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Elbvertiefung: Ja, wann baggern sie denn?

Von und Hanz Sayami (Grafiken)

Pläne zum Fahrrinnenausbau: Elbvertiefung, die Zehnte Fotos
SPIEGEL ONLINE

Seit 13 Jahren streitet Hamburg über die Vertiefung der Elbe. Ein entscheidendes Gerichtsurteil könnte schon in diesem Frühjahr fallen. Aber: Braucht die Wirtschaft den Ausbau des Flusses eigentlich?

Die Recherche-Serie
Über viele Nachrichten und Menschen wird eine Zeit lang sehr ausführlich berichtet - dann verschwinden sie wieder aus den Schlagzeilen. Wie entwickeln sich die Themen weiter, was wurde aus den Personen? Das erklären wir in dieser Serie.
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Zeit ist Geld. In keinem Gewerbe gilt das so sehr wie in der Containerschifffahrt.

Die Tageskosten der größten Schiffe, die etwa 18.000 bis 19.000 Container tragen können, liegen bei schätzungsweise gut 50.000 Dollar. "Das heißt: Wenn solche Schiffe aufgrund einer etwas zu starken Beladung einen halben Tag auf die nächste Flutwelle warten müssen, dann sind das schnell eben mal 25.000 Dollar Kosten", sagt Burkhard Lemper, Direktor am Institut für Seeverkehrswirtschaft und Logistik (ISL) in Bremen.

Auf die nächste Flut warten: Das müssen alle Schiffe mit mehr als 13,5 Meter Tiefgang, um in die Elbe fahren zu können, wie eine Grafik in der Bildergalerie zeigt. Bei normalem Wasserstand ist die Fahrrinne für diese Frachter nicht tief genug.

Um den Fluss für immer größere Schiffe passierbar zu machen, wird die Elbe seit mehr als 150 Jahren immer tiefer ausgebaggert. Nun soll es nach dem Willen der Stadt Hamburg wieder so weit sein.

Doch der Streit um die Elbvertiefung befindet sich in der Warteschleife. Genauer gesagt geht es um eine "Fahrrinnenanpassung", denn auch in der Breite soll die Wasserstraße in Hamburg ausgebaut werden. Seit Oktober 2012 wurden die Pläne auf Betreiben von Umweltschützern vorerst gestoppt. Die Umweltverbände BUND und Nabu hatten mit Unterstützung des WWF beim Bundesverwaltungsgericht in Leipzig eine einstweilige Anordnung dagegen erwirkt.

Die Richter in Leipzig vertagten daraufhin die Entscheidung. Sie verwiesen auf ein ausstehendes Urteil des Europäischen Gerichtshofs (EuGH) in einem vergleichbaren Fall. Dabei geht es um die Vertiefung der Weser: Dem Bundesverwaltungsgericht zufolge hängt an dem EuGH-Urteil auch die Entscheidung über das Verfahren zur Elbvertiefung, weil die Fragen des Verfahrens "sich auch hier stellen".

Ein Urteil wird nun frühestmöglich in diesem Frühjahr erwartet - eventuell aber auch deutlich später. Zurzeit werde der Fall noch beraten, teilte die Pressestelle des EuGH SPIEGEL ONLINE mit.

Fotostrecke

20  Bilder
Rangliste 2014: Die Weltliga der Containerhäfen
Der Protest der Umweltschützer hat seine Berechtigung, wie SPIEGEL ONLINE berichtete. Dem entgegen stehen die Interessen der Wirtschaft. Aber warum und wie sehr braucht die Containerwirtschaft den Ausbau der Hamburger Fahrrinne eigentlich?

Nicht so sehr, befand kürzlich der Co-Chef des Terminalbetreibers Eurogate, Emanuel Schiffer. "Durch die Elbvertiefung wird sich bei den Großschiffen der neuesten Generation keine wesentliche Verbesserung ergeben", sagte Schiffer anlässlich einer Bilanzpressekonferenz seines Unternehmens. Dass sich mit ihm nun auch ein Manager der Logistikbranche skeptisch äußert, wollen manche Beobachter schon als Signal dafür sehen, dass die Elbvertiefung für die Schiffswirtschaft fast nichts bringt.

Das Hauptargument: Es gibt mit dem Jade-Weser-Port in Wilhelmshaven einen kaum genutzten Containerhafen, der auch von den allergrößten Containerfrachtern angelaufen werden kann. Allerdings muss man auch wissen: Eurogate betreibt den Containerterminal am Jade-Weser-Port - und hat damit naturgemäß ein Interesse, mehr Verkehr in diesen Hafen zu lenken.

