Stimmung in Griechenland: "Die Menschen haben ihr Lächeln verloren"

Von Georgios Christidis, Thessaloniki

Griechenland bekommt neue Milliarden, Politiker in Brüssel und Athen feiern. Doch die Menschen im Land blicken düster in die Zukunft: Busfirmen können sich kein Benzin mehr leisten, Apotheker geben Medikamente nur noch gegen Bargeld aus. Das Vertrauen in Regierung und Euro-Partner ist verloren.

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Endlich herrscht Einigkeit in Europa: Griechenlands Ministerpräsident Antonis Samaras begrüßt die jüngsten Entscheidungen der Euro-Gruppe als den "Anbruch eines neuen Tages für alle Griechen". Der Chef der Euro-Gruppe, Jean-Claude Juncker, spricht gar von einem Versprechen "einer besseren Zukunft für das griechische Volk". Auch die großen Medien in Griechenland begrüßen die Nachrichten aus Brüssel: "Das erste Lächeln" titelte die linksliberale Tageszeitung "Ta Nea", "Endlich eine Entscheidung über die Tranche und die Schulden" schrieb die liberal-konservative Zeitung "Kathimerini".

Die normalen Griechen teilen diesen Enthusiasmus allerdings nicht.

Es ist halb neun Uhr morgens, als Dimitrios Tsanidis die Waren auf seinem Marktstand ordnet. Er verkauft Gemüse in Nea Krini, einem Vorort der zweitgrößten griechischen Stadt Thessaloniki. Die Entscheidungen von heute Nacht hätten nichts geändert, sagt Tsanidis: "Die Menschen sind verzweifelt. Mittags, wenn der Markt schließt, sammeln sie im Müll Gemüse, das wir weggeworfen haben. Seit 15 Jahren mache ich diesen Job, aber so etwas habe ich noch nie erlebt", sagt der 56-Jährige. Die Entscheidungen, die im fernen Brüssel getroffen würden, sagt er, hätten für die Menschen keinerlei Auswirkungen.

Für die Drei-Parteien-Koalition in Athen ändert die Zusage für Finanzhilfen aus Europa dagegen einiges. Regierungschef Antonis Samaras hofft, dass die Entscheidung das gesellschaftliche Klima im Land verändert und das Selbstbewusstsein der Griechen stärkt. Samaras scheint entschlossen, alle von der Troika geforderten Maßnahmen und Reformen umzusetzen. Vertraute des Ministerpräsidenten berichten, die von der Euro-Gruppe beschlossenen Maßnahmen würden der drangsalierten Wirtschaft endlich eine Atempause verschaffen. Zudem beendeten sie die Unsicherheit über den Verbleib des Landes in der Euro-Zone und ebneten den Weg für dringend benötigte Investitionen. Die griechische Wirtschaft steckt im fünften Jahr einer anhaltenden Rezession und leidet unter einer Rekordarbeitslosigkeit.

Das soziale Netz bekommt immer größere Löcher

Der Chef der sozialistischen Pasok, Evangelos Venizelos lobte die EU: "Das ist der Neubeginn, der nach neun Monaten Wartezeit dringend notwendig war", sagte der frühere Finanzminister. "Jetzt ist es an uns Griechen, die Gelegenheit zu nutzen." Der Vorsitzende der kleinsten Regierungspartei Dimar, Fotis Kouvelis, nannte die Entscheidungen der Euro-Gruppe "einen entscheidenden Schritt für den Verbleib Griechenlands im Euro." Die Skepsis blieb den Oppositionsparteien vorbehalten. So bezeichnete Dimitri Papadimoulis vom Linksbündnis Syriza die Entscheidungen als "blutarmen Kompromiss", der alle schwierigen Entscheidungen auf die Zeit nach den Wahlen in Deutschland verschiebt.

