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Haushaltsmisere: Weltwirtschaft droht Absturz durch US-Schuldenstreit

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Ziehen die USA die ganze Welt mit ihrem Schuldenschlamassel in Mitleidenschaft? Noch gelten US-Staatsanleihen als die sicherste Anlage überhaupt - verlieren die Investoren das Vertrauen, sind die Folgen für Finanzmärkte und globalen Handel unabsehbar.

Grafiken: Das gigantische Ausmaß der US-Verschuldung Fotos
DPA

Hamburg - Was bis vor wenigen Wochen noch als undenkbar galt, könnte in wenigen Tagen bereits Realität sein: Sollten sich die verfeindeten Republikaner und Demokraten im US-Kongress nicht bis Dienstag auf eine Anhebung der Schuldengrenze einigen, wären die USA wohl zahlungsunfähig. Das hätte mit hoher Wahrscheinlichkeit dramatische Auswirkungen, deren ganze Konsequenz derzeit überhaupt noch nicht absehbar ist. Nicht nur die größte Volkswirtschaft der Welt wäre betroffen, sondern das globale Finanzsystem insgesamt.

Die Zahlungsunfähigkeit - auch wenn sie nur ein paar Tage oder Wochen anhielte - würde das Ansehen der US-Staatsanleihen massiv beschädigen. Das ist deshalb schlimmer als ein Bankrott Griechenlands oder anderer europäischer Schuldenstaaten, weil US-Staatsanleihen bislang als die sicherste Anlage überhaupt galten. Wer der einzigen verbliebenen Supermacht Geld geliehen hat, konnte immer zu 100 Prozent davon ausgehen, dass er es mitsamt den versprochenen Zinsen zurückbekommt. Können die USA aber ihre Verpflichtungen nicht mehr bedienen, wäre dieser Ruf wohl auf Dauer ruiniert.

Anleger in aller Welt würden sich dann fragen, wem sie überhaupt noch trauen können. Auch die Euro-Zone, die wie die USA ebenfalls fast ein Fünftel des globalen Sozialprodukts erwirtschaftet, ist inzwischen alles andere als ein über alle Zweifel erhabenes Anlageziel. Und Japan - nach den USA und China immerhin die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt - ist so hoch verschuldet, dass schon seit längerem Zweifel daran bestehen, ob das Land dieses Problem jemals in den Griff bekommt.

Schuldenproblem ist nicht gelöst

Wenn Anleger aber den Regionen nicht mehr trauen können, die für rund die Hälfte der globalen Wirtschaft stehen, könnte die Zahlungsunfähigkeit der USA heftigere Folgen haben als die Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers im Herbst 2008 oder die seit über anderthalb Jahren andauernden Turbulenzen in der Euro-Zone. Gut möglich, dass die Welt tief in den US-Schuldenschlamassel hineingezogen wird. Immerhin ist China mit 1,2 Billionen Dollar der größte Gläubiger der USA. Zu den größten Handelspartnern gehören neben der Volksrepublik auch Kanada, Mexiko und Deutschland.

So bedrohlich die Situation auch erscheint: Derzeit ist es an den Finanzmärkten erstaunlich ruhig. Kaum ein Anleger kann sich offenbar vorstellen, dass Präsident Barack Obama und die gegnerischen Republikaner ihren Machtkampf wirklich bis zum bitteren Ende ausfechten. Selbst den härtesten Obama-Gegnern sollte eigentlich klar sein, dass von einem selbstverschuldeten Finanzdesaster niemand profitieren würde.

Doch selbst wenn es im letzten Moment zu einer Einigung kommen sollte: Das Schuldenproblem der USA wäre damit nicht gelöst. In den vergangenen zehn Jahren haben sich die Verbindlichkeiten des Staats verdreifacht - nicht zuletzt aufgrund der Kriege im Irak und in Afghanistan. Lagen die öffentlichen Schulden im Jahr 2000 noch bei fünf Billionen Dollar, werden sie bis Ende des Jahres bereits die Marke von 15 Billionen Dollar erreicht haben.

Eine kaum vorstellbare Summe. Um zu zeigen, wie gigantisch das Ausmaß ist, hat das US-Blog Wtfnoway.com die Staatsverschuldung in 100-Dollar-Scheine umgerechnet (siehe Fotostrecke). Die Geldscheine der Summe von 15 Billionen Dollar füllen dann ein komplettes Fußballfeld aus und ragen in der Höhe bis zur Schulter der amerikanischen Freiheitsstatue (92,99 Meter).

Klar ist: Die Amerikaner leben seit vielen Jahren über ihre Verhältnisse. Das heißt, sie konsumieren mehr als sie produzieren. Das Außenhandelsdefizit stieg nach der Finanzkrise noch einmal an und lag 2010 bei rund 650 Milliarden Dollar. Die USA haben also Waren im Wert von 650 Milliarden Dollar mehr importiert als exportiert. Und eine Korrektur ist nicht absehbar: "Die Amerikaner haben kein nachhaltiges Wirtschaftsmodell mehr", sagt Andreas Rees, Chef-Volkswirt von Unicredit Research. Nach dem Platzen der Internetblase 2000 setzten sie voll auf den rapide wachsenden Immobiliensektor. Doch 2007 platzte auch diese Blase, seitdem stecke das Land in einem mühseligen Umbruch, sagt Rees.