Der Bremer Logistikexperte Lemper sieht das Thema differenzierter. Insgesamt sei es zwar schwierig, die Bedeutung der Elbvertiefung für die deutsche Wirtschaft zu beziffern, so Lemper. Und sicherlich gebe es die Problematik, dass der Ausbau der Elbe so, wie er im Moment geplant ist, nicht jede Einschränkung aufhebt.

Die Anpassung der Fahrrinne werde aber "auf jeden Fall ausreichen, um Schiffe mit mehr Ladung einlaufen oder auslaufen lassen zu können," sagt Lemper. Zumal die Gefahr besteht, dass die Frachter statt nach Wilhelmshaven gleich in den Hafen Rotterdam ausweichen, der mit dem Terminal Maasvlakte 2 besonders große Kapazitäten geschaffen hat.

Der Hamburger Hafen belegt in der Rangliste der Containerhäfen weltweit zurzeit Platz 15. Die Hansestadt ist der einzige deutsche Standort in den Top 20 der Containerhäfen 2014.

Welt-Containerhäfen 2014
2014 2013 Hafen TEU 2013* TEU 2014* Veränderung absolut Veränderung in Prozent
1 1 Shanghai 33.617.000 35.285.000 1.668.000 5,0
2 2 Singapur 32.579.000 33.869.000 1.291.000 4,0
3 3 Shenzhen 23.278.000 24.030.000 752.000 3,2
4 4 Hongkong 22.352.000 22.284.000 -68.000 -0,3
5 6 Ningbo-Zhoushan 17.327.000 19.450.000 2.123.000 12,3
6 5 Busan 17.682.000 18.652.000 970.000 5,5
7 7 Qingdao 15.520.000 16.624.000 1.104.000 7,1
8 8 Guangzhou 15.309.000 16.160.000 851.000 5,6
9 9 Dubai 13.641.000 15.249.000 1.608.000 11,8
10 10 Tianjin 13.010.000 14.050.000 1.040.000 8,0
11 11 Rotterdam 11.621.000 12.298.000 677.000 5,8
12 12 Port Klang 10.350.000 10.946.000 596.000 5,8
13 14 Kaohsiung 9.940.000 10.590.000 650.000 6,5
14 13 Dalian 9.991.000 10.128.000 137.000 1,4
15
15
Hamburg 9.257.000 9.729.000 471.000 5,1
16 16 Antverpen 8.578.000 8.978.000 399.000 4,7
17 17 Xiamen 8.008.000 8.572.000 565.000 7,0
18 18 Los Angeles 7.869.000 8.340.000 471.000 6,0
19 19 Tahjung Pelepäs 7.628.000 8.523.000 895.000 11,7
20 20 Long Beach 6.731.000 6.821.000 90.000 1,3
Quelle: Hafen Hamburg Marketing
*Anzahl Standardcontainer (TEU)
vorläufige Daten für 2014 (Stand April 2015)
Damit das so bleibt, argumentieren die Vertiefungsbefürworter, müsse der Hamburger Hafen auch für große Containerschiffe leicht erreichbar sein. Also für jene, die 10.000 Standardcontainer oder mehr transportieren können (Standardcontainer werden auch im Deutschen meist mit "TEU" abgekürzt, das bedeutet "Twenty Foot Equivalent Unit"). Im Jahr 2014 haben 507 Schiffe dieser Größenordnung den Hamburger Hafen angelaufen. Das sind 24 Prozent mehr als im Vorjahr.

Es geht auch um Jobs. Durch die Fortschritte in der Produktivität braucht man im Hafen immer weniger Personal für die gleiche Leistung. "Das heißt: Um Beschäftigung aus dem Hafenumschlag stabil zu halten, muss man ein gewisses Maß an Wachstum haben", sagt Lemper. "Und wenn man das gefährdet durch die Verhinderung der Elbanpassung, dann gefährdet man sicherlich auch die Arbeitsplätze."

"Die größten Beschäftigungseffekte" am Hamburger Hafen werden durch den Containerumschlag erzielt, heißt es in einer Studie im Auftrag der Hamburg Port Authority. Insgesamt liegt der Containeranteil an der hafenabhängigen Beschäftigung bei 58 Prozent.

Falls die Elbvertiefung kommen sollte, wie geht es weiter?

Die Anpassung der Fahrrinne im Hamburger Hafen ist einer der Punkte, bei denen die Hamburger Grünen Zugeständnisse an den Koalitionspartner SPD machen: Wenn die Gerichte der Elbvertiefung zustimmen, soll sie laut Koalitionsvertrag auch kommen. Wie ginge es dann weiter?

Wenn alle Genehmigungen vorliegen, werde die Fahrrinne der Elbe zunächst "in einem allerersten Bauabschnitt zwischen Glückstadt und Hamburg von 300 auf 320 Meter" verbreitert - erst einmal ohne Vertiefung, erklärt Jörg Osterwald vom zuständigen Wasser- und Schifffahrtsamt Hamburg.

