Schlechte Betreuung Kommunen lassen Langzeitarbeitslose im Stich

Rund jeder zweite Langzeitarbeitslose kämpft mit Schulden, Drogenabhängigkeit oder psychischen Problemen. Die Hartz-Reform sollte diesen Menschen mit einer Komplettberatung helfen. Doch eine Untersuchung zeigt: Die Kommunen kommen ihrer Pflicht nur selten nach.

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Schlange in Frankfurter Jobcenter: Wartezeiten von bis zu sechs Monaten
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Schlange in Frankfurter Jobcenter: Wartezeiten von bis zu sechs Monaten


Hamburg - Die Einführung von Hartz IV war auch ein großes Versprechen. Langzeitarbeitslose sollten in erster Linie zwar dazu bewegt werden, zu arbeiten. Ihnen sollte aber auch bei anderen Problemen wie Schulden oder Sucht umfassend geholfen werden, um aus ihrer Notlage zu kommen. Rund neun Jahre nach der Einführung zeigt sich allerdings: Der Kern der größten Sozialreform in der Geschichte der Bundesrepublik ist gefloppt. Nur ein Viertel aller Bedürftigen erhält tatsächlich die erforderliche Hilfe. Das geht aus einer Studie des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) hervor, die SPIEGEL ONLINE exklusiv vorliegt.

Der DGB kommt in der bislang umfangreichsten Analyse dieser Art zu dem Ergebnis: Langzeitarbeitslose haben einen großen Betreuungsbedarf. Die Kommunen sind in den meisten Fällen aber überfordert oder nicht bereit zu helfen. Oft werde der Bedarf nicht einmal erkannt, Wartezeiten von bis zu sechs Monaten seien nicht unüblich. Die Untersuchung gibt damit auch eine Antwort darauf, warum die Zahl der Langzeitarbeitslosen seit Jahren nur marginal schrumpft, während die Zahl der Erwerbslosen insgesamt deutlich stärker zurückging.

Der Analyse zufolge - in der Daten des Bundesarbeitsministeriums, des Berliner Senats und der Bundesagentur für Arbeit ausgewertet wurden - bräuchte etwa die Hälfte der rund drei Millionen erwerbsfähigen Langzeitarbeitslosen mehr als nur eine berufliche Förderung. Nach Angaben der Fachleute teilen sich die Probleme der Langzeitarbeitslosen auf in:

  • Schuldenprobleme mit rund 25 Prozent,
  • psychosoziale Probleme mit etwa 20 Prozent und
  • in Suchtprobleme mit gut zehn Prozent.
  • Für fehlende Kinderbetreuung liegen keine Angaben vor.

Für das Jahr 2012 lässt sich die Hilfsbedürftigkeit auch in absoluten Zahlen ausdrücken, selbst wenn die Datenlage insgesamt sehr lückenhaft ist und man annehmen muss, dass einzelne Personen mehrfach betroffen sind - beispielsweise mit Schulden kämpfen und psychische Probleme zugleich haben. Der Studie zufolge hatten 2012 etwa 1,1 Millionen Langzeitarbeitslose Schuldenprobleme. Offiziell über die Jobcenter erfasst wurden allerdings nur 32.500, die eine Beratung erhielten. Schulden etwa führen bei den Arbeitslosen oft dazu, dass sie sich auf die finanziellen Probleme konzentrieren und wenig Zeit und Energie für die Arbeitsuche finden. Arbeitgeber schrecken oft zurück, Schuldner einzustellen, da dem potentiellen Arbeitnehmer negative Eigenschaften zugeschrieben werden.

Von 900.000 Menschen mit psychosozialen Problemen wurden laut den Daten lediglich 20.000 weitergehend betreut. Und von geschätzten 450.000 Hilfebedürftigen mit Suchtproblemen erfassten die Jobcenter nur 9000 Beratungen. Die Hilfsangebote blieben somit weit hinter dem Bedarf zurück, auch wenn längst nicht alle Beratungen statistisch erfasst werden.

Der Kompetenz und dem guten Willen der Jobcenter ausgeliefert

Die Autoren um den DGB-Arbeitsmarktexperten Wilhelm Adamy kommen zu dem Schluss, dass das Ziel von Hartz IV verfehlt wird; nämlich die verschiedenen Hilfesysteme zu integrieren und Leistungen aus einer Hand zu gewähren. Stattdessen habe sich ein Wirrwarr unterschiedlicher Strukturen gebildet. Die Bedürftigen seien der Kompetenz und dem guten Willen der Jobcenter oder anderer Leistungsträger ausgeliefert: "Notwendige Absprachen zu Prozessen werden nicht getroffen und Konzepte zur Verzahnung der Leistungen nicht entwickelt. Im Ergebnis findet keine Betreuung aus einer Hand, sondern überwiegend ein Nebeneinander, gelegentlich sogar ein Gegeneinander getrennter Systeme auf dem Rücken der Hilfebedürftigen statt."

