Grünes Wachstum in Südkorea: "Planwirtschaft ist kein böses Wort mehr"

Krise schlägt Klima: Die Sorge um die Staatsschulden hat die Erderwärmung von der Agenda verdrängt. Südkorea will das ändern, das Land sieht sich als Vorbild für grünes Wachstum. Im Interview spricht Ex-Premier Han Seung-soo über den deutschen Atomausstieg und ökologische Fünf-Jahres-Pläne.

Protest gegen den Klimawandel in Seoul (2009): "Wir versuchen, Vorreiter zu sein" Zur Großansicht
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Protest gegen den Klimawandel in Seoul (2009): "Wir versuchen, Vorreiter zu sein"

Hamburg - Die Zukunft schien grün: In der Finanzkrise vor drei Jahren kündigten Regierungen weltweit an, mit der Förderung umweltfreundlicher Technologien ihre Wirtschaft zu stützen.

Das Ergebnis war meist halbherzig: Großbritannien investierte laut einer Studie der Großbank HSBC nur sieben Prozent seiner Konjunkturpakete in grüne Technologien, Deutschland 13 Prozent. Ganz anders in Südkorea: Hier flossen nicht weniger als 80 Prozent in umweltfreundliche Projekte.

Kein Wunder, dass sich das Land heute als Vorbild für "grünes Wachstum" sieht. Seit 2010 gibt es in Seoul das Global Green Growth Institute. Es soll Modelle verbreiten, die wirtschaftliche und ökologische Ziele in Einklang bringen. Geleitet wird das Institut vom früheren Premierminister Han Seung-soo, der auch das grüne Krisen-Wachstumsprogramm erarbeiten ließ.

SPIEGEL ONLINE: Herr Han, wie konnte der Klimawandel so schnell von der globalen politischen Agenda verschwinden?

Han: Die Erderwärmung ist ein langfristiges Problem, das von kurzfristigen Problemen wie der Euro-Krise überschattet wird. Wenn die vorbei ist, wird auch die Klimakrise wieder ins öffentliche Bewusstsein rücken.

SPIEGEL ONLINE: Die Politiker setzen Wachstum über Klimaschutz?

Han: Ja, das ist auf den letzten Klimakonferenzen passiert. Wir müssen es schaffen, den Gegensatz von Wachstum und Nachhaltigkeit aufzulösen.

SPIEGEL ONLINE: Diese Entkopplung gelingt bislang aber überhaupt nicht. Mehr Wachstum bedeutet auch mehr CO2-Ausstoß.

Han: Natürlich, das ist traurig. Das bisherige Modell wird nicht über Nacht ersetzt. Dazu brauchen wir mehr grüne Technologie.

SPIEGEL ONLINE: Derzeit wachsen vor allem Schwellenländer. Die interessieren sich nicht für Klimaschutz.

Han: Leider denken viele Schwellenländer noch, das wäre nichts für sie. Dabei war Südkorea vor nicht allzu langer Zeit selbst eines der ärmsten Länder der Welt. Seit drei Jahren setzen wir grünes Wachstum um.

SPIEGEL ONLINE: Das ist eine kurze Zeit, davor ist auch Südkorea auf Kosten des Klimas gewachsen. Zwischen 1990 und 2005 stieg Ihr CO2-Ausstoß so stark wie in keinem anderem Industrieland. Es ist doch rational, dass Entwicklungsländer heute genauso handeln.

Han: Das mag in der Vergangenheit richtig gewesen sein, aber nicht in Zeiten des Klimawandels. Und wir versuchen jetzt, Vorreiter zu sein: Das Parlament verabschiedete ein Gesetz, demzufolge die Regierung zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts für grüne Technologien ausgeben muss. Und Südkorea hat vor dem Klimagipfel in Kopenhagen angekündigt, den Anstieg seiner Emissionen bis 2020 um 30 Prozent zu drosseln. Das haben wir freiwillig gemacht, da Südkorea laut Kyoto-Protokoll nicht zu den Industrieländern zählt. Natürlich ist unsere Wirtschaft mit dieser Selbstverpflichtung nicht glücklich, aber unsere Regierung ist in dieser Sache sehr entschlossen.

SPIEGEL ONLINE: Dennoch bleibt die Frage: Wie wollen Sie Schwellenländer für grünes Wachstum begeistern, wenn das Thema selbst in vielen Industriestaaten von der Agenda verschwunden ist?

Han: Südkoreas Beispiel zeigt, dass grünes Wachstum funktionieren kann. Wir gehören zu den Ländern, die sich am schnellsten von der Krise erholt haben. Ein Ansporn könnte auch die Diskussion über wachsende soziale Ungleichheit sein. Grünes Wachstum kann Ungleichheit verringern - indem es neue Jobs schafft.

SPIEGEL ONLINE: Warum sollte das gerade in Südkorea funktionieren?

Han: Wir sind bei der Informationstechnologie sehr weit fortgeschritten, haben die höchste Internetdichte der Welt. Das macht zum Beispiel intelligente Stromnetze möglich, die per Telefon gesteuert werden.

