Griechenlands arme reiche Rentner "Eigentlich müssten wir alle abtreten"

Frühpensionäre und Angestellte von Staatsunternehmen sind zum Sinnbild der Misswirtschaft in Griechenland geworden. Polyvios Tsirkas ist beides. Er bezieht eine recht üppige Rente, hat ein Ferienhaus am Meer - und sieht sich doch als Opfer des Systems.

Frührentner Polyvios Tsirkas: "Diese Leute können das System nicht reparieren"
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Frührentner Polyvios Tsirkas: "Diese Leute können das System nicht reparieren"

Aus Kinetta berichtet


Er redet nicht drumherum: "Das ist eine der besten Renten in Griechenland, weit über dem Durchschnitt", sagt Polyvios Tsirkas über seine Altersbezüge. Er sagt es auf der Veranda eines schnuckeligen Ferienhauses in Kinetta, 40 Kilometer westlich von Athen. Der Blick reicht auf einen Garten, in dem Blumen und eine große Palme wachsen, und er reicht direkt auf die blaue Ägäis. Es ergibt sich das Bild eines Mannes, der es richtig gut getroffen hat.

Dann folgt das Aber.

Das Aber von Polyvios Tsirkas dauert etwa drei Stunden, in deren Verlauf er sich zunehmend in Rage redet. Am Ende ist zumindest so viel klar: Ganz so einfach ist die Sache mit Griechenlands Rentnern nicht.

Kaum eine Gruppe ist in der Schuldenkrise so zum Sinnbild griechischer Misswirtschaft geworden wie die Ruheständler des Landes. Sie gingen besonders früh in Rente und kassierten dann besonders hohe Bezüge, lautet der Vorwurf, den auch deutsche Politiker erhoben. Unterboten wurde das Rentner-Image höchstens von den Angestellten griechischer Staatsunternehmen. Die verdienten in der Vergangenheit sogar besser als Ministerialbeamte.

Der 62-jährige Tsirkas ist beides: Frührentner und Ex-Mitarbeiter des halbstaatlichen Stromversorgers DEI. Dort bekämpfte er früher Störungen an Hochspannungsleitungen. "Es war keine besonders aufregende Arbeit, aber man musste ein bisschen Grips dafür haben."

Den begehrten Posten bekam Tsirkas nicht durch besonders gute Beziehungen zum Staat - im Gegenteil. Weil sein Vater unter der Obristendiktatur mit der Zentrumspartei sympathisierte, wurde ihm die Aufnahme an der Universität verwehrt. Bei der DEI wagte er sich im Alter von 21 Jahren an eine Bewerbung, weil dort nur selten nach einer politischen Unbedenklichkeitsbescheinigung gefragt wurde. Tsirkas hatte zwar eine, doch für die hatte er sich als Sohn eines Großcousins ausgegeben - einem Ultrarechten. Tricks gegen den Staat waren damals auch Tricks gegen die Diktatur.

Nach 30 Jahren in Rente

Tsirkas arbeitete nur 30 Jahre, dann ging er in Rente. Einen Unterschied spürte er nicht: Sowohl sein Gehalt als auch seine Rente betrugen netto rund 2000 Euro. Innerhalb des griechischen Systems scheint es für Tsirkas optimal gelaufen zu sein.

Doch das sieht er ein bisschen anders. Für die hohe Rente habe er einen gesundheitlichen Preis gezahlt. Die Arbeitsbedingungen seien wie häufig in Griechenland schlecht gewesen, das laute Surren der Hochspannungsleitungen habe sein Gehör geschädigt. "Da läuft Blut raus", sagt er und deutet auf sein rechtes Ohr. Der Grund für die Frühpensionierung seien Herzbeschwerden gewesen.

Wie schlecht es Tsirkas gesundheitlich geht, ist schwer nachzuvollziehen. Deutlich leichter ist zu verstehen, warum ihn finanzielle Sorgen plagen.

