Studie mit Arbeitslosen in Finnland Grundeinkommen macht gesünder, aber bringt keinen Job

Zwei Jahre lang hat Finnland das bedingungslose Grundeinkommen mit Arbeitslosen getestet. Die Bilanz ist gemischt.

Eurobanknoten (Symbolbild)
DPA

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Ein Jahr lang war Sini Marttinen arbeitslos, bevor sie "im Lotto gewann", wie sie sagt. Denn sie war eine von 2000 zufällig ausgewählten Arbeitslosen, denen Finnland über zwei Jahre ein bedingungsloses Grundeinkommen zahlte. "Der Effekt war vor allem ein psychologischer", sagt die 36-Jährige, die mit zwei Freunden ein Restaurant eröffnet hat. Nun haben Forscher vorläufig ausgewertet, wie es Marttinen und den anderen Teilnehmern des Experiments im ersten Jahr der Studie ergangen ist.

Die Forscher wollten herausfinden, ob das bedingungslose Grundeinkommen einen besseren Anreiz setzt, einen Job zu finden, als traditionelle Arbeitslosenhilfen, die im Falle einer Anstellung entfallen. Das Experiment beschränkte sich ausschließlich auf bereits arbeitslose Teilnehmer - es ging nicht um eine Art Bürgereinkommen, das unabhängig von Reichtum, Familienstand oder Arbeitsverhältnis an jeden gezahlt wird.

Sie fanden heraus, dass sich das Grundeinkommen positiv auf die Gesundheit und das allgemeine Wohlbefinden der Arbeitslosen auswirkt - aber nicht deren Rückkehr auf den Arbeitsmarkt beschleunigt.

Die Empfänger des bedingungslosen Grundeinkommens litten demnach weniger unter Stress, Konzentrations- oder Gesundheitsproblemen als eine Kontrollgruppe. "Sie blickten auch zuversichtlicher in die Zukunft", sagte Minna Ylikännö von der finnischen Sozialversicherungsbehörde Kela.

Keine Auswirkung auf die Jobsuche

Der erhoffte Anreiz für die Arbeitssuche wurde in der Auswertung des Projekts aber nicht nachgewiesen. "Den Empfängern des bedingungslosen Grundeinkommens gelang es weder besser noch schlechter als der Kontrollgruppe, einen Job zu finden", sagte Forschungskoordinator Ohto Kanninen.

Sozialstaat der Zukunft

Der auf zwei Jahre angelegte Großversuch zum bedingungslosen Grundeinkommen lief von Januar 2017 bis Ende Dezember 2018. Eine zufällig ausgewählte Testgruppe von 2000 Arbeitslosen zwischen 25 und 58 Jahren erhielt in dieser Zeit steuerfrei jeden Monat 560 Euro, ohne dass diese Zahlung an Bedingungen geknüpft war.

Hinzu kamen je nach Familienstand Kindergeld und im Fall einer festen oder freien Anstellung das jeweilige Gehalt. Daneben gab es eine Kontrollgruppe von Arbeitslosen, welche die herkömmlichen Unterstützungsleistungen erhielten.

Journalist Tuomas Muraja äußerte sich zufrieden mit dem bedingungslosen Grundeinkommen. "Ich konnte alle Aufträge annehmen, die mir angeboten wurden", sagte der Journalist Tuomas Muraja. Vorher sei das viel schwieriger gewesen, weil er immer habe ausrechnen müsse, was durch die Zusatzeinnahmen und den Verlust von Arbeitslosengeld übrig bleibe.

Grundeinkommen sollte Niedriglohnsektor ausbauen

Die finnische Regierung wollte mit der Untersuchung zwei Ziele erreichen: Erstens sollte der Anreiz steigen, gerade schlecht bezahlte Jobs anzunehmen - der Niedriglohnsektor sollte so ausgebaut werden. Zweitens sollte die staatliche Sozialverwaltung verschlankt werden.

Das bisherige System gilt als bürokratisch. Arbeitssuchende verlieren ihren Anspruch auf staatliche Hilfen bei einer Anstellung - auch bei nur kurz dauernder und schlecht bezahlter Beschäftigung. Viele Empfänger von Sozialhilfen verzichten deshalb darauf, geringbezahlte Arbeit anzunehmen. Die Arbeitslosigkeit liegt derzeit bei rund sieben Prozent.

Die finnische Regierung plant nach Angaben von Sozialministerin Pirkko Mattila nicht, das bedingungslose Grundeinkommen im gesamten Land einzuführen. Dennoch sei das Experiment "sehr erfolgreich" gewesen. Die Daten der Untersuchung könnten nun genutzt werden, um das soziale Sicherungssystem zu reformieren.

kko/AFP



insgesamt 143 Beiträge
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Lykanthrop_ 08.02.2019
1.
Das BGE ist vielleicht eine wundervolle Utopie, aber wir sollten dafür sorgen, dass Ausbeutung beendet wird. Die Angst vor H4 hat den Niedriglohnsektor rasant wachsen lassen, mit allen sozialen und politischen Konsequenzen. Wir sollten wieder solidarischer werden und die Macht des Kapitals reduzieren. Was am BGE schwierig ist, dass es am Ende die Inflation anheizt und Menschen ohne gutbezahlte Arbeit mit dem BGE nicht auskommen werden.
huelsebus 08.02.2019
2. Na das ist doch mal ein Ergebnis.
Der vielgerümte Harz4 Stress ist keine messbare Motivation zur Arbeitsaufnahme. Bleibt die Frage: lässt sich das Grundeinkommen aus den Mitteln bezahlen, die Sozialverwaltung (Verschlankung) und Krankenkassen (gesündere Bevölkerung) einsparen? Vermutlich nicht vollständig, aber zu einem Teil?
el__cid 08.02.2019
3. HARTZ IV macht ungesünder und bringt auch keinen Job!
Die Vermittlungsquoten von JobCentern und Arbeitsagentur (im Schnitt 1 Vermittlung pro Mitarbeiter und Monat) sind lächerlich. Bei den JobCentern steht die Verhängung von Sanktionen im Vordergrund um Gelder einzusparen.
spon-1279537853053 08.02.2019
4. ja sehr gut el cid
Dieser satz trifft den nagel auf den kopf! Die frage ist doch eher: soll das grundeinkommen einen job bringen?! Ist die grundlegende idee dahinter nocht eine andere? Immer muss sich alles rechnen, aber das ist gerade der falsche ansatz und dann ist die schlussfolgerung, das ergebnis auch falsch.
wincel 08.02.2019
5.
Hat es nun insgesamt mehr oder weniger oder das Selbe gekostet? Weil ja auch Bürokratiekosten wegfallen für Leute, die Anträge bearbeiten.
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