Die geplante Verbreiterung bringe "die größtmögliche Entlastung von dem enormen Druck, unter dem der Hafen steht - wegen der Begegnungsrestriktion". Im Klartext: In Zukunft soll die Fahrrinne so ausgebaut werden, dass auch sehr große Containerschiffe leichter aneinander vorbeifahren können.

Parallel zum ersten Bauabschnitt ("Verbreiterung") wird die Elbvertiefung europaweit ausgeschrieben. "Das Ausschreibungspaket liegt hier schon fertig in der Schublade", sagt Osterwald. Im besten Fall, wenn keine Firma klagt oder Beschwerde einlegt, werde die Vergabe etwa ein halbes Jahr dauern.

Sollten die Richter also tatsächlich in diesem Jahr zu einer Entscheidung über den Ausbau der Fahrrinne kommen, würde es noch mal etwa rund drei Jahre lang dauern, bis die Elbe fertig ausgebaggert ist. Frühestmöglicher Zeitpunkt des Bauabschlusses ist momentan also ungefähr das Jahr 2019. Der Antrag, die Elbe für die Schifffahrt nach Hamburg erneut - und damit zum zehnten Mal - anzupassen, stammt aus dem Monat Februar 2002.

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1. ist grün noch grün?
make_it_sexy 06.05.2015
Seit 13 Jahren vertreten die Grünen die Meinung, dass die Elbe nicht vertieft werden müsste bzw. Art vor einer Elbvertiefung geschützt werden müssen. Mit der Möglichkeit einer Regierungsbeteiligung gibt es diese Zweifel nicht mehr. Das ist genau wie bei Kohlekraftwerk in Moorburg. Es ist schon bitter zu sehen, wie mit den Stimmen der Wähler umgegangen wird und was Wahlversprechen werde sind. Welches Vorbild gibt mir ein Politiker?
2. Baggern . . .
culinarius 06.05.2015
Die Elbe wird doch schon seit Jahren heimlich ausgebaggert. Wenn man am Elbdeich wohnt, kann man wunderbar beobachten, wie das betrieben wird: Unter dem Deckmantel der Fahrinnenerhaltung! Verklappt wird das ganze dann kurz hinter Cuxhaven. Die Flut bringt es dann aber so nach und nach wieder zurück. Eine Lizenz zum Gelddrucken für die Betreiber der Bagger . . . Wenn dann bei einer Sturmflut die tief liegenden Ländereien mit der Landbevölkerung überflutet werden, zählen die Pfeffersäcke ihre Einnahmen. Noch wahrscheinlicher als eine schwere Sturmflut ist, dass sich einer dieser Containerriesen bei einer Havarie queer legt und den Deich beschädigt. Dann Gute Nacht! Das betreiben des Hamburger Hafens so weit im Binnenland, ist genau so blödsinnig, wie der Betrieb einer Megawerft im Binnenland an der Ems.
3. Elbervertiefung ist Verschwendung von Steuergeldern
willi2011 06.05.2015
Hinter vorgehaltener Hand sagen selbst Reeder, dass sie die Vertiefung nicht brauchen. Außerdem gibt es den Jade-Weser-Port, der leer steht. Elbvertiefung ist daher Verschwendung von Steuergeldern!
4. weltweit Platz 15
derdingens 06.05.2015
"Der Hamburger Hafen belegt in der Rangliste der Containerhäfen weltweit zurzeit Platz 15. Die Hansestadt ist der einzige deutsche Standort in den Top 20 der Containerhäfen 2014." Vielleicht sollte man an der Stele auch mal erwähnen, dass es europaweit Platz 2 ist. Hamburg ist damit größer als jeder amerikanische Hafen. Sicher muss man sich hier vor allem mit Rotterdam messen, aber angesichts des Umstands dass beide ein vergleichbares Wachstum aufwiesen, wird der Hafen wohl kaum gleich verschwinden, weil nicht weiter ausgeaggert wird. Zudem sollte man sich mal Gedanken darüber machen, dass die fortschreitende Automatisierung wesentliche stärkere Auswirkungen auf die Zahl der Arbeitsplätze haben wird, als die fehlende Wassertiefe.
5. Und was ist,
baghira1 06.05.2015
wenn die Schiffe noch tiefer werden? Weiter ausbaggern , bis man die Tunnels weggräbt? Kann nicht sein. Hamburg war so dumm, das sie sich vom Jade Weser Port verabschiedet haben. Kürzerer Weg, ausbaubare Hinterlandanbindung und tief genug für die nächsten Containerriesen. Die Bahnstrecken in Hamburg sind schon durch die Personenzüge überlastet. Die Straßen in Hamburg sind auch nicht mehr die besten und eigentlich immer voll.
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