Ökonomen-Konferenz Volkswirt aus Tokio will Hartz-Rätsel gelöst haben

Eine Frage, die Deutschland bis heute bewegt: Wie viel haben die umstrittenen Arbeitsmarktreformen unter Gerhard Schröder wirklich zum Export-Wunder beigetragen? Die Hälfte, hat ein Ökonom in Tokio errechnet. Der Rest gehe aufs Konto der Europäischen Zentralbank.

Aus Hongkong berichtet

Altkanzler Schröder bei Agenda-Feier im März 2013: Die Wahrheit liegt offenbar in der Mitte
DPA

Altkanzler Schröder bei Agenda-Feier im März 2013: Die Wahrheit liegt offenbar in der Mitte


Haben die Hartz-Reformen Deutschland gerettet, weil sie die Wirtschaft endlich wieder fit gemacht haben für den internationalen Wettbewerb? Oder hat das kleine Wirtschaftswunder, das Deutschland seit 2005 erlebt, ganz andere Ursachen?

Als vor einigen Wochen die Hartz-Reformen ihren zehnten Geburtstag feierten, entbrannte diese Debatte aufs Neue. Kein Wunder, denn die Antwort entscheidet ja auch darüber, wie wir mit den ungeliebten Reformen weiter umgehen sollten: beibehalten oder zurückdrehen? So wollen die Grünen zum Beispiel die umstrittenen Sanktionen aussetzen, die gegen Langzeitarbeitslose verhängt werden können, wenn sie Jobangebote ablehnen. Die SPD hadert mit der Ausweitung der Leiharbeit, die sie einst selbst mit durchsetzte. FDP und Union wiederum sehen in den Reformen bis heute die größte Leistung des damaligen Bundeskanzlers Gerhard Schröder.

Ausgerechnet im fernen Tokio hat nun ein Volkswirt eine Simulationsrechnung erstellt, derzufolge sich sehr genau sagen lässt, welchen Anteil die Arbeitsmarktreformen an der gestiegenen deutschen Wettbewerbsfähigkeit haben: nämlich rund die Hälfte. Oder 49,8 Prozent, um ganz genau zu sein. Die andere Hälfte geht nach den Berechnungen von Richard Koo, Chefvolkswirt beim Forschungsinstitut der japanischen Investmentbank Nomura, auf die Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) zurück: In den ersten Jahren des Jahrtausends musste die EZB die Zinsen niedrig halten, weil die Wirtschaft in Deutschland lahmte. Für den Rest der Euro-Zone waren die Zinsen eigentlich zu niedrig, was in diesen Ländern zu vielen neuen Krediten und somit zu einer rasch wachsenden Geldmenge führte (für ökonomische Feinschmecker: gemeint ist die Geldmenge M3). Die wiederum ließ dann auch Preise und Löhne relativ schnell steigen.

In Deutschland hingegen wuchs die Geldmenge M3 deutlich langsamer, weil Unternehmen die niedrigen Zinsen lieber zum Schuldenabbau statt für neue Kredite und Investitionen nutzten. Deshalb blieb auch der Druck auf Löhne und Preise aus. Die deutschen Arbeitskosten sanken relativ zu denen in den übrigen Euro-Staaten.

Die Hartz-Reformen erzielten den gleichen Effekt, auch sie senkten die deutschen Arbeitskosten, und zusammengenommen sorgten Arbeitsmarktreformen und EZB-Politik jeweils zur Hälfte für den deutschen Exportboom. "Vor allem die deutschen Ausfuhren in die übrige Euro-Zone sind ja seitdem dramatisch gestiegen", sagt Koo, der seit 1973 amerikanischer Staatsbürger ist. "An der deutschen Handelsbilanz mit den USA oder Asien hat sich deutlich weniger geändert."

Unrecht haben die Linken und die Wirtschaftsliberalen

Wie aber kommt Koo auf die nahezu exakte 50-zu-50-Aufteilung beider Effekte? Dazu hat er simuliert, wie sich die Arbeitskosten in den übrigen Euro-Staaten entwickelt hätten, wenn auch dort die Geldmange M3 nur so geringfügig gestiegen wäre wie in Deutschland. Mit dem Ergebnis, dass sich Deutschlands Vorsprung bei der Entwicklung der Arbeitskosten dann etwa halbiert hätte.

