Arm trotz Arbeit: "Soziale Isolation lässt die Menschen zerbrechen"

Sie verdingen sich für minimalen Lohn als Erntehelfer oder am Fließband: Leiharbeiter stehen in der Beschäftigungshierarchie ganz unten. Bestsellerautor Günter Wallraff beklagt im Interview die wachsende Zahl dieser Jobs. Am schlimmsten aber sei der Verlust der Solidarität untereinander.

Gebäudereinigerin: "Alles nehmen, auf Abruf bereit stehen und jederzeit kündbar" Zur Großansicht
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Gebäudereinigerin: "Alles nehmen, auf Abruf bereit stehen und jederzeit kündbar"

SPIEGEL ONLINE: Für Ihr bekanntestes Werk "Ganz unten" haben Sie sich 1985 in die Welt der Niedriglöhner gewagt. Verglichen mit heute müssen Ihnen die Zustände fast paradiesisch erscheinen.

Wallraff: Da muss man differenzieren. Damals war die Diskriminierung von Arbeitern - meist türkischer Herkunft - weit schlimmer. Seit damals ist zum Beispiel bei Thyssen etliches verbessert worden. Die 16-Stunden-Schichten und der katastrophale Arbeitsschutz gehören dort der Vergangenheit an. Inzwischen stehen die Türken nicht mehr auf der untersten sozialen Hierarchiestufe.

SPIEGEL ONLINE: Wenn Sie den Niedriglohnsektor von damals und heute vergleichen, was hat sich konkret verändert?

Wallraff: Es gibt heute viel mehr Menschen, die in solchen prekären Verhältnissen beschäftigt sind. Und vielfach haben die Betroffenen sogar eine hohe Qualifikation. Wir sprechen da vom akademischen Proletariat. Die müssen alles nehmen, auf Abruf bereitstehen und sind jederzeit kündbar. In Deutschland gibt es inzwischen fast sieben Millionen derartiger Arbeitsverhältnisse.

SPIEGEL ONLINE: Die Arbeitsmarktreformen der rot-grünen Regierung haben der Leiharbeit zu einer Blüte verholfen. Jetzt sind viel mehr Menschen in Lohn und Brot als früher.

Wallraff: Nur noch jede vierte Stelle, die heute angeboten wird, ist eine normale Arbeitsstelle. Und das nennt man dann "Jobwunder".

SPIEGEL ONLINE: Welche der Arbeiten, die Sie im Laufe Ihrer Recherchen angenommen haben, war am schlimmsten - die als Stahlarbeiter, als Ali bei Thyssen-Krupp oder als Niedriglohn-Bäcker für den Lidl-Lieferanten?

Wallraff: Alles auf seine Art schlimm genug. Auch die Arbeit, die ich derzeit mache, ist rein körperlich nicht härter, als die Fließband- und Akkordarbeit meiner früheren Jahre. Aber ich empfinde sie trotzdem als belastender, denn die Solidarität unter den Kollegen ist abhanden gekommen, weil man sie systematisch gegeneinander ausspielt. Die soziale Isolation führt dazu, dass viele zerbrechen. Film und Printveröffentlichung noch in diesem Sommer, werden - darauf hoffe ich - einiges ändern.

SPIEGEL ONLINE: Für die Belastung der Betroffenen spielt auch die Trennung von ihren Familien eine große Rolle. Wie beurteilen Sie die Auswirkungen?

Wallraff: Viele der Arbeiter gründen erst gar keine Familie, bei anderen zerbricht die Beziehung an der Dauerbelastung. Wenn sich in einer Arbeitsgruppe ein Paar findet, ist die Beziehung schnell wieder gefährdet, wenn die beiden auf verschiedenen Schichten oder voneinander entfernten Arbeitsstellen eingesetzt werden. Von den Verantwortlichen nimmt selten jemand Rücksicht darauf. Die Vereinsamung führt dazu, dass die Menschen resignieren und sich aufgeben. Ich kenne welche, die in wenigen Jahren solcher Fronarbeit um 10 bis 20 Jahre gealtert sind.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie auch ein paar nette Chefs kennengelernt, die Sie unterstützt und gefördert haben?

Wallraff: Einige versuchen im Rahmen ihrer Möglichkeiten, menschlich zu bleiben, doch sie stehen in der Regel auch unter großem Druck seitens der Manager, die in der Hierarchie über ihnen stehen. Wer sich da zu weit vorwagt, gerät schnell ins Abseits. Das System hat sich inzwischen so weit verselbständigt, dass in der Regel meist niemand mehr offen als Ausbeuter auftreten muss. Jeder weiß genau Bescheid, wo die Grenzen liegen - und jeder kann dem anderen die Verantwortung zuweisen.

SPIEGEL ONLINE: Nach der Pleite von Schlecker waren plötzlich auch ganz andere Töne über das Unternehmen und sein Management zu hören. In vielen Berichten war Unternehmensgründer Anton Schlecker nicht mehr der Ausbeuter, sondern einer, der Geringqualifizierten einen Job gegeben hat. Ist die Bewertung eine Frage der Befindlichkeit?

Wallraff: Schlecker ist wohl ein negatives Extrembeispiel, bei Rossmann und DM sind - soweit mir bekannt - die Arbeitsbedingungen wesentlich besser. In der gesamten Branche geht es aber extrem hart zu. Der Verkaufsleiter eines Lebensmittel-Discounters hat mir neulich berichtet, er sei angewiesen worden, missliebigen Mitarbeitern einzelne Artikel aus dem Sortiment in die Tasche zu schmuggeln, um sie anschließend wegen Diebstahls entlassen zu können.

