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Hartz-IV-Energiesatz: Strompreis-Schub trifft Arbeitslose am härtesten

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Hunderte Stromanbieter erhöhen die Preise - jetzt zeigt eine neue Statistik: Für Arbeitslose wird das besonders teuer. Sie müssen viel mehr für Energie zahlen, als im Hartz-IV-Regelsatz vorgesehen ist.

Strommast in Lingen: Kostenschub für Millionen Verbraucher Zur Großansicht
dpa

Strommast in Lingen: Kostenschub für Millionen Verbraucher

Hamburg - Achim Heger mag den November nicht, denn er hält oft eine böse Überraschung bereit. Rund 300 Stromversorger haben angekündigt, Anfang Dezember oder zum Jahreswechsel die Preise zu erhöhen. Mindestens 18 Millionen Haushalte sind betroffen.

Heger ist einer davon. Bis Freitagabend müssen die Versorger eine Erhöhung zum Jahreswechsel bekanntgeben, am Donnerstag, kurz vor Ablauf der Frist, flatterte bei ihm ein Brief ins Haus. Sein Versorger erhöht die Kosten um mehr als einen Cent pro Kilowattstunde. "Wenn ich ungefähr so viel verbrauche wie jetzt, werde ich 2011 gut 24 Euro mehr für Strom zahlen", sagt der 52-Jährige.

Das Problem ist nur: Heger kann sich die Erhöhung gar nicht leisten. Er bekommt Hartz IV. 359 Euro im Monat. Wenn der Versorger die Preise erhöht, trifft das den ehemaligen Lkw-Fahrer besonders hart. Denn die Pauschale, die der Staat Hartz-IV-Empfängern für Strom zahlt, ist viel zu niedrig.

Rund 29 Euro sind monatlich eingeplant, gut acht Prozent der insgesamt 359 Euro. Nach Berechnungen des Vergleichsportals Check24 liegen die tatsächlichen Kosten deutlich höher - in allen Bundesländern. So zahlt ein alleinstehender Arbeitsloser mit einem Jahresverbrauch von 1500 Kilowattstunden im Schnitt 35 Euro pro Monat. In Thüringen, Sachsen und Sachsen-Anhalt sind es sogar 37 Euro. Hochgerechnet auf ein Jahr zahlen Hartz-IV-Empfänger somit 96 Euro mehr, als der Staat ihnen für Energiekosten zuteilt.

So viel zahlen Arbeitslose pro Monat beim Strom drauf
Bundesland monatliche Stromkosten im Schnitt Differenz zum Hartz-IV-Satz (29 Euro)
Baden-Württemberg 35 Euro +6 Euro
Bayern 35 Euro +6 Euro
Berlin 31 Euro +2 Euro
Brandenburg 36 Euro +7 Euro
Bremen 33 Euro +4 Euro
Hamburg 31 Euro +2 Euro
Hessen 35 Euro +6 Euro
Mecklenburg-Vorpommern 36 Euro +7 Euro
Niedersachsen 34 Euro +5 Euro
Nordrhein-Westfalen 34 Euro +5 Euro
Rheinland-Pfalz 37 Euro +8 Euro
Saarland 34 Euro +5 Euro
Sachsen 37 Euro +8 Euro
Sachsen-Anhalt 37 Euro +8 Euro
Schleswig-Holstein 34 Euro +5 Euro
Thüringen 37 Euro +8 Euro
Bundesschnitt 35 Euro +6 Euro
Quelle: Check24
Ausgerechnet dort, wo Strom am teuersten ist, zum Beispiel im Osten, sind überdurchschnittlich viele Menschen arbeitslos. Und die Kluft zwischen Hartz-IV-Pauschale und tatsächlichen Kosten wächst seit Jahren.

Laut Check24 sind die Stromkosten seit 2007 um durchschnittlich 13 Prozent gestiegen. Der Hartz-IV-Regelsatz legte im gleichen Zeitraum nur um rund vier Prozent zu, von 345 auf 359 Euro. Im kommenden Jahr wird sich das Problem noch verschärfen. Der Hartz-IV-Regelsatz steigt um gut ein Prozent auf 364 Euro - die Strompreise Hunderter Anbieter dagegen um mehr als sieben Prozent. Teils gibt es sogar Erhöhungen um 14 Prozent und mehr.