SPIEGEL ONLINE: Südkorea sieht allerdings auch Kernkraft als grüne Technologie und will diese stark ausbauen. Deutschland dagegen hat die Energiewende beschlossen...

Han: ...und die kann gelingen. Deutschland hat die nötigen Technologien. Und es steht durch den Atomausstieg mit dem Rücken zur Wand. In den vergangenen 250 Jahren haben die Deutschen sehr viel zum industriellen Fortschritt beigetragen - das werden sie sicher auch bei grünen Technologien tun.

SPIEGEL ONLINE: Aber kann ein solch gewaltiger Wandel vom Staat verordnet werden? Südkorea folgt beim grünen Wachstum einem Fünf-Jahres-Plan - klingt ziemlich sozialistisch.

Han: Südkorea hat sich mithilfe solche Pläne entwickelt. Wir haben das erst aufgegeben, als Denker wie die britische Premierministerin Maggie Thatcher populär wurden. Dann kam die Finanzkrise, die Engländer verstaatlichten Banken und Pläne waren plötzlich kein böses Wort mehr. Heute streitet keiner mehr über unseren Wachstumsplan. Aber natürlich ist die Regierung nicht mehr so allmächtig wie früher - wir zeigen der Privatwirtschaft nur die Richtung.

Das Interview führte David Böcking

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1. Laecherlich
xylitol 24.03.2012
Zitat von sysopAPKrise schlägt Klima: Die Sorge um die Staatsschulden hat die Erderwärmung von der Agenda verdrängt. Südkorea will das ändern, das Land sieht sich als Vorbild für grünes Wachstum. Im Interview spricht Ex-Premier Han Seung-soo über den deutschen Atomausstieg und ökologische Fünf-Jahres-Pläne. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,821073,00.html
Wer schon mal in Südkorea war, weiss, dass dort immer noch die Fussbodenheizung 24h läuft und zur Kühlung das Fenser geöffnet wird. Das Land ist so weit hinter Deutschland zurück, was Standardausrüstungen betrifft. Alles Einfachverglasung und das Bewusstsein ist Jahre zurück. Es wurde schon der Plan zur Fahrradproduktion und Fahrradförderung beerdigt... Alles nur Pläne... Ich wünsche viel Erfolg!
2. ich denke die schaffen das
gasverbrenner 24.03.2012
Zitat von xylitolWer schon mal in Südkorea war, weiss, dass dort immer noch die Fussbodenheizung 24h läuft und zur Kühlung das Fenser geöffnet wird. Das Land ist so weit hinter Deutschland zurück, was Standardausrüstungen betrifft. Alles Einfachverglasung und das Bewusstsein ist Jahre zurück. Es wurde schon der Plan zur Fahrradproduktion und Fahrradförderung beerdigt... Alles nur Pläne... Ich wünsche viel Erfolg!
Das ist zwar richtig, aber ich kenne kein Land auf der Welt, das derartig energisch und dynamisch seine selbstgesteckten Ziele erreicht und sich in einem so unglaublich schnellem wandel befindet. Ich traue denen noch eher zu dass Sie das schaffen als wir Deutsche.
3. Gruenes Wachstum und Energieverschwendung
hanji 24.03.2012
Zitat von xylitolWer schon mal in Südkorea war, weiss, dass dort immer noch die Fussbodenheizung 24h läuft und zur Kühlung das Fenser geöffnet wird. Das Land ist so weit hinter Deutschland zurück, was Standardausrüstungen betrifft. Alles Einfachverglasung und das Bewusstsein ist Jahre zurück. Es wurde schon der Plan zur Fahrradproduktion und Fahrradförderung beerdigt... Alles nur Pläne... Ich wünsche viel Erfolg!
[QUOTE=xylitol;9881887]Das Land ist so weit hinter Deutschland zurück, was Standardausrüstungen betrifft. Alles Einfachverglasung und das Bewusstsein ist Jahre zurück. Ich gebe xylitol recht, dass der durchschnittliche Verbraucher in Korea immer noch auf dem Niveau der US-Amerikaner ist, was Umgang mit Ressourcen angeht. Das kommt durch den denkbar schlechten Einfluss seit Kriegsende aus dieser Ecke. Andererseits sind sie im Kontrast zu uns Deutschen extrem lernfaehig und zielorientiert, wie Dauerbrenner schon angemerkt hat. Wenn Regierung, Wirtschaft und Experten den Aufbruch ins gruene Wachstum klug propagieren und sich auf die prae-amerikanischen, traditionellen koreanischen Tugenden (Sparsamkeit, achtsamer Umgang mit der Natur) besinnen, dann schaffen die das.
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Zur Person
  • REUTERS
    Han Seung-soo leitet das Green Growth Institute in Seoul, das sich für nachhaltiges Wachstum einsetzt. Der 74-Jährige war Handels-, Finanz- und Außenminister von Südkorea, bevor er von 2008 bis 2009 zum Regierungschef wurde.


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