SPIEGEL ONLINE: Jüngst haben andere Journalisten mit Ihrer Methode die Arbeitswelt undercover erkundet. Der Autor Markus Breitscheidel hat sich als Leiharbeiter und Erntehelfer verdingt, Reinhard Schädler als Paketbote - inwieweit unterscheiden sich deren Erfahrungen von Ihren?

Wallraff: Sie leisten eine wichtige Arbeit. Ich wünsche mir mehr von ihrer Sorte und fördere über meine Stiftung auch Nachfolger. Nur leider sind es nur sehr wenige, die bereit sind, sich längerfristig dem auszusetzen.

Das Interview führte Michael Kröger

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insgesamt 211 Beiträge
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    Seite 1    
1. .
c_c 27.03.2012
wenn ich lesen muß, daß Abteilungsleiter von ihren Vorgesetzten zum, Verbrechen angestiftet werden, darf ich dann endlich behauoten, daß das ganze zugrundeliegende System verbrecherisch ist? Sollte mir jemals soetwas passieren und ich kann das nachweisen dann wäre schluß mit Maske der Zivilisation.
2. Bge
hödr 27.03.2012
Auch wenn ich es Anfangs für eine Spinnerei gehalten habe: Ein bedingungsloses Grundeinkommen könnte viele Probleme lösen und die Menschen endlich wieder in Würde leben lassen.
3. Mit Sozialschmus ...
ginfizz53 27.03.2012
Zitat von sysopSie verdingen sich für minimalen Lohn als Erntehelfer oder am Fließband. Leiharbeiter stehen in der Beschäftigungshierarchie ganz unten. Bestsellerautor Günter Wallraff beklagt im Interview die massive Zunahme dieser Jobs. Am schlimmsten aber sei der Verlust der Solidarität untereinander. Arm trotz Arbeit: "Soziale Isolation lässt die Menschen zerbrechen" - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Wirtschaft (http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,823887,00.html)
... lassen sich halt besser Millionen verdienen, wie mit ehrlicher Arbeit. Außer Wallraff wissen das noch andere, z.B. der selige Franz-Josef Degenhardt.Geschickt eine damals aufgetretene Marktlücke erkannt. Aber mal ernsthaft: Die Arbeitsgesetzgebung und ihre Handhabung durch die Gewerkschaften ist dergestalt, dass die Firmen keine andere Möglichkeit besitzen, als Leiharbeiter einzusetzen, um einigermaßen flexibel zu sein. Die Gewerkschaften sind insgeheim doch mit der Situation zufrieden: Ihrer Klientel haben sie lebenslange, praktisch unkündbare Arbeitsplätze z. B. in der Automobilindustrie geschaffen. Und das zu traumhaften Arbeitslöhnen. Das macht ihre Position im Betrieb unangreifbar und die Aufsichtsratssitze sicher...
4. Titel:
hansmaus 27.03.2012
Zitat von c_cwenn ich lesen muß, daß Abteilungsleiter von ihren Vorgesetzten zum, Verbrechen angestiftet werden, darf ich dann endlich behauoten, daß das ganze zugrundeliegende System verbrecherisch ist? Sollte mir jemals soetwas passieren und ich kann das nachweisen dann wäre schluß mit Maske der Zivilisation.
Dürfen tun sie das grundsätzlich schon aber wer hört ihnen zu? Der Praktikant der für 400€ in Redaktionen von Zeitungen arbeitet? Der Manager der nachts feucht wird wenn er von Gewinnmaximierung träumt oder etwa die Politik die sich großteils aus Lehrern oder anderen Beamten Rekrutiert und nicht die geringste Ahnung davon hat was solche Arbeitsverhältnisse bedeuten? In deutschland gibts für missliebige Wahrheiten 3 Varianten: -lächerlich machen -verharmlosen ("Einzelfälle") -Nazi ... Die Politik turnt in diesen Taktiken vor und die Medien plappert willig nach. Es wird sich rein garnichts ändern wenn nicht Barrikaden vor dem Reichstag brennen klingt radikal etc. aber so sieht es aus
5. ...........
janne2109 27.03.2012
da sind natürlich Facebook und andere sehr hilfreich gegen,----- statt sich mit Freunden und Bekannten zu treffen und sei es nur um in der Gegen herum zu schauen, sich anzuschauen, wird zu Hause geblieben und irgendein inhaltsloser Kram geschrieben. Was für eine Welt...., jede Eckkneipe ist mir lieber.
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Günter Wallraff
  • AFP
    Günter Wallraff, 70, ist gelernter Buchhändler und wurde durch seine Undercover-Reportagen bekannt. Mit einem Tagebuch über seine Erfahrungen in der psychatrischen Abteilung des Bundeswehr erregte er die Aufmerksamkeit des Schriftstellers Heinrich Böll. Seinen Durchbruch schaffte der in Köln lebende Journalist mit "Ganz unten", einem Bericht über seine Erfahrungen als türkischer Stahlarbeiter Ali. Für ein anderes Buch verdingte er sich als Reporter für die "Bild"-Zeitung. Mit einem Report deckte er die skandalösen Zustände bei einem Großbäcker auf. Das Unternehmen steht nach dreijähriger Prozeßverschleppung am 4.Juli nun vor Gericht und wird wegen fahrlässiger Körperverletzung angeklagt. Derzeit hat Wallraff ein neues Buch über die Arbeitswelt in Arbeit. Sein Bestseller "Schöne neue Welt" (Kiepenheuer und Witsch, 2009) erscheint in Kürze als Taschenbuch.
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