Städtebau-Großprojekt in Hamburg Links und rechts der Quietschkurve

Stuttgart 21, hoch im Norden: Auch im Hamburger Stadtteil Altona soll ein riesiger Kopfbahnhof verlegt werden, um Wohnungen Platz zu machen. Die Bahn ziert sich noch - doch der erste Bauabschnitt für "Mitte Altona" wird jetzt beschlossen.

Von

Matthias Friedel / Luftbildfotografie / luftbilder.de / FHH

Der Streit um das Jahrhundertvorhaben Stuttgart 21 ist noch nicht abgeklungen, da beginnt im Norden Deutschlands ein Großprojekt, das ebenfalls die Verlegung eines Kopfbahnhofs vorsieht: des Bahnhofs Hamburg Altona.

Den Beschluss, ob die Deutsche Bahn AG den Fernbahnhof nach Norden an die S-Bahn-Station Diebsteich verlegt oder ob sie dessen marode Gleise und Brücken saniert, bleibt der Konzern zwar seit Jahren schuldig. Trotzdem startet Hamburg jetzt bereits mit einem ersten Bauabschnitt neben den Gleisen. Verschwindet zusätzlich der Bahnhof, könnten in der sogenannten neuen "Mitte Altona" rund 3500 Wohnungen auf zwei benachbarten, aber voneinander unabhängigen Abschnitten gebaut werden.

Für Hamburgs Ersten Bürgermeister, Olaf Scholz (SPD), hängt viel an dieser Entscheidung. Das großangelegte Bauprogramm des Hamburger Senats sieht vor, dass jedes Jahr 6000 Wohnungen gebaut werden sollen. Das Ziel wurde bislang verfehlt: Nach Angaben des Statistikamts Nord wurden 2011 3729 Wohnungen fertiggestellt, 2012 waren es 3793. Die aktuellen Zahlen für 2013 liegen voraussichtlich Mitte Mai vor.

Die Stadt Hamburg kontert die maue Bilanz gern mit dem Hinweis auf die erteilten Baugenehmigungen, mit denen schließlich die Voraussetzung für den Wohnungsneubau geschaffen werde. Hamburgs Bürgermeister Scholz kündigte zuletzt im März 2014 bei Günther Jauch an: "Am Ende dieses Jahres werden es 35.000 Baugenehmigungen werden."

"Mehr Klarheit"

Das Projekt "Mitte Altona" könnte auch die Statistik der fertiggestellten Wohnungen künftig entscheidend aufbessern. Solange aber der Beschluss der Bahn aussteht, wird zunächst lediglich der erste Bauabschnitt realisiert - mit rund 1600 Wohneinheiten.

Kein Wunder, dass die Stadt Hamburg ein Ende der Wackelpartie herbeisehnt. "Wir von der Freien und Hansestadt Hamburg erhoffen uns baldmöglich eine Entscheidung und hätten sie uns auch eigentlich schon zu einem viel früheren Zeitpunkt gewünscht," sagte Oberbaudirektor Jörn Walter SPIEGEL ONLINE.

Der für Hamburg zuständige Bahn-Sprecher teilte auf Nachfrage mit, dass die Entscheidungsfindung noch nicht abgeschlossen sei: "Der Vorstand der DB AG hat weitere Planungskosten zur Untersuchung der beiden Varianten Verlagerung des Fernbahnhofs Altona an den Standort Diebsteich ("Verlagerung") und Ertüchtigung des derzeitigen Zustandes ("Weiterführung") freigegeben." 13 Millionen Euro lässt sich die Bahn das Gutachten angeblich kosten. Beide Varianten würden "gleichberechtigt" untersucht.

Das Paradoxe daran: Der Bahnhof Altona ist so marode, dass Sanierung und Verlegung ähnlich teuer werden dürften. Hamburgs Oberbaudirektor Walter wagt eine ungefähre Einschätzung der Kosten: "Es ist ein spürbarer, dreistelliger Millionenbetrag, den das so oder so kostet."