Um die sozial Schwachen zu entlasten, wurde zeitweise ein sogenannter Sozialtarif diskutiert, ein ermäßigter Strompreis für Arbeitslose. Erfolg hatte diese Idee nicht. Die Stromkonzerne gewähren ärmeren Verbrauchern in der Regel keinen Preisnachlass: Die soziale Grundsicherung sei Aufgabe des Staates, teilt der Anbieter EnBW auf Anfrage mit. Es sei nicht Aufgabe der Privatwirtschaft, sozial Schwache abzusichern, schreibt Vattenfall. RWE hält einen ermäßigten Tarif für "wettbewerblich problematisch". E.on äußerte sich nicht zum Umgang mit arbeitslosen Kunden.

Probleme beim Anbieterwechsel

Völlig ausgeliefert sind die Verbraucher den Konzernen nicht. "Wir raten Arbeitslosen dringend, zu einem günstigeren Versorger zu wechseln", sagt Isabel Wendorff von Check24. Durch einen Wechsel aus dem Grundversorgungstarif zu einem günstigeren Alternativanbieter könne man mehr als 100 Euro pro Jahr sparen - und so die vom Staat nicht gedeckten Stromkosten hereinholen.

Allerdings ist ein Anbieterwechsel für Hartz-IV-Empfänger schwieriger als für Berufstätige. In der Branche ist es üblich, dass Stromanbieter Kunden erst mal genau prüfen. Dazu wird schon mal ein Schufa-Eintrag angefordert - der dem Bundesverband für Verbraucherzentralen zufolge bei Hartz-IV-Empfängern oft zu negativ ausfällt.

Davon sollten sich Verbraucher nicht entmutigen lassen, sagt Wendorff. "Ist ein Anbieterwechsel nicht möglich, lohnt sich immer noch ein Anruf beim aktuellen Versorger. Oft können Kunden zumindest bei diesem auf einen günstigeren Alternativtarif umsteigen."

Heger ist schon beim günstigsten Anbieter in seiner Region, und um die Kosten zu drücken, hat er eine Menge getan. "Ich verwende nur Energiesparlampen, koche selten, schalte nur das Licht an, wenn ich im Zimmer bin", sagt er. "Trotzdem ist die Stromrechnung in den vergangenen Jahren immer höher geworden."

Das Geld fehlt nun an anderer Stelle. Fürs Essen bleiben Heger 100 Euro im Monat, neue Schuhe sind nicht drin, die aktuellen sind sechs Jahre alt. Jetzt, da die Strompreise erneut steigen, wird er seine alten Botten wohl noch eine Weile tragen müssen.


Ob Ihr Versorger auch die Preise erhöht, entnehmen Sie der großen Energie-Tabelle von SPIEGEL ONLINE. In Ihr sind alle bislang angekündigten Erhöhungen vermerkt - sortiert nach Bundesländern.

