Hambacher Forst RWE-Chef und Umweltschützer treffen sich zum Krisengespräch

Der Energiekonzern RWE und die Umweltverbände BUND, DNR und Greenpeace fürchten eine Eskalation der Gewalt im Hambacher Forst. Nach SPIEGEL-Informationen wurde ein Spitzentreffen anberaumt.

Aktivisten im Hambacher Forst
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Aktivisten im Hambacher Forst

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Die Umweltschutzverbände BUND, Deutscher Naturschutzring und Greenpeace haben sich mit RWE-Chef Rolf Martin Schmitz getroffen, um eine Deeskalation im Streit über die geplante Rodung des Hambacher Forstes zu erreichen. Das berichteten zwei Insider dem SPIEGEL.

RWE will im Oktober hundert Hektar des 12.000 Jahre alten Waldes roden lassen, um sein angrenzendes Braunkohletagebaugebiet zu vergrößern. Die Umweltschützer wollen dies verhindern.

Bei einer Räumung des Geländes könnte es zu gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen militanten Aktivisten und Polizisten kommen, möglicherweise auch zu Verletzten. In den vergangenen Wochen waren Beamte teils heftig von den Aktivisten angegriffen worden. Vergangene Woche hatte RWE unter starkem Polizeischutz mit ersten Aufräumaktionen begonnen.

Aktivisten halten seit Jahren einen Teil des Gebiets besetzt. Immer wieder kommt es zu Zusammenstößen mit der Polizei. Die Umweltverbände haben sich mehrfach von den gewalttätigen Protesten distanziert - fürchten aber dennoch, für mögliche Ausschreitungen die Mitschuld zu bekommen. Auch RWE will keinen Märtyrer aufseiten der Aktivisten riskieren.

Die Umweltverbände hatten deshalb ein Treffen bei RWE angefragt - das der Konzern auch recht schnell zusagte. Es gehe darum, Möglichkeiten ausloten, wie eine Eskalation der Gewalt verhindert werden könne, hieß es.

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Hambacher Forst: Widerstand gegen Abholzung und Kohleabbau

Die Chancen auf eine Einigung sind gering. Denn die Fronten zwischen dem Energiekonzern und den Umweltschützern sind verhärtet. Die Angebote, die RWE bislang vorgelegt habe, seien keine wirklichen Kompromissvorschläge, ist im Lager der Umweltschützer zu hören.

Der Hambacher Forst ist in den vergangenen Wochen immer mehr zum Symbol für eine Änderung der Klimapolitik geworden. Die Umweltschützer verlangen von RWE, den Wald nicht abzuholzen, bis die von der Regierung einberufene Kommission "Wachstum, Strukturwandel und Beschäftigung" ihren Masterplan für den deutschen Kohleausstieg vorgelegt hat.

RWE dagegen argumentiert, dass man so lange nicht mehr warten könne. Ohne weitere Kohleförderung könnten die Kraftwerke in der Region bald nicht mehr betrieben werden, heißt es. Fünfzehn Prozent der Stromversorgung Nordrhein-Westfalens seien dann gefährdet - und damit auch die Versorgung vieler Industrieunternehmen mit besonders hohem Energiebedarf.

Die Kommission will ihre Vorschläge bis Ende 2018 vorlegen. Der Streit um den Hambacher Forst hatte zuletzt auch die Verhandlungen in dem Gremium belastet.

Gespräch bleibt ohne Ergebnis

Am Dienstagnachmittag teilten beide Seiten mit, das Gespräch sei ohne konkretes Ergebnis geblieben. RWE schlug nach eigenen Angaben vor, gegebenfalls erst ab dem letzten geplanten Sitzungstag der Kohlekommission am 15. Dezember mit den Arbeiten zu beginnen. Nach Angaben von Greenpeace sollten die Verbände im Gegenzug aber die Rodung des Waldes öffentlich akzeptieren.

Greenpeace-Geschäftsführer Martin Kaiser kritisierte, mit seiner Haltung verhindere der Konzern jeden Kompromiss. RWE-Chef Schmitz könne "diesen gesellschaftlichen Konflikt entschärfen, indem er die Kettensägen schweigen lässt, bis die Kohlekommission ihre Arbeit zum sozialverträglichen Ausstieg aus der klimaschädlichen Kohle abgeschlossen hat". Es sei aber keinesfalls sicher, dass dies bereits Mitte Dezember der Fall sein werde.

Nach RWE-Angaben sind die Rodungsmaßnahmen hingegen bereits für die Aufrechterhaltung des Tagebaubetriebs und die Kohlegewinnung in den kommenden zwei Jahren notwendig. Deshalb bestehe kein inhaltlicher Zusammenhang zu den Ergebnissen der Kommission. Trotz der missglückten Einigung begrüße man den offenen Austausch. "Uns war das Gespräch wichtig", sagte RWE-Chef Schmitz. "Wir respektieren andere Meinungen im Diskurs um die Braunkohle, sofern sie friedlich vorgetragen werden."



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68thspirit 11.09.2018
1. RWEs Argumentation ist absolut hanebüchen
Als könnte man wirklich nicht noch 2-3 Monate warten, bis die Ergebnisse der Kohlekomission vorliegen. Und als wäre NRW vom restlichen Land abgeschnitten und sollte es (was reichlich unwahrscheinlich bei dieser kurzen Verzögerung) zu Einbußen in der Energiegewinnung kommen, diese nicht von woanders her bezogen werden könnte. Prinzipiell aber gut, dass dieses Treffen zwischen RWE und Umweltverbänden stattfindet.
kennke 11.09.2018
2. Fake-News
"Bei dem Einsatz wurden Beamte teils heftig von den Aktivisten angegriffen." Selbst die Polizei hat bestätigt, dass es zu keinerlei Vorfällen kam. Was leider verschwiegen wird ist, dass die Polizei einem Umweltschützer vorsätzliche den Arm gebrochen hat (es gibt auch ein Video davon).
corny2 11.09.2018
3. Fragen & Fakten
1. Wird die Braunkohle aus dem Hambacher Forst auch zur Eisenerzverarbeitung zu Stahl verwendet? 2. Ein wichtiges Gegenargument gegen fossile Rohstoffe ist ja, dass wir uns dadurch zu sehr vom von zweifelhaften Staaten / Menschen im Ausland abhängig machen (z.B. Golfstaaten, russische Regierung). Dieses Gegenargument zählt hier leider nicht. Weil dieses Argument fehlt, wird diese Fehlstelle durch umso mehr Aktivität der Klimaschutz-Aktivisten wett gemacht. 3. Aus Wikipedia: Das Loch vom Tagebau Hambach ist 400 Meter tief und das tiefste Loch Deutschlands. Neben der vollständigen Flutung [des Tagebaus] besteht auch die Möglichkeit ein Pumpspeicherkraftwerk zu errichten. Ein Patent von 1995 führt aus, dass ein solches Pumpspeicherwerk im Tagebau Hambach realisierbar ist und ein Vielfaches der aktuell in Deutschland verfügbaren Pumpspeicherkapazität zur Verfügung stellen kann. Durch die zunehmende Nutzung erneuerbarer Energien gewinnt diese Option an Bedeutung und wird vom Bergamt mit Interesse verfolgt. Je früher diese Möglichkeit umgesetzt wird, desto besser!
Hirschkuh 48 11.09.2018
4. Als 'Ehemalig' von der Startbahn West
möchte ich den Aktivisten 2 Dinge sagen 1. Respekt vor Euch und Euren Idealen und Eurer Energie! 2. Es wird nichts nutzen. siehe Startbahn West, Stuttgart 21 etc. Hierzulande werden Tatsachen geschaffen - nicht rumdiskutiert. Ich kann nur hoffen, dass die Kettensägen, wenn sie nachts kommen um Bäume zu töten, niemanden sonst verletzen.
noalk 11.09.2018
5. Ausgleichsmaßnahmen
Wie will RWE den "Umweltverbrauch" im Hambacher Forst ausgleichen? Wo sollen Bäume gepflanzt werden oder ähnliche Maßnahmen erfolgen? @#1: Eine weitere Verzögerung kann durchaus zur Folge haben, dass der Braunkohlenachschub unterbrochen wird und die Kraftwerke stillstehen. Kostet natürlich Geld. Außerdem: Selbst wenn das Ergebnis der Kohlekommission vorliegt, wird darüber noch lange diskutiert werden. Da werden dann auch Stimmen zu hören sein, die ein weiteres Abwarten von RWE fordern. @#3: Braunkohle eignet sich nicht zur Erzverhüttung.
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