Verlust der Top-Bonität "Großbritannien ist ein Schulden-Junkie"

Der Entzug der Top-Bonität ist eine peinliche Abstrafung für Großbritannien. Die Cameron-Regierung steht nun unter Druck, ihren Sparkurs zu ändern. Doch kann sie darauf verweisen, dass andere Länder nicht besser dastehen.

Londons Finanzdistrikt Canary Wharf: Märkte reagieren gelassen
REUTERS

Londons Finanzdistrikt Canary Wharf: Märkte reagieren gelassen

Von , London


Wahrscheinlich verflucht George Osborne sich innerlich selbst. Wie oft hatte er seit seinem Amtsantritt als britischer Schatzkanzler im Mai 2010 die Bedeutung des AAA-Ratings betont. Bei jeder Gelegenheit hatte er das internationale Gütesiegel als Beweis dafür angeführt, dass der Sparkurs der liberalkonservativen Koalition genau richtig sei. "Wir werden Großbritanniens internationalen Ruf verteidigen", hatte der Tory getönt.

Nun hat Moody's, eine der drei großen US-Rating-Agenturen, die Kreditwürdigkeit der britischen Regierung von AAA auf AA1 herabgesetzt. Es ist das erste Mal seit der großen Wirtschaftskrise der siebziger Jahre, dass dies passiert ist. Und Osborne muss sich fragen lassen: Heißt die Abstrafung jetzt, dass er mit seinen Sparappellen falsch gelegen hat?

Die Labour-Opposition nahm die Steilvorlage sofort auf und freute sich über die "Demütigung" der Regierung. Tatsächlich ist die Herabstufung peinlich. Osborne hätte wissen müssen, dass er das Rating nicht "verteidigen" kann, wie er stets behauptet hat. Er habe das Rating "fetischisiert", kritisierte der "Guardian".

Aber kein Volkswirt oder Analyst zeigte sich wirklich überrascht. "Diese Herabstufung sagt uns nichts, was wir nicht schon wussten", bloggte Tim Morgan, Chefanalyst der Brokerfirma Tullett Prebon. "Großbritannien ist ein Schulden-Junkie, unfähig, mit seinen Mitteln auszukommen."

Das Verdikt von Moody's werde keine ernsten Folgen haben, prognostizierte "Financial Times"-Kolumnist Martin Wolf. Es ändere nichts an der Markteinschätzung der britischen Konjunktur oder der Staatsfinanzen. Osborne hatte seine Ziele für den Defizitabbau bereits mehrfach korrigieren müssen, das Ziel eines ausgeglichenen Haushalts war von ursprünglich 2015 bereits auf 2018 verschoben worden. Die Herabstufung stand seit Monaten im Raum.

Entsprechend moderat reagierten die Marktteilnehmer auf die Ankündigung von Moody's. Das Pfund fiel am Montag zwar auf den tiefsten Stand gegenüber Dollar und Euro seit 2011. Doch setzte die Währung nur den graduellen Sinkflug der vergangenen Wochen fort, es gab keinen Einbruch.

Auch die Zinsen auf britische Staatsanleihen werden voraussichtlich nicht nennenswert steigen. Dies zeigt die Erfahrung mit amerikanischen und französischen Anleihen. Die hochverschuldeten USA hatten ihr Triple-A-Rating bereits im Sommer 2011 verloren, Frankreich folgte 2012. In beiden Fällen stiegen die Refinanzierungskosten der Regierung nicht an.

Dritter Absturz in die Rezession seit 2008 droht

Die Regierung von Premier David Cameron kann von Glück reden, dass der Verlust des Top-Ratings in der Schuldenkrise zum globalen Normalfall geworden ist. Unter den großen Volkswirtschaften haben nur Deutschland und Kanada noch die Bestnote. Die britische Regierung versuchte denn auch, die Bedeutung der Herabstufung herunterzuspielen. Die Entscheidung habe keine Folgen für die reale Wirtschaft, sagte Wirtschaftsminister Vince Cable. Sie sei "großenteils symbolisch".

Dennoch kommt die Rüge der Regierung höchst ungelegen, weckt sie doch neue Zweifel an ihrer Wirtschaftspolitik. Von links kommt nun die Forderung, den Sparkurs aufzuweichen und die Konjunktur zu stimulieren. Wirtschaftswachstum sei das beste Mittel gegen die Verschuldung. Der rechte Tory-Flügel hingegen fordert, die Ausgaben noch radikaler zu kürzen. Bisher wurde nämlich nur die Neuverschuldung langsam abgebaut, die Staatsschulden wachsen jedes Jahr weiter.

