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19. November 2010, 12:04 Uhr

Hartz-IV-Energiesatz

Strompreis-Schub trifft Arbeitslose am härtesten

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Hunderte Stromanbieter erhöhen die Preise - jetzt zeigt eine neue Statistik: Für Arbeitslose wird das besonders teuer. Sie müssen viel mehr für Energie zahlen, als im Hartz-IV-Regelsatz vorgesehen ist.

Hamburg - Achim Heger mag den November nicht, denn er hält oft eine böse Überraschung bereit. Rund 300 Stromversorger haben angekündigt, Anfang Dezember oder zum Jahreswechsel die Preise zu erhöhen. Mindestens 18 Millionen Haushalte sind betroffen.

Heger ist einer davon. Bis Freitagabend müssen die Versorger eine Erhöhung zum Jahreswechsel bekanntgeben, am Donnerstag, kurz vor Ablauf der Frist, flatterte bei ihm ein Brief ins Haus. Sein Versorger erhöht die Kosten um mehr als einen Cent pro Kilowattstunde. "Wenn ich ungefähr so viel verbrauche wie jetzt, werde ich 2011 gut 24 Euro mehr für Strom zahlen", sagt der 52-Jährige.

Das Problem ist nur: Heger kann sich die Erhöhung gar nicht leisten. Er bekommt Hartz IV. 359 Euro im Monat. Wenn der Versorger die Preise erhöht, trifft das den ehemaligen Lkw-Fahrer besonders hart. Denn die Pauschale, die der Staat Hartz-IV-Empfängern für Strom zahlt, ist viel zu niedrig.

Rund 29 Euro sind monatlich eingeplant, gut acht Prozent der insgesamt 359 Euro. Nach Berechnungen des Vergleichsportals Check24 liegen die tatsächlichen Kosten deutlich höher - in allen Bundesländern. So zahlt ein alleinstehender Arbeitsloser mit einem Jahresverbrauch von 1500 Kilowattstunden im Schnitt 35 Euro pro Monat. In Thüringen, Sachsen und Sachsen-Anhalt sind es sogar 37 Euro. Hochgerechnet auf ein Jahr zahlen Hartz-IV-Empfänger somit 96 Euro mehr, als der Staat ihnen für Energiekosten zuteilt.

Ausgerechnet dort, wo Strom am teuersten ist, zum Beispiel im Osten, sind überdurchschnittlich viele Menschen arbeitslos. Und die Kluft zwischen Hartz-IV-Pauschale und tatsächlichen Kosten wächst seit Jahren.

Laut Check24 sind die Stromkosten seit 2007 um durchschnittlich 13 Prozent gestiegen. Der Hartz-IV-Regelsatz legte im gleichen Zeitraum nur um rund vier Prozent zu, von 345 auf 359 Euro. Im kommenden Jahr wird sich das Problem noch verschärfen. Der Hartz-IV-Regelsatz steigt um gut ein Prozent auf 364 Euro - die Strompreise Hunderter Anbieter dagegen um mehr als sieben Prozent. Teils gibt es sogar Erhöhungen um 14 Prozent und mehr.

Um die sozial Schwachen zu entlasten, wurde zeitweise ein sogenannter Sozialtarif diskutiert, ein ermäßigter Strompreis für Arbeitslose. Erfolg hatte diese Idee nicht. Die Stromkonzerne gewähren ärmeren Verbrauchern in der Regel keinen Preisnachlass: Die soziale Grundsicherung sei Aufgabe des Staates, teilt der Anbieter EnBW auf Anfrage mit. Es sei nicht Aufgabe der Privatwirtschaft, sozial Schwache abzusichern, schreibt Vattenfall. RWE hält einen ermäßigten Tarif für "wettbewerblich problematisch". E.on äußerte sich nicht zum Umgang mit arbeitslosen Kunden.

Probleme beim Anbieterwechsel

Völlig ausgeliefert sind die Verbraucher den Konzernen nicht. "Wir raten Arbeitslosen dringend, zu einem günstigeren Versorger zu wechseln", sagt Isabel Wendorff von Check24. Durch einen Wechsel aus dem Grundversorgungstarif zu einem günstigeren Alternativanbieter könne man mehr als 100 Euro pro Jahr sparen - und so die vom Staat nicht gedeckten Stromkosten hereinholen.

Allerdings ist ein Anbieterwechsel für Hartz-IV-Empfänger schwieriger als für Berufstätige. In der Branche ist es üblich, dass Stromanbieter Kunden erst mal genau prüfen. Dazu wird schon mal ein Schufa-Eintrag angefordert - der dem Bundesverband für Verbraucherzentralen zufolge bei Hartz-IV-Empfängern oft zu negativ ausfällt.

Davon sollten sich Verbraucher nicht entmutigen lassen, sagt Wendorff. "Ist ein Anbieterwechsel nicht möglich, lohnt sich immer noch ein Anruf beim aktuellen Versorger. Oft können Kunden zumindest bei diesem auf einen günstigeren Alternativtarif umsteigen."

Heger ist schon beim günstigsten Anbieter in seiner Region, und um die Kosten zu drücken, hat er eine Menge getan. "Ich verwende nur Energiesparlampen, koche selten, schalte nur das Licht an, wenn ich im Zimmer bin", sagt er. "Trotzdem ist die Stromrechnung in den vergangenen Jahren immer höher geworden."

Das Geld fehlt nun an anderer Stelle. Fürs Essen bleiben Heger 100 Euro im Monat, neue Schuhe sind nicht drin, die aktuellen sind sechs Jahre alt. Jetzt, da die Strompreise erneut steigen, wird er seine alten Botten wohl noch eine Weile tragen müssen.

Ob Ihr Versorger auch die Preise erhöht, entnehmen Sie der großen Energie-Tabelle von SPIEGEL ONLINE. In Ihr sind alle bislang angekündigten Erhöhungen vermerkt - sortiert nach Bundesländern.

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