Zwei Kinder hat er. Sein Sohn Kostas ist 31 und arbeitet bei einem Inkasso-Unternehmen. Die Arbeitsbedingungen dort seien schlecht, sagt Tsirkas, selbst die Häufigkeit der Toilettengänge werde per Video überwacht. Tochter Dorinna ist 28, spricht mehrere Fremdsprachen und unterrichtet mit Stundenverträgen an drei staatlichen Schulen. Sieben Euro bekommt sie pro Stunde. Abzüglich der Fahrtkosten bleiben am Monatsende etwa 50 Euro. Dorinnas große Hoffnung ist die Verbeamtung, doch die ist mit den Sparprogrammen noch unwahrscheinlicher geworden.

Tsirkas unterstützt seine Kinder, nicht nur finanziell. Beide leben noch in der elterlichen Wohnung in einem Vorort von Athen. Dem Sohn und dessen Verlobter hat Tsirkas sein Schlafzimmer überlassen. Seiner Frau und ihm bleibe ein Bett, das so schmal sei, dass sie darin nur in entgegengesetzter Richtung Platz fänden. Deshalb weiche er regelmäßig auf das Ferienhaus in Kinetta aus.

400 Euro weniger als vor der Krise

Es gibt sicher Schlimmeres als ein Notquartier mit Blick auf die Ägäis. Doch das Haus wird für Tsirkas zunehmend zur Belastung. Im Zuge der Krise mussten die griechischen Rentner wiederholte Einschnitte verkraften, insgesamt sank Tsirkas' Rente bereits um 400 Euro. Zugleich muss er für Haus und Wohnung Kredite über rund 100.000 Euro bedienen. "Wir haben natürlich auf Pump gelebt", räumt er ein. Aber schließlich sei der Konsum im Land lange mit billigen Darlehen gefördert worden.

Tsirkas' Frau arbeitet noch, ebenfalls bei DEI. Ohne ihren Job, sagt er, würde die Familie überhaupt nicht über die Runden kommen. "Und diese Probleme habe ich als jemand mit gutem Gehalt und Teil der Mittelschicht!" So viele Griechen müssten mit schlechteren Bedingungen zurechtkommen.

Dennoch findet Tsirkas nicht, dass Leute wie er jetzt für die Krise zahlen sollten. Der Staat hätte schließlich andere Möglichkeiten, sich Geld zu beschaffen.

Wie innovativ der griechische Staat sein kann, zeigt sich direkt vor Tsirkas' Haustür: Die ganze Siedlung in Toplage über dem Meer wurde ohne Genehmigung gebaut, inklusive seinem eigenen Haus. Doch auch illegale Bauten dürfen in Griechenland stehen bleiben - solange ihr Besitzer eine "Nicht-Abriss-Gebühr" entrichtet. Bis 2004 lag die bei wenigen hundert Euro jährlich. Heute muss man für ein Ferienhaus wie das von Tsirkas bis zu 12.000 Euro berappen. Der griechische Staat gibt nicht nur - er langt auch überraschend wieder zu.

"Heute würde ich Geld annehmen"

Tsirkas hat mal an diesen Staat geglaubt, nach dem Ende der Obristendiktatur. "Damals gab es so eine Euphorie", schwärmt er. Junge Griechen träumten von einer wahren Demokratie. Doch dann etablierten die demokratischen Parteien ihr Klientelsystem. "Die Politik hat den Leuten beigebracht: Wenn du Geld brauchst, musst du zu mir kommen." Tsirkas schiebt seine hohle Hand unter der Tischplatte hindurch - als wolle er ein Schmiergeld kassieren.

Auch er sollte bestochen werden, erzählt Tsirkas. Als Funktionär in der heutigen Regierungspartei Pasok habe er für einen bestimmten Kandidaten stimmen sollen, behauptet er. Er aber habe abgelehnt und die Pasok verlassen. "Ich habe mich bis zu diesem Tag noch nie kaufen lassen", ruft Tsirkas und haut auf den Tisch. Er sei doch ein Idiot, hätten ihm seine Freunde deshalb gesagt. Heute, wo das Geld immer knapper wird, gibt er ihnen recht. "Wenn mir jetzt jemand Geld geben würde, würde ich es annehmen."

