SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

30. Dezember 2014, 17:24 Uhr

Kritik an Zuwanderung

Der Fehler in Hans-Werner Sinns Migranten-Mathematik

Von und

Hat die AfD einen neuen Chefökonomen? Hans-Werner Sinn rechnet vor, dass Migranten Deutschland mehr kosten, als sie bringen. Doch der Ifo-Chef macht einen Denkfehler.

Hamburg - Hans-Werner Sinn hat es mal wieder geschafft. Der Ökonom mit dem Ahab-Bart, der Deutschland bereits die Auseinandersetzung mit der Basarökonomie und den Target-Salden einbrachte, hat erneut eine Debatte losgetreten.

Diesmal geht es um den ökonomischen Wert von Migranten, die nach Deutschland kommen. Wohlgemerkt: Es geht nicht darum, ob Einwanderer kulturell oder auch nur kulinarisch das Land bereichern. Sondern allein darum, wie viel sie der deutschen Volkswirtschaft unterm Strich einbringen beziehungsweise sie kosten.

Außerhalb von Stammtischen und Pegida-Demonstrationen herrschte bisher der Konsens: Zuwanderer sind gut für Deutschland. Nicht nur, weil sie die Bundesrepublik bunter und die Speisekarten unserer Restaurants abwechslungsreicher machen. Sondern auch, weil sie netto mehr ins deutsche Steuer- und Sozialversicherungssystem einzahlen, als sie herausbekommen.

Stimmt nicht, sagt Sinn nun: Die Migranten, die nach Deutschland kommen, kosten das Land mehr, als sie ihm ökonomisch bringen.

Wer hat recht? Ein Faktencheck

Sinn selbst bezieht sich auf die Studie des Arbeitsmarktforschers Holger Bonin vom Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung, die eigentlich Grund für eine migrantenfreundliche Sicht gegeben hatte. Bonin hat anhand von Zahlen für das Jahr 2012 berechnet, dass Ausländer dem Staat durchschnittlich 3300 Euro mehr einbrachten, als sie ihn gekostet haben.

Allerdings bezieht Bonin nur Nutzen und Kosten ein, die einem Migranten individuell zugerechnet werden können - etwa Steuerzahlungen versus Kindergeld. Auch Bildungsausgaben und Sozialversicherungsbeiträge fallen unter diese individuelle Kosten-Nutzen-Rechnung. "Berücksichtigt man darüber hinaus die höheren allgemeinen Staatsausgaben, die sich aus der zuwanderungsbedingt höheren Bevölkerungsgröße ergeben, fällt die fiskalische Bilanz der Zuwanderung deutlich ungünstiger aus", schreibt der ZEW-Wissenschaftler.

Genau an diesem Punkt macht Sinn nun seine Kritik fest: Von den 3300 Euro, die der Durchschnittsmigrant einbringt, müsse man den Anteil abziehen, den jeder Bürger an allgemeinen Staatsausgaben verursache. Dieser Pro-Kopf-Anteil an den Staatsausgaben - etwa für Verteidigung oder Straßenbau - beläuft sich auf 5100 Euro. Unterm Strich kostet ein Durchschnittsmigrant den Staat demnach also 1800 Euro.

Sinn fordert Einwanderungspolitik ohne Ideologie

Höchste Zeit, folgert Sinn in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", für eine "ideologiefreie und nicht vom Streben nach politischer Korrektheit getriebene Debatte über die Migrationspolitik". Eine Forderung, die wohl jeder Pegida-Demonstrant unterschreiben würde. Allerdings plädiert Sinn nicht für weniger Zuwanderung, sondern für eine Einwanderungspolitik, die gezielt hochqualifizierte Arbeitskräfte ins Land holt - ohne Ansehen ihrer Nationalität oder Religion. Denn je besser gebildet Migranten sind, desto mehr bringen sie dem Staat unterm Strich.

In Sinns Betrachtung hat sich allerdings ein Denkfehler eingeschlichen. Denn statt die Staatsausgaben auf alle Einwohner gleichermaßen umzulegen, müsste man in einer rein ökonomischen Betrachtung eigentlich die sogenannten Grenzkosten pro Migrant heranziehen. Also den Betrag, um den die Staatsausgaben wachsen, wenn ein zusätzlicher Bürger in Deutschland lebt.

