Griechenlands Generation Pleite: Kein Geld, kein Job, keine Hoffnung
Sie gehören zu den klügsten Köpfen Griechenlands und wollen Beamte werden, doch der Fast-Pleitestaat hat selbst für Top-Bewerber keine Jobs. Die Hellas-Krise wird damit zu einem Konflikt der Generationen - die Jungen fragen ihre Eltern: Warum bloß habt ihr es so weit kommen lassen?
Vermutlich ist es leichter, in Deutschland Anwalt einer Top-Wirtschaftskanzlei zu werden als in Griechenland Finanzbeamter. Das nehmen zumindest die beiden jungen Frauen an, die an diesem schwülen Sommerabend in der Athener Innenstadt Eistee trinken. Der wochenlange Protest hat tiefe Augenringe in ihre Gesichter gegraben, doch Anna Palamiotou, 27, und Irina Lazana, 27, sind nicht nur erschöpft. Sie sind vor allem sehr wütend.
Vor nunmehr drei Jahren haben sie sich für Positionen im griechischen Finanzministerium beworben - und im Gegensatz zu den Gepflogenheiten in ihrer Heimat verließen sie sich dabei nicht auf persönliche Beziehungen. Sie büffelten monatelang und stellten sich dann einer landesweiten Prüfung, die schwerer kaum hätte sein können. Von 15.000 Aspiranten bestanden gerade einmal 545 das Auswahlverfahren - Palamiotou und Lazana gehörten dazu.
Einen Job bekamen sie trotzdem nicht.
Jahrzehntelang haben in Griechenland Konservative und Sozialisten die Verwaltung aufgebläht wie einen riesigen Luftballon. Wählerstimmen gegen Beamtenstellen - so lief das Spiel. Pro Einwohner leistete sich das Land zuletzt fünfmal mehr öffentlich Bedienstete als etwa Großbritannien. Der Apparat verschlang mehrere Dutzend Milliarden Euro im Jahr - Geld, das der Staat nie hatte.
Deshalb lieh sich die Regierung an den internationalen Finanzmärkten frisches Kapital und brachte es ebenso munter wie großzügig unter die Leute. Die Einführung des Euro erleichterte das Schuldenmachen sogar noch, denn mit dem Beitritt zur Gemeinschaftswährung sanken die Zinsen, die Griechenland bezahlen musste, auf ein früher nie für möglich gehaltenes Niveau. Doch dann platzte die Blase, und Griechenland muss seitdem in einem Ausmaß sparen, das selbst fiskalpolitischen Hardlinern Sorgen bereitet.
Weniger staatliche Leistungen, höhere Steuern
78 Milliarden Euro sollen die elf Millionen Griechen in vier Jahren zusammenkratzen. Weniger staatliche Leistungen, höhere Steuern - so lautet die Devise. Und das bedeutet nicht nur, dass die Beamten fast die Hälfte ihres Einkommens verlieren, sondern auch, dass ihre Gesamtzahl deutlich sinken wird. Bis 2015 will die Regierung rund 150.000 Staatsdiener pensionieren - und nur noch jeden zehnten Abgang durch einen neuen Kollegen ersetzen.
Die Griechen aber, die am heftigsten unter der Krise zu leiden haben, sind ausgerechnet diejenigen, die für das kranke System nicht verantwortlich sind. Anna Palamiotou und Irina Lazana gehören zu der Generation junger Griechen, die betrogen um ihre Zukunft auf die Barrikaden geht. Im Gegensatz zu ihren Eltern und Großeltern sind sie hineingeboren in einen Wohlstand, der in dem Moment erodiert, in dem sie ihr eigenes Leben beginnen wollen: 40 Prozent von ihnen haben keinen Job.
Gerade der Staat ist zu einem unbarmherzigen Arbeitgeber geworden: Er hält Palamiotou und Lazana hin, vertröstet sie, macht ihnen Hoffnungen und enttäuscht sie wieder. Eigentlich hätten sie im Juni 2010 ihre ersten Stellen als Steuerbeamtinnen antreten sollen, doch daraus wurde nichts. Dann hieß es, im ersten Halbjahr 2011 sei es so weit. Das aber ist nun auch vorüber, und die beiden sind noch immer arbeitslos. Neueste Ansage: Bis 2013 klappt es. Angeblich.
"Unsere Eltern haben auf unsere Kosten gelebt"
Wie viele junge Griechen wünschen sich die beiden Akademikerinnen vor allem zwei Dinge, ohne eine Vorstellung davon zu haben, wie diese Träume Wirklichkeit werden könnten: Erstens verlangen sie einen generellen Neuanfang ihres Landes mit integren Eliten. Zweitens einen Beruf, ihren Beruf. "Wir können jetzt nicht aufgeben. Diese Prüfung bestanden zu haben, ist wie ein Sechser im Lotto. Das kann man nicht einfach wegwerfen", sagt Palamiotou.
Ohnehin ist es kaum möglich, Alternativen zu finden. Selbst wenn es ihnen tatsächlich gelänge, einen anderen Job aufzutun, würde sie am Ende doch niemand einstellen, erzählen sie. Ihre Namen sind im Internet veröffentlicht worden, und kaum jemand holt sich angehende Finanzbeamtinnen ins Haus. "Wir sitzen in der Falle", so Anna Palamiotou. Einen Ausweg sehen sie nicht.
Häufig sprechen sie nun mit ihren Eltern über die Lage und machen ihnen Vorwürfe. "Sie haben eine Staatsschuld entstehen lassen, die uns erdrückt", sagt Irina Lazana. "Wenn man so will, haben sie viele Jahre lang auf unsere Kosten gelebt."
Wie sollen immer weniger Junge immer mehr Ältere finanzieren?
Die Krise hat aktuell Griechenland getroffen, das grundsätzliche Problem stellt sich aber in allen europäischen Ländern angesichts des demografischen Wandels: Wie können immer weniger Junge immer mehr Ältere finanzieren - und gleichzeitig die immensen Verbindlichkeiten abtragen, die ihnen hinterlassen wurden?
Diese Frage zu beantworten, weigern sich die übrigen Gesellschaften noch beharrlich. Insofern ist Griechenland auch ein Präzedenzfall für eine unheilvolle Entwicklung, die den Großteil des Kontinents betreffen könnte.
Die meisten jungen Griechen suchen ihr Heil nun in der Flucht. In einer Umfrage gaben 70 Prozent von ihnen an, ins Ausland ziehen zu wollen. Ihrer Heimat hilft dieser Verlust von Wissen und Qualifikation natürlich nicht.
Anna Palamiotou und Irina Lazana wollen in Athen bleiben, erst einmal. Für sie ist eine Stelle im Staatsdienst trotz der Gehaltskürzungen und trotz der Art und Weise, wie mit ihnen umgegangen wird, noch immer ein Traumjob. Und sie seien doch so dicht dran. Da könne man nicht weggehen, aufgeben, diese große Chance verstreichen lassen. Doch das Warten und die Ungewissheit setzen ihnen zu.
"Wir haben doch alles richtig gemacht", sagt Palamiotou, "aber plötzlich ist es, als ob alles falsch war."
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- Freitag, 01.07.2011 – 16:08 Uhr
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Fläche: 131.957 km²
Bevölkerung: 11,305 Mio.
Hauptstadt: Athen
Staatsoberhaupt:
Karolos Papoulias
Regierungschef: Antonis Samaras
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