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Finanzkrise in Griechenland: Die verratene Mittelschicht

Von Fragkiska Megaloudi, Heraklion

Sie zählen zu den Leidtragenden der hellenischen Krise: Für die Mittelschicht Griechenlands gleicht das Leben einem permanenten Existenzkampf. Die Wut richtet sich auf Europa - und auf die heimischen Eliten, die aus dem Niedergang nichts zu lernen scheinen.

Griechenland: Der tägliche Kampf gegen den Abstieg Fotos
Stylianos Papardelas

Für Politik hat Giorgos Koutsogiannis keine Zeit mehr. Er ist zu beschäftigt damit, das Familiengeschäft zu retten. Sein Haushaltswarenladen liegt an einer der ältesten Straßen von Heraklion, der Hauptstadt von Kreta. Der 43-Jährige muss darum kämpfen, dass der von seinem verstorbenen Vater übernommene Laden nicht pleitegeht.

"Die wirklichen Probleme begannen 2010", erzählt Koutsogiannis, damals sei der Umsatz um 90 Prozent eingebrochen. In einem guten Monat bringt der Laden nun noch 500 Euro, dabei hat Koutsogiannis monatliche Fixkosten von 1300 Euro. "Ich kann mir meinen Krankenkassenbeitrag nicht mehr leisten. Also zahle ich einfach nicht mehr." Mit seiner Frau und den drei Kindern ist er wieder bei der Mutter eingezogen, sie sparen an allen Ecken und Enden. "Trotzdem bin ich nicht imstande, meinen Kindern eine so einfache Sache wie ein Eis zu kaufen." Er fühle sich, sagt Koutsogiannis, "als wäre mir mein Leben durch die Finger geglitten".

Fünf Jahre der Rezession haben Griechenlands Mittelschicht ausgezehrt. Seit 2009 ist das Haushaltseinkommen um fast 30 Prozent gesunken, die Arbeitslosenquote liegt bei 27 Prozent. Wer ist schuld? Koutsogiannis überlegt nicht lange. "Griechenlands inkompetente Politiker natürlich, aber vor allem Europa." Sein Land müsse überlegen, ob es noch Teil der EU sein wolle, die so viel Not gebracht habe. Nötig sei ein völliger Neuanfang. "Ohne jene, die uns hierher gebracht haben."

Doch wer war das? Zweifellos sind normale Griechen wie Koutsogiannis heute Opfer der Krise. Aber waren sie nicht auch Teil des Systems? Das zumindest legte Ex-Vizepremier Theodoros Pangalos mit den Worten nahe, alle Griechen hätten "ein Stück vom Kuchen gegessen". Doch möglich wurde die Krise erst durch Politiker, Medienmogule, die Wirtschaftselite und verwöhnte Gewerkschaften des öffentlichen Diensts. Sie waren Teil eines geschlossenen Systems, zu dem viele Griechen keinen Zugang hatten.

Die Anfänge

Wer Griechenlands Krise verstehen will, muss in die siebziger Jahre zurückgehen. Das Ende der Militärherrschaft im Juli 1974 markiert das wichtigste Datum in der jüngeren Geschichte des Landes. Damals bildeten sich neue politische Eliten, die schnell ihre Wählerbasis festigen mussten. Die Schlüssel dazu waren Klientelpolitik und Populismus.

Die erste gewählte Regierung des Konservativen Konstantinos Karamanlis verstaatlichte Banken, Verkehrsunternehmen und Werften. Das Ergebnis war ein öffentlicher Sektor, in dem viele Parteisympathisanten Platz fanden. Karamanlis' sozialistischer Nachfolger Andreas Papandreou setzte die Klientelpolitik fort und versprach zudem umfassende Sozialreformen.

"Die wirtschaftlichen Eliten des Landes haben ein ineffizientes System befeuert", sagt der Soziologieprofessor Eustathios Tsotsoros. Die Griechen wurden wohlhabender, doch nicht wegen wachsender Produktivität. "Die griechische Mittelschicht wurde von Politikern geformt, die Wettbewerb behinderten." Unterstützt worden sei die Politik dabei von einer Wirtschaftselite, die im Gegenzug staatliche Aufträge erhielt. Bei den Normalbürgern profitieren längst nicht alle. Privilegiert wurden Gruppen wie die sogenannten geschlossenen Berufe: Notare, Apotheker oder Fernfahrer.

