Griechische Strafsteuer Weg mit der Tüte

Die Griechen sind Europameister im Verbrauch von Plastiktüten. Sie vermüllen Städte, Strände, das Meer. Seit dem 1. Januar soll eine neue Steuer den Konsum eindämmen - und scheint bereits zu wirken.

Giorgos Christides

Von , Thessaloniki


Plastiktüten sind allgegenwärtig in Griechenland. Sie lassen die Mülleimer auf den Straßen ebenso überquellen wie die Schubladen der Verbraucher. Sie verdrecken die Bürgersteige und die Sandstrände. 363 Plastiktüten verbraucht ein durchschnittlicher Grieche im Jahr - mehr als irgendein anderer EU-Bürger.

Allzu oft landen die Tüten auch im Meer. Bei einer Untersuchung der Patras-Universität wurden im Saronischen Golf nahe Athen 3428 Müllstücke pro Quadratkilometer gefunden, fast alle aus Plastik. Die Folgen sind gefährlich, auch für den Menschen

Die Plastikmüllschwemme ist riskant: Das Meer zerreibt den Müll zu kleinen Stückchen, Fische verschlucken diese, und die Verbraucher essen schließlich die plastikverseuchten Fische. Die Meeresschutzorganisation Archipelagos hat kürzlich tausend Fische an 167 griechischen Stränden untersucht und in jedem einzelnen Spuren von Plastikmüll gefunden.

"Wir haben das Meer, von dem wir ökonomisch so stark abhängen, in eine Müllkippe verwandelt", sagt Archipelagos-Chef Thodoris Tsimpidis.

Die Griechen sind spät dran

Die griechische Regierung ist nun aktiv geworden - mit einer neuen Steuer auf Plastiktüten. Seit dem 1. Januar zahlen Verbraucher vier Cent pro Tüte, bis 2019 soll die Abgabe auf neun Cent steigen. Die Recycling-Agentur des griechischen Umweltministeriums bezeichnet den Kampf gegen den Plastikmüll gar zur nationalen Überlebensfrage. So groß sei die Gefahr für Umwelt, Gesundheit - und Griechenlands Wirtschaftssektor Nummer eins: den Tourismus.

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Griechische Strafsteuer auf Plastiktüten: Griechenland gibt Stoff

Doch Griechenland nimmt diesen Kampf erst spät auf. In Dänemark etwa gibt es schon seit 2003 eine sehr erfolgreiche Strafsteuer für Plastiktüten: Der Durchschnittsdäne kauft heute gerade noch vier Tüten pro Jahr. Ganz freiwillig hat die Regierung von Alexis Tsipras ohnehin nicht gehandelt. Sie setzt vielmehr eine entsprechende EU-Direktive aus dem Jahr 2015 um. Im Jahr 2025 soll jeder EU-Bürger demnach im Schnitt nur noch 40 Plastiktüten pro Jahr verbrauchen.

In Griechenland sollen die Einnahmen aus der neuen Steuer komplett an die Recycling-Agentur gehen. Diese soll mit dem Geld nachhaltiges Konsumverhalten fördern. Denn bislang ist das Umweltbewusstsein der Griechen ebenso gering wie das ihrer Regierung. Nur rund 15 Prozent des Haushaltsmülls werden recycelt. Griechenland ist schon mehrfach von EU-Gerichten für schlechtes Abfallmanagement bestraft worden.

Spürbare Veränderungen schon am ersten Tag

Kritikern geht auch die neue Plastiksteuer nicht weit genug. Sie verweisen auf Schlupflöcher - so dürfen kleine Kioske noch immer umsonst Plastiktüten herausgeben. Zudem sei eine Abgabe von vier Cent viel zu niedrig. Irland zum Beispiel erhebt eine Steuer in Höhe von 22 Cent. Umweltschützer monieren auch, dass die Regierung nichts gegen andere Arten von Plastikmüll unternehme, zum Beispiel gegen die rund eine Milliarde Plastikflaschen, die in dem Land jedes Jahr weggeworfen werden.

Offenbar wollte die Regierung ihren Bürgern nicht zu viel zumuten. Immerhin ist das Land nach knapp einem Jahrzehnt immer neuer Sparrunden und Steuererhöhungen ökonomisch tief erschöpft.

Und tatsächlich scheint auch schon die vergleichsweise niedrige Steuer zu wirken. Am Mittwoch, dem ersten Tag des Jahres, an dem die Supermärkte geöffnet hatten, haben viele Kunden bereits ihre eigenen Tüten zum Einkaufen mitgebracht. Und die, die von der neuen Steuer nichts mitbekommen haben, kaufen auffällig oft wiederverwendbare Taschen.

Auch die Ladenbesitzer scheinen zufrieden. Die Steuer sei ein Segen, sagt der Besitzer der kleinen Bäckerei Miltos in Thessaloniki: "Der Plastiktütenkonsum war völlig außer Kontrolle geraten". Manche seiner Kunden hätten ein einziges Brötchen gekauft und dafür eine Plastiktüte verlangt. Rund 12.000 Euro pro Jahr habe er zuletzt für Plastiktüten ausgeben müssen.

