Krise in Griechenland: Der 31-Milliarden-Poker

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Das Loch in Griechenlands Staatskasse ist größer als angenommen. Athen wird die Sparvorgaben wohl nicht umsetzen können, verlangt aber die nächste Milliarden-Überweisung. Zahlen die Euro-Länder wieder - oder lassen sie die Griechen jetzt fallen?

Akropolis in Athen: Warten aufs nächste Hilfspaket Zur Großansicht
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Akropolis in Athen: Warten aufs nächste Hilfspaket

Hamburg - Die Euro-Krise ist wieder an jenen Schauplatz zurückgekehrt, an dem sie vor zweieinhalb Jahren ausgebrochen war - nach Griechenland. Als Weckruf diente am Wochenende eine Meldung des SPIEGEL: In der Athener Haushaltskasse fehlt fast doppelt so viel Geld wie bisher angenommen. Eine schmerzhafte Erinnerung daran, dass es da noch immer dieses südosteuropäische Land gibt, dessen Wirtschaftsleistung zwar gerade mal zwei Prozent der EU ausmacht. Das aber nach wie vor das destruktive Potential besitzt, um die Währungsunion zerbrechen zu lassen.

In den vergangen Wochen stand ein anderer, wirtschaftlich weitaus wichtigerer Euro-Staat im Mittelpunkt: Spanien. Um jeden Preis wollten die Krisenmanager verhindern, dass die viertgrößte Volkswirtschaft der Euro-Zone in den Todesstrudel gerät. In jenen verhängnisvollen Kreislauf aus steigenden Zinsen für spanische Staatsanleihen, die wiederum zu einem höheren Haushaltsdefizit in Madrid führen, was das Misstrauen an den Märkten befeuert - und die Zinsen noch weiter nach oben treibt.

Eine Gefahr, die zumindest für den Moment gebannt erscheint. Zwei Schritte haben die Ansteckungsgefahr für Spanien verringert:

Doch kaum ist im Südwesten Europas etwas Ruhe eingekehrt, lodert die Krise in Griechenland wieder auf. Dort naht nun der Zeitpunkt, an dem sich schmerzhafte Entscheidungen nicht mehr länger aufschieben lassen. Die Troika - die Vertreter von Internationalem Währungsfonds, EU-Kommission und Europäischer Zentralbank - müssen im Oktober, allerspätestens aber nach der US-Präsidentschaftswahl am 6. November, ihren Bericht vorlegen.

In dem dürfte mehr oder weniger diplomatisch verklausuliert etwa Folgendes stehen: Unter dem massiven Druck der Gläubiger hat die griechische Regierung unter Antonis Samaras den Haushalt zwar kräftig zusammengestrichen. Der Schuldenstand des Landes steigt aber dennoch, weil die anhaltende Rezession die Sparerfolge weitgehend zunichte macht. Die Versuche, mit Reformen das Wachstum anzukurbeln, versanden nach wie vor im Nirgendwo der hellenischen Bürokratie.

Nach diesem Troika-Bericht gibt es für die übrigen Euro-Staaten drei Möglichkeiten:

  • Sie können Griechenland mehr Zeit für seine Reformen und seine Haushaltssanierung einräumen - und die bis zum Troika-Bericht zurückgehaltene 31-Milliarden-Euro-Tranche des Hilfspakets auszahlen. Ein Weg, für den am Wochenende bereits der französische Premierminister Jean-Marc Ayrault plädierte.
  • Ergänzend dazu könnte es zu einem neuen Schuldenschnitt für Griechenland kommen, bei dem die Gläubiger abermals auf einen Teil der Forderungen verzichten müssten - was den deutschen Steuerzahler rund acht Milliarden Euro kosten dürfte.

  • Alternativ könnten die Euro-Staaten die formale Verletzung der Sparziele zum Anlass nehmen, Griechenland die 31-Milliarden-Tranche zu verweigern und das Land so in einen unkontrollierten Staatsbankrott zu stürzen - mit dem Austritt Griechenlands aus der Euro-Zone als möglicher Folge.

Die dritte Option wäre eine riskante Wette darauf, dass die frisch geschmiedete Abschreckungsallianz aus ESM und EZB stark genug ist, um eine Panik an den Märkten für europäische Staatsanleihen zu vermeiden. Im besten Fall könnte jetzt tatsächlich jener Fall eingetreten sein, den Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) bereits im Juli ausgerufen hatte. "Für mich hat ein Austritt Griechenlands längst seinen Schrecken verloren", sagte der Vizekanzler damals.