All dies geschah lange vor der Euro-Einführung, dem vermeintlichen Sündenfall. Als die Gemeinschaftswährung dann kam, sanken die Zinsen, öffentliche und private Verschuldung schossen in die Höhe. Der Euro brachte die Illusion des Wohlstands, doch unter den starken Wachstumsraten steckte noch immer die ineffiziente Politik der siebziger Jahre.

Dennoch wurde Griechenlands Wachstum lange positiv gesehen. "Griechenlands wirtschaftliche Aussichten sehen gut aus", schrieb die britische "Times" noch 2007. Ökonomen und Analysten seien "überwiegend optimistisch, dass Griechenland seine starken Wachstumsraten beibehalten kann". Erst Ende der Nullerjahre begann die Kritik am vermeintlich verschwenderischen Lebensstil der Griechen.

Die Gegenwart

"Was mich heute rasend macht: Ich war kein Teil von all dem", sagt Stefania M., eine 40-jährige Lehrerin aus Athen. "Ich hatte keine Schulden, keine Kredite, keinen Luxuslebensstil, habe nie Steuern hinterzogen oder politische Gefälligkeiten gesucht. Aber heute zahle ich einen hohen Preis für die Fehler von anderen."

Der alleinerziehenden Mutter eines 15-Jährigen wurde das Gehalt um 20 Prozent gekürzt, auch sie ist zurück zu ihren Eltern gezogen. Und die Zukunft sieht düster aus. Unter dem Druck der internationalen Geldgeber sollen 25.000 öffentliche Angestellte entlassen werden, viele von ihnen sind Lehrer.

Die Langzeitfolgen der Einschnitte sind nur zu erahnen, etwa anhand dieser Zahlen: Rund 65 Prozent der Beiträge zur Sozialversicherung werden inzwischen nicht mehr gezahlt - weil Bürger wie der Ladenbesitzer Koutsogiannis sich diese nicht mehr leisten können. Allein bei der größten Sozialversicherung des Landes entstand so im vergangenen Jahr ein Loch von acht Milliarden Euro.

Das gesellschaftliche Gefüge bekommt dauerhafte Risse - auch weil die Eliten aus Politik und Wirtschaft kaum von der Krise betroffen zu sein scheinen. Zuletzt sorgte die Lagarde-Liste für Aufsehen, auf der rund 2000 Griechen mit Schweizer Konten aufgeführt sind. Obwohl zahlreiche Politiker offenbar halfen, die Liste geheim zu halten, musste nur Ex-Finanzminister Giorgos Papakonstantinou vor Gericht. Wenig überraschend, denn griechische Regierungsmitglieder sind auch nach Ende ihrer Amtszeit weitgehend vor Strafverfolgung geschützt.

Viele Politiker scheinen einfach so weiterzumachen wie bisher. So stellte Regierungssprecher und Ex-Fernsehjournalist Simos Kedikoglou im März vergangenen Jahres seine deutlich jüngere Freundin in seinem Büro an und entließ sie erst auf öffentlichen Druck. Derselbe Kedikoglou verkündete im Juni 2013 überraschend die Schließung des staatlichen Rundfunks - und begründete diese tatsächlich mit dem Kampf gegen Korruption und Misswirtschaft.

Die Zukunft

Noch ein Geschäft in Heraklion, diesmal von Petros Panagiotidis. Früher unterrichtete der 32-Jährige Mathematik, heute betreibt er einen Comic-Laden mit Internetcafé. Er hat ihn 2009 mit einem Kredit seiner Eltern gegründet, denn ein von der Regierung versprochenes Programm für junge Unternehmer lässt bis heute auf sich warten. "Es mag eine seltsame Zeit für eine Geschäftsgründung sein", sagt er. Aber in Krisenzeiten müsse man "anders denken, innovativ sein, sich aus der Deckung wagen".

Panagiotidis hätte all dies nicht tun müssen. "Meine Eltern wollten, dass ich in einer Bank arbeite - ein Job, den ich durch familiäre Kontakte leicht bekommen hätte. Aber das wollte ich nicht." Seine Entscheidung sei noch vor wenigen Jahren sehr ungewöhnlich gewesen. "Mit Geld hat man sich damals meist ein neues Auto gekauft. Jeder träumte von einem schicken Auto und einem Job im öffentlichen Sektor. Aber das ist nicht mehr so. Die Denkweise in Griechenland beginnt, sich zu ändern."