Tsirkas hat den Glauben an den Staat, der ihn päppelte, verloren. Er glaubt nicht, dass Georgios Papandreou, mit dem er eine gewisse Ähnlichkeit hat, etwas ändern wird. Er habe den Premier mal in einer Taverne kennengelernt, als der in den siebziger Jahren seinen Militärdienst ableistete. "Ein guter Junge", sagt er über den fast Gleichaltrigen. Aber schließlich habe Papandreou schon seinem Vater Andreas gedient, unter dem die Vetternwirtschaft aufblühte. "Diese Leute können das System nicht reparieren, denn sie haben es geschaffen."

Damit meint der Frührentner Polyvios Tsirkas irgendwie auch sich selbst. "Eigentlich müssten wir alle abtreten", sagt er. "Alle sind jetzt auf der Suche. Es gibt keine Führerpersönlichkeiten, dabei sind wir daran gewöhnt, geführt zu werden."

Tsirkas beobachtet jetzt mit Interesse die Wege seiner Kinder. Sie führen zu den Protesten am Athener Verfassungsplatz.

Mitarbeit: Ferry Batzoglou

insgesamt 227 Beiträge
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Seite 1
jacobsbg 20.06.2011
1. ....
Nun ja, leider gibt es für die Jugend in Griechenland keine Jobs und wenn müssen sie von einem Einkommen von 500 Eur im Monat leben. Das sollte man auch sehen.
et9999 20.06.2011
2. Interessant
Zitat von sysopFrühpensionäre und Angestellte von Staatsunternehmen sind zum Sinnbild der Misswirtschaft in Griechenland geworden. Polyvios Tsirkas ist beides. Er bezieht eine recht üppige Rente, hat ein Ferienhaus am Meer - und sieht sich doch als Opfer des Systems. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,769345,00.html
Dieser Artikel öffnet den Blick auf einen Aspekt, der noch gar nicht berücksichtigt worden ist. Die Rentnergeneration, welcher es relativ gut geht, muss die eigenen Kinder mitfinanzieren, weil diese eben zu Hungerlöhnen im privaten Sektor arbeiten müssen. Im Endeffekt sind die hohen Renten nichts anderes als Sozialleistungen.
blacksky 20.06.2011
3. Hier könnte ihre Werbung stehen.
So Spitzen gibt es in jedem System. Wo bleibt die Story über die Millionen verarmten Renter/Jugendlichen und den generellen Abstieg der Mittelschicht in Griechenland?
brux 20.06.2011
4. Vergleich
Mich würde als Vergleich die Geschichte eines deutschen Hochspannungselektrikers interessieren. Wie lange musste der bis zur Verrentung arbeiten? Wie hoch ist seine Rente? Dazu dann vielleicht noch der Fall eines Mannes vom selben Fach in der Türkei. Dann würde man wohl sehr schnell erkennen, wie sehr sich die Griechen selbst belogen haben. Sowohl für ihre wirtschaftliche Misere als auch für ihr verlottertes politisches System sind sie ganz alleine verantwortlich. Bei den notwendigen Reparaturen können sie ja ihre alte Behauptung beweisen, dass sie ein zivilisiertes Volk mit langer Geschichte sind.
watermark71 20.06.2011
5. Eine Bitte
Liebe Leute von SPON: BITTE VERÖFFENTLICHEN SIE NICHT SOLCHE ARTIKEL!!!! Immer mehr muss man sich fragen, wie Griechenland überhaupt jemals in die EU hat kommen können? Welche auch hiesigen Spitzenpolitiker wurden geschmiert, um beide Augen zuzudrücken? Da hätte man lieber Russland oder die Ukraine aufnehmen sollen. Deren Wirtschaften schaffen noch was - und deren Menschen sind duldsamer.
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