Würde Griechenland die nächste Hilfszahlung verweigert, wäre das auch eine Warnung an alle übrigen europäischen Schuldenstaaten. Denn Kritiker des Anleiheankaufprogramms der EZB fürchten ja, dass bereits die Ankündigung dieser indirekten Staatsfinanzierung mit der Notenpresse dazu führen könnte, dass die klammen Regierungen ihre Sparprogramme aufweichen.

Doch trotz aller Schutzschirme - die Risiken eines Griechenland-Bankrotts wären weiterhin gewaltig. Von den Ansteckungsgefahren für die übrige Euro-Zone mal ganz abgesehen: Zum ersten Mal in der Geschichte der EU würde einem Mitglied in Not die Solidarität versagt mit dem Argument, es habe sich selbst nicht genug geholfen, um der Hilfe würdig zu sein. Die Europäische Union wäre nach diesem Schritt eine andere.

Kaum vorstellbar, dass Bundeskanzlerin Angela Merkel diese Brutalo-Option gegen den erklärten Willen des französischen Partners durchsetzt. Und so erscheint am Wahrscheinlichsten eine Kombination aus den anderen beiden Punkten: Aufschub beim Sparprogramm, vielleicht noch ein Schuldenschnitt. Und, ganz wichtig, so lange wie möglich auf nichts festlegen. Denn jeder Hinweis, eine erneute Griechenland-Rettung sei bereits beschlossene Sache, könnte in Athen als Freibrief gewertet werden, es mit dem Sparen doch nicht so genau zu nehmen.

Entsprechend unverbindlich äußerte sich der Sprecher von Finanzminister Wolfgang Schäuble bereits am Montag: "Dass irgendeine Lücke existiert, ist hochwahrscheinlich." Es sei nicht verwunderlich, dass es durch die beiden Wahlen in den vergangenen Monaten Rückstände bei der Umsetzung von Sparmaßnahmen gebe. Über die vom SPIEGEL genannten 20 Milliarden Euro sei ihm aber nichts bekannt.

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insgesamt 328 Beiträge
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1. Bitte schnell schluss machen!
hostie64 24.09.2012
Da kann man sich nur wieder wünschen das die Troika, oder die EU oder Frau Merkel ganz schnell Schluss machen mit dem Theater. Aber dieser Wunsch ist genauso realistisch wie das Christkind oder der Osterhase. Sicher wird man wieder zahlen und selbst wenn nicht, dann gibts ja noch Super-Goldman-Sachs-Mario.
2. Mal Ehrlich
siliconsidewinder 24.09.2012
Eigentlich bleibt den Europapolitikern keine Wahl als Griechenland auszuschließen, das sie sich dieser Realität verschließen ist genau der Grund für die Glaubwürdigkeitskriese.
3. kein titel
schlummi1 24.09.2012
Zitat von sysopAPDas Loch in Griechenlands Staatskasse ist größer als angenommen. Athen wird die Sparvorgaben wohl nicht umsetzen können, verlangt aber die nächste Milliarden-Überweisung. Zahlen die Euro-Länder wieder - oder lassen sie die Griechen jetzt fallen? http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/griechenlands-defizit-hoeher-als-erwartet-hilfszahlung-gibts-trotzdem-a-857603.html
Bla bla,..Natürlich zahlt D weiter für alle euroländer, wie wir foristen ja wissen (seit 2 jahren). Alternativlos. Billionen, na und. Ob der michel den unterschied von millarden zu billionen kennt?
4. Was sind schon 31 Milliarden?
iflash 24.09.2012
Pfff, was sind schon 31 Milliarden, wenn jetzt über einen 2-Billionen Euro (nur Erinnerung: das sind 1.000.000.000.000 Euro). Das macht den Bock doch nicht fett. Zurückzahlen wird das ohnehin niemand. Die Regierungen inflationieren sich aus den Schulden, der Mittelstand verliert den größten Teil seines Vermögens (das sich dank der Inflation ebenfalls in Rauch auflöst). Kauft Gold und Silber (auch wenn es niemand mehr hören kann). Das ist die einzige Rettung.
5. "Lücke" ist bei diesem schäubleschen Turm zu Athen ....
biwak 24.09.2012
.... wohl die Untertreibung des Jahres. LÜCKE bedeutet doch wohl, eine kurze freie Stelle in einem sonst kompletten Ganzen. Hier scheint die Lücke aber eher das Ganze darzustellen. Orwell hätte eine Freude an Schäuble gehabt.
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Fläche: 131.957 km²

Bevölkerung: 11,305 Mio.

Hauptstadt: Athen

Staatsoberhaupt:
Karolos Papoulias

Regierungschef: Antonis Samaras

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