Hartz-IV-Debatte Arbeiten für die Moral

Die Menschen in Deutschland sind extrem fleißig, manche stehen jeden Morgen früh auf - um vier Euro die Stunde zu verdienen. Doch die aktuelle Debatte über eine Erhöhung der Hartz-IV-Sätze untergräbt diese Arbeitsmoral. Im schlimmsten Fall führt das zu immer mehr Erwerbslosen.

Reinigungskraft am Frankfurter Hauptbahnhof: Das Gefühl, gebraucht zu werden
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Reinigungskraft am Frankfurter Hauptbahnhof: Das Gefühl, gebraucht zu werden

Ein Gastkommentar von Andreia Tolciu und Michael Bräuninger


In den vergangenen Tagen wurden immer wieder Forderungen laut, die Hartz-IV-Regelsätze zu erhöhen. Als Begründung wurde das Urteil des Bundesverfassungsgerichts vor einem Monat angeführt. Dabei hatten die Karlsruher Richter ausdrücklich nicht von einer Erhöhung, sondern lediglich von einer Neuberechnung der Regelsätze gesprochen.

Das Problem: Es ist völlig offen, ob höhere Hartz-IV-Sätze den Empfängern neue Perspektiven eröffnen würden.

Tatsächlich können höhere Regelsätze - abgesehen von den sofort spürbaren monetären Kosten für den Staatshaushalt - weitere unerwünschte Nebenwirkungen haben. Die Rede ist von der Arbeitsmoral der Arbeitnehmer. Denn die dürfte sinken, mit verheerenden Folgen für den Arbeitsmarkt insgesamt. Dabei geht es vor allem um diejenigen, die sich bisher bewusst für Arbeit entscheiden, obwohl ihre finanziellen Vorteile nur geringfügig höher sind als bei Hartz-IV-Empfängern.

Die Einstellungen einer Gesellschaft zur Arbeit haben große Bedeutung für das Funktionieren einer Volkswirtschaft. Die ökonomische Theorie sozialer Interaktionen zeigt, dass die Sozialstaatsdebatte nicht mehr nur auf eine klassische monetäre Kosten-Nutzen Analyse reduziert werden kann. Denn Menschen lassen sich nicht nur vom ökonomischen Kalkül leiten, sondern auch vom Gefühl, etwas zu leisten und gebraucht zu werden.

Ebenso ist die ungeschriebene soziale Norm bedeutsam, dass jedes leistungsfähige Individuum aus eigenen Kräften versuchen muss, seine Existenz zu sichern und nicht auf Kosten der Allgemeinheit leben darf.

Die Arbeitsmoral ist in Deutschland (noch) stark ausgeprägt

Diese nichtmonetären Faktoren, die das Verhalten und die Mentalität vieler Arbeitnehmer prägen, könnten erklären, warum es im Osten immer noch Friseurinnen gibt - trotz Stundenlöhnen von gerade mal vier Euro. Oder warum sich Niedriglöhner mit Kindern für Arbeit entscheiden - obwohl sie am Monatsende kaum mehr in der Tasche haben als eine Hartz-IV-Familie.

Vor diesem Hintergrund erscheint die aktuelle Diskussion eindimensional. Debattiert wird über zusätzliche Leistungen des Staates und - durchaus berechtigt - über die Frage der Finanzierbarkeit. Viel wichtiger aber wäre es, wenn die politischen Entscheidungsträger die langfristigen sozialen Einflussfaktoren im Blick hätten. Und dazu zählt eben auch die Arbeitsmoral, die in Deutschland glücklicherweise (noch) relativ stark ausgeprägt ist.

Erwerbslos zu sein bedeutet für viele Menschen nicht nur den Verlust einer existenzsichernden Einkommensmöglichkeit, sondern gleichzeitig einen Verlust an Identität. Empirische Untersuchungen für verschiedene industrialisierte Länder zeigen, dass Arbeitslose weit weniger glücklich sind als Beschäftigte, selbst wenn Letztere nur über ein sehr niedriges Einkommen verfügen.

Allein arbeitslos zu sein ist schlimmer als in einer Gruppe

Das "Wohlbefinden" der Arbeitslosen variiert aber mit der Anzahl der in ihrem Umfeld lebenden anderen Arbeitslosen. Offensichtlich wird es als viel schlimmer empfunden, allein arbeitslos zu sein. Erträglicher wird die Situation, wenn auch Freunde und Bekannte keinen Job haben. In diesem Fall wird Arbeitslosigkeit als eine kollektive Erfahrung betrachtet. Die Betroffenen passen ihren Tagesablauf an die Gegebenheiten an, zum Teil kann die freie Zeit zusammen mit mehreren gleichermaßen betroffenen Personen attraktiv gestaltet werden.

Gleichzeitig wurde in einer Reihe von Studien nachgewiesen, dass in Gruppen mit hoher Arbeitsmoral dieses "Wohlbefinden" der Erwerbslosen niedriger ist. In einem Umfeld mit geringer Arbeitsmoral ist es höher. Dieses Ergebnis erklärt sich aus den relativ hohen nichtmonäteren Verlusten - zum Beispiel Ansehensverlust -, die Arbeitslose erdulden müssen, die in einer Gruppe mit hoher Arbeitsmoral leben.

Außerdem zeigt sich, dass die Arbeitsmoral mit der Dauer der Arbeitslosigkeit zusammenhängt und dass sie regional sehr unterschiedlich ausgeprägt ist. Eine regional hohe Arbeitslosigkeit geht mit einer niedrigen Arbeitsmoral einher und umgekehrt. (Dies gilt nur bedingt für Ostdeutschland: Hier ist die Arbeitsmoral geschichtlich bedingt höher als im Westen).

Teufelskreis aus Arbeitslosigkeit und Arbeitsmoral

Aus diesen Zusammenhängen lässt sich eine klare Botschaft ableiten: Das Arbeitsengagement derer, die sich jeden Morgen auf den Weg zur Arbeit machen, darf nicht in Frage gestellt werden. Anreize, einen Job anzunehmen, dürfen nicht sinken.

Die Hartz-IV-Debatte geht deshalb in die falsche Richtung. Höhere Regelsätze könnten vor allem Geringverdienern signalisieren, dass Nichtstun mindestens genauso gut ist wie Arbeiten: Höhere staatliche Unterstützung verringert den Anreiz zu individuellen Anstrengungen; dadurch steigt die Arbeitslosigkeit und wird gesellschaftlich tolerabler; in der Folge sinkt die soziale Norm der Leistungsbereitschaft; und dies führt dann zu einem weiteren Anstieg der Arbeitslosigkeit.

So würde ein Teufelskreis aus Arbeitslosigkeit und Arbeitsmoral aktiviert, der nur schwer zu durchbrechen ist.



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