Bislang drückte sich die Regierung mit immer höheren Krediten um echte Reformen: Die Neuverschuldung hat in den vergangenen drei Jahren noch einmal stark zugenommen. Hintergrund sind die sinkenden Steuereinnahmen sowie Konjunkturpakete nach der Lehman-Pleite. Allein 787 Milliarden Dollar kostete der "American Recovery and Reinvestment Act", den der Kongress Anfang 2009 verabschiedete.

US-Schwäche gefährdet Wachstum in Deutschland

Damit gelang es zwar, den Rückgang der Wirtschaftsleistung durch die Finanzkrise wieder auszugleichen. Die mühsame Erhaltung des Status quo hat jedoch ihren Preis. Der Schuldenstand ist mittlerweile fast genauso hoch wie die Wirtschaftsleistung der Amerikaner in einem Jahr - und damit deutlich höher als in der Euro-Zone. Um das Problem zu lösen, ist die Regierung zu schmerzhaften Maßnahmen gezwungen. Nur mit einem strikten Sparkurs und Steuererhöhungen kann Obama das Defizit verkleinern, das in diesem Jahr bereits knapp zehn Prozent der Wirtschaftsleistung ausmacht.

Diese Maßnahmen könnten jedoch das ohnehin geringe Wachstum der USA abwürgen. Darunter würden auch die Exportnationen Deutschland und China leiden. Immerhin verfügen die USA über den größten Binnenmarkt der Welt und importieren Waren im Wert von knapp zwei Billionen Dollar. Die Bundesrepublik ist fünftwichtigster Partner und erzielte 2010 im Handel mit den USA einen Exportüberschuss von knapp 35 Milliarden Dollar. Bei China liegt das Plus sogar bei 273 Milliarden Dollar.

Wie sehr die Weltwirtschaft unter einer drohenden Schwäche der Amerikaner leiden wird, kommt laut dem Unicredit-Experten Rees darauf an, wie China sich in den kommenden Jahren entwickelt. Schafft es die zweitgrößte Wirtschaftsmacht der Welt, die Exportabhängigkeit zu verringern, könnte sich der Schaden in Grenzen halten. Denn wenn es der Volksrepublik gelingt, ihre Binnenwirtschaft zu stärken, würde das Land unabhängiger von den USA - und könnte zugleich Wachstumsmotor für Europa bleiben.

"Wenn das klappt, könnten wir mit einem blauen Auge davonkommen", sagt Rees. Doch wenn China für den Umbau seiner Wirtschaft länger brauche, könnten die Folgen auch für Deutschland brutal sein. Für Rees ist klar: "Die Gefahren für die Weltwirtschaft sind wesentlich höher als durch die Euro-Krise."

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insgesamt 196 Beiträge
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1. Womit sind Dollar gedeckt????
klugdoris 27.07.2011
Früher wurde jede Währung mit Gold gedeckt. Man konnte sein Geld immer gegen Gold austauschen wann man es wollte. Das wurde irgendwann abgeschafft. Doch womit wird der Dollar heute gedeckt?? mit Yen? mit Euro? mit Pfund? Nichts davon! Der amerikanische Dollar der FED ist nur mit unser Vertrauen gedeckt! Da die Menschen so langsam den Braten riechen, verlieren immer mehr das Vertrauen. Wisst ihr noch, was auf der 1 Dollar Note steht?? "IN GOD WE TRUST" Deutsch: "Wir vertauen auf Gott."
2. Dr.
braintainment 27.07.2011
"Noch gelten US-Staatsanleihen als die sicherste Anlage überhaupt" Wieder ein Zeugnis, wie die Finanzmärkte funktionieren. Schulden werden mit neuen Schulden zurückgezahlt, solange immer brav die Schuldenobergrenze angehoben wird. Davon, daß die Schulden "real" zurückgezahlt werden geht ohnehin niemand aus.... das ist glaube ich eine andere Art von "Sicherheit". Lasst das System gegen die Wand fahren, besser heute als morgen... Zusammenbrechen wird es ohnehin!
3. Gute Nacht
SirLurchi 27.07.2011
Gute Nacht Euro, gute Nacht EU! Sollten die USA wirklich zahlungsunfähig werden, wird dieser Koloss von Beton-Euro-Kraten, der ja die Reaktionsgeschwindigkeit eines Standbildes hat, einfach kollabieren!
4. Lala
Alpin, 27.07.2011
Zitat von klugdorisFrüher wurde jede Währung mit Gold gedeckt. Man konnte sein Geld immer gegen Gold austauschen wann man es wollte. Das wurde irgendwann abgeschafft. Doch womit wird der Dollar heute gedeckt?? mit Yen? mit Euro? mit Pfund? Nichts davon! Der amerikanische Dollar der FED ist nur mit unser Vertrauen gedeckt! Da die Menschen so langsam den Braten riechen, verlieren immer mehr das Vertrauen. Wisst ihr noch, was auf der 1 Dollar Note steht?? "IN GOD WE TRUST" Deutsch: "Wir vertauen auf Gott."
Danke, damit ist klar woher der Wind weht...
5. hmm
pariah_aflame 27.07.2011
also, dem "globale Finanzsystem" könnte ein stein durch die frontfensterscheibe eigentlich mal ganz gut zu gesicht stehen ...
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Staats- und Regierungschef: Barack Obama

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