Deutschlands Rolle in Europa "Ich kann verstehen, wenn die Deutschen Angst haben"

Wie stark darf Deutschland sein? Spätestens seit Joachim Gaucks Rede stellt sich die Frage nach der Rolle des Landes in Europa und der Welt. Der US-Professor Harold James erklärt im Interview, was viele Menschen an der Bundesrepublik bewundern - und warum uns eine echte Debatte über den Euro gut täte.

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Passanten in Stuttgart: "Man möchte nicht so gerne den Hegemon spielen"
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Passanten in Stuttgart: "Man möchte nicht so gerne den Hegemon spielen"


SPIEGEL ONLINE: Auf der einen Seite hören wir Deutschen, dass Angela Merkel die meistgehasste Person Europas sei. Auf der anderen Seite bescheinigen uns internationale Meinungsumfragen, dass wir bewundert werden wie kaum ein anderes Land. Was stimmt denn nun?

James: Es stimmt beides, aber er sind verschiedene Aspekte. Man bewundert große Teile der deutschen Wirtschaftsordnung. In den USA zum Beispiel ist man sehr daran interessiert, wie Deutschland es geschafft hat, ohne hohe Arbeitslosigkeit durch die Finanzkrise zu kommen. Auch die berühmte Mischung aus großen Konzernen und kleineren, starken Mittelständlern hätten andere Staaten gerne.

SPIEGEL ONLINE: Dennoch gibt es vor allem im Süden Europas viel Hass auf Deutschland.

James: Ist das wirklich so? Ich glaube nicht. Auch in den Mittelmeerländern sehen viele Menschen die Schuld an der Krise zu Recht bei ihren eigenen Staaten. Aber manchmal bauen Regierungen auch bewusst ein Feindbild von außen auf, um intern Reformen durchsetzen zu können. Früher bei den Entwicklungsländern war dieser Buhmann oft der Internationale Währungsfonds. In den europäischen Krisenländern ist es heute oft Deutschland. Diese Abwälzung der politischen Verantwortung ist aber ein Problem für Europa. Man hat das Gefühl, dass die Deutschen am 22. September eine Regierung für den ganzen Kontinent gewählt haben.

SPIEGEL ONLINE: Seit der Bundestagswahl erscheint Angela Merkel mächtiger als je zuvor. Heißt das auch, dass Deutschland in Europa jetzt noch dominanter wird?

James: Das Wahlergebnis von Angela Merkel ist wirklich beeindruckend. Noch interessanter finde ich aber einen zweiten Aspekt: Anders als in anderen europäischen Staaten gibt es in Deutschland keine rechtsradikale oder rechtspopulistische Partei, die nennenswert Stimmen erhalten hat. Das ist ziemlich einmalig.

SPIEGEL ONLINE: Die AfD hätte es immerhin fast in den Bundestag geschafft.

James: Die Alternative für Deutschland würde ich nicht als rechtspopulistische Bewegung einstufen. Sie ist zwar gegen den Euro, aber nicht gegen die Europäische Union. Der Grundton ist bei ihr ein ganz anderer als etwa beim Front national in Frankreich oder bei der FPÖ in Österreich. Die AfD führt eine nötige Debatte über die Geldordnung in Europa. Und ich finde es gut, wenn diese Debatte sachlich geführt wird, ohne populistischen Unterton und vor allem nicht gegen Einwanderer gerichtet, wie das in anderen europäischen Staaten der Fall ist.

SPIEGEL ONLINE: Die AfD tut Europa also gut?

James: Zumindest finde ich es berechtigt, wenn man auch Alternativen zur jetzigen Geldordnung durchdenkt. Demokratie sollte immer auf Diskussionen aufbauen. Aber wenn ich in Deutschland wählen dürfte, würde ich trotzdem nicht für die AfD stimmen.

SPIEGEL ONLINE: Die AfD hat in Deutschland einen Nerv getroffen. Viele Menschen hier lehnen den Euro und vor allem die Politik der Euro-Rettung ab. Können Sie das verstehen?

James: Im Großen und Ganzen hat die Währungsunion Deutschland bisher eher Vorteile gebracht. Ich kann aber auch verstehen, dass man Angst davor hat, in der Zukunft Rechnungen bezahlen zu müssen, deren Höhe man nicht kennt. Das ist keineswegs irrational. Tatsächlich ist die Verteilung der Kosten in vielen Punkten noch nicht geklärt.

SPIEGEL ONLINE: Sehen Sie die Gefahr, dass Europa durch die Euro-Krise und das Geschachere ums Geld auseinanderdriften könnte?

James: Diese Gefahr besteht. Wir erleben derzeit eine Nationalisierung der Politik. Wichtige Entscheidungen laufen nicht über die europäischen Institutionen in Brüssel, sondern über die nationalen Regierungen. Dabei steht Deutschland im Mittelpunkt. Je nach Blickwinkel wird Berlin als Problem, als Lösung oder als Schreckgespenst betrachtet. Das hat zu einer gewaltigen Schädigung des europäischen Gedankens geführt.

