Englands NHS-Gesundheitsdienst Eine Grippewelle - und das System wankt

Überfüllte Betten, verschobene OPs: In englischen Kliniken herrscht Ausnahmezustand - die Rede ist von der schwersten Krise des Gesundheitsdienstes NHS seit Jahrzehnten. Der Brexit könnte ihm den Rest geben.

Krankenhaus in London
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Krankenhaus in London

Von Sascha Zastiral, London


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In den Notaufnahmen vieler Krankenhäuser in Großbritannien drängen sich in diesen Tagen massenhaft Patienten. Auch der Ansturm auf die Arztpraxen ist enorm. Immer wieder müssen Patienten vor Krankenhäusern in Rettungswagen warten, weil in den Notaufnahmen kein Platz ist.

Wer drinnen in einem Bett in einem Krankenhausflur liegt, dem geht es noch vergleichsweise gut. Viele Schwerkranke müssen auf Stühlen ausharren, bis ein Bett frei wird. An vielen Kliniken haben Ärzte und Pflegekräfte ihren Urlaub verschoben, nicht wenige von ihnen arbeiten bis zur Erschöpfung. Einige Universitätskliniken haben ihre Medizinstudenten gebeten, in den Notaufnahmen auszuhelfen.

Ein Mann, der stundenlang bei seiner schwerkranken Frau ausgeharrt hat, bis sie behandelt wurde, sagte dem "Guardian", er habe Zustände erlebt "wie in einem Kriegsgebiet".

Die Lage ist so dramatisch, dass vor wenigen Tagen 68 Leiter von Notaufnahmen einen dringenden Appell an Premierministerin Theresa May gerichtet haben. Ihre Wortwahl hätte kaum deutlicher ausfallen können: In den Fluren der Krankenhäuser stürben die Patienten, schreiben die Mediziner in ihrem offenen Brief, den sie an die Presse gegeben haben.

Um der Krise irgendwie Herr zu werden, hat der Nationale Gesundheitsdienst NHS in England die Krankenhäuser kürzlich angewiesen, nicht überlebensnotwendige Operationen zu verschieben. Davon betroffen sind geschätzt 50.000 Menschen. Für viele von ihnen ein Schock: Selbst Krebspatienten müssen jetzt auf neue Termine für Operationen warten. Die Rede ist von der schwersten Krise im Gesundheitssektor seit Jahrzehnten.

Knappe Finanzierung, knappes Personal

Kritiker haben schon lange vor Zuständen wie diesen gewarnt - und wurden ignoriert. Der NHS kämpft seit Jahren mit massiven Finanzierungsproblemen und Personalmangel. Die konservativen Regierungen von David Cameron und Theresa May haben seit 2010 Gelder gekürzt. Inzwischen ist das NHS-Budget zwar wieder jährlich um etwa ein Prozent erhöht worden. Das reicht aber nicht aus, um mit dem Bedarf mitzuhalten.

"Die Kernursache für die gegenwärtige Krise ist, dass die Regierung zu wenig Geld für den NHS bereitstellt", sagt Anna Lawin-O'Brien. Die deutsche Medizinerin ist Chefärztin für Geburtshilfe an einem NHS-Krankenhaus in London. "Eigentlich sollte das Budget für das Gesundheitssystem idealerweise jedes Jahr um vier Prozent steigen", sagt Lawin-O'Brien. "Tatsächlich ist es in den vergangenen Jahren nur inflationsbereinigt worden."

Der eigentlich notwendige Ausbau des Gesundheitssystems erfolge nicht, erklärt die Medizinerin weiter, stattdessen müsse überall gespart werden. Wenn dann, wie in diesem Winter, eine schwere Grippewelle hinzukomme, dann seien viele Krankenhäuser schnell überlastet.

Premierministerin Theresa May bestreitet dabei bis heute, dass es überhaupt eine Krise im Gesundheitswesen gibt. Bei der wöchentlichen Fragestunde im Parlament sagte May vor wenigen Tagen, der NHS sei "besser auf den Winter vorbereitet" gewesen "als je zuvor". Zumindest Gesundheitsminister Jeremy Hunt hat sich mittlerweile für die Verschiebung der Operationen entschuldigt.

Der NHS ist eine der wenigen Errungenschaften aus der Zeit des "Nachkriegskonsenses" nach dem Zweiten Weltkrieg, die den sozialen Kahlschlag der Thatcher-Jahre überlebt hat. Er ist in Europa ein Sonderfall: Der NHS wird nicht aus Beiträgen, sondern beinahe vollständig aus Steuergeldern und Sozialversicherungsbeiträgen finanziert. Alle britischen Bürger und alle Einwanderer, die sich legal und dauerhaft im Land aufhalten, müssen für die meisten medizinischen Behandlungen nichts bezahlen. Auch Reisende aus der EU und dem Europäischen Wirtschaftsraum haben bei Notfällen Anspruch auf eine kostenfreie medizinische Versorgung.

Es gibt unterschiedliche Gesundheitsdienste für England, Schottland, Wales und Nordirland, die sich in ihrem Angebot aber in allen wesentlichen Punkten ähneln. Viele Briten sind auf ihren Gesundheitsdienst stolz.