Wie viele junge Griechen glaubt Panagiotidis, dass die Krise eigentlich ein europäisches Problem ist. Dennoch setzt er auf Veränderungen in seiner Heimat. "Unsere Eltern haben uns Vetternwirtschaft, staatliche Patronage und Klientelismus hinterlassen. Das ist das Gesicht des konservativen Griechenlands, das keinerlei Veränderungen wünscht." Ein Land sei das, das 40 Jahre lang von nur zwei Familien regiert wurde. "Und dieselben Leute verhandeln jetzt über unsere Rettung."

Übersetzung aus dem Englischen und Mitarbeit: David Böcking

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1. Finanzkrise in Griechenland
spon-facebook-10000009156 26.10.2013
Das Bild der angeblich bankrotten Regierungen vieler Länder Europas täuscht. Betroffen sind dabei eben nur die Regierungen – aber nicht die Bürger. Die schwimmen geradezu im Geld. Auch und gerade in Deutschland! Jeder 80. Deutsche ist ein Millionär!! Banken, Unternehmen und Anleger haben momentan ein Luxusproblem: Sie wissen nicht, wohin mit ihrem Geld! Alle Welt zittert vor den hoch verschuldeten Peripheriestaaten wie Italien, Spanien oder Griechenland. Doch die hohe Verschuldung ist nur die eine Seite der Medaille. Was praktisch alle übersehen: Die Bürger dieser Staaten haben oftmals die höchsten privaten Nettogeldvermögen. Wie kann das sein? Nun, diese Entwicklung ist schlichtweg eine Folge der "Brot und Spiele"-Politik dieser Staaten: Um ihre Staatsausgaben wieder ins Lot zu bekommen, haben Länder wie Italien oder Griechenland nicht etwa die Steuern für die Reichen erhöht. Stattdessen haben sie billige Euro-Schulden gemacht, um die weniger Wohlhabenden ruhigzustellen. Das Vermögen wurde also nicht „wegbesteuert“. Leider ging diese Spekulation nicht auf. Umso schlimmer sind die Folgen – denn die Reichen verlassen scharenweise das Land. Oder bringen zumindest ihr Geld ins Ausland.
2.
alterkaufmann 26.10.2013
Zitat von sysopStylianos PapardelasSie zählen zu den Leidtragenden der hellenischen Krise: Für die Mittelschicht Griechenlands gleicht das Leben einem permanenten Existenzkampf. Die Wut richtet sich auf Europa - und auf die heimischen Eliten, die aus dem Niedergang nichts zu lernen scheinen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/griechenlands-mittelschicht-kaempft-gegen-die-krise-a-923882.html
Der Mittelstand ist doch überall die (leid)tragende Schicht. Die ackern und ackern, sehen nur nach unten und merken garnicht, wer sie (die Mitglieder des Mittelstandes) abzockt. Es wird Zeit, dass diese auch mal auf die Straße gehen. Dann arbeiten sie nicht und die Empfänger zahlen dafür.
3. Wenn die Griechen anfangen zu begreifen
thanyarat 26.10.2013
das nicht Europa an ihrer schlechten Wirtschaftslage Schuld ist, sondern das sich die Griechen das ganz alleine eingebrockt haben, besteht die Chance auch eine nachhaltige Besserung.
4. Die Bevölkerungen nicht nur Griechenlands...
joG 26.10.2013
....sind von der Immer Tieferes Europa Populisten mit ihrem Euro massiv getäuscht und geschädigt worden. Oder woher sonst, kam die lange Stagnation in Deutschland nach dem zu teuren Eintritt in den Euro? Auch jetzt gehen den deutschen Sparern Hunderte Milliarden verloren wegen geringer Zinsen während Immobilienpreise eine Blase vorbereiten. Warum? Weil die Zinsen für die gut laufende deutsche Wirtschaft zu gering sind. Das müssen sie aber sein, weil sie selbst beim sehr geringen Niveau für die PIIGS zu hoch sind.
5. aber vor allem Europa
frank1980 26.10.2013
So schnell und einfach ist die Antwort die sich Griechische Politiker wünschen.
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Fläche: 131.957 km²

Bevölkerung: 10,858 Mio.

Hauptstadt: Athen

Staatsoberhaupt:
Prokopis Pavlopoulos

Regierungschef: Alexis Tsipras

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