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Eurokrise in Griechenland: "Es ist Zeit, dass die Deutschen sich revanchieren"

Von , Thessaloniki

Militärzeremonie an der Akropolis (Archiv): Atempause für Griechenland? Zur Großansicht
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Militärzeremonie an der Akropolis (Archiv): Atempause für Griechenland?

Das Linksbündnis Syriza will Griechenlands Schuldenlast neu verhandeln - und hat originelle Ideen. Eine Vereinbarung über Deutschlands Schulden aus dem Jahr 1953 soll als Vorbild dienen.

Syrizas Chefökonom John Milios ist Wirtschaftsprofessor, er kennt sich in der Wirtschaftsgeschichte aus, und er hat einen guten Rat für die Deutschen: Sie sollten sich ihrer eigenen Nachkriegsgeschichte erinnern. Als Deutschland damals in Not war, gehörte Griechenland zu jenen Staaten, die dem Kriegsverlierer bereitwillig die Hand reichten. Diese Länder strichen 1953 die Hälfte der deutschen Staatsschulden und ebneten damit den Weg für das folgende Wirtschaftswunder. Es sei an der Zeit, dass sich Deutschland revanchiere, findet Milios.

"Das vom Krieg zerrüttete Deutschland hat enorm von dem großzügigen Schuldenschnitt profitiert, der auf der Londoner Schuldenkonferenz 1953 vereinbart wurde", sagt Milios, der das Wirtschaftsprogramm des Linksbündnisses Syriza mitverfasst hat. "Auch Griechenland hat sich damals dazu bereiterklärt, Deutschland eine Atempause zu geben und es so ermöglicht, eine starke Wirtschaft aufzubauen". Dem Londoner Abkommen über die deutschen Auslandsschulden zufolge (hier das Originaldokument) wurde Nachkriegsdeutschland damals die Hälfte seiner Schulden bei anderen Staaten, Unternehmen und Privatinvestoren erlassen.

"Griechenland braucht eine ähnliche Lösung"

"Syriza ist der Meinung, dass die Eurozone für Griechenland eine ähnliche Lösung finden sollte", sagte Milios SPIEGEL ONLINE. "Griechenland muss enorme Haushaltsüberschüsse erwirtschaften, um seine Schulden zurückzuzahlen", klagt der Volkswirt. Was Griechenland wirklich brauche, sei Wachstum. "Ich bin sicher, die Deutschen können diese Lösung unterstützen, gerade wegen ihrer eigenen Geschichte."

Das oppositionelle Linksbündnis Syriza, das gute Chancen hat, die vorgezogenen Neuwahlen am 25. Januar zu gewinnen, möchte noch einen anderen Aspekt der Londoner Vereinbarung wiederbeleben. Syriza will eine sogenannte Wachstumsklausel für jene Schulden einführen, die nach dem Schuldenschnitt übrigbleiben. Im Falle Deutschlands handelte es sich damals um eine "Außenhandels-Einnahmen-Klausel", der zufolge der jährliche Schuldendienst drei Prozent der Exporteinnahmen nicht übersteigen durfte. Für die Gläubiger Deutschlands hieß es also: Kauft deutsche Produkte, wenn ihr euer Geld zurückwollt.

Syrizas Chefökonom John Milios: Keine Alternative zum Schuldenschnitt Zur Großansicht
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Syrizas Chefökonom John Milios: Keine Alternative zum Schuldenschnitt

Syriza hat zwar versichert, keine einseitigen Entscheidungen zu treffen, die Griechenlands Platz in der Eurozone gefährden könnten. Aber was geschieht, falls Deutschland und andere Euroländer den Wunsch nach einem Schuldenschnitt und einem Ende der Sparpolitik zurückweisen, darüber wollen führende Parteimitglieder nicht sprechen.

"Es gibt keine Alternative zum Schuldenschnitt"

Chefökonom Milios, der im Falle eines Wahlsiegs möglicherweise die Verhandlungen mit den Gläubigern führen wird, rechnet nicht damit, dass es hart auf hart kommt: "Wir sind verhandlungsbereit, aber es gibt keine Alternative zu irgendeiner Form von Schuldenschnitt". Milios ist der Meinung, dass es mehrere mögliche Lösungen gebe, die sowohl Griechenland als auch die Gläubiger zufriedenstellen könnten. Auf einer Konferenz im Dezember, an der auch Abgeordnete von Syriza-Verbündeten wie der spanischen Podemos und der deutschen Linken, präsentierte Milios gemeinsam mit anderen Ökonomen eine solche Option. (Hier das Originaldokument)

Der Vorschlag klingt kompliziert, beruht aber auf einer einfachen Idee: Die EZB solle allen Eurostaaten jene Schulden abnehmen, die 50 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung übersteigen und diese in extrem lang laufende Nullzins-Anleihen umwandeln, also Anleihen, die nicht verzinst werden. Aufgrund der Inflation verlieren diese Anleihen jedes Jahr an Wert. Wenn der Wert auf 20 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung gefallen ist, kaufen die Regierungen die Anleihen der EZB zum Nominalwert wieder ab.

Bei einer extrem optimistischen Wachstumserwartung von 4,2 Prozent pro Jahr gehen die Autoren davon aus, dass die EZB ungefähr 58 Jahre auf ihr Geld aus Griechenland warten muss.

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insgesamt 560 Beiträge
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1.
hannns 06.01.2015
klingt gut
2. Irgendwie
altmannn 06.01.2015
hören sich die Vorschläge von Tzipras logischer an als das "immer weiter so!" von Merkel und Konsorten. Warum nicht mal was neues probieren, wenn das alte nicht funktioniert hat?
3.
simon.meister6 06.01.2015
30 Jahre lang haben die Griechen mit unendlichen Milliardenströmen gut gelebt. Dann kam die Rechnung. Die wollen sie nicht bezahlen. Und so wie es aussieht, kommen sie damit durch. Da kann man nur sagen: clever gemacht!
4. Ein Argument? Experten hier?
belisarius_d 06.01.2015
In meinen Augen hört sich das durchaus nach einem Argument an, kenne mich aber alles andere als gut aus, kann mich jemand aufklären, wie standfest das ganze ist?
5. Ich würde.....
aprilapril 06.01.2015
bei mir einen 50%igen Schuldenschnitt auch nicht zurückweisen.
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