Großbritannien: Lobbyisten prahlen mit dunklen Künsten

Wie arbeiten Lobbyisten? Eine Untersuchung des "Independent" gibt erstaunliche Einblicke. Mitarbeiter einer großen PR-Firma rühmten ihre guten Kontakte zu David Cameron - dabei hat der Premier dem Lobbyismus offiziell den Kampf angesagt.

Lobbyist Collins (Aufnahme mit versteckter Kamera): "Botschaft an den Mann bringen" Zur Großansicht
The Bureau of Investigative Journalism

Lobbyist Collins (Aufnahme mit versteckter Kamera): "Botschaft an den Mann bringen"

London - Sie sehen aus wie unauffällige Geschäftsleute in einem gewöhnlichen Konferenzzimmer. Doch was sie erzählen, hat wenig mit normalen Geschäftspraktiken zu tun. Seine Firma beherrsche "verschiedene dunkle Künste", sagt Managing Director Tim Collins von der britischen PR-Firma Bell Pottinger. Es ist die Antwort auf die Frage, ob man das Image von Usbekistan und seines Präsidenten auf dem Internetportal Wikipedia verbessern könne.

Die Aufnahmen sind Teil eines Undercover-Reports, den am Dienstag die britische Zeitung "Independent" veröffentlichte: Reporter des "Bureau of Investigative Journalism", einem nichtkommerziellen Journalistenprojekt, gaben sich als Vertreter der usbekischen Regierung aus und baten zehn britische PR-Firmen um Hilfe. Während zwei absagten und mehrere nicht reagierten, bot Bell Pottinger bereitwillig Hilfe an - und rühmte sich, Kontakte bis auf höchste Ebene zu haben.

So erklärte Collins, ein früherer Abgeordneter und Kommunikationschef der Konservativen, er habe enge Verbindungen zu Premierminister David Cameron und Finanzminister George Osborne aufgebaut. "Es ist kein Problem, die Botschaft an den Mann zu bringen."

Als Beispiel nannte Collins eine Anfrage der Ingenieursfirma Dyson, die über einen Urheberrechtsstreit in China geklagt habe. "Wir wurden um halb drei an einem Freitagnachmittag angerufen", sagte Collins. Schon am Samstag habe Cameron das Problem mit seinem chinesischen Amtskollegen besprochen. Das Gespräch sei zustande gekommen, "weil wir ihn darum gebeten haben".

Die Reporter gaben sich als Investorengruppe aus, die im Auftrag der usbekischen Regierung das Image des Landes verbessern wolle. Die autoritäre Regierung des Landes steht unter anderem in der Kritik, weil sie bei der Baumwollernte Kinder einsetzen soll.

Kostenpunkt: Mindestens eine Million

Die PR-Experten von Bell Pottinger versprachen den vermeintlichen Investoren, für eine Summe von mindestens einer Million Pfund könnten sie das Ansehen des Landes aufbessern. So sei es ihnen möglich, negative Suchergebnisse im Internet zu verringern - unter anderem durch den Einsatz vermeintlich unabhängiger Blogs.

In den heimlich aufgezeichneten Gesprächen berufen sich die Mitarbeiter von Bell Pottinger auf Kampagnen, mit denen sie erfolgreich das Image von Ländern wie Weißrussland und Sri Lanka verbessert hätten. Collins wies aber auch darauf hin, dass ein Land tatsächlich zu Reformen bereit sein müsse. "Alles was wir tun, baut auf dem Einverständnis der Regierung auf, sich zu ändern."

Trotz dieser Einschränkung sind die Ausführungen unangenehm für Premier Cameron. Dieser hatte dem Lobbyismus wiederholt den Kampf angesagt und ihn als "nächsten drohenden großen Skandal" bezeichnet. Cameron sagte auch, er wolle ein "Licht der Transparenz" auf Lobbyismus werfen, damit die Politik darüber "auspackt, wer Macht und Einfluss kauft".