Bus der Leave-Kampagne vor dem Brexit-Referendum im Juli 2016
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Bus der Leave-Kampagne vor dem Brexit-Referendum im Juli 2016

Doch der wird dadurch auch schnell zum Politikum. Vor dem EU-Referendum vor anderthalb Jahren war der NHS ein zentrales Thema. Die führenden Vertreter der "Vote Leave"-Kampagne fuhren damals mit einem roten Bus durch das Land, an dessen Seite stand: "Wir schicken jede Woche 350 Millionen Pfund an die EU. Lasst uns stattdessen unseren NHS finanzieren." Das kam bei vielen Briten gut an. Doch dabei war nicht nur die Behauptung, London überweise jede Woche 350 Millionen Pfund nach Brüssel, eine glatte Lüge. Schon kurz nach dem Referendum distanzierten sich praktisch alle führenden Brexit-Aktivisten von diesem Versprechen.

Ein Viertel aller NHS-Ärzte in England stammt aus dem Ausland

Viele Brexit-Unterstützer geben den rund drei Millionen EU-Bürgern, die in Großbritannien leben und arbeiten, die Schuld an der Krise im Gesundheitssystem und hoffen darauf, dass der EU-Austritt die Lage verbessern wird. Dabei ist das Gegenteil der Fall: Ohne Einwanderer würde beim NHS gar nichts laufen. Ein Viertel aller NHS-Ärzte in England stammt aus dem Ausland, ebenso eine von sechs Krankenschwestern. Und der Brexit dürfte das angeschlagene und unterfinanzierte Gesundheitssystem nicht retten - er ist eine riesige Gefahr für den NHS.

Denn schon jetzt kommen deutlich weniger europäische Pflegekräfte nach Großbritannien als vor dem Leave-Votum. Die Zahl der Krankenschwestern aus EU-Staaten, die sich in Großbritannien registriert haben, ist seit dem EU-Referendum um 90 Prozent gefallen. Dabei sind schon jetzt 40.000 Stellen unbesetzt - ein entscheidender Faktor in der gegenwärtigen Krise. Mehr noch: Ein Fünftel der europäischen NHS-Ärzte plant einer Umfrage zufolge, Großbritannien zu verlassen.

"Der NHS steckt schon in der Krise - der Brexit könnte ihm den Rest geben", schreibt der Arzt und Labour-Politiker Paul Williams im Magazin "New Statesman". Schon jetzt habe sich die britische Wirtschaft deutlich verlangsamt, was zu weiteren Kürzungen beim NHS führen werde. Das schwache Pfund verteuere die Einfuhr von Medikamenten und medizinischen Geräten aus dem Ausland. Am folgenreichsten aber wäre für den NHS der Verlust der Ärzte und Krankenschwestern aus den übrigen EU-Staaten, schreibt Williams. "Der NHS wird einen Exodus von europäischen Mitarbeitern schlicht nicht überstehen."

Auch Chefärztin Anna Lawin-O'Brien befürchtet, dass das Schlimmste erst noch bevorsteht: "Das ganze Ausmaß der Personalknappheit beim NHS wird erst dann sichtbar werden, wenn alle EU-Bürger, die gehen wollen, gegangen sind."

Zusammengefasst: Der legendäre englische Gesundheitsdienst NHS steht vor einer Bewährungsprobe: Das aus Sicht von Fachleuten unterfinanzierte System muss eine derzeit schwere Grippewelle im Land verkraften, zugleich wirft der Brexit seine Schatten voraus: Das Personal, das oft aus dem Ausland kommt, bleibt jetzt schon weg.



insgesamt 213 Beiträge
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mps58 15.01.2018
1. Gerechtigkeit
So eine gerechte staatliche Ein-Klassen-Medizin wollen wir natürlich auch. Heißt hier Bürgerversicherung.
amon.tuul 15.01.2018
2. Können wir vielleicht unterstüzten?
wen die jetzt solche Probleme haben, könnten wir vielleicht aus der EU und Deutschland aushelfend unterstützen? Vielleicht mit Personal? Oder bestimmte Kontingente geeigneter sitzend transportfähiger Schwerkranker übernehmen?
manicmecanic 15.01.2018
3. wer im Glashaus sitzt
Der NHS hängt bereits lange in den Seilen,es wird nur immer sichtbarer.Und sich aus D heraus darüber zu mokieren ist ein Witz.Wir haben dieselben Personalprobleme aber tun so als wenn alles 1A läuft.
amon.tuul 15.01.2018
4. Einfach mal die politische Implikation zurückstellen
und seitens der EU in GB wirksame Hilfe anbieten, keine symbolische, sondern echte.
globaluser 15.01.2018
5. Wer sich außerhalb Londons, der Südküste und natürlich
den Orten, wo Reiche wohnen (gibt es an der Merseyside, ebenso, wie in Gelsenkirchen), wird schnell merken, dass das Empire, auf einem Weg zum einem Drittewelt-Land wird.
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