Zypern-Krise: "Es ist logisch, den Euro-Austritt zu erwägen"

Von Georgios Christidis, Thessaloniki

Bei Bürgern und Politikern in Zypern wächst der Widerstand gegen die Auflagen, die mit dem Zehn-Milliarden-Euro-Rettungspaket verbunden sind. Offen wird sogar über den Austritt aus dem Euro diskutiert. Der erste Schritt wurde schon gemacht, sagt der Ökonom Heiner Flassbeck.

Geschlossene Eisdiele in Nikosia: Zurück zum Pfund Zur Großansicht
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Geschlossene Eisdiele in Nikosia: Zurück zum Pfund

Der Austritt aus dem Euro ist in Zypern alles andere als ein Tabuthema: Ganz offen schlagen prominente Akteure des kleinen Inselstaats die Abschaffung der Gemeinschaftswährung vor, sagt der frühere Finanzstaatssekretär und Lafontaine-Berater Heiner Flassbeck. Darunter sind die größte Oppositionspartei, die kommunistische AKEL und der einflussreiche Erzbischof Chrysostomos II.

Flassbeck ist auf Einladung von AKEL nach Nikosia gereist, er hat sich aber auch mit anderen Parteien getroffen. Der 62-Jährige hält es für wenig erstaunlich, dass selbst die zyprische Regierungspartei DISY nach Alternativen sucht zum Rettungspaket der sogenannten Troika von EU, EZB und IWF und vor allem zu den damit verbundenen Auflagen.

"Das ist nur vernünftig!", sagte Flassbeck SPIEGEL ONLINE. "Wenn das gesamte Wirtschaftsmodell, das man innerhalb von 15 Jahren aufgebaut hat, über Nacht zerstört wurde, ist es doch logisch, alle Optionen zu erwägen - auch den Austritt aus der Euro-Zone." Aus seinen Treffen mit Vertretern aus dem gesamten politischen Spektrum Zyperns habe er den Eindruck mitgenommen, dass sich alle wünschen, auch andere Optionen auszuloten.

Zypern sei schon den ersten Schritt in Richtung Euro-Austritt gegangen, wenn auch nicht ganz freiwillig, sagt Flassbeck, der bis Ende vergangenen Jahres Chefvolkswirt der Uno-Konferenz für Handel und Entwicklung (Unctad) war. Seitdem die Euro-Gruppe den Kapitalverkehrskontrollen in Zypern zugestimmt hatte, "ist ein Euro in Zypern weniger wert als ein Euro in Deutschland". Je länger die Kapitalkontrollen in Kraft blieben, desto näher rücke für Zypern der Komplettaustritt.

Mehrheit in Zypern will den Euro nicht mehr

Die Verschärfung der Wirtschaftskrise beschleunige das noch, sagt Flassbeck. Schon jetzt hat Zypern seinen Status als Finanzzentrum verloren - die Großinvestoren haben massive Verluste erlitten, die Unsicherheit ist groß. Ökonomen rechnen damit, dass die Wirtschaft in den kommenden Jahren um bis zu 20 Prozent einbrechen und die Arbeitslosigkeit in die Höhe schießen wird.

Flassbeck erwartet, dass die Zyprer sich irgendwann fragen werden, wie viel sie für den Euro opfern wollen. Anders als in Griechenland, wo der Euro überhaupt nicht in Frage gestellt wird, würden die Zyprer gerne zum Pfund zurückkehren - fast 70 Prozent hatten sich jüngst in einer Umfrage dafür ausgesprochen. Angst haben sie nicht: Währung und Wirtschaft waren vor dem Euro-Beitritt 2007 verhältnismäßig stark.

Die offizielle Linie lautet allerdings ganz anders: Staatspräsident Nikos Anastasiades hat klargemacht: Zypern wird in der Euro-Zone bleiben. Das stärkste Argument für diese Haltung ist die Wirtschaft: Zypern ist von Importen abhängig und hat keine nennenswerten Währungsreserven. Der Kurs eines wieder eingeführten Pfundes würde abstürzen, die Inflation rasant steigen.

