Hebel für den Rettungsfonds Staatszocker kämpfen gegen das Pleitevirus

Hebel, Zweckgesellschaft, Kreditversicherung - nach der letzten Krise wollte die Politik solche Finanz-Alchemie eigentlich verbannen. Nun ist sie selbst darauf angewiesen: Zwei umstrittene Modelle sollen die Schlagkraft des Euro-Rettungsfonds erhöhen. Das kann klappen, ist aber gefährlich.

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Banken in Frankfurt: Die Politik bedient sich derselben Instrumente wie die Geldhäuser
dapd

Banken in Frankfurt: Die Politik bedient sich derselben Instrumente wie die Geldhäuser


Hamburg - Es war eine zentrale Lehre der Finanzkrise 2007 und 2008: Banken und ihre Kunden, da waren sich Politiker und Experten einig, sollten künftig nur noch in Produkte investieren, die sie auch verstehen. Das hieß für die Banken: Sie sollten gefälligst die Finger lassen von Zweckgesellschaften und strukturierten Produkten, die mit Finanztricks aus wackeligen Krediten bombensichere Anlagen machten.

Diese Mahnungen sind noch nicht lange verklungen, da werden sie schon wieder ignoriert. Dieses Mal allerdings nicht von den Banken, sondern von den Politikern selbst.

Die Rede ist vom europäischen Rettungsfonds EFSF. Er soll einspringen, wenn das Risiko einer Staatspleite von Griechenland auf andere Euro-Länder wie Portugal, Italien oder Spanien überspringt. Mit 779 Milliarden Euro haften die Euro-Staaten für den Fonds, wirklich einsetzbar sind allerdings nur 440 Milliarden - zu wenig, um im Ernstfall eine so große Volkswirtschaft wie Italien zu retten.

Deshalb wollen die Euro-Länder die Schlagkraft des EFSF nun erhöhen - allerdings nicht mit mehr Geld, sondern mit einem Finanztrick, dem sogenannten Hebel.

Der Hebel als Lockmittel für private Investoren

Bisher war vorgesehen, dass der EFSF Kredite an gefährdete Euro-Länder vergibt oder deren Staatsanleihen aufkauft. In beiden Fällen müsste er immer die volle benötigte Summe selbst aufbringen: Braucht ein Land zum Beispiel 100 Milliarden Euro, muss der EFSF diese Summe komplett bereitstellen.

Beim Hebel hingegen geht es darum, dass das Land die 100 Milliarden Euro zwar bekommt, der Fonds aber nun einen Teil direkt dazu beisteuert, zum Beispiel 20 Milliarden. Den Rest sollen private Investoren aufbringen, die man mit dem Geld aus dem EFSF ködern will. So kann der Fonds sein Geld auf viel mehr Staatsanleihen verteilen.

Zwei Modelle sind noch in der engeren Wahl, möglicherweise sollen sie auch kombiniert werden.

  • Im Versicherungsmodell, das ursprünglich vom Allianz-Vorstand Paul Achleitner stammt, gibt der EFSF Garantien für Staatsanleihen ab und macht sie so für private Investoren attraktiv. Der Kniff: Der Fonds garantiert nicht für alle möglichen Verluste, sondern nur für einen Teil, zum Beispiel die ersten 20 Prozent. Wenn ein Land pleitegeht und zum Beispiel 50 Prozent seiner Schulden nicht zurückzahlen kann, läge der Verlust für die Investoren also bei 30 Prozent. Das Modell hat für die Euro-Retter den Charme, dass mit relativ geringem Einsatz aus dem EFSF viel Geld für ein gefährdetes Land bereitgestellt werden kann. Und für die Anleger ist es reizvoll, weil sie im Falle eines Schuldenschnitts wahrscheinlich nur einen kleinen Teil ihres Geldes verlieren. Den Rest bekommen sie vom EFSF ersetzt.
  • Das Zweckgesellschaftsmodell funktioniert wie eine Gemeinschaftskasse, aus der im Büro der Kaffee bezahlt wird. Nur dass es in diesem Fall um Staatsanleihen geht. Die Zweckgesellschaften werden vom EFSF gegründet und mit einem Grundstock ausgestattet. Darüber hinaus sollen andere Investoren einzahlen, denkbar wären zum Beispiel große Staatsfonds wie der chinesische CIC, aber auch Hedgefonds. Von dem gemeinsamen Geld kauft die Zweckgesellschaft dann Anleihen europäischer Staaten. Investoren, die in die Gemeinschaftskasse einzahlen, sollen zwischen mehreren Risikoklassen mit unterschiedlichen Renditechancen wählen können. Die Investments könnten teilweise mit EFSF-Geldern abgesichert werden.

Beide Modelle könnten ihren Zweck erfüllen und verunsicherte Investoren ermutigen, Anleihen europäischer Krisenstaaten zu kaufen. Allerdings bergen sie auch Gefahren: So dürfte im Falle einer Staatspleite das Geld schneller weg sein als bei den herkömmlichen Hilfen des EFSF. Grund dafür ist der Finanzhebel: Mit dem gleichen Geld kann nun ein sehr viel größeres Schuldenvolumen gestemmt werden.

Ein Beispiel: Bisher kann der Fonds Staatsanleihen kaufen. Angenommen, er bezahlt für eine Anleihe 100 Euro. Wenn der dahinter stehende Staat pleitegeht und ein Schuldenschnitt von 50 Prozent vereinbart wird, bleiben dem EFSF noch 50 Euro übrig.

Bei den Hebelmodellen dagegen setzt der Fonds die 100 Euro ein, um privaten Investoren den Kauf von fünf Anleihen schmackhaft zu machen. Er schießt jeweils 20 Euro hinzu. Geht der Staat, der die Anleihen ausgegeben hat, nun pleite, muss der EFSF mit großer Wahrscheinlichkeit all sein Geld an die Investoren abgeben. Schließlich hat er deren Käufe abgesichert. Von den 100 Euro bleibt nichts übrig.

"Das klingt nach Staatszockerei"

Experten beunruhigt zudem, dass die Euro-Staaten mit den Hebel-Modellen eine Finanz-Alchemie bemühen, der sie eigentlich den Garaus machen wollten. "Ich finde es erstaunlich, dass man das, was man den Banken immer vorwirft, nun selbst macht", sagt Dirk Schiereck, Bankenexperte von der TU Darmstadt. "Das klingt nach Staatszockerei."

In der Tat setzen die Euro-Länder auf Instrumente, für die sie die Finanzbranche bis vor kurzem noch harsch kritisiert haben: Zweckgesellschaften etwa, über die viele Banken ihre zweifelhaften Investitionen in US-Immobilienkredite getätigt hatten - was 2007 zum Ausbruch der Finanzkrise führte.

Auch das Prinzip der Kreditausfallversicherungen, auf dem das erste Modell beruht, ist immer wieder in der Kritik. Und Hebel brachte man bisher vor allem mit Hedgefonds oder anderen Finanzinvestoren in Verbindung, die sich mit geringem eigenem Kapital in Firmen einkauften und sich den Rest des Geldes einfach von den Banken liehen.

"Dass die Staaten nun selbst auf solche Mittel zurückgreifen, zeigt, wie groß die Panik ist", sagt Schiereck. Offenbar wüssten sich die Euro-Retter nicht mehr anders zu helfen.

Der Bankenexperte glaubt nicht, dass die künstliche Ausweitung des Rettungsfonds die Krise nachhaltig lösen kann. "Kurzfristig können die Hebel wirken", sagt Schiereck. "Aber mittel- und langfristig ist es sogar kontraproduktiv, wenn ein Riesentopf da ist, der alle Schulden übernimmt. Die Regierungen in Rom, Lissabon oder Madrid werden es jedenfalls schwer haben, ihren Wählern zu erklären, warum man trotzdem noch Sparprogramme braucht."