Interessant ist, dass die Autoren keine qualitativen Unterschiede zwischen den Einrichtungen machen, die rein kommunal getragen werden (sogenannte Optionskommunen) oder mit der Bundesagentur für Arbeit kooperieren. "Der vermeintliche Vorteil der Optionskommunen der eigenständigen und vollumfänglichen Zuständigkeit für alle Leistungen kommt nicht zum Tragen", heißt es.

Für größere Erfolge schlägt der DGB vor, ein verbindliches Ziel- und Steuerungssystem für die kommunalen Leistungen einzuführen und einen Rechtsanspruch für die Betroffenen. Zugleich müssten die Träger transparenter arbeiten. Denn ohne eine vernünftige Datengrundlage sei keine Planung und Kontrolle möglich. Aber es geht auch ums Geld, gerade bei klammen Kommunen. "Ein Ausgleich könnte erreicht werden, wenn der Bund sich insbesondere bei Kommunen, die unter kommunaler Finanzhoheit stehen, an den Kosten beteiligt", schreiben die Autoren.

Die Untersuchung liefert einige Fakten mit, warum sich die Anstrengung lohnt. So liegen Zahlen aus dem Zeitraum September 2011 bis August 2012 zu dem Verbleib der wenigen Langzeitarbeitslosen vor, die in den Genuss der intensiven Betreuung gekommen sind. Immerhin 15 Prozent von ihnen waren ein halbes Jahr nach der Maßnahme sozialversicherungspflichtig beschäftigt.



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insgesamt 178 Beiträge
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Seite 1
derhummerunddiehummerin 22.01.2014
1. optional
Kommunen und Staat lassen vor allem jene im Stich, die jeden Tag die Party im Staat Deutschland zahlen.
jaslued 22.01.2014
2. Fördern und fordern
Wie sagte noch Herr Müntefering?: Fördern und fordern. Ich hab den Eindruck, daß das Fördern bisher noch nie ausprobiert worden ist.
Beobachter123 22.01.2014
3. Verantwortung
Es ist immer leicht die Schuld abzuschieben. Viele Langzeitarbeitslose sind nicht bereit sich helfen zu lassen und wollen ihre Situation auch nicht ändern. In Sachen Sozialsy und Gesundheitssystem sind wir in Deutschland weltweit führend. Entscheidend ist letztendlich die persönliche Einstellung.
medicus22 22.01.2014
4. kämpfen kämpfen kämpfen
Zitat von sysopAPRund jeder zweite Langzeitarbeitslose kämpft mit Schulden, Drogenabhängigkeit oder psychischen Problemen. Die Hartz-Reform sollte diesen Menschen mit einer Komplettberatung helfen. Doch eine Untersuchung zeigt: Die Kommunen kommen ihrer Pflicht nur selten nach. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/hartz-iv-kommunen-vernachlaessigen-langzeitarbeitslose-a-944407.html
Da ist ja oft Hopfen und Malz verloren. Keine geregelten Tagesabläufe mehr, ungesunde Lebensweise...kann man auf der einen Seite verstehen, da es schon einen starken Willen braucht um sich bereit zu halten. Irgendwann gibt der eine oder andere auf. Aber was sollen da die Kommunen machen? Selbst ist der Mann/Frau. Lieber um die Schaffung von Arbeitsplätzen und deren Betreuung kümmern, als hoffnungslose Fälle zu betreuen. Wer Willens ist, der findet auch irgendetwas zu tun. Eine Studie über den Gesundheitszustand und die Arbeitsfähigkeit von Langzeitarbeitslosen wäre mal interessant. Wieviele sind überhaupt vermittelbar. Da wird der Zuwanderer die Nase vorn haben. ^^ Und die Gesundheit hat nix mit Geld zu tun! Bevor hier wieder einer wettert. Kippen sind teurer als ne Paprika.
BSEsel 22.01.2014
5. Soll das ein Witz sein?
Hilfen? Von der ARGE? Eine Bekannte von mir wollte aus naheliegenden Gründen (langfristige Schäden in der Wohnung) in eine günstigere(!) Wohnung umziehen. Hilfe gab es nicht, stattdessen eine Ablehnung und Drohungen bezüglich Kürzungen, wenn sie auf eigene Faust umzieht. Ich kann nur jedem empfehlen, in solchen Fällen einen Anwalt zu konsultieren. Die ARGE arbeitet definitiv GEGEN die Interessen ihrer "Kunden"... Traurig, aber das ist Deutschland im Jahre 2014...
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