Griechische Auswanderer: Kellys Traum von Amsterdam
Sie sind so gut ausgebildet wie keine Generation vor ihnen - trotzdem sehen viele junge Griechen in der Krise nur noch eine Chance: auswandern. Manche gehen dabei den Weg, den schon ihre Eltern beschritten.
Zum Interview in einem Athener Café hat Kelly Sitouni ihre Bewerbungsmappe mitgebracht. Diese drücke sie zurzeit jedem in die Hand, sagt sie etwas verlegen. Der Lebenslauf ist schon ins Englische übersetzt, aber Kelly feilt noch daran. Sie braucht jetzt Formulierungen, die ausländischen Personalchefs gefallen könnten. "Natürlich bin traurig über den Zustand meines Vaterlandes", sagt sie. "Aber ich muss gucken, wie ich weiterkomme."
Im krisengeschüttelten Griechenland, da ist die 28-Jährige inzwischen fast sicher, kommt sie nicht weiter. Pro Tag verschickt die studierte Ökonomin bis zu 50 Bewerbungen, führt zusätzlich fünf bis sechs Vorstellungsgespräche. Doch alles scheint vergebens. Deshalb will Kelly ins Ausland gehen - wie immer mehr junge Griechen.
Vorbilder haben sie genügend, ihre Heimat ist schon lange ein Auswandererland. Auch Kelly hat einen Taufpaten, der einst nach Deutschland ging und erst als Rentner zurückkehrte. Damals sei es um Fabrikjobs gegangen, sagt sie. "Ich glaube jetzt kommt eine zweite Auswandererwelle, mit anderen Merkmalen."
Tatsächlich zieht es in der Krise gerade Akademiker wie Kelly in die Ferne. Laut einer Umfrage wollen mehr als zwei Drittel von ihnen das Land verlassen. Wer die wütenden Proteste junger Griechen verstehen will, findet Antworten im Schicksal dieser Auswanderungswilligen.
Vor der Krise verhieß ein Studium in Griechenland zumindest einen passablen Job. Kelly etwa hat vier Jahre bei einer großen US-Autovermietung als Finanzanalystin gearbeitet. Die Bedingungen seien nicht schlecht gewesen, sagt sie. "Nur ein Teil der Überstunden wurde nicht bezahlt." Am Ende verdiente sie knapp 1000 Euro netto. "Das reicht, wenn man wie ich bei den Eltern wohnt."
Doch Kelly träumte von der eigenen Wohnung.
Sie kündigte und setzte auf den lange Zeit attraktivsten griechischen Arbeitgeber: den Staat. Kelly wollte die Nationale Schule für Verwaltung besuchen - eine Ausbildungsstätte für die gehobene Beamtenlaufbahn.
Zur Vorbereitung der Aufnahmeprüfung gibt es spezielle Kurse, sie kosten bis zu 2500 Euro. Kelly zahlte, sie musste quasi die gesamt griechische Verfassung auswendig lernen, für Arbeit nebenher blieb keine Zeit. Im Juni 2010 war die Aufnahmeprüfung angesetzt, der genaue Termin sollte - wie jedes Jahr - per Rundschreiben bekannt gegeben werden. Doch das Schreiben kam nicht.
"Keiner hat das erklärt", sagt Kelly. Die Erklärung lag auf der Hand: Kurz vor der geplanten Aufnahmeprüfung hatte die griechische Regierung einen dreijährigen Einstellungsstopp für Beamte verhängt. Als Bestandteil des ersten Sparprogramms. Kelly wurde zu einem der ersten Opfer der Reformen.
Jetzt studiert sie eifrig ausländische Stellenanzeigen, besonders solche aus den Niederlanden: Eine Freundin von ihr hat seit einem halben Jahr einen Job bei der Großbank ING in Amsterdam. Sehr zufrieden sei sie, auch mit dem Gehalt. "Überhaupt kein Vergleich mit den Zuständen in Griechenland."
Zurück nach Wuppertal?
Bei aller Hoffnung: Für Kelly wäre ein Job im Ausland ein Schritt ins Unbekannte. Für Dimitra Ouzouni dagegen könnte er eine Heimkehr sein. Sie würde den Weg beschreiten, den einst ihre Eltern gingen.
Auch Ouzouni hat Wirtschaftswissenschaften studiert. Doch sie kam erst für dieses Studium nach Griechenland. Aufgewachsen ist sie in Wuppertal, wo ihre Eltern zwei Änderungsschneidereien betrieben. Nun denkt Ouzouni über eine Rückkehr nach Deutschland nach. "Natürlich überlegen wir das", sagt die 33-Jährige, "und nicht nur wir. Freunde von uns gehen nach Schweden. Viele junge Leute gehen weg."