Wenn Koos Rechnung stimmt, geht davon eine klare Botschaft für die Debatte über die Hartz-Reformen aus: Unrecht haben jene Linken, die jeden positiven Einfluss der Reformen auf die deutsche Wirtschaft abstreiten. Aber auch jene Wirtschaftsliberalen, die Deutschlands exportgetriebenes Wirtschaftswunder allein auf den härteren Umgang mit Arbeitslosen zurückführen. Wie so oft liegt die Wahrheit offenbar in der Mitte - oder bei 49,8 zu 50,2.

Als Koo seine Erkenntnisse am Wochenende auf der Jahreskonferenz des Instituts für Neues Ökonomisches Denken in Hongkong präsentierte, ging es ihm allerdings gar nicht darum, einen innenpolitischen Streit in Deutschland zu schlichten. Sondern um die Kreditblase, die die Geldpolitik der EZB ab 2001 in den übrigen Euro-Staaten ausgelöst hat. Die, so Koo, hätte sich nur verhindern lassen, wenn Deutschland in diesen Jahren mit zusätzlichen Staatsausgaben die deutsche Wirtschaft angekurbelt und so der EZB ein höheres Zinsniveau ermöglicht hätte. Ein Schritt, den er in der derzeitigen Situation auch Euro-Krisenstaaten wie Spanien empfiehlt: "Wenn Unternehmen niedrige Zinsen nicht für Investitionen nutzen, sondern zum Schuldenabbau, dann muss der Staat einspringen." Erst wenn die Unternehmen wieder Geld ausgeben, sei für die öffentliche Hand der richtige Zeitpunkt gekommen, selbst mit dem Sparen zu beginnen.

Eine These, die in Deutschland mindestens so umstritten sein dürfte wie die Hartz-Reformen.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Fassung dieses Textes war davon die Rede, Richard Koo sei Japaner. Das ist falsch. Tatsächlich war er Taiwaner und hat später die US-amerikanische Staatsbürgerschaft angenommen. Er ist zudem Chefvolkswirt beim Forschungsinstitut der japanischen Investmentbank Nomura. Wir haben den Fehler korrigiert und bitten, ihn zu entschuldigen.



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Seite 1
beebo1 09.04.2013
1. Blauer Brief aus Brüssel
Deutschland hat in der Zeit ja sogar einen Blauen Brief aus Brüssel bekommen, weil das Defizitziel überschritten wurde. Mit dem €uro hat man halt die Neoliberalen Kräfte völlig entfesselt. Die Profiteure des Euros in DE geht es ja gut, während der Bürger beim € schon die Zeche zahlt.
Allezy 09.04.2013
2. Bedeutet im Klartext
das Deutschland, bzw. seine Insistenz auf fuer die anderen Euro Laender damals viel zu niedrige Zinsen, an der Blasenbildung und den falschen Geschaeftsmodellen in diesen Laendern massiv mit Schuld ist, davon mit am Meisten profitiert hat und dass es darob umso schaendlicher und unverantwortlicher ist wenn es dies nicht registriert und sich seiner Verantwortung nunmehr dadurch entzieht dass es seine jetzigen Zinsvorteile nicht mit den anderen Laendern via Eurobonds teilen will sondern es bevorzugt diesen Deflation zu exportieren und Depression aufzuzwingen. Sag ich schon seit 3 Jahren, nur ob es 50.2 oder 50.3% sind konnte ich bisher nicht ermitteln....
olsche 09.04.2013
3. optional
Damit hätten wir es nunmehr wissenschaftlich belegt, dass Deutschland eine nicht unerhebliche Schuld am derzeitigen Desaster in Europa trägt. Hört man ja echt gern.
unlogisch 09.04.2013
4. optional
Es gibt wohl keinen (auch nicht die Linken) der bestreitet, das kostenlose Arbeiter (Maßnahmen/Praktika) und Niedriglohnjobs die Wirtschaft ankurbeln. Die Frage ist nur, wie langfristig sich das auf Altersarmut und die Menschheit auswirkt. Lösungen sollten wir auf der technischen Seite suchen und nicht auf der Humanen, das haben SPD und manche Ökonomen nicht verstanden, bis heute nicht. Für manchen wird das sich in der Zukunft rächen.
sltgroove 09.04.2013
5. Und jetzt die Geschwindigkeit der Verschuldung dazurechnen
.... um zu sehen wie schnell SHTF ... Gold, Silver, Bitcoin, Lead .... Steve Keen - Minsky hilft :-P Bofinger irgendwo umme Ecke ?
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