Umfrage 64 Prozent der EU-Bürger würden für Grundeinkommen stimmen

Die Schweizer entscheiden am 5. Juni über ein bedingungsloses Grundeinkommen. Dürften EU-Bürger abstimmen, würde es wohl eingeführt.

Initiatoren der Schweizer Grundeinkommensabstimmung
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Initiatoren der Schweizer Grundeinkommensabstimmung

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Führt die Schweiz ein bedingungsloses Grundeinkommen ein? Am 5. Juni stimmen die Eidgenossen darüber ab, die Briefwahl läuft bereits. Laut Umfragen dürfte die Initiative die Mehrheit klar verfehlen; mit rund 25 Prozent Zustimmung steuert sie aber immerhin auf einen Achtungserfolg zu.

Würden die Bürger der EU darüber abstimmen, fiele das Ergebnis möglicherweise deutlich anders aus: 64 Prozent würden bei einem Referendum sicher oder wahrscheinlich für die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens stimmen. Nur 24 Prozent würden sicher oder wahrscheinlich dagegen stimmen. Und zwölf Prozent würden überhaupt nicht wählen gehen. Das ist das Ergebnis einer repräsentativen Umfrage des Marktforschungsinstituts Dalia Research unter zehntausend Bürgern aus allen 28 EU-Mitgliedstaaten, die SPIEGEL ONLINE vorab vorliegt.

Beauftragt wurde die Umfrage vom Thinktank Neopolis Network, in dem auch Grundeinkommensaktivisten wie Philip Kovce Mitglied sind.

Die Zustimmung zu einem bedingungslosen Grundeinkommen lag in allen sechs großen EU-Ländern klar über der 50-Prozent-Marke. Am höchsten war sie in Spanien mit 71 Prozent, am geringsten in Frankreich mit 58 Prozent. In Deutschland sprachen sich 63 Prozent der Befragten dafür aus.

Auf den ersten Blick überrascht das Ergebnis, vor allem im Vergleich zur Stimmung in der Schweiz. Eine Erklärung könnte möglicherweise in dem konkreten Konzept für ein Grundeinkommen liegen, das den Befragten vorgelegt wurde. Denn 17 Prozent gaben an, noch nie von der Idee des Grundeinkommens gehört zu haben, weitere 25 Prozent hatten bislang wenig davon mitbekommen.

Welche Wirkung aber ein Grundeinkommen für den Einzelnen und die Volkswirtschaft entfaltet, hängt stark davon ab, wie hoch es ist und wie es finanziert wird.

In der Schweiz lässt der Referendumstext zwar beide Fragen explizit offen. Die Initiatoren machen aber keinen Hehl daraus, dass sie 2500 Franken für angemessen halten - in Deutschland entspräche das ungefähr 1500 Euro. Damit vertreten sie ein humanistisches Modell, das vom Zwang befreit, für Geld arbeiten zu müssen, ohne sich allzu sehr einschränken zu müssen. Der Gegensatz dazu ist das neoliberale Modell, das eher einer Art Hartz IV ohne Bedürftigkeitsprüfung entspricht - und bei dem sich die Frage der Finanzierbarkeit weitaus weniger stellt.

Stark nach diesem neoliberalen Modell klingt die Definition für die Teilnehmer der EU-weiten Umfrage: Ein Grundeinkommen "ersetzt andere Sozialversicherungsleistungen und ist hoch genug, um alle Grundbedürfnisse (Nahrung, Haushalt etc.) zu decken." Für viele Befragte dürften das keine überzogenen Ansprüche sein - in Europa ist es ohnehin Konsens, niemanden verhungern zu lassen.

Nur eine kleine Minderheit der EU-Bürger - vier Prozent - würde der Umfrage zufolge denn auch aufhören zu arbeiten, wenn ein Grundeinkommen eingeführt würde. Weitere sieben Prozent gaben an, weniger arbeiten zu wollen, immerhin 15 Prozent würden mehr Zeit mit ihrer Familie verbringen. Mit 34 Prozent antworteten allerdings die meisten Befragten, dass sie auch bei einem Grundeinkommen weiter so arbeiten würden wie bisher.