Tatsächlich braucht Griechenland die Finanzspritze sehr dringend: Der ewige Geldmangel hat nicht nur die Wirtschaft fast zum Stillstand gebracht, vor allem das soziale Netz bekommt immer größere Löcher. Einrichtungen und Dienstleistungen fallen auseinander, die Lage stinkt wortwörtlich zum Himmel: Seit zehn Tagen stapelt sich der Müll in den Straßen von Thessaloniki, weil die Arbeiter der Entsorgungsbetriebe wegen der Sparpolitik und drohender Entlassungen streikten. Zwar haben die Müllarbeiter ihre Arbeit mittlerweile wieder aufgenommen, es wird aber dauern, bis die 3000 Tonnen Abfall von den Straßen verschwunden ist.

Noch schlimmer sieht es bei den öffentlichen Verkehrsbetrieben aus: Das Fernbusunternehmen von Thessaloniki hat den Dienst auf allen Routen für unbestimmte Zeit eingestellt. Der Grund: Die Regierung hat ihre Schulden schon so lange nicht mehr bezahlt, dass die Firma sich jetzt nicht einmal mehr die Tankfüllungen für ihre Busse leisten kann. Nicht besser geht es dem Nahverkehr in der zweitgrößten Stadt des Landes: Die zuständige Firma will den Dienst in der kommenden Woche auf allen Strecken einstellen - es sei denn, Athen zahlt wenigstens die Schulden zurück.

Die Atempause wird nur von kurzer Dauer sein

Slalom um Müllhaufen fahren zu müssen und vergeblich auf den Bus zu warten, sind aber vergleichsweise harmlose Probleme. Schlimmer sind Patienten dran, die regelmäßig Medikamente benötigen: Seit Wochenanfang sind die Apotheken in Thessaloniki geschlossen. Die Apotheker weigern sich, Medizin an Patienten zu geben, die gesetzlich versichert sind, denn die Regierung ist mit ihren Zahlungen Monate im Rückstand.

Die Menschen hoffen, dass die Geldspritze der Euro-Länder noch im Dezember wenigstens die dringendsten Finanzprobleme löst. Nach Daten des Finanzministeriums schuldet die Regierung Privatpersonen und Unternehmen insgesamt rund 6,5 Milliarden Euro. Beobachter erwarten, dass die Regierung, sobald das Geld aus Brüssel überwiesen ist, mit 3,5 Milliarden Euro einen Teil seiner Schulden bei Lieferanten, Steuerzahlern und Unternehmen abtragen wird.

Allerdings wird die Atempause nur von kurzer Dauer sein: Als Voraussetzung für die neuen Kredite hat das Parlament in Athen eine ganze Reihe neuer Sparmaßnahmen beschlossen. Vor allem die Steuerregelungen werden die Menschen im kommenden Jahr hart treffen: Alte Steuern werden erhöht, neue kommen dazu. Experten gehen davon aus, dass eine Rekordzahl von Griechen nicht in der Lage sein wird, zu zahlen - denn gleichzeitig werden Gehälter und Pensionen weiter gekürzt.

"Wir steuern auf eine soziale Explosion zu"

Die 39-jährige Athina Dinopoulou blickt jedenfalls mit Sorgen nach vorne. In ihren Eckladen in Thessaloniki kommen täglich Dutzende Griechen: "Ich glaube nicht, dass sich irgendetwas ändern wird. Im Gegenteil: Jetzt ist die Überwachung noch schärfer und wenn Griechenland die Ziele wieder verfehlt, wird es neue Maßnahmen geben. Die Menschen, mit denen ich jeden Tag spreche, sind traurig und ängstlich - sie können sich nur noch das Allernötigste leisten. Sie haben sogar ihr Lächeln verloren. Ihr Leben ist heute genauso elend wie gestern."

Tatsächlich scheinen die regelmäßig in Brüssel inszenierten politischen Dramen den Griechen nichts zu bedeuten. Die Wochenendzeitungen veröffentlichten am Sonntag das Ergebnis einer Umfrage: Fast 90 Prozent der Griechen glauben demnach, dass es egal ist, was die Regierung in Athen oder die Gläubiger von EU, EZB und IWF entscheiden - ihr Leben wird weiterhin bestimmt von Unsicherheit und Angst.

Die Ladenbesitzerin Dinopoulou rechnet deshalb auch fest damit, dass es bald knallen wird: "Ich glaube, wenn im Winter die neuen Steuern und die Gehaltskürzungen einsetzen, dann wird es einen öffentlichen Wutausbruch geben - wir steuern auf eine soziale Explosion zu."