Ouzouni sagt diese Sätze auf einem großen Balkon mit schönem Blick auf Athen. Mit ihrem Mann und ihrer sechsmonatigen Tochter Niovi wohnt sie in Galatsi, einem nördlichen Vorort von Athen. Die Wohnung ist behaglich eingerichtet, im Wohnzimmer steht ein altes Grammophon, auf dem Balkon ein Hometrainer.
Doch für Ouzouni wird diese Wohnung langsam zum Gefängnis. "Seit Monaten fahre ich nicht mehr ins Zentrum", erzählt sie. Die Athener Innenstadt erscheine ihr unsicher, auch wegen der zum Teil gewalttätigen Proteste. Vielen Bekannten gehe es ähnlich, deshalb müssten im Zentrum wohl so viele Geschäfte schließen.
Neben Sicherheitsbedenken plagen Ouzouni Geldsorgen. Sie arbeitet als Deutschlehrerin, der Stundenlohn von zehn Euro ist nicht üppig. Doch seit gut zwei Jahren findet sie kaum neue Schüler. "Die Leute haben Angst Geld auszugeben - auch Leute, die Geld haben."
Nicht allein die Hoffnung auf höhere Einkommen lockt die beiden Griechinnen ins Ausland. Es ist auch das Gefühl, dass der heimische Arbeitsmarkt nicht fair ist.
"Ich werde gefragt, wieviel mein Vater verdient"
"Die waren sehr objektiv im Vorstellungsgespräch", berichtet Kelly Sitouni von den Erfahrungen ihrer Freundin in Amsterdam. "Es gab auch holländische Bewerber, aber die haben sie genommen." Ihre Vorstellungsgespräche in Griechenland verlaufen anders. "Ich werde gefragt, wieviel mein Vater verdient, ob ich noch bei meinen Eltern wohne, wieviel Geld ich brauche. Und das finde ich nicht so passend."
Die Deutschlehrerin Ouzouni hat ähnliche Erfahrungen gemacht. Sie wurde im Vorstellungsgespräch gefragt, wann sie vorhabe, Mutter zu werden. Nun, da sie tatsächlich eine Tochter hat, und ihr Mann als Steuerberater immer härter arbeiten muss, würde ihr ein Job beim Staat Sicherheit bieten. Ouzouni hätte nach dem Studium einen ergattern können, sie hatte Bekannte an den richtigen Stellen. Doch sie verzichtete - weil ihr solch offene Vetternwirtschaft aus Deutschland fremd war. "Ich fand das ein bisschen doof."
Kelly Sitouni, die eigentlich für den Staat arbeiten wollte und Dimitra Ouzouni, die bewusst auf Beamten-Privilegien verzichtete - die beiden jungen Frauen sind eigentlich Teil einer Erfolgsgeschichte. In den vergangenen 30 Jahren hat sich die Zahl griechischer Akademiker laut OECD von 15 auf 28 Prozent nahezu verdoppelt. Der Anteil von Griechen mit einem höheren Schulabschluss ist in diesen Zeitraum sogar so stark gestiegen wie in wenigen anderen OECD-Ländern. In der Krise aber wird das gestiegene Bildungsniveau eher zur Last.
"Alle unsere Freunde machen eine Doktorarbeit", erzählt Dimitra Ouzouni, auch ihr Mann promoviert. Doch die Unternehmen wollten junge und belastbare Mitarbeiter, mit 30 sei man fast schon zu alt. Und für viele Qualifikationen gebe es ohnehin keinen Bedarf. "Die griechische Wirtschaft kann nicht so viele Leute mit so vielen Abschlüssen bezahlen."
Dennoch werden die Ansprüche immer höher. Selbst für Sekretärinnenjobs werde mittlerweile ein Aufbaustudium verlangt, klagt Kelly Sitouni. "Dabei geht es gar nicht um die Art des Studiums. Die Firmen wissen einfach genau, wenn sie es fordern, finden sie es auch."
Sitouni will sich jetzt möglich schnell in den Niederlanden bewerben, denn auch dort würden derzeit die Ansprüche an Bewerber erhöht. Ihre eigene Ansprüche sind bescheiden: Genug Geld für Miete und Essen, wenn möglich noch etwas zum Sparen - dafür würde Kelly Sitouni sofort auswandern. Auch nach Deutschland. Bevor sie sich verabschiedet, überreicht Kelly noch schnell ihre Bewerbungsmappe - für alle Fälle.
Mitarbeit: Ferry Batzoglou
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Fläche: 131.957 km²
Bevölkerung: 11,305 Mio.
Hauptstadt: Athen
Staatsoberhaupt:
Karolos Papoulias
Regierungschef: Antonis Samaras
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