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insgesamt 426 Beiträge
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1. HARTZ IV-ler stehen immer noch besser als Studenten
FrankDr 19.11.2010
Da denk ich sofort an die Studienzeit und die größte soziale Ungerechtigkeit. Der Bafög-Höchstsatz ist auf 670 Euro gestiegen. Davon sind aber 50% nur rückzahlbares Darlehen!!! Heißt für einen Student ist Maximalbetrag (wenn bspw. Eltern nicht mehr unterhaltspflichtig sind) de facto: 335€. Nach 10 Semestern Regelstudienzeit Masterstudium: 335x12x5Jahre= 20.100€ Schulden. Würde ein Student aufhören zu studieren und Hatz IV beziehen, könnte er sein Einkommen quasi verdoppeln: 364€ Hartz IV, Wohnkostenzuschuss, Erstausstattung, Heizkostenzuschüsse, usw. - ohne Darlehensanteile. Aber da herrscht die Ungerechtigkeit laut Artikel?
2. 33 Euro....
Schneemann_ 19.11.2010
... ist unser Stromabschlag im Monat. Wohlgemerkt: Doppelhaushälfte, 130 m2, 5 Personen. Wenn man nur will......
3. Ungerecht?
MissMorgan 19.11.2010
Zitat von FrankDrDa denk ich sofort an die Studienzeit und die größte soziale Ungerechtigkeit. Der Bafög-Höchstsatz ist auf 670 Euro gestiegen. Davon sind aber 50% nur rückzahlbares Darlehen!!! Heißt für einen Student ist Maximalbetrag (wenn bspw. Eltern nicht mehr unterhaltspflichtig sind) de facto: 335€. Nach 10 Semestern Regelstudienzeit Masterstudium: 335x12x5Jahre= 20.100€ Schulden. Würde ein Student aufhören zu studieren und Hatz IV beziehen, könnte er sein Einkommen quasi verdoppeln: 364€ Hartz IV, Wohnkostenzuschuss, Erstausstattung, Heizkostenzuschüsse, usw. - ohne Darlehensanteile. Aber da herrscht die Ungerechtigkeit laut Artikel?
Dieser Kommentar ist doch eine Verhohnepipung der Arbeitslosen! Als ob man arbeitslos sein möchte! Und die Arbeitslosen, die ich kenne haben ebenfalls Schulden - weil sie sich eine Brille kaufen mussten, Strom- oder Nebenkostennachzahlungen oder oder oder!
4. S21 NEIN Danke
kdshp 19.11.2010
Zitat von sysopHunderte Stromanbieter erhöhen die Preise - jetzt zeigt eine neue Statistik: Für Arbeitslose wird das besonders teuer. Sie müssen viel mehr für Energie zahlen, als im Hartz-IV-Regelsatz vorgesehen ist. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,729703,00.html
Hallo, noch schlimemr find eich die rentner die wenig rente bekommen aber das land mit aufgebaut haben. Und sollte nicht unter schwarz-gelb der strompreis sinken? Was ist das los in berlin? Die ökosteuer wollte die FDP/CDU doch abschaffen und die atomlaufzeitverlängerung sollte doch sinkende preise bringen UND JETZT passiert genau das gegenteil von dem? Ich bin von der jetzigen regierung was das thema angeht maßlos entäuscht.
5. Wie?
MissMorgan 19.11.2010
Zitat von Schneemann_... ist unser Stromabschlag im Monat. Wohlgemerkt: Doppelhaushälfte, 130 m2, 5 Personen. Wenn man nur will......
Bei welchem Versorger und wie geht das? Ich bin ein Single-Haushalt mit DauerPC-Benutzung (=Arbeit)und zahle 55 Euro! Und das war letztes Jahr der fast günstigste Anbieter!
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Energie-Oligopol in Deutschland
Konzerne Anteil Kraft- werks- kapa- zität Anteil erzeugte Strom- menge Anteil Groß- kunden- markt
RWE, E.on, Vattenfall, EnBW 82% 89% 60%
Quellen: IZES, BEE; Werte aus dem Jahr 2009