Ein Beispiel liefert Sinn selbst: Zwar kostet die Bundeswehr jeden Bürger durchschnittlich 350 Euro im Jahr. Allerdings wird sie ja nicht vergrößert, nur weil mehr Migranten nach Deutschland kommen. Deshalb gibt Sinn neben dem angeblichen Pro-Kopf-Defizit pro Migrant noch ein um die Verteidigung verringertes Defizit an - bleiben nach Sinns Rechnung immer noch 1450 Euro.

Allerdings müsste er genau hier weitermachen. Ohne Zuwanderung würde die Bevölkerung in Deutschland in den kommenden Jahrzehnten dramatisch schrumpfen. Doch die wenigsten Staatsausgaben schrumpfen proportional mit. Straßen, Polizeireviere oder Stadtbibliotheken verursachen Fixkosten, auch wenn weniger Bürger sie in Anspruch nehmen. Überspitzt gesagt: Wenn ein Migrant hilft, eine ohnehin vorhandene Straße auszulasten, verursacht er kaum zusätzliche Kosten. Erst wenn diese Straße wegen der vielen Migranten vierspurig ausgebaut werden muss, kommt uns die Zuwanderung teuer zu stehen.

Zinsen zahlen muss Deutschland auch ohne Migranten

Sinn wehrt sich gegen diese Sichtweise - mit Verweis auf die ökonomische Theorie: Dass die Bevölkerungsgröße für die Pro-Kopf-Ausgaben eines Staates unerheblich ist, sei "eines der fundamentalen Theoreme der fiskalischen Regionaltheorie", schreibt der Ifo-Chef in einer E-Mail an SPIEGEL ONLINE. In der Praxis gäben "große und kleine Länder tendenziell die gleichen Anteile des BIP für die verschiedenen staatlichen Ausgaben" aus.

Klingt eindrucksvoll, bezieht sich aber nur auf den Vergleich von Ländern, deren Bevölkerung zumindest konstant bleibt. Nicht hingegen auf Staaten, deren Bevölkerungszahl sinkt. Denn selbst wenn dort Landkreise zusammengelegt oder Bibliotheken geschlossen werden, wird es nicht sofort günstiger. Gerade im Öffentlichen Dienst muss überschüssiges Personal oft ein Leben lang alimentiert werden. Die Ausgaben für Schulen wiederum, bei denen mehr Kinder ja tatsächlich mehr Lehrer erfordern, sind in Bonins Studie bereits den individuellen Kosten pro Migrant zugerechnet.

Ein erheblicher Teil der öffentlichen Ausgaben fließt zudem in die Zinszahlungen für die aufgelaufenen Staatsschulden. Und genau wie die Verteidigungsausgaben sinken auch die Zinsen auf diese Staatsschuld nicht, wenn die Bevölkerung schrumpft. 69 Milliarden Euro kostete der Schuldendienst den Staat 2012 - pro Kopf 850 Euro, die man auch dann nicht spart, wenn man die Grenzen dichtmacht.

Gerade in den ostdeutschen Bundesländern, wo die AfD und die islamfeindliche Pegida-Bewegung stark sind, dürften die Pro-Kopf-Staatsausgaben wegen der schrumpfenden Bevölkerung in den kommenden Jahrzehnten besonders stark steigen. Es sei denn, Schulen werden noch radikaler als bisher geschlossen, Straßen stillgelegt, Polizistenstellen gestrichen. Gerade diese Regionen müssten sich eigentlich besonders intensiv um Zuwanderer bemühen, um die Auslastung ihrer öffentlichen Infrastruktur und damit deren Pro-Kopf-Kosten zumindest konstant zu halten.

ZEW-Forscher Bonin nimmt Sinns Zahlenspiele noch aus einem anderen Grund aufs Korn: "Jeder Einwohner Deutschlands ist in dieser Rechnung eine Belastung", sagte der Ökonom der "Welt". "Weil der Staat im Jahr 2012, dem Jahr der Betrachtung, mehr Geld ausgegeben als eingenommen hat, kommt man für jeden Einwohner auf negative Werte." 1100 Euro Miese machte jeder Deutsche 2012 im Durchschnitt.

Unser Leben - ein einziges Verlustgeschäft. Da wäre es das ökonomisch Sinnvollste, den Buchtitel eines anderen Einwanderungskritikers in die Tat umzusetzen: Deutschland schafft sich ab.

URL:

Mehr auf SPIEGEL ONLINE:

Mehr im Internet


© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH