Pekinger Ökonom zum Handelsstreit "Die Amerikaner tun mir leid"

Der Handelsstreit zwischen den USA und China spitzt sich immer weiter zu. Der Pekinger Ökonom Mei Xinyu sieht die Schuld bei den Amerikanern - und spricht von einem möglichen "Finanzkrieg" mit unvorstellbaren Folgen.

Hafen in chinesischer Stadt Lianyungang
AFP

Hafen in chinesischer Stadt Lianyungang

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    Der Wirtschaftswissenschaftler Mei Xinyu, 50, ist Mitglied der Chinesischen Akademie für Welthandel und Ökonomische Zusammenarbeit, die dem Handelsministerium in Peking unterstellt ist.

SPIEGEL: Herr Mei, haben die USA und China einen Handelskonflikt, oder sind sie bereits im Handelskrieg?

Mei: Wir sind seit etwa zwei Monaten in einem Handelskrieg. US-Präsident Donald Trump hat Strafzölle auf chinesische Importe im Wert von 50 Milliarden Dollar verhängt und droht das jetzt um weitere 200 Milliarden Dollar auszudehnen. Wenn das kein Handelskrieg ist, was denn sonst?

SPIEGEL: US-Außenminister Mike Pompeo beschuldigt die Führung in Peking, eine "räuberische" Wirtschaftspolitik zu betreiben. Chinas Umgang mit geistigem Eigentum sei "Diebstahl nie dagewesenen Ausmaßes" und sein Versprechen, die Märkte zu öffnen, sei ein "Witz". Wie werden diese Vorwürfe in China aufgenommen?

Mei: Ich sehe das als einen Anlass, stolz zu sein. Denn es zeigt, dass das uns einst so überlegene Amerika sich nicht mehr anders zu helfen weiß, als wild um sich zu schlagen. Es zeigt, dass die USA nicht mehr auf dem Weg nach oben sind. Es geht bergab. Eine Volkswirtschaft, die im Aufschwung ist, hätte gar nicht die Zeit, sich so über andere zu äußern.

SPIEGEL: Würde China denn ein Handelsbilanzdefizit von mehr als 300 Milliarden Dollar hinnehmen, wie es die USA heute gegenüber China haben?

Mei: Nicht China hat den höchsten Handelsbilanzüberschuss, sondern Deutschland. Aber um das Problem von Amerikas Handelsdefizit zu verstehen, reicht schon der einfache Menschenverstand: Ein Land mit einer so niedrigen Sparquote wie die USA kann gar keine ausgeglichene Handelsbilanz haben. Mein Rat an Washington ist, sein Sozialversicherungssystem zu reformieren und seine Sparquote zu erhöhen, statt China zu beschuldigen.

SPIEGEL: Nicht nur die USA, auch andere Staaten haben ein Problem mit Chinas Wirtschaftspolitik, die eigene Unternehmen subventioniert, ausländischen Firmen den Marktzugang erschwert und sie zum Technologie-Transfer zwingt.

Mei: Die Amerikaner tun mir leid. Denn ihre Reaktion zeigt: Amerika hat seinen Kampfgeist verloren. Jedes Land hat das Recht, seine eigene Entwicklung voranzutreiben und sich zu fragen, was es von anderen Ländern lernen kann.

SPIEGEL: Welche Mittel wird China denn nun gegen die USA einsetzen?

Mei: Auf die erste Tranche der US-Strafzölle hat China reagiert, indem es Gegenzölle in vergleichbaren Produktkategorien verhängte. Sollten die USA nun Zölle auf Importe von weiteren 200 Milliarden erheben, wird China den Konflikt auf andere Felder ausweiten. "Du führst deinen Krieg, und ich führe meinen", hat Mao Zedong einmal gesagt.

SPIEGEL: Was meinen Sie damit? Etwa die US-Staatsanleihen im Wert von gut 1100 Milliarden Dollar, die China besitzt?

Mei: Die USA und China sind die größten Volkswirtschaften und größten Finanzmärkte der Welt. Aber in den USA spielt der Finanzsektor eine viel größere Rolle als in China. Insofern sind die USA hier verwundbar, und insofern ist das natürlich eine Option.

SPIEGEL: Würde sich China nicht selbst schaden, wenn es seine Dollar-Reserven verkaufen würde? Der Wert des Dollar würde sinken, aber damit doch auch Chinas Vermögen.