DDP
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Anbieterwechsel - so funktioniert's
In wenigen Minuten zum Ziel
Der Wechsel des Stromanbieters ist sehr einfach. Für die Formalitäten braucht man nur wenige Minuten. Im Kern gilt das Gleiche auch für Gaskunden. Wechselwillige Kunden sollten Folgendes beachten.
Verbrauch ermitteln
Als Erstes sollte man seinen individuellen Jahresverbrauch ermitteln. Am einfachsten geht das über die letzte Rechnung. Wichtig: Es kommt nicht auf den Betrag in Euro an, sondern auf den Verbrauch in Kilowattstunden (kWh). Wer die letzte Rechnung nicht mehr findet, kann seinen jährlichen Strombedarf zur Not auch anhand des Verbrauchs der letzten Monate hochrechnen.
Die Suche nach dem passenden Anbieter
Nun beginnt die Suche nach dem günstigsten Anbieter. Eine wichtige Hilfestellung bieten dabei unabhängige Verbraucherportale wie www.toptarif.de, www.verivox.de, www.stromtarife.de, www.check24.de oder www.verbraucherzentrale.de. Auf diesen Seiten finden sich Tarifrechner, in die man nur zwei Werte eingeben muss: seine Postleitzahl und seinen jährlichen Stromverbrauch in Kilowattstunden. Der Tarifrechner bietet dann eine Übersicht sämtlicher Anbieter, die in dieser Region verfügbar sind.
Die Auswahl
Jetzt kommt der entscheidende Schritt - die Wahl des neuen Anbieters. Dabei sollte man Folgendes beachten: Der günstigste ist nicht automatisch der beste. So warnen Verbraucherschützer vor Unternehmen, die Vorkasse verlangen. Auch sollte man sich nicht zu lange an einen Anbieter binden - Vertragslaufzeiten von zwei Jahren also lieber meiden. Allen anderen Unternehmen darf man getrost Vertrauen entgegenbringen.
Ökoanbieter
Wer möchte, kann sich an dieser Stelle auch für einen Ökostromanbieter entscheiden. Diese Unternehmen garantieren grünen Strom aus erneuerbaren Energien, ohne Kohle und Kernkraft. Nach Angaben der Verbraucherschützer sind Ökostromprodukte in zwei Dritteln der Städte sogar billiger als die der ortsüblichen Grundversorger.
Die Formalitäten
Nun muss man mit dem neuen Anbieter nur noch Kontakt aufnehmen. Häufig ist das direkt über das Verbraucherportal möglich - entweder per Mausklick oder per Telefon. Der neue Anbieter klärt dann sämtliche Formalitäten. Eine Abmeldung beim alten Versorger ist nicht nötig, auch das übernimmt das neue Unternehmen automatisch. Nur eine Sache sollte man beachten: Die Vertragslaufzeit beim alten Anbieter muss eingehalten werden. Wer seit acht Monaten in einem Jahresvertrag ist, muss eben noch vier Monate warten.
Die Technik
Technisch ist der Anbieterwechsel überhaupt kein Problem. Das physikalische Produkt Strom bleibt in jedem Fall dasselbe, eine Unterbrechung der Versorgung ist ausgeschlossen. Dass man einen neuen Anbieter hat, merkt man nur daran, dass die Rechnung von einem anderen Unternehmen kommt als bisher. Übrigens: Selbst wenn der neue Anbieter pleitegehen sollte, bekommt man weiterhin Strom. In diesem Fall ist der örtliche Grundversorger gesetzlich verpflichtet einzuspringen.
Wie lange dauert der Anbieterwechsel?
Seit April 2012 können Strom- und Gaskunden schneller den Anbieter wechseln. Sobald die Anmeldung beim Netzbetreiber erfolgt ist, dürfen laut Energiewirtschaftsgesetz nur noch drei Wochen verstreichen, bis die Strom- oder Gaslieferung durch den neuen Anbieter beginnt. Starttermin muss nicht der Monatserste sein - jeder Tag ist möglich. Dauert die Umstellung länger als drei Wochen, kann der Kunde Schadenersatz vom Lieferanten oder Netzbetreiber fordern.
Ich habe eine Nachtspeicherheizung. Kann ich auch den Anbieter wechseln?
In den meisten Fällen leider nicht. "In vielen Regionen gibt es nur einen Anbieter, der die Betreiber von Nachtspeicherheizungen beliefert", sagt ein Verivox-Sprecher. Durch den mangelnden Wettbewerb kommt es öfter zu überdurchschnittlichen Preiserhöhungen. Im vergangenen Jahr sind beispielsweise in Baden-Württemberg die Preise um bis zu 30 Prozent gestiegen. Die Bundesregierung tut dagegen wenig, denn es ist politisch gewollt, dass stromfressende Nachtspeicherheizungen nach und nach ausrangiert werden.

Fotostrecke
Grafiken: Der deutsche Energiemarkt

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