Manche seiner Kunden waren freilich weniger erfreut, wollen nun aber notgedrungen ihr Verhalten ändern. Giorgos Zigouris, ein 92-jähriger Rentner etwa, zahlt am Mittwoch widerwillig die vier Cent extra für eine Plastiktüte. Von der Steuer hatte er bis dahin nichts gehört. Das nächste Mal werde er eine Stofftasche mitbringen, sagt er. "Ich bekomme 360 Euro Rente pro Monat. Da zählt jeder Cent."

Übersetzung aus dem Englischen: Stefan Schultz

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insgesamt 41 Beiträge
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brux 05.01.2018
1. Erstaunlich
Na ja. Erstens brauchen die Griechen wieder einmal Hilfe von der EU. Von selbst hätten sie das nicht gemacht. Zweitens scheint immer noch wenig normaler Verstand vorhanden zu sein. Dass man vielleicht einfach aus eigenem Antrieb eine normale Einkaufstasche mitbringt, kommt nur wenigen in den Sinn. Drittens ist das griechische Hauptproblem mit Müll im Meer weiterhin die riesige Menge an Zigarettenfiltern. Auch hier wird einfach alles in die Landschaft geworfen. Irgendwie nicht wirklich Europa, eher 3. Welt.
philos-arnhem 05.01.2018
2.
Naja, man braucht hier doch nur mal an eine Autobahnauffahrt zu gehen in deren Umgebung ein Drive Inn ist und dann mal die Müllberge anschauen die dort liegen. Oder an einen durchschnittlichen Dönerladen zu gehen. Da bekommt man, wenn man sich nicht direkt dagegen wert für einen Döner und ein Getränk zum mitnehmen auch gleich zwei Tüten in die Hand gedrückt. Und Kippen fliegen hier auch regelmäßig auf die Straße. Also wir müssen da nicht mit dem Finger auf andere zeigen, hier gibt es auch noch genug Dummheit und genug Aufklärungsarbeit zu tun. Nicht nur bei Thema Müll sondern auch beim Thema Energie, in dem wir immer auf andere zeigen und letztendlich aus Dünkeldenken keinen Schritt weiterkommen. Wir haben mit die dreckigsten Kohlekraftwerke und verschandeln riesige Flächen um Braunkohle abzubauen obwohl wir davon kaum noch abhängig sind. Im Gegenteil, wir müssen den Strom ins Ausland verkaufen...
oelli 05.01.2018
3. Gerade zurück aus Saloniki
Man kommt aus dem Kopfschütteln nicht heraus, wenn man sieht - wie eine 6-köpfige Familie mit Kleinkindern eine 6-spurige Straße vor den heranbrausenden Autos überquert, - wie weder Autofahrer noch Fußgänger sich um rote Ampeln scheren - wie der Wirt im Restaurant den Aschenbecher neben das Rauchverbotschild stellt und den Zigarrenraucher gewähren lässt - wie die Kassierein mit beiden Händen die Plastiktüten aus der großen Kiste an die Kunden reicht - wie sie üngläubig auf unsere mitgebrachte Stofftasche schaut - wie Zebrastreifen und Bürgersteige als Parkplätze dienen und letztere zugleich als Fahrbahn für Mopeds und Motorroller.
Das schwarze Schaf 05.01.2018
4. Wird ja langsam mal Zeit
Ich bin immer noch erschüttert, dass es in den Südländern kein Umweltbewusstsein gibt. Die Griechen sind dabei keine Ausnahme. Man kann sagen, dass es in fast allen Ländern westlich des Rheins und südlich der Alpen der Umweltschutz keine Rolle spielt. An den Müll in den Städten ist man ja mittlerweile gewöhnt, aber auch außerhalb von Ortschaften, kilometerweit entfernt trifft man immer wieder auf wilde Müllkippen. Ich habe bis heute nicht verstanden warum in diesen Ländern nicht schon viel früher eine Abgabe auf Plastiktüten eingeführt wurde. Gerade dort werden so wunderschöne Körbe geflochten. Die Leute dort könnten gleichzeitig die Umwelt schonen und etwas für das Heimische Handwerk tun. Deswegen die Abgabe ruhig auf 1€ erhöhen, dann profitieren auch die Korbflechter.
thomaswinterfeldt 05.01.2018
5. Minimale Anreize genügen
Kaum jemandem tun 4 Cent pro Tüte wirklich weh. Aber ich bin sicher, so wie in Deutschland schon geringfügigste Aufpreise für Plastiktüten die Praxis geändert haben, wird es auch in Griechenland funktionieren. In Deutschland müssten endlich die Einweg-Getränkeverpackungen weg! Die Einführung des Dosenpfands vor genau 15 Jahren hat doch nicht viel gebracht. Wenn man an der Kasse aber 25 Cent bezahlen müsste, und am Automaten nur 20 Cent wiederbekäme, wäre der Effekt gewaltig. Ein einfaches Verbot täte es aber auch. Es gibt genug leichte Mehrwegplastikflaschen für unterwegs!
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