Mei: In guten Zeiten besteht unser Wettbewerb darin, dass wir versuchen, schneller zu wachsen als die USA. Aber wenn die Zeiten schlechter werden, geht es darum, wer schneller verliert. Das wäre dann ein Finanzkrieg - und wie ein solcher Finanzkrieg zwischen den beiden größten Volkswirtschaften aussieht, das liegt wahrscheinlich jenseits unserer Vorstellungskraft.

SPIEGEL: Vor ein paar Monaten haben Sie den USA den Austritt aus der Welthandelsorganisation (WTO) nahegelegt.

Mei: Diese Idee stammt nicht von mir, darüber haben schon manche Wirtschaftswissenschaftler nachgedacht, und vielleicht würde sich die WTO ohne die USA tatsächlich besser entwickeln. Auch wir sind nicht immer glücklich mit der WTO, aber sie ist der bislang beste Weg, die Weltwirtschaft zu regeln.

SPIEGEL: Welche Rolle spielt die Größe der chinesischen Volkswirtschaft im aktuellen Konflikt mit den USA?

Mei: Als wir in den Neunzigerjahren unsere ersten Handelskonflikte mit den USA hatten, war die US-Wirtschaft 15 Mal so groß wie die chinesische. Heute ist sie 1,5 Mal so groß. Nicht dass wir uns damals einen Handelskrieg gewünscht hätten - wir hätten uns das gar nicht leisten können. Heute können wir das.

SPIEGEL: Aber ein großer Teil der chinesischen Wirtschaft ist nach wie vor auf den Export angewiesen.

Mei: Ja, aber der Exportanteil an unserem Bruttoinlandsprodukt ist seit dem Höhepunkt Anfang der Nullerjahre auf unter 20 Prozent gesunken. Gleichzeitig ist der Anteil des Binnenkonsums stark angewachsen. Das stärkt unsere Position.



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charly25 20.06.2018
1. tolles Interview
typisch chinesisch, viel Gerede, keine Antworten, keine klaren Aussagen. typischer Parteisoldat. da haette der Interviewer mal nachhaken sollen.
franxinatra 20.06.2018
2. Was mich wirklich beunruhigt
ist der Umstand, dass das Interview meine gewonnen Ansichten über die Gemengelage eigentlich nur bestätigt; sind die USA wirklich eine Volkswirtschaft, oder nur die Beute einer Gruppe von habgierigen Wirtschaftsmarodeuren ohne patriotisches Ehrgefühl?
G. Whittome 20.06.2018
3. Chinesische Arroganz
In den 80er Jahren spürte man häufig den chinesischen Minderwertigkeitskomplex bei gleichzeitiger angenommener kultureller Überlegenheit (z.B. den nationalen Minderheiten gegenüber). Hab ich mir schon damals gedacht, dass wenn sie mal wirtschaftlich und technologisch aufholen, dass sich das schnell in Arroganz verkehren wird. Das sieht man deutlich bei diesem Herrn, der den entscheidenden Fragen im Übrigen vollständig ausweicht.
hansw 20.06.2018
4. China - USA
Der Herr Mei Xinyu war in dem Interview sehr souverän und seine Argumente sassen. Das Rennen um den anhaltenden Spitzenplatz im Handel auf unserem Planeten ist wohl zugunsten Chinas gelaufen. Es wird langsam Zeit, sich mit der Geschichte dieses Riesenlandes zu befassen. Einen chinesischen Elektro-Scooter habe ich schon gekauft. Der ist einfach gebaut, fährt aber hervorragend und war im Einkauf sehr viel günstiger als europäische Produkte. Ausserdem schmeckt erstklassiges chinesisches Essen mindestens so gut wie französisches.
andreasreiter 20.06.2018
5. Die USA sind ein protzender Scheinriese
Die USA sind ein Scheinriese auf tönernen Füßen der nur noch mit den Krücken der Auslandsverschuldung laufen kann. Sollte China aufhören Geld in die USA zu pumpen und ihre Staatsanleihen massiv auf den Markt verschleudern würde das System sehr schnell kollabieren. Leider mit sehr üblen Folgen nicht nur für die Amerikaner sondern auch für die ganze Welt.
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