Modellprojekt Wie in Hamburg 8-Euro-Wohnungen entstehen

Bezahlbar, aber ohne staatliche Zuschüsse: Unter dieser Vorgabe startet in Hamburg ein Bauprojekt. Für die Wohnungen soll eine Nettokaltmiete von nur acht Euro pro Quadratmeter fällig werden. Wie lässt sich das umsetzen?

Architekten Limbrock Tubbesing

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"Anders denken": So beschreibt Architekt Heiner Limbrock seine Herangehensweise an das Projekt im Hamburger Stadtteil Neugraben. Dort sollen 44 Wohnungen entstehen, die am Ende nicht mehr als acht Euro Nettokaltmiete kosten. Bauherr ist dabei nicht die Stadt Hamburg, sondern der Versicherungskonzern Helvetia.

Das Projekt soll scheinbar Unvereinbares vereinen:

  • In die Wohnungen sollen Familien mit zwei bis vier Kindern einziehen, die sich keine horrenden Mieten und Erhöhungen leisten können.
  • Die Gebäude sollen hochwertig und langlebig sein.
  • Trotzdem muss für den Finanzkonzern am Ende die Rendite stimmen.

Für Architekt Limbrock ist das alles kein Widerspruch. Bei Neubauprojekten in Deutschland hätten sich in den vergangenen Jahrzehnten Gepflogenheiten etabliert, die Geld kosten, aber nicht unbedingt für die Wohnqualität wichtig sind, sagt er.

Als Beispiel nennt Limbrock etwa die Planung der Haustechnik. So werden bei diesem Projekt die Bäder in den Wohnungen "Rücken an Rücken" gelegt, sodass Leitungen gebündelt angeordnet werden können. "Aber an der Ausstattung der Bäder wird nicht gespart", sagt Limbrock. Ihm ist wichtig, dass nicht der Eindruck entsteht, es würden Billighäuser geplant.

Statt Stein als Baustoff verwendet Limbrock Holz. Damit verringere sich die Bauzeit auf acht Monate, sagt er, was wiederum eine schnellere Vermietung ermögliche. Zudem müssen die Häuser nicht verputzt und die Innenwände nicht tapeziert werden. "Das wird keine Wand im Stil einer alpenländischen Hütte, sondern man wird helles Holz und eine feine Holzmaserung sehen", beschreibt Limbrock seine Pläne.

Büro von Architekt Limbrock in Holzbauweise
Architekten Limbrock Tubbesing

Büro von Architekt Limbrock in Holzbauweise

Er verweist auf Untersuchungen, wonach die Holzbauweise mit dem Massivbau aus Stein oder Beton gleichzieht. "Die Lebensdauer eines Holzbaus war zur Investitionsentscheidung für den Bauherrn äußerst wichtig", sagt Limbrock. "Wir mussten also nicht nur die ökologische Nachhaltigkeit sondern auch die ökonomische Nachhaltigkeit belegen."

Um die Kosten zu drücken, werden Entlüftungsanlagen gespart, indem Küchen und Hauswirtschaftsräume Fenster haben. Aufzüge können zwar nachgerüstet werden, sind in den beiden viergeschossigen Häusern aber zunächst nicht vorgesehen. Dafür soll eine ganze Gebäudezeile im Erdgeschoss rollstuhlgerecht sein. Keller und Tiefgarage entfallen ebenfalls.

Verbände sind skeptisch, ob sich diese Bauweise durchsetzt und die Mieter damit zufrieden sind. "Wenn sich bei 5 bis 8 Prozent aller zu bauenden Objekte ein solches Angebot realisieren lässt, wäre das gut", sagte der Sprecher der Hamburger Bau- und Ausbauwirtschaft (hbaw), Michael Seitz. Beim frei finanzierten Wohnungsbau sei es realistischer, mit durchschnittlich 9 Euro bis 10 Euro Nettokaltmiete pro Quadratmeter zu kalkulieren.

Mindestens fünf Jahre keine Mieterhöhung

Zudem komme es auch auf den Standort an. Der Verband norddeutscher Wohnungsunternehmen (VNW) teilte mit, für preisgünstige Mietwohnungen sollten weniger gefragte Lagen ins Auge gefasst werden.

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Günstig bauen: 8-Euro-Wohnungen in Hamburg

Dieses Merkmal dürfte auf Hamburg-Neugraben durchaus zutreffen. Die Stadt setzt darauf, dass sich solche bislang eher günstige Viertel durch Zuzug weiterentwickeln und durchmischen. Beim 8-Euro-Wohnungsprojekt in Neugraben etwa sind eine neue Kita und Gewerbeflächen eingeplant. Zudem ist der Bau in eine Quartiersentwicklung eingebunden, wo insgesamt 1500 Wohneinheiten entstehen sollen.