Baubeginn auf Abschnitt I

Entscheidung der Bahn hin oder her: Für den ersten Bauabschnitt fällt in den kommenden Tagen der offizielle Beschluss. "Wir hoffen, dass wir Anfang Mai den städtebaulichen Vertrag unterzeichnen können," sagt Walter.

Den Vertrag also für das Gebiet direkt neben den Fernbahngleisen, den sogenannten Bauabschnitt I. Dort laufen schon die Vorbereitungen: Alte Gewerbebauten werden abgerissen, Baustraßen angelegt, der Boden auf Altlasten und mögliche Kampfmittel untersucht. Der Bau der ersten Gebäude für die 1600 Wohnungen werde "im günstigsten Fall im Frühjahr kommenden Jahres beginnen", schätzt Walter.

Neben Wohnquartieren, die mit ihrer geschlossenen Bauweise um einen gemeinsamen Hof die Blockstruktur der benachbarten Stadtgebiete fortsetzen, sollen mehrere Kitas entstehen, große Grünflächen sowie eine Schule. In den Wohngebieten müssen die Eigentümer einen von der Stadt vorgeschriebenen Drittelmix einhalten: Gebaut werden sollen jeweils ein Drittel öffentlich geförderte Mietwohnungen, freifinanzierte Mietwohnungen sowie Eigentumswohnungen. Einen Plan dazu finden Sie in unserer Bildergalerie.

Die denkmalgeschützten Gebäude in "Mitte Altona" werden erhalten, dazu gehören die historische Kleiderkasse, wo einst die Uniformen der Bahnmitarbeiter lagerten, der Wasserturm sowie die ehemaligen Güterhallen. In die Hallen sollen Supermärkte, Gastronomiebetriebe und anderes Gewerbe einziehen.

Hamburgs "Quietschkurve"

Der Masterplan für die neue "Mitte Altona", der das vorsieht, stammt vom Hamburger Stadtplaner André Poitiers. "Wir gehen jetzt theoretisch durch den Park", sagt Poitiers, als wir die Baustelle an der Hamburger Harkortstraße besichtigen. Bislang sind hier auf dem Brachland allerdings nur halb abgebrochene Gebäude und riesige Sandflächen zu sehen.

Poitiers Stimme wird von einem heranrollenden ICE übertönt, die höhergelegte Schienentrasse scheppert bedenklich. "Hören Sie, wie das ruckelt?", ruft er. Die Eisenbahnbrücke ist marode, die Züge dürfen nur noch ganz langsam darüber fahren. Der Lärm, den sie dabei machen, ist trotzdem weithin zu hören. "Quietschkurve" haben die Hamburger das Gleisviadukt deshalb getauft. Die alte Konstruktion, die einst den Güterbahnhof überbrückt hat, verläuft genau zwischen den beiden Entwicklungsabschnitten.

Optimistische Schätzungen beziffern allein die notwendigen Arbeiten am Viadukt auf rund zehn Millionen Euro. Überhaupt: Es sind vor allem die maroden Brücken und Gleise, die die Kosten nach oben treiben.

Schon werden in Hamburg Spekulationen laut, die Bahn zögere die teure Entscheidung womöglich hinaus, damit sie bei der Stadt eine Beteiligung an den Kosten für den Bahnhof Altona heraushandeln könne. Oberbaudirektor Walter sieht das gelassen. "Dass die Bahn Fragen stellt, das finde ich erst mal normal im Zuge solcher Überlegungen. Dass sie uns die Pistole auf die Brust gesetzt hat, kann man nicht sagen."

Überlegungen der Stadt, das Bahnhofsprojekt zu bezuschussen, gibt es laut Walter jedenfalls nicht: "Wir betrachten das als ein Bahn-Projekt", fügt Walter hinzu. "Und die Bahn muss entscheiden, ob sie sich dieses Projekt leisten kann."

