Faktencheck Kann man den Tagebau Hambach stilllegen?

Umweltschützer fordern die weitgehende Stilllegung des Tagebaus Hambach, um einen angrenzenden Wald zu retten. Wäre das technisch möglich? Und was würde es kosten? Der Check.

Braunkohlekraftwerk (Archivbild)
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Braunkohlekraftwerk (Archivbild)

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In Nordrhein-Westfalen spielt sich gerade ein scheinbar absurdes Schauspiel ab. Während in Berlin eine Regierungskommission über den Kohleausstieg berät, ist die Polizei im Hambacher Forst nahe Kerpen seit Tagen damit beschäftigt, Hunderte Umweltaktivisten aus selbst gebauten Baumhäusern zu vertreiben - weil der Konzern RWE unter dem Wald Braunkohle abbauen will.

Nicht nur Umweltschützer finden das widersinnig. Selbst Pfarrer haben in dem uralten Wald schon eine Sitzblockade veranstaltet. Manche fordern gar, den Tagebau Hambach stillzulegen. "Der Braunkohlestrom verstopft nur unsere Leitungen und gefährdet das Klima", sagte kürzlich etwa Anton Hofreiter, Fraktionsvorsitzender der Grünen im Bundestag. Die veralteten Kraftwerke, die an dem Tagebau Hambach hängen, würden ohnehin nicht mehr gebraucht.

Wäre eine Schließung des Tagebaus und der von ihm versorgten Kraftwerke möglich? Der Check.

Wie viel Kohle wird in Hambach gefördert?

Die Fördermenge des Tagebaus Hambach beträgt rund 40 Millionen Tonnen pro Jahr, von denen im Kraftwerk Neurath etwa 18 Millionen Tonnen verfeuert werden. Im Kraftwerk Niederaußem werden jährlich etwa 10 Millionen weitere Tonnen Braunkohle aus dem Standort Hambach zur Stromproduktion eingesetzt.

In Neurath lag der Anteil der Hambach-Kohle 2016 bei 56 Prozent, in Niederaußem waren es 37 Prozent. Der Rest der Kohle kam jeweils aus dem Tagebau Garzweiler.

Die restlichen 12 Millionen Tonnen Kohle, die jedes Jahr in Hambach gefördert werden, gehen in die sogenannte Veredlung. Aus ihnen werden Industriebrennstoffe für energieintensive Produktionsprozesse, Aktivkoks für Abgas- und Abwasserreinigung sowie feinkörnige Kohlenstoffkonzentrate für metallurgische, chemische und andere industrielle Prozesse hergestellt.

Kann man die von Hambach versorgten Kraftwerke abschalten?

Ein Räumpanzer und ein Wasserwerfer der Polizei stehen am 15.09.18 einsatzbereit am Rand des Tagebaus Hambach
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Ein Räumpanzer und ein Wasserwerfer der Polizei stehen am 15.09.18 einsatzbereit am Rand des Tagebaus Hambach

Die Anlage in Neurath ist das größte Kraftwerk Deutschlands und das zweitgrößte Braunkohlekraftwerk Europas, ihre sieben Blöcke besitzen eine elektrische Nettoleistung von rund 4200 Megawatt. Das Kraftwerk Niederaußem kommt mit seinen sieben Blöcken netto auf knapp 3400 Megawatt.

Nach Angaben des ehemaligen Grünen-Staatsekretärs im Wirtschaftsministerium, Rainer Baake, wäre die Stromversorgung auch dann noch gesichert, wenn man rund sieben Gigawatt Leistung vom Netz nehmen würde. Die Lücke könnte gefüllt werden, indem Gaskraftwerke und andere Kohlemeiler die Produktion erhöhen. Die Bundesnetzagentur, Deutschlands oberste Behörde für den Energiesektor, teilt Baakes Einschätzung grundsätzlich.

Zumindest theoretisch könnte ein Großteil der Blöcke also wohl tatsächlich vom Netz. Die Blöcke, die noch weiterbetrieben werden, könnten aus dem Tagebau Garzweiler versorgt werden.

Wie teuer würde die Stilllegung von Tagebau und Kraftwerken?

Das Kraftwerk Neurath produziert jährlich rund 31 Millionen Megawattstunden Strom, die Anlage in Niederaußem etwa 26 Millionen Megawattstunden. Der Börsenstrompreis lag im vergangenen Monat durchschnittlich bei 55 Euro pro Megawattstunde.

Nimmt man diesen Preis als Orientierungswert, dann würden RWE bei einer kompletten Stilllegung der Kraftwerke Neurath und Niederaußem Umsätze von mehr als drei Milliarden Euro im Jahr entgehen. Selbst wenn nicht alle Blöcke vom Netz gehen, wären die Verluste gewaltig. Zumal ja auch noch die Einnahmen aus der Kohleveredlung wegfallen würden.

Inwieweit der Steuerzahler RWE für die Einnahmeneinbußen entschädigen müsste, ist umstritten. Grünen-Fraktionschef Hofreiter behauptet, durch ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts zum Atomausstieg sei geklärt, dass die Regierung alte Kraftwerke aus Umweltgründen stilllegen dürfe, ohne dafür Entschädigungen zahlen zu müssen.

RWE dürfte das anders sehen - immerhin hat der Konzern erst 2016 vom Land NRW noch einmal garantiert bekommen, den Hambacher Tagebau noch Jahrzehnte weiterbetreiben zu dürfen.

Die Stilllegung des Tagebaus Hambach wäre somit für den Steuerzahler ein gewaltiges Kostenrisiko. Und für die Tausenden Mitarbeiter, die noch im Tagebau und in den entsprechenden Kraftwerksblöcken beschäftigt sind, wäre es eine existenzielle Bedrohung.

Macht die Stilllegung von Tagebau und Kraftwerken ökologisch Sinn?

Es wäre ökologisch nur sinnvoll, in den Kraftwerken Niederaußem und Neurath die alten Blöcke aus den Siebzigerjahren abzuschalten, die sehr viel CO2 ausstoßen. Nicht aber die wesentlich später gebauten Blöcke, die deutlich effizienter sind.

Es gibt an anderen deutschen Standorten noch weitere alte, schmutzige Kraftwerke. Zum Beispiel den Braunkohlemeiler in Jänschwalde. Der müsste deutlich länger Strom produzieren, wenn man möglichst viele am Hambacher Tagebau hängenden Kohleblöcke stilllegen würde. Deutschlands CO2-Bilanz würde das belasten.

Die modernen Blöcke in Niederaußem und Neurath machen rund drei Gigawatt der installierten Leistung der beiden Standorte aus. Wenn sie am Netz bleiben, dann brauchen sie grob überschlagen rund elf Millionen Tonnen Braunkohle pro Jahr.

Wenn man Hambach schließen würde, dann müsste der Tagebau Garzweiler seine jährliche Fördermenge um rund 30 Prozent steigern. Es müssten zudem zusätzliche Güterzüge eingesetzt werden, die die Kohle nach Niederaußem und Neurath schaffen. Es ist fraglich, ob das technisch und logistisch möglich ist; und was die Anwohner von Garzweiler dazu sagen würden.

Fazit

Es ist unwahrscheinlich, dass der Tagebau Hambach und die an ihm hängenden Kraftwerke kurzfristig ganz geschlossen werden. Die finanziellen, ökologischen, technischen und logistischen Herausforderungen dürften dafür zu groß zu sein.

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