Übersetzung aus dem Englischen: Nicolai Kwasniewski

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1. Einen unglaublichen Wohlstand...
mainzelmännchen 1 27.11.2012
...haben die Griecjhen erreicht, einen Wohlstand, der ihren Leistungen nicht angemessen ist und von anderen finanziert werden soll, sie werden ihn zurückführen müssen auf ein Niveau vergleichbarer Länder wie etwa Rumänien, Bulgarien, Tschechien oder Kroatien, das ist schmerzhaft aber alternativlos, und nur zu erreichen als Sonderwirtschaftszone - mit der Drachme.
2.
Ragnarrök 27.11.2012
Soll das ein Witz sein?
3. Bitternis
sennahoj 27.11.2012
Diese wird noch eine Weile anhalten, eine ganze Weile. Es geht um nichts weniger als den kompletten Umbau einer Gesellschaft. So schwer mir diese Aussage auch fällt...
4.
sennahoj 27.11.2012
Sie sind geschmacklos. Schon mal dagewesen, in der letzten Zeit? Da lacht keiner mehr.
5.
Bobby Shaftoe 27.11.2012
ach übrigens: Ich habe mein Lächeln auch verloren. Die Griechen haben Jahrzehntelang auf Pump gelebt und sich einen Dreck um ihre Defizite geschert und jetzt gibts die Quittung. Nur dumm, dass die Zeche erstmal andere zahlen müssen.
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Das dritte Rettungspaket für Griechenland
Neue Hilfen für Athen
Die Euro-Gruppe hat sich erneut auf Maßnahmen verständigt, die die Schuldenlast Griechenlands bis 2022 senken sollen. Auch wenn es nicht so genannt wird, ist es eine Art drittes Rettungspaket. Auch wenn keine neuen Kredite fließen, ist die Hilfe für die Euro-Länder keineswegs kostenlos. Die wesentlichen Punkte im Überblick:
Schuldenrückkauf
Die griechische Regierung bietet den privaten Gläubigern an, eigene Staatsanleihen zu 35 Prozent des Nennwerts zurückzukaufen, obwohl sie zu 100 Prozent in den Büchern stehen. Derzeit werden die Anleihen je nach Laufzeit zu 20 bis 30 Prozent gehandelt. Theoretisch könnte die Schuldenlast so relativ günstig verringert werden, nach Bekanntgabe des Plans dürften die Preise allerdings schnell anziehen - Investoren könnte das vom Verkauf abhalten. Es ist daher unklar, wie stark die Schuldenquote sinken wird. Ebenso ist noch nicht beschlossen, woher das Geld für den Rückkauf kommen soll.
Zinserleichterungen
Die Zinsen für die Kredite aus dem ersten Griechenland-Rettungspaket sollen um einen Prozentpunkt gesenkt werden: Damals hatten die Euro-Länder bilaterale Hilfskredite vergeben. Für Deutschland übernahm dies die Staatsbank KfW, der Bund garantierte dafür. Der KfW sollen durch den Zinserlass keine Verluste entstehen. Wie viel der griechische Staat damit genau spart, ist unklar, es handelt sich aber um eine Milliardensumme. Für die Bundesregierung reduzieren sich die Einnahmen um einen dreistelligen Millionenbetrag.
Laufzeiten
Die Laufzeiten für die bilateralen Kredite des zweiten Rettungspakets sowie die Darlehen des Euro-Rettungsfonds EFSF sollen von 15 auf 30 Jahre verdoppelt werden. Die ersten zehn Jahre muss Griechenland zudem keine Zinsen zahlen. Die Zinsen für EFSF-Darlehen im Zuge des zweiten Rettungspakets sollen zehn Jahre lang gestundet werden - Athen spart so 44 Milliarden Euro.
Zentralbankgewinne
Die Notenbanken der Euro-Staaten verzichten auf Gewinne aus dem Anleihenkaufprogramm der Europäischen Zentralbank (EZB) - den griechischen Haushalt soll das um elf Milliarden Euro entlasten.