichliche Positionen bringen hat auch nichts mit dem Wahlprogramm zu tun - nur wie man die Umsetzung lebt. Genügend internationale Sympathisanten und Druckmittel hatte er...
Kampfdenker 16.03.2015
2.
Man könnte auch gleich zugeben,dass die Politik von Tsipras auch scheitern wird,dass auch alle zukünftigen Rettungsmaßnahmen scheitern werden.- Da es gar keine Sparpolitik gab,konnte eine solche auch nicht scheitern -aber immerhin weiß man,was gemeint war: Ein Vermindern der Verteilungsorgie. Es wird alles scheitern-es geht nur darum,welches Scheitern führt zu einem halbwegs erträglichen Weiterleben- und da scheint eine Parallelwährung der einzige Ausweg.
umweltfreak 16.03.2015
3. Kredithaie
Das IWF fuehrt sich auf wie ein Kredithai: Es wird Geld an Griechenland gegeben, damit Griechenland es als Zinsen fuer Kredite an den IWF zurueckzahlt. Was fuer ein Hirnriss. So kommt Griechenland niemals aus dem Keller (wie auch alle anderen Kreditnehmer, die Kredithaien zum Opfer fallen, immer tiefer in Schulden hineingetrieben werden). Da gibt es nur eine Loesung: Schuldenschnitt. Jetzt!
siegfriedderdrachentöter 16.03.2015
4. Griechenland und Grexit
Was sagt uns diese Analyse? Das Griechenland pleite ist und aus dem Euro und Eurozone ausscheiden muss! Wenn wir die Schulden erlassen, dann aber auch raus aus dem Euro. Es mag sein, dass die Sparpolitik nicht gefruchtet hat, aber es wird mir zu wenig vom Versagen der Umsetzung von Reformen beim Steuereintreiben, Aufbau Steuerbehörden, Katasterämter etc. gesprochen. Auch dass die Griechen nicht bereit sind, die Verfassung zu ändern und die Reeder zu besteuern. Wir können überall Schuldenschnitt machen, aber dann sagen wir unseren Rentner auch, dass deren Renten und Pensionen nicht mehr sicher sind. Das wird nie erwähnt, wäre aber die Konsequenz, denn die anderen Länder wollen dann auch den Schuldenschnitt im Süden.
defy_you 16.03.2015
5.
Man könne einen Kompromiss finden, sagte Tsipras. Dazu müssten aber alle Beteiligten anerkennen, dass die bisherige Rettungspolitik gescheitert sei. Wie soll dieser Kompromiss aussehen? Geld will Herr Tsipras ja keines. Aber die EZB soll durch Ausgabe neuer T-Bills an Griechenland für neues Geld sorgen. Was für ein Quatsch! Die griechische Regierung will einfach eine Geldquelle gegen eine andere tauschen, dass wird in verschiedenen Variationen (Reperationen von DE dürfen es auch gerne sein - erst 11 Mrd, dann 300 Mrd und morgen?) praktiziert. Umschuldung statt Schuldenschnitt. EZB Gelder statt neues Rettungspaket. Nichts als Etikettenschwindel. Vielleicht kann ja ein Volksaufstand die Misere beenden? Von der griechischen Regierung kommt ja leider nichts mit Substanz.
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