Dazu kommt: Für Zyperns Mitgliedschaft in der Euro-Zone sprachen immer schon auch andere Gründe. Seit der Besetzung des Nordens durch die Türkei 1974 und der faktischen Teilung der Insel haben sich die Regierungen in Nikosia und Athen darum bemüht, das Land in den sicheren Schoß Europas zu führen. Zyperns EU-Beitritt im Jahr 2004 feierten die Griechen als größten Erfolg ihrer Außenpolitik seit Jahrzehnten.

Flassbeck weiß das alles, und er gibt zu, dass keine der Optionen ohne Fallstricke ist. Deshalb müsste jeder Schritt in Richtung Euro-Austritt in aller Öffentlichkeit diskutiert und sorgfältig geplant werden. Er rät der Regierung in Nikosia: "Wenn ihr ernsthaft aus dem Euro austreten wollt, geht nach Brüssel und versichert euch, dass ihr das tun könnt, ohne euren Status als EU-Mitgliedsland aufs Spiel zu setzen." Wie auch immer sich Zypern entscheiden werde, Europa müsse in jedem Fall dringend einen Mechanismus finden, der den geordneten Austritt eines Landes aus dem Euro möglich mache.

Die von EU-Politikern gerne zitierte "Unumkehrbarkeit des Euro" wäre damit allerdings Geschichte. Flassbeck hält das für wenig problematisch: "Ich glaube nicht, dass der Euro sehr lange leben wird", sagt er. Sollte die Gemeinschaftswährung scheitern, dann hat Flassbeck auch den Verantwortlichen schon ausgemacht: "Deutschland ist der Schuldige in der Euro-Krise. Der Großteil der deutschen Medien spielt das Spiel der Bundesregierung immer noch mit. Aber dem Rest der Welt ist klar, dass Berlin ein Machtspielchen spielt, das auf kurze Sicht erfolgreich sein mag, sich aber langfristig als Desaster erweisen wird."

Übersetzung: Nicolai Kwasniewski

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insgesamt 100 Beiträge
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1. sehr guter Beitrag
Oskar ist der Beste 09.04.2013
und das im SPON...ist das schon das erste Anzeichen, daß alles gut wird beim SPON nach dem Rausschmiß der beiden Chefredakteure. In der Tat kann man nicht genug betonen, daß Deutschland die Hauptschuld an der EURO Krise trägt, da es mit seiner unverantwortlich nationalistisch geprägten Wirtschaftspolitik die eigentliche Ursache für die Krise gesetzt hat. (Exportwahn, Lohnsteigerungen unterhalb des Produktivitätszuwaches, zu geringe Inflation, Anbiederung an den unsäglichen Monetarismus)...und Flassbeck war nicht nur Berater von lafontaine, sondern auch sein Staatssekretär und wurde von Eichel gefeuert, weil er dessen neoliberalen Kurs in 2000 nicht folgen wollte. (Flassbeck hatte also nicht hingeschmissen, was zeigt, daß es beim Abgang von Lafontaine um viel mehr ging als verletzte Eitelkeiten)
2. Genau,
guentherprien 09.04.2013
Zypern raus, all die anderen Länder raus, D-Mark wieder her, Schengen aussetzen,Tür zu und dann sollen sie mal alle weitermeckern. Wenigstens fährt dann kein Bulgare oder Rumäne mit dem Auto meines Nachbarn nach Hause. Tolle Idee "Gross-Europa", funktioniert leider nur nicht.
3. Anders als in Griechenland?
Conte Fosco 09.04.2013
Der Euro wird dort sehr wohl auch in Frage gestellt. Die Rückkehr zur Drachme ist seit Krisenausbruch Thema und erste vor kurzem hat sich mit Plan B eine Partei gegründet, die sich im Wesentlichen über die Wiedereinführung der Drach definiert.
4. Export oder Verbrauch im eigenen Land?
steuerzahler24 09.04.2013
Wir exportieren in Länder wie Zypern, Spanien und Griechenland und leihen diesen Ländern das nötige Geld, damit die uns bezahlen können. Die werden ihre Schulden aber niemals begleichen können. Warum erhöhen wir nicht einfach unsere Löhne, damit der Verbauch im eigenen Land steigt? Da hätten wir auch was von unserer Arbeit, und nicht nur die Siesta-Staaten.
5. Die Kommