Streit um britische Pasty-Steuer: Warm kostet extra

Wirtschaftskrise? Arbeitslosigkeit? Pah! Großbritanniens größte Sorge scheint derzeit die Besteuerung von Teigtaschen zu sein. Weil die sogenannten Pastys warm verkauft werden, sollen sie ihr Steuerprivileg verlieren. In den Zeitungen und im Internet ist ein Sturm der Entrüstung losgebrochen.

Bäckerei-Kette Greggs: Der Aktienkurs des Unternehmens ist eingebrochen Zur Großansicht
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Bäckerei-Kette Greggs: Der Aktienkurs des Unternehmens ist eingebrochen

London/Hamburg - "Lasst Sie kalte Pastys essen", titelte das größte britische Massenblatt "Sun" am Mittwoch - und legte am Donnerstag nach: "Half-baked" - "Halbgar" war dort in großen Lettern zu lesen, darunter ein Bild des britischen Premierministers David Cameron, wie er genüsslich in eine Teigtasche beißt.

Auch im Internet ist die Aufregung groß: Unter dem Stichwort pastytax empören sich die Nutzer bei Twitter über die geplante Besteuerung des warmen Gebäcks. "Wir leben jetzt in einem Land, in dem Kaviar nicht besteuert wird, Pastys aber sehr wohl", schreibt einer. "Liebhaber des Cornish Pastys, vereinigt Euch", fordert ein anderer.

Hintergrund des kleinen Volksaufstands ist ein Gesetzesvorhaben, das Finanzminister George Osborne in der vergangenen Woche vorgestellt hat: Demnach sollen einige warme Speisen zum Mitnehmen, die bisher von der Mehrwertsteuer ausgenommen waren, künftig auch mit der 20-prozentigen Abgabe belegt werden.

Das britische Finanzministerium drückt es schön bürokratisch aus: Die Steuer gelte für Speisen, die "erwärmt wurden, um sie zu einer Temperatur zu konsumieren, die oberhalb der Umgebungstemperatur liegt".

"Ich bin selbst ein Pasty-Esser"

In der Praxis trifft der Plan vor allem die von englischen Arbeitern wie Studenten heiß geliebten Pastys - mit Fleisch und Gemüse gefüllte Teigtaschen, die vor allem in Bäckerei-Ketten wie Greggs verkauft werden - und zwar warm.

Die Aufregung ist auch deshalb so groß, weil der Regierungsaktion der Ruch des Klassenkampfes anhaftet: Das nahrhafte Fleischgebäck wurde ursprünglich im 17. Jahrhundert für die Arbeiter in Zinnbergwerken gebacken - und noch heute gilt es als typischer Snack der Arbeiterklasse. Dass nun ausgerechnet die konservativ-liberale Regierung diesen Happen besteuern will, kommt bei vielen Briten schlecht an.

Finanzminister Osborne verschlimmerte die Situation am Dienstag, als er dem Finanzausschuss des Parlaments mitteilte, er könne sich nicht daran erinnern, wann er sein letztes Pasty bei Greggs gekauft habe. "Das sagt schon alles", giftete der Labour-Abgeordnete John Mann.

Am Mittwoch sah sich sogar Premierminister Cameron gezwungen, einzugreifen: "Ich bin selbst ein Pasty-Esser", bekannte er am Mittwoch. Sein letztes habe er an einem Bahnhof in Leeds gekauft. Es sei groß und gut gewesen.

Die Pasty-Liebhaber mögen sich über Camerons Bekenntnis gefreut haben. Beruhigt haben sie sich jedoch nicht.

stk/AP

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insgesamt 5 Beiträge
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1. Update
brux 29.03.2012
Mittlerweile musste Cameron zugeben, dass sein Pasty-Konsum wohl etwas zurückliegen muss (wenn es ihn denn je gegeben hat), da der Laden in Manchester seit 2 Jahren geschlossen ist. Der Mann hat's ja nicht so mit dem Gedächtnis: Im Wahlkampf konnte er nicht sagen, wieviele Häuser er besitzt!
2. Armes GB - teuere Pasties
localpatriot 29.03.2012
Zitat von sysopAPWirtschaftskrise? Arbeitslosigkeit? Pah! Großbritanniens größte Sorge scheint derzeit die Besteuerung von Teigtaschen zu sein. Weil die sogenannten Pasties warm verkauft werden, sollen sie ihr Steuerprivileg verlieren. In den Zeitungen und im Internet ist ein Sturm der Entrüstung losgebrochen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,824559,00.html
Pasties, auch Cornish Pasties genannt waren urspruenglich die tragbare Nahrung der Bergleute in Cornwall und auch heute noch sind sie die Nahrung des Fussvolkes. Dass Harr Osborne es notwendig findet diese Pasties zu versteuen sollte den Ratingsagenturen in New York einigen Grund zum Nachdenken geben. Not a good sign, Mr. Osborne.
3. Was ich......
hbblum 29.03.2012
....an jenem kleinen, zähen Volk auf der Insel schon immer bewundert habe, ist die Fähigkeit sich auf die wirklich wichtigen Dinge im Leben zu kontzentrieren. Weiter so !
4. .........
janne2109 29.03.2012
Zitat von bruxMittlerweile musste Cameron zugeben, dass sein Pasty-Konsum wohl etwas zurückliegen muss (wenn es ihn denn je gegeben hat), da der Laden in Manchester seit 2 Jahren geschlossen ist. Der Mann hat's ja nicht so mit dem Gedächtnis: Im Wahlkampf konnte er nicht sagen, wieviele Häuser er besitzt!
oh shit, das wäre doch mal eine Titelseite wert..., was für ein Trottel
5.
rossini 29.03.2012
...erinnert mich irgendwie an die deutsche Imbisssteuer.Im Stehen 7 %,im Sitzen 19 %.Irrsinn ist grenzenlos !!!
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