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 56 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
IronSky 02.05.2014
1.
schön wäre es, wenn erstmal nur noch wohnungen für 7euro warm pro qm gebaut werden würden. dann könnten auch normale menschen wieder hier leben.
Walther Kempinski 02.05.2014
2. Zum Glück
Zum Glück wurde der kindische Protest hier gegen Stuttgart21 demokraitsch durch Volksentscheid niedergerrungen. Der Widerstand beschränkt sich nur noch auf einen kleinen Kreis ewig Gestriger flankiert durch die Stuttgarter Zeitung. Nun jedoch wird gebaut. Die alten maroden Gleisanlagen und zufrierenden oberirdischen Weichen kommen endlich weg. Auch in Stuttgart quietscht und rumpelt es noch. Man kann nur mit Schrittgeschwindigkeit in den maroden Sackbahnhof reinfahren und kommt dann wegen den vielen Kreuzungen auch nicht mehr so schnell wieder raus. So oder so, wer den hässlichen Stuttgarter Sackbahnhof mal gesehen hat, weint der keine Träne nach. Da hätten milliardenschweren Renovierungen auch nicht viel gebracht.
Le Commissaire 02.05.2014
3. unnötig
Wozu benötigt eigentlich Hamburg neben dem Hauptbahnhof einen weiteren Fernbahnhof? Da alle U- und S-Bahnlinien über den Hauptbahnhof fahren, kann man sich doch die Weiterfahrt nach Altona sparen.
in-teressant! 02.05.2014
4. Wenn die Baukosten...
... für beide Varianten -Ertüchtigung und Verlegung- angeblich in etwa gleich sind, sind dann die Betriebskosten entscheidend. Und die dürften bei Verlegung an den Diebsteich weit geringer sein als beim jetzigen Standort, weil am Standort Diebsteich ein Durchgangsbahnhof entstünde, der wirtschaftlich rentabler ist. Vermutlich will die DB durch ihr Zögern nur den Preis der bei einer Verlegung frei werdenden Grundstücke am alten Standort in die Höhe treiben.
kirk,james-tiberius 02.05.2014
5. Traurig
Noch ist nichts entschieden, trotz allem stimmt es micg traurig an. Ich bin in Ottensen aufgewachsen, vor 20 jahren sah es dort völlig anders aus. Genau vor 10 Jahren zog ich von dort weg und ich bin froh darüber. Jedesmal wenn ich dort bin widert es mich an.. diese Cafes und Restaurants. Früher waren die Menschen herzlicher heute bekommt man den Eindruck, dass diese Leute die dort hingezogen sind, leute die von anderen Stadtteilen kommen dort garnicht erwünscht sind. Heute gehe ich ungerne hin. Diese Leute kommen dahin oder ziehen dort hin weils hip ist in Ottensen zu wohnen, aber sie haben keine ahnung von diesem Stadtteil, die Emotionen, die damit verbunden sind. Nirgends siehtan so einen schönen Sonnenaufgang wenn man Bf. Altona ansteuert ..mit der Bahn. Man sieht diesen Fersehturm. Manchmal sieht es wie gemalt aus. Und jetzt Soll dieser Bahnhof weichen für Menschen , die sagen lass uns dahinziehen damit wir auch zu den Coolen gehören. Damit Mieten schön steigen, damit wir unter uns sind. Es gibtvin Altona kaum noch grüne Flächen.. Fischers Park, Bleicken Allee, Max brauer Allee, ein wenig die Elbchaussee entlang das wars. Anstatt dort Betonklötze zu Bauen hätte man auch eine tolle grünanlage hinbauen können. Die paar Bäume vor den Häusern werden herzlich wenig bringen. Ich werde die Sonnenaufgänge Vermissen. Ich bin froh ,dass ich in Hamburg weiter nach westen gezogen bin. Liebe Grüße
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.