Am stärksten für ein bedingungsloses Grundeinkommen spricht für die EU-Bürger, dass es von finanziellen Existenzängsten befreit - 40 Prozent fanden dieses Argument überzeugend. 31 Prozent glauben, dass es mehr Chancengleichheit schaffen könnte.

Auch die EU-Umfrage bestätigt einen Befund, der bereits in früheren Befragungen zutage trat: Zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung klafft offenbar eine große Lücke. Während nur vier Prozent aufhören würden zu arbeiten, fürchten mehr als viermal so viele - 43 Prozent -, dass sich ihre Mitmenschen auf die faule Haut legen könnten.

Mit 34 Prozent besteht aus Sicht von etwa einem Drittel der befragten EU-Bürger die Gefahr, dass ein Grundeinkommen Ausländer in ihr Land locken könnte, die es nur auf diese Absicherung abgesehen hätten. Etwas weniger (32 Prozent) halten ein Grundeinkommen für nicht finanzierbar. Nur rund ein Fünftel stört sich an der vermeintlichen Aufhebung des Leistungsprinzips - also an der Bedingungslosigkeit des Grundeinkommens.

Dalia Research befragte zehntausend EU-Bürger im April 2016 im Zuge der regelmäßigen, repräsentativen e28-Umfrage, die unter anderem auch von der Bertelsmann-Stiftung verwendet wird. Das Marktforschungsinstitut lässt die Befragten online per Desktop-PCs, Tablets und Smartphone abstimmen - hierin liegt auch die einzige Einschränkung der Teilnehmerauswahl. Den Teilnehmern wird aber das Thema der Befragung nicht vorab mitgeteilt.

Forum - Diskussion über diesen Artikel
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ulrich_loose 21.05.2016
1. Ach nee
die Aufteilung der Abstimmenden dürfte dann recht genau den Zahlern und Empfängern der Zeche entsprechen... Dafür ist natürlich die Gruppe, die glaubt ohne Arbeit mehr Geld im Portemonnaie zu haben, dagegen ist die Gruppe die befürchtet mit irrsinnigen Steuern belastet zu werden und die Enthalter enthalten sich eben. Mich erinnert das irgendwie an eine Art "Gerechte sozialistische Volksrepublik Europa"... Dumm nur, dass der Laden so ganz sicher den Bach runter geht und global betrachtet hinten runter fällt.
spiegelzeit 21.05.2016
2. In Griechenland längst verwirklicht...
...auch in Spanien und Portugal, Italien: Geld ohne Arbeit, hunderte Milliarden, finanziert von den dämlichen Deutschen, es muss nur genügend Dumme geben, die den Schlauen das Nichtstun finanzieren.
vitalik 21.05.2016
3.
"Nur eine kleine Minderheit der EU-Bürger - vier Prozent - würde ... aufhören zu arbeiten... Weitere sieben Prozent gaben an, weniger arbeiten zu wollen... Mit 34 Prozent antworteten allerdings die meisten Befragten, dass sie auch bei einem Grundeinkommen weiter so arbeiten würden wie bisher." 34% sind die meisten? Klingt eher so, dass nur ein Drittel der Menschen nach der Einführung weiter so arbeiten würden, wie bischer. Nur ein Drittel Vollzeitkräfte klingt aber schon ziemlich gravierend. Übrigens, 4+7+34 sind nicht 100, was macht der Rest?
janne2109 21.05.2016
4. humanistisch?
Ich glaub's nicht! Was hat das mit Humanismus zu tun. Millionen Bürger arbeiten um sich ihren Wohlstand zu sichern oder gern auch zu vergrößern und ein Teil der Bevölkerung darf sich mit einem Grundeinkommen - dem Gedanken is ja humanistisch- in den Sessel lehnen und zum Kissenpupser werden.
RioTokio 21.05.2016
5.
Das bedingungslose Grundeinkommen gibts schon - nennt sich Sozialhilfe. Davon kann man leben, hat ne Wohnung, ist krankenversichert etc. Aber klar - Geschenke von irgendwem wollen alle. Da ist man sich schnell einig.
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