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Seite 1
Triple_AAA 25.10.2011
1. Aberr nein,
Zitat von sysopHebel, Zweckgesellschaft, Kreditversicherung - nach der letzten Krise wollte die Politik solche Finanz-Alchemie*eigentlich verbannen. Nun ist sie selbst darauf angewiesen: Zwei umstrittene Modelle sollen die Schlagkraft des Euro-Rettungsfonds erhöhen. Das kann klappen, ist*aber gefährlich. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,793941,00.html
es ist wie beim Junkie. Noch mehr Kohle zum verzocken.
47/11 25.10.2011
2. Richtig ...
Zitat von Triple_AAAes ist wie beim Junkie. Noch mehr Kohle zum verzocken.
... Geld und Macht ohne Kontrolle macht süchtig . Und bei großen Summen setzt bekanntlich der Verstand komplett aus . Hier wären wir also aktuell !
bansin 25.10.2011
3. Wir wollen EFSF ja nur noch stärker machen
Zitat von sysopHebel, Zweckgesellschaft, Kreditversicherung - nach der letzten Krise wollte die Politik solche Finanz-Alchemie*eigentlich verbannen. Nun ist sie selbst darauf angewiesen: Zwei umstrittene Modelle sollen die Schlagkraft des Euro-Rettungsfonds erhöhen. Das kann klappen, ist*aber gefährlich. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,793941,00.html
Hört sich prächtig an Euro-Rettungsfonds, Schlagkarft erhöhen, stärken, mit allerlei positiver Sprachregelung besetzt. Die Bundestagshammelherde wird wieder mit ihrem blauen Zustimmungskärtchen in der Luft herumfummeln, um zu signalisieren, schaut her, ich stimme mit "Ja". Wenige wagen nachzufragen, wie die hier es tun, http://rundertischdgf.wordpress.com/2011/10/24/mittwoch-soll-uber-einen-auf-billionen-erweiterten-euro-rettungsschirm-abgestimmt-werden/ . Scheint aber höchstens ein Tropfen auf dem heißen Stein zu sein.
Munku 25.10.2011
4. Es hilft nicht gegen die Pleite
Lasst Griechenland endlich hier und heute pleite gehen, dann werden die Italiener und Spanier schon wissen warum sie sparen müssen. Politiker sollten mit Steuergeldern keine Zeit kaufen, sondern der Realität ins Auge blicken und beim Wiederaufbau nach der Pleite helfen. Wäre Griechenland vor 1 Jahr pleite gegangen, hätte man mit den zig Milliarden die das Land schon wieder verbrannt hat deutlich mehr erreichen können als es jeder Hebel versprechen vermag.
wika 25.10.2011
5. Sind es die finalen Zuckungen …
des Systems? Sorry, Zockungen! Wie kaputt ist es tatsächlich dieses Geldsystem? Hört sich alles nach finalen Posaunen an. Aber wer sowas macht und billigt, der wird uns sicher in Bälde auch noch eine „Weltuntergangsversicherung“ (passende Satire) (http://qpress.de/2011/10/08/weltuntergangsversicherung-soll-versicherungsbranche-stabilisieren/) andrehen, natürlich auch nur zur Errettung der Versicherungen. Also sparen sie sich ihre Kröten für's Überleben der Banken, nur am schwarzen Humor sollten wir alle in dieser Phase nicht sparen, wenn man dem elenden Treiben unserer Volksvertreter nur zusehen kann. Mathematisch gesehen wird es da wohl kaum ein entrinnen geben. Das simple Studium der Zinseszinsformel erlaubt detaillierten Aufschluss über das exponentielle Wachstum des Geldes (kommt gehebelt natürlich noch fulminanter), da kann die Arbeitskraft der Menschen zur Erschaffung der Gegenwerte für die Zinsen auf das erfundene Geld nicht im Geringsten mithalten … (°!°)
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