Der Druck auf den Spar-Premier könnte bald noch stärker werden. Die Konjunktur steht vor dem dritten Absturz in die Rezession seit 2008. Im vierten Quartal 2012 war die Wirtschaft um 0,3 Prozent geschrumpft. Setzt sich dieser Trend im ersten Quartal fort, wird im April offiziell der "Triple Dip" erklärt.

Doch wird die Regierung ihren Kurs wohl fortsetzen. Alles andere würde ihre Glaubwürdigkeit weiter untergraben. Jetzt einseitig Konjunkturprogramme zu starten, würde die Lage kaum verbessern und die Staatsschuld kurzfristig weiter erhöhen. Die zweite Alternative, ein radikaleres Kürzungsprogramm, erscheint politisch ausgeschlossen.

Stattdessen setzt Osborne auf das Prinzip Hoffnung: Das britische Wirtschaftswachstum steht und fällt mit der Weltwirtschaft, nicht zuletzt der Euro-Zone. Erst wenn sich hier die Lage verbessert, wird Großbritannien sein Schuldenproblem lösen können.

Niemand erwartet daher, dass die Insel so bald in den Triple-A-Club der soliden Länder zurückkehrt. Es werde mehrere Jahre dauern, bis man die Bestnote wiederhabe, prognostizierte der konservative Ex-Schatzkanzler Ken Clarke.



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fatherted98 25.02.2013
1. Juckt die...
...Engländer doch nicht, solange sie noch vor einer Königin knien können...ist alles halb so schlimm.
uezegei 25.02.2013
2.
"Doch kann sie darauf verweisen, dass andere Länder nicht besser dastehen." Tja, nur stehen einige dieser Länder unter einem "Rettungsschirm", so ominös dieses Ding auch sein mag, während die Insel ziemlich isoliert ist. Obwohl: im Ernstfall wird auch der Rettungsschirm ganz genau Nullkommanull ausrichten können, aber man hat eben so lange ein gutes Gefühl .....
Crom 25.02.2013
3.
Was denn los? Die haben doch gar keinen Euro. Dachte nur der ist an allem Schuld.
scoopx 25.02.2013
4. Nanu?
Zitat von sysopREUTERSDer Entzug der Top-Bonität ist eine peinliche Abstrafung für Großbritannien. Die Cameron-Regierung steht nun unter Druck, ihren Sparkurs zu ändern. Doch kann sie darauf verweisen, dass andere Länder nicht besser dastehen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/grossbritannien-rating-entzug-der-top-bonitaet-trifft-cameron-a-885414.html
GB war doch mal ganz vorne dran? Zehn Jahre ist es her, da hatte die Insel ein "höheres BIP pro Kopf als Deutschland", flexible Löhne, sie offerierte "hochwertige Dienstleistungen" und war schon lange dem Monetarismus und der "supply side economics" gefolgt, ja, sie war die wirtschaftliche Avantgarde und zeigte der Welt wo es lang ging... Aber nein. Jetzt endlich wird GB, wie auch die USA, von ihren Lügen eingeholt. Daß England verarmt, sage ich ja schon seit Jahr und Tag. Ach, kann mir einer von den Neoliberalen mal erklären, warum ein hach so schlanker und effizienter Staat wie England, ein Staat, der seit Jahrzehnten alles getan hat was ihm die Neoliberalen eingeflüstert haben, überschuldet sein kann?
spiekr 25.02.2013
5. Es waren nicht die Neoliberalen,
Zitat von scoopxGB war doch mal ganz vorne dran? Zehn Jahre ist es her, da hatte die Insel ein "höheres BIP pro Kopf als Deutschland", flexible Löhne, sie offerierte "hochwertige Dienstleistungen" und war schon lange dem Monetarismus und der "supply side economics" gefolgt, ja, sie war die wirtschaftliche Avantgarde und zeigte der Welt wo es lang ging... Aber nein. Jetzt endlich wird GB, wie auch die USA, von ihren Lügen eingeholt. Daß England verarmt, sage ich ja schon seit Jahr und Tag. Ach, kann mir einer von den Neoliberalen mal erklären, warum ein hach so schlanker und effizienter Staat wie England, ein Staat, der seit Jahrzehnten alles getan hat was ihm die Neoliberalen eingeflüstert haben, überschuldet sein kann?
welche u.a. den Bankensektor ins Verdienen brachten als Alternative zu gut verkaufbaren Produkten und Dienstleistungen, sondern als Zusatzeinkommen. Die Bevölkerung hat bzgl. Konkurrenzfähigkeit ihrer Fabriken erheblich nachgelassen - nicht die Neoliberalen.
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