Stadtentwicklungssenatorin Dorothee Stapelfeldt (SPD) spricht von einem neuen Weg: "Hamburg soll auch für Haushalte mit durchschnittlichen und mittleren Einkommen bezahlbar sein." Man wolle für diejenigen Wohnraum schaffen, die zwar nicht vom sozialen Wohnungsbau profitieren, zugleich aber bei den bisherigen Neubauangeboten finanziell überfordert seien. Eine Nettokaltmiete von 8 Euro liege genau zwischen den Mietpreisen in Sozialwohnungen und denen auf dem frei verfügbaren Markt. Laut Stapelfeldt soll bei den 8-Euro-Wohnungen innerhalb von fünf Jahren keine Mieterhöhung erfolgen.

"Wir sind als deutsche Lebensversicherung ein nachhaltiger und langfristig orientierter Investor", sagt Helvetia-Vorstand Burkhard Gierse zum Engagement des Konzerns als Bauherr. "Neben den Interessen unserer Versicherungsnehmer, Mitarbeitenden und Aktionären tragen wir auch eine gesellschaftliche Verantwortung, die wir mit diesem Projekt wahrnehmen können."



insgesamt 54 Beiträge
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Seite 1
Thorongil 23.08.2018
1. Nur 8 Euro pro Quadratmeter?
Klingt doch ganz normal? Vielleicht nicht für Hamburg, aber hier im Südwesten Deutschlands ist das ganz normal? Sogar etwas viel, also auf jeden Fall keine günstigen Wohnungen.
muellerthomas 23.08.2018
2.
Wie hoch ist denn der Grundstückspreis in Hamburg Fischbek? Wenn das Grundstück fast nichts kostet, können natürlich auch Wohnungen für die Miete halbwegs rentabel errichtet werden. Bis in die Hamburger City ist es von dort ja auch nur eine Stunde Autofahrt - eine Stunde außerhalb von Köln oder Frankfurt bekommt man durchaus auch Wohnungen zu der Miete...
berther 23.08.2018
3.
Für Normal- Einkommen-Bezieher immer noch zu teuer
megatom_2003 23.08.2018
4.
Zitat von ThorongilKlingt doch ganz normal? Vielleicht nicht für Hamburg, aber hier im Südwesten Deutschlands ist das ganz normal? Sogar etwas viel, also auf jeden Fall keine günstigen Wohnungen.
Aber Ihnen ist schon bewusst, dass Grundstücke nicht überall das gleiche Kosten?! Merkwürdig unüberlegter Kommentar von Ihnen... Eine Neubaumiete von 8€ pro qm ist wirklich günstig hier in Hamburg. Sonst liegen die eher so bei 13, 14€. Zentraler gerne auch bei 16, 17, 18€...
calliston 23.08.2018
5. Bauen mit Holz funktioniert, wenn der Feuchteschutz funktioniert
Bauen mit Holz funktioniert, wenn der Feuchteschutz funktioniert und die Bauphysik in Bezug auf die Feuchtetransportvorgänge. Wenn nicht, hat man bereits nach kurzer Zeit schlimmste Schäden. Zyniker sprechen hier gar von selbstkompostierenden Häusern. Leider verlässt man sich hier immer noch viel zu sehr auf Glauben und Hoffen und auf Simulationsrechnungen, die aber Imperfektionen, die in der Praxis leider auftreten, nicht berücksichtigen. Dazu zählen das Nutzungsverhalten, aber auch unbemerkt tropfende Leitungssysteme, beschädigte Dampfsperren, unbemerkte Leckagen in den Flachdächern, zu nass eingebaute Baustoffe usw, usw. Diese Probleme bekommt man nur in den Griff, wenn man sie rechtzeitig merkt und dazu braucht man ein vernünftiges lebendauerbegleitendes Monitoring, das hat übrigens bereits Herr Klaus Töpfer als Bauminister vor mehr als 25 Jahren erkannt und entsprechend gefordert. Gemacht wird aber wenig. Es wird schon gut gehen, lautet die Devise. Ändern wird sich das wohl erst, wenn die ersten frei auskragenden Holzbalkone krachend abbrechen, weil niemand bemerkt hat, dass sie abgefault sind. Dabei gibt es gute und einfache Lösungen., z.B. www.progeo.com.
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