SPIEGEL ONLINE: Hatte Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg jemals so viel Macht wie heute?

James: Nein. Bis 1990 gab es in der EU vier Staaten, die alle ähnlich groß und wirtschaftlich ähnlich stark waren: Großbritannien, Frankreich, Italien und die Bundesrepublik. Nach 1990 hat sich das natürlich geändert, aber das wahre Potential der deutschen Wirtschaft ist erst jetzt in der Krise zum Vorschein gekommen.

SPIEGEL ONLINE: Bundespräsident Joachim Gauck hat zum Jahrestag der deutschen Einheit gefordert, Deutschland müsse mehr Verantwortung in Europa und der Welt übernehmen. Hat er Recht?

James: Ja. Deutschland führt bisher nur widerwillig. Man möchte nicht so gerne den Hegemon spielen, diese Rolle wird dem Land derzeit aufgezwungen. Das liegt aber nicht nur an der eigenen Stärke, sondern auch an der Schwäche Frankreichs. Europa ist seit jeher sehr auf das Zusammenspiel von Deutschland und Frankreich angewiesen.

SPIEGEL ONLINE: Ist es gut für Europa, wenn am Ende nur noch eine starke Macht übrig bleibt?

James: Fast alle Deutschen wissen, dass das nicht gut ist. Deutschland muss unbedingt nach Verbündeten suchen, zum Beispiel bei den kleineren Nachbarstaaten wie den Niederlanden oder Österreich, aber zum Beispiel auch in den skandinavischen Ländern, zu denen man traditionell gute Beziehungen pflegt. Eine der wirklichen geopolitischen Wendungen ist aber die neue Stärke Polens. Wenn Deutschland nach einem größeren Partner sucht, ist das heute mehr und mehr Polen.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind in Großbritannien geboren und leben heute in den USA. Merken Sie in diesen beiden Ländern so etwas wie Angst davor, dass Deutschland zu stark werden könnte?

James: Diese Angst gibt es wahrscheinlich eher in den Krisenländern im Süden der Euro-Zone oder auch in Irland. In den USA ist man sich dagegen zunehmend bewusst, dass wir Amerikaner in Europa nicht mehr eine so große Rolle spielen werden wie in der Vergangenheit. Und wenn dann ein demokratisches Land mit einem konsensfähigen Regierungssystem an Stärke gewinnt, wird das insgesamt eher positiv gesehen.



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Seite 1
leidenfeuer 07.10.2013
1. Einer trage der anderen Last.
Dass die Deutschen die Lastesel Europas sind, wird häufig bestritten, ist aber objektiv einfach nicht zu übersehen.
ollux 07.10.2013
2.
"spätestens seit Joachim Gaucks Rede stellt sich die Frage nach der Rolle des Landes in Europa und der Welt." wer meint dies? genau dies sehe ich, wie viele andere ,nicht, wenn weiterhin ich entsprechende Blogs zu dieser wenig bemerkenswerten Rede lese. Es wird so sein, dass deshalb diese Rede weder etwas bewirkt, noch in der Erinnerung verbleibt. Beispielhaft im Gegensatz dazu: 8. Mai 1985 Rede Weizsäcker. Zweifelslos: So muss eine Rede sein
muellerthomas 07.10.2013
3.
Zitat von leidenfeuerDass die Deutschen die Lastesel Europas sind, wird häufig bestritten, ist aber objektiv einfach nicht zu übersehen.
Anhand welcher objektiver Daten machen Sie das fest?
peter.stein 07.10.2013
4. Der arme Mann
als in den USA lebender Professor weiß der Arme noch gar nicht wie böse der AFD wirklich ist. Man möge ihm bitte ein Monatsabo von Spiegel, Süddeutsche und TAZ geben, dann wird ihn die geballte Journalistenkompetenz schon davon überzeugt haben, dass der AFD mittelfristig den Krieg in Europa zum Ziel hat. So, Ironie aus. Schon interessant (aber auch irgendwie traurig), dass ein US-Professor uns erklären muss, dass es in einer Demokratie recht normal ist, dass verschiedene Meinungen vertretren werden dürfen und dass man icht gleich rechtspopulistisch ist, wenn man die Grundprobleme des Euros anspricht und andere Wege einschlagen will. Ob diese dann besser sind, ist eine andere Frage.
chico 76 07.10.2013
5. Das nenne ich mal Aussagen,
mit denen man 100% übereinstimmen kann. Das gepflegte Angstschüren bei uns, vor politisch relevantem Rechtsradikalismus, wird von unverdächtiger Stelle ad absurdum geführt. Ob es nützt darf bezweifelt werden, die Nazikeule wird zu gerne geschwungen, wenn sachliche Argumente fehlen.
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