Entsprechend heftig war die Reaktion eines Sprechers von Cameron. Er bestritt die Richtigkeit der Äußerungen Collins', die er als "empörend" und "einen Haufen Müll" bezeichnete. "Weder Bell Pottinger noch irgendeine andere Lobby-Firma hat Einfluss auf die Politik der Regierung", sagte der Sprecher. Die oppositionelle Labour-Partei sprach von "sehr ernsten Vorwürfen", die ein Schlaglicht auf die Probleme des Lobby-Systems werfen würden.

Empört reagierte auch der Chef von Bell Pottinger, ein früherer PR-Berater der konservativen Premierministerin Maggie Thatcher. Die Undercover-Untersuchung habe "nicht einmal entfernt mit verantwortlichem Journalismus zu tun", ließ Tim Bell über einen Anwalt erklären. "Es ist der unethische, betrügerische Versuch, eine Story zu fabrizieren, wo es keine gibt."

dab/AFP

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insgesamt 13 Beiträge
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1. ...
jupiter999 06.12.2011
Soviel investigativen Journalismus wie in Großbritannien würde ich in Deutschland auch gerne sehen denn der Lobbyismus durchsetzt unser politisches System ganz genauso.
2. Da kann man sich nur wundern!
ZiehblankButzemann 06.12.2011
Als kleiner Moritz od. kleine Monika ist man oft erstaunt, daß es Menschen gibt die gefährliche oder eklige oder grausame Arbeiten verrichten. Ja, mit Erstaunen aber auch mit Respekt. Bei Lobbyistenarbeit dagegen kommen mir als erstes immer solche Assoziationen wie, Klinken putzen, Gunst erkaufen, speichellecken und drohen, Bitten die unablehnbar sind, Einladungen, Vetternwirtschaft, Dr.Jekyll und Mr.Hyde Verhalten, Zermürbetaktik, Psychokrieg, Gefälligkeitsgutachten etc.... Eigentlich alles Eigenschaften die man eher mafiösen unehrenhaften Kreisen zuordnen würde, oder sehe ich das zu negativ? Mit Bitte um Antwort!
3. +
roflem 06.12.2011
Zitat von jupiter999Soviel investigativen Journalismus wie in Großbritannien würde ich in Deutschland auch gerne sehen denn der Lobbyismus durchsetzt unser politisches System ganz genauso.
Davon können wir hier träumen denn es ist noch schlimmer. Ich jedenfalls kann mich an eine ganze Menge Berichte erinnern wo vor allem als Journalisten getarnte PR Tintensklaven " Artikel" verfassten, sobald das jeweilige Käseblatt auch die dementsprechende Werbung druckte.
4. Ausgelastet
f.orenstöpsel 06.12.2011
Zitat von sysopWie arbeiten Lobbyisten? Eine Untersuchung des "Independent" gibt erstaunliche Einblicke.*Mitarbeiter einer großen PR-Firma*rühmten ihre guten Kontakte zu David Cameron - dabei hat der Premier dem Lobbyismus offiziell den Kampf angesagt. Großbritannien: Lobbyisten prahlen mit dunklen Künsten - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Wirtschaft (http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,802032,00.html)
Kein Wunder das nicht alle angefragten Firmen darauf reagierten, haben doch alle genug damit zutun die EU samt Euro zu diskreditieren. Allerdings steht auch im Indepedend mit der Überschrift; "Bye, bye England? SNP plans closer Scandinavian ties after independence" "Document reveals government wants to turn away from London if it wins referendum" Manche Schotten sehnen sich wohl eher zu ihren scandinavischen Nachbarn hingezogen als zu den englischen. Vielleicht mit ein Grund ständig an Europa rumzunörgeln oder vielleicht "rumnörgeln zulassen".
5. Existiert..
lefs 06.12.2011
diese Art von Journalismus eigentlich in Deutschland? Kann mich (von Günter Wallraff abgesehen) an sehr wenig davon erinnern. Mit linientreuer Presse sinkt man auf der Korruptionsskala immer weiter nach unten. Siehe den aktuellen Stand von Germany bei Transparency International: "Deutschland liegt sogar vor Bahrain".
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