Britischer Traditionsklub Exzesse bei Spendengala lösen politisches Beben aus

Mehr als zwei Millionen Pfund sammelte der Presidents Club für bedürftige Kinder ein. Doch auf der anschließenden Party sollen Männer Hostessen sexuell belästigt haben. Ein Staatssekretär trat bereits zurück.

Dorchester Hotel in London
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Dorchester Hotel in London


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Der Presidents Club ist ein traditionsreicher Herrenklub, der fest im britischen Empire verwurzelt ist. Seine Mitglieder zählen zur Upperclass: vermögend, vornehm - und vor allem dem Gemeinwohl verpflichtet. Viel von dem, was den Kluballtag betrifft, dringt nicht nach außen. Nur die hohen Summen, die bei der alljährlichen Spendengala zugunsten hilfsbedürftiger Kinder eingesammelt werden, machen Schlagzeilen. Und sie festigen den guten Ruf, seit inzwischen 33 Jahren.

Doch jetzt hat ein Team von Investigativreporterinnen der "Financial Times" hinter die Kulissen geschaut. Und was sie herausgefunden haben, hat in Großbritannien ein Beben ausgelöst. Denn die als kultiviert geltende Spendengala, die diesmal im Dorchester Hotel in London stattfand, entpuppte sich nach wohlmeinendster Interpretation als Party lüsterner alter Männer, für die Frauen nichts anderes sind als Objekte der Begierde.

Eine erste Konsequenz wurde am Mittag bekannt: Da gab David Meller, der Organisator der Veranstaltung, seinen Rücktritt vom Posten des Staatssekretärs im Erziehungsministerium bekannt.

Nur Männer auf der Gästeliste

Schon das Konzept der Spendengala hat es in sich: Eingeladen sind nur Männer. In diesem Jahr waren es rund 360 Honoratioren, wie die "Financial Times" anhand der Tischordnung ermittelte: Investment-Banker und Immobilien-Besitzer ebenso wie hohe Politikfunktionäre und Prominenz aus der Unterhaltungsbranche. Die Kleiderordnung war konservativ - schwarzer Anzug und Krawatte sind selbstverständlich.

Frauen, die in den Top-Etagen der britischen Gesellschaft durchaus ihren Platz haben, waren nicht geladen. Frauen hatten die Initiatoren eine andere Rolle zugedacht. Sie sollten dafür sorgen, dass es den Gästen an nichts fehlt. Und natürlich galt auch für sie eine strenge Kleiderordnung: High Heels, extrem kurzer Rock und eine knapp geschnittene Bluse mit tiefem Ausschnitt.

Die für die Auswahl der 130 jungen Hostessen zuständige Agentur machte sogar dezidierte Angaben zur Farbe der Unterwäsche (schwarz). Bei den Bewerbungsrunden kamen zudem nur Frauen zum Zug, die den gängigen Schönheitsidealen (von Männern) entsprechen: schlank, groß und hübsch anzusehen. Details kannten die "Financial Times"-Reporterinnen aus eigener Anschauung - sie hatten sich nämlich für den Abend anwerben lassen.

Schönheits-Op und Nachtklub-Besuch als Gewinne

Auch die Auktion, die die Spendengelder für bedürftige Kinder einbringen sollte, war gespickt mit Anzüglichkeiten. Wer zum Beispiel für "Los 7" bot, erwarb einen Besuch in dem als vornehmer Nachtklub getarnten Striplokal "oho's Windmill Club mit "exotischen Tänzerinnen", einem Glas Champagner und einem Lachs-Bagel als Gratisgedeck. Auch die erste Tanzeinlage war im Preis inbegriffen. "Los 8" enthielt den Besuch beim Schönheitschirurgen in der Harley Street. Die Auktionatoren warben dafür mit dem Spruch: "Geben Sie Ihrer Frau ein wenig Würze".

Richtig anstrengend wurde es für die Hostessen dann beim informellen Teil nach der Versteigerung. Bestand ihre Aufgabe zuvor darin, die Gäste mit allerlei alkoholischen Getränken zu versorgen und dabei "immer betont freundlich" zu sein, mussten sie sich später auf oder am Rand der Tanzfläche wenig subtile Annäherungen gefallen lassen. Von direkten Avancen, sich gemeinsam auf ein Zimmer zurückzuziehen, über anzügliche Bemerkungen bis hin zu handfesten Übergriffen.

In den Gesprächen mit den Kolleginnen auf Zeit wurde den "Financial Times"-Reporterinnen klar, dass das Maß der Belästigungen sehr unterschiedlich empfunden wird. Viele derjenigen, die den Job zum ersten Mal machen, fühlten sich behandelt wie Prostituierte. Andere berichteten, sie seien auf Männer getroffen, die sich korrekt verhalten hätten.

Alles streng geheim

Das komplizierte Umfeld war wohl auch der zuständigen Agentur Artista bewusst. Sie ließ alle Frauen kurz vor Beginn der Veranstaltung eine Erklärung unterschreiben, in der sie sich zur Geheimhaltung ihrer Erlebnisse verpflichteten. Handys und Fotoapparate wurden streng verboten. Selbst Freunde oder Eltern durften nicht erfahren, dass es sich um eine Party handelte, auf der nur Männer eingeladen waren.

"Das ist ein spezieller Job", zitieren die Reporterinnen die Artista-Managerin Caroline Dandridge. "Einige Mädchen lieben ihn, andere empfinden ihn als das Schlimmste, was in ihren Leben passiert ist. Man muss eben mit den Männern umgehen können".

Die Regeln seien eindeutig, gibt sie später zu Protokoll, als sie von der Zeitung mit den recherchierten Fakten konfrontiert wird. Sexuelle Übergriffe seien streng verboten. In ähnlicher Weise äußerte sich auch ein Vertreter des Presidents Club. Angesichts schockierender #MeToo-Berichte von Frauen und der intensiven Diskussion über ständige Grenzüberschreitungen wirken solche Einlassungen jedoch bemerkenswert gestrig. Immerhin: David Meller hat es sofort verstanden und auch der Presidents Club hat mittlerweile offiziell auf die Vorwürfe reagiert.

Der renommierte Klub zog Konsequenzen aus dem Enthüllungsbericht und kündigte am Abend seine Schließung an. Es werde künftig keine weiteren Spendengalas geben. "Die Treuhänder haben entschieden, dass der Presidents Club nicht länger Gastgeber von Spenden-Events sein wird. Das gesammelte Geld wird an Organisationen für hilfsbedürftige Kinder verteilt. Anschließend schließt der Klub", zitiert die Nachrichtenagentur aus einer offiziellen Stellungnahme des Klubs.

Zusammengefasst: Der altehrwürdige britische Presidents Club sammelt jedes Jahr auf einer großen Gala Spenden für bedürftige Kinder. Reporterinnen der "Financial Times" fanden es jedoch seltsam, dass nur Männer eingeladen wurden. Die Recherchen entlarvten einen Klub lüsterner Herren, die unter sich sein wollen. Frauen wurden zu Animierdamen degradiert.

Anmerkung der Redaktion: Wir hatten zunächst geschrieben, dass der Presidents Club mehr als 400.000 Pfund an Spenden eingesammelt hat. Tatsächlich gab es eine Einzelspende über diesen Betrag. Insgesamt kamen an dem Abend mehr als zwei Millionen Pfund zusammen.

mik

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