Hambacher Forst Polizisten fällen Bäume, Aktivisten wehren sich

Besetzer der Baumhäuser im Hambacher Forst stemmen sich mit unappetitlichen Mitteln gegen die Polizei. Mit schwerem Gerät dringen die Einsatzkräfte vor.

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Die Polizei hat im Hambacher Forst mit der Räumung eines der größten Baumhausdörfer begonnen. Der Weg in die Siedlung "Oaktown" wurde verbreitert, um schweres Gerät in den Wald zu bringen. Dort gibt es etwa sechs bis acht Baumhäuser. Die Bewohner von "Oaktown" warfen der Polizei vor, dabei etwa 20 Bäume gefällt zu haben, darunter auch einige sehr alte.

Die Polizei bestätigte einzelne Baumfällungen. Ihren Angaben zufolge wurden zehn Aktivisten wegen Widerstandshandlungen und Landfriedensbruch in Gewahrsam genommen, 18 weitere wurden weggetragen.

Am Morgen seien die Kohlegegner erneuten Aufforderungen der Behörden zum Verlassen der Baumhäuser nicht gefolgt, teilte die Aachener Polizei mit. "Im Rahmen der Vollzugshilfe muss die Polizei Aachen nun einschreiten."

Livestream: Die Räumung im Hambacher Forst geht weiter

Dabei wehrten sich die Besetzer mit unappetitlichen Mitteln: "Die noch derzeit in den Baumhäusern befindlichen Personen verrichteten derzeit ihre Notdurft unmittelbar über den eingesetzten Polizeibeamten und weigerten sich, die Baumhäuser zu verlassen", teilte die Polizei mit. Auch einen brennenden Holzscheit sollen die Besetzer auf die Polizisten geworfen haben. Die Polizei rief dazu auf, sich von gewalttätigen Aktionen zu distanzieren.

Einer Polizeisprecherin zufolge waren bereits am frühen Morgen wieder mehrere Hundertschaften der Polizei zum Einsatz vor Ort; von Hebekränen aus verhandelten die Polizisten nach eigenen angaben am Mittag mit den Baumhausbewohnern. In der Nacht hatte es keine Zwischenfälle gegeben.

Die Bewohner kündigten weiter gewaltlosen Widerstand an. Einer von ihnen, Clumsy, sagte der Deutschen Presse-Agentur, er werde sich an einen Betonblock ketten. "Die anderen wollen entweder ganz hoch in die Baumwipfel klettern oder sich auch an etwas festketten." Clumsy hat nach eigenen Worten vier Jahre in "Oaktown" gewohnt.

Proteste auch in der Hauptstadt

In Berlin haben Braunkohlegegner am Morgen die Landesvertretung von Nordrhein-Westfalen blockiert. Es seien Polizisten von der Vertretung angefordert worden, sagte ein Sprecher der Berliner Polizei.

Eine kleine Personengruppe ist demnach in dem Gebäude und habe die Besetzung erklärt. Laut Mitteilung von der Organisation Ende Gelände soll die Landesvertretung so lange besetzt bleiben, bis die Landesregierung den Polizeieinsatz im Wald beendet. Am Mittag begannen Polizeibeamte damit, die Besetzer wegzutragen.

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Proteste in der Hauptstadt: Der Hambacher Forst ist auch in Berlin

Am Donnerstag hatten Spezialkräfte die ersten Aktivisten aus den Baumhäusern geholt und einige der jahrelang geduldeten Bauten zerstört. Dabei kam es zu Auseinandersetzungen zwischen Aktivisten und Polizei. In der Nacht sicherten Polizisten die bereits geräumten Waldstücke ab.

Der nordrhein-westfälische Innenminister Herbert Reul (CDU) verteidigte die Räumung. "Der Staat muss sich durchsetzen", sagte Reul im Deutschlandfunk. Gerichte hätten entschieden, und nun sei es die Aufgabe des Staates, Recht und Gesetz anzuwenden. Dazu gebe es keine Alternative.

Dass die Behörden gerade jetzt gegen die jahrelang geduldeten Baumhäuser in dem von Rodung bedrohten Wald vorgehen, begründete Reul mit "Gefahr im Verzug". Es seien immer mehr Kriminelle auch aus dem Ausland angereist und man habe Waffen gefunden. Der Innenminister rief friedliche Demonstranten dazu auf, sich stärker von gewalttätigen Aktivisten zu distanzieren.

Sarah Wagenknecht ruft zur Unterstützung der Aktivisten auf

Linke-Fraktionschefin Sarah Wagenknecht sprach sich am Mittag hingegen für die Unterstützung der Aktivisten aus: "Ich rufe alle, die das jetzt sehen, auf, sich auf den Weg zu machen um den Hambacher Forst für uns alle zu bewahren", sagte sie.

Zudem kritisierte die Politikerin Heimatminister Horst Seehofer (CSU): "Aber wo ist denn unser Heimatminister, wenn ein 12 000 Jahre alter Wald fallen soll? Was sind das für Konservative, denen die Rodung des letzten Altwaldes auf deutschem Boden gleichgültig ist?"

Video: "Die Räumung könnte Wochen dauern"

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Der Energiekonzern RWE will im Herbst weite Teile des Waldes abholzen, um weiter Braunkohle baggern zu können. Vor Beginn der Kohleförderung war der Wald etwa 4100 Hektar groß. Nach Angaben des Tagebau-Betreibers RWE Power wurden bislang gut 3900 Hektar für den Kohleabbau gerodet.

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Braunkohlerevier: Polizei startet Räumung im Hambacher Forst

RWE bekräftigte inzwischen, im Oktober mehr als 100 der verbliebenen 200 Hektar Wald abholzen zu wollen. "Der Tagebau steht quasi direkt vor dem Wald und dementsprechend müssen wir auch roden", sagte RWE-Vorstandsmitglied Lars Kulik dem Hörfunksender WDR 2.

Es gebe keinen Zeitpuffer mehr, da bereits im vergangenen Jahr nicht gerodet worden sei. Die Abholzung darf frühestens mit Beginn der Rodungssaison ab 1. Oktober beginnen. Aus Sicht des Konzerns ist sie unvermeidbar, um die Stromproduktion zu sichern.

SPIEGEL.TV: Umweltaktivisten gegen Braunkohleabbau

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brt/dpa/AFP

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