Dauerzustand Eine Million Menschen beziehen seit zehn Jahren Hartz IV

Für eine Million Menschen in Deutschland ist das Leben am Existenzminimum Dauerzustand: Laut einer Analyse sind sie seit zehn Jahren ohne Unterbrechung auf Hartz IV angewiesen.

Sozialkaufhaus in Rostock
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Sozialkaufhaus in Rostock


Wer mit Hartz-IV-Beziehern spricht, bekommt oft zu hören: Wenige Monate könne man mit der Grundsicherung durchaus einigermaßen über die Runden kommen. Auf Dauer aber reiche das Geld an allen Ecken und Enden nicht mehr, auch weil grundsätzlich alle Anschaffungen von der Waschmaschine bis zum Kühlschrank davon bezahlt werden müssten. Kurz: Je länger man auf Hartz IV angewiesen ist, desto zermürbender wird der Alltag.

Das trifft auf einen großen Anteil der Hartz-IV-Bezieher zu, wie aus einer Analyse des Nürnberger Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) hervorgeht. Von den 6,2 Millionen Leistungsbeziehern bei der Einführung von Hartz IV im Januar 2005 hat etwa eine Million die Unterstützung zehn Jahre lang ununterbrochen bekommen. Das entspricht gut 16 Prozent. (Hier finden Sie die Analyse als PDF-Datei).

Im vergangenen November war bekannt geworden, dassseit Einführung von Hartz IV insgesamt mindestens 14,5 Millionen Menschen schon einmal die Grundsicherung bezogen haben. Außer den Dauerbeziehern gibt es also auch viele, die nur vorübergehend auf Hartz IV angewiesen sind - aber mit unterschiedlich langer Dauer. Die IAB-Forscher haben in ihrer Analyse deshalb modellhaft Erwerbsverläufe von Hartz-IV-Empfängern untersucht.

Etwa einem Viertel der Hartz-IV-Empfänger gelingt es demnach, relativ schnell wieder einen normalen Job zu bekommen. "Ein knappes Drittel verbleibt hingegen lange im Leistungsbezug und hat relativ wenig Kontakt zum Arbeitsmarkt", teilten die Forscher mit. Bei einem Teil dieser Gruppe führten auch Weiterbildungen oder Ähnliches nicht zu einer nachhaltigen Integration in den Arbeitsmarkt.

Die meisten Hartz-IV-Dauerbezieher haben keinen oder nur einen Hauptschulabschluss. Etwa jeder zehnte Leistungsempfänger sei zwar relativ gut in den Arbeitsmarkt integriert, könne den eigenen Lebensunterhalt aber nicht ohne aufstockende Leistungen bestreiten.

Und eine vierte Gruppe - ebenfalls ein knappes Zehntel - meistere den Ausstieg erst nach längerer Zeit. Wer zudem schon früher häufiger arbeitslos war, hat ein höheres Risiko, länger Hartz IV zu beziehen. Auch bei jungen Leuten ist ein Ausbildungsabschluss der Schlüssel: Bei denen, die keinen Abschluss schaffen, bleibt ein hoher Anteil längerfristig auf Hartz IV angewiesen.

Angesichts von durchschnittlich 6,1 Millionen Menschen, die im Jahr 2014 Hartz IV bekamen, sprechen die Forscher von einem "hohen Ausmaß an Bedürftigkeit in der Bevölkerung." Die Zahl entspreche etwa 9,5 Prozent der Bevölkerung bis 65 Jahre.

Für ihre Studie berücksichtigten die Forscher einen umfangreichen IAB-Datenbestand, in dem alle Hartz-IV-Leistungsbezieher von 2005 bis 2014 berücksichtigt wurden. Für eine Analyse typischer Erwerbsverläufe untersuchten die Forscher eine Stichprobe von mehr als 20.000 Menschen, die erstmals im Jahr 2007 Hartz IV beantragten.

fdi/dpa



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insgesamt 45 Beiträge
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frank57 02.02.2017
1. Diese Analyse
ist eigentlich obsolet, da diese Zahlen(plus minus einiger Prozente) bekannt sind! HartzIV ist die Leibeigentum der heutigen Zeit! Beschämend dass Milliarden in alle Welt und für Hinz und Kunz ausgegeben werden und die Bedürftigen im eigenen Land auf das Übelste gedehmütigt werden!
UdoL 02.02.2017
2.
Interessante Zahlen, allerdings fehlen Angaben zum Ausländeranteil und zum Anteil derjenigen, bei denen die Arbeitsfähigkeit nur noch theoretisch besteht.
dreamrohr2 02.02.2017
3.
tja, das ist eben der Umkerhkommunismus. Die Wirtschaft "entledigt" sich seiner Kosten (Mitarbeiter) und drückt sie dem Steuerzahler aufs Auge. Augenwischerei und das Zauberwort "Arbeitsplätze" lässt unsere Politiker vor jeder logischen Handlung, die Arbeitgeber in viel mehr Gesellschaftsanliegen zu beteiligen, zurückschrecken. Diese werden mit verschiedenen "Lobbypakete" stillgelegt, so lässt sich die Wirtschaft das Regieren unseres Landes, vereinfachen. Derartige Lobbygeschenke werden dann steuerlich abgesetzt, so leidet der Steuerzahler erneut. Eine runde Sache! Dass hier die gesamte Struktur zusammenbricht, interessiert doch nicht, der Standort Deutschland ist eigentlich nichts mehr wert, ausser ausgenommen zu werden. Investitionen scheinen, angesichts der minderen Gewinne, nicht interessant, allerdings geniessen diejenigen gerne die Infrastruktur, den Frieden und die Sicherheit gegen Verfolgung bei Steuerhinterziehung und anderen Freiheiten hier, gerne kostenlos! Der Steuerzahler hat es ja!
larry_lustig 02.02.2017
4. 600.000 arbeiten und brauchen trotzdem H4
Es wäre interessant, wie viele davon sind selbständige Handwerker aus dem Ausland, die nie ohne H4 hier gearbeitet haben. In Polen war das eine von den dortigen Ämtern beworbene Möglichkeit, der Geldbeschaffung. Wie viele sind Aufstocker die von Freunden oder Familie angestellt sind? Dieses Model war nach meiner Erfahrung bei der Bank bei Rumänen sehr beliebt....
psmonn 02.02.2017
5. Danke
Jeden morgen darf ich meine Eurocents zählen. Meine Demut gilt dem deutschen Steuerzahler, ich darf leben. Er darf meckern über die Ungerechtigkeit, dass er mich durchfüttert, über diesen Abschaum der sich einen Lenz macht. Jeden Abend frag ich mich warum noch den nächsten Tag erleben. Meine Hoffnung dieses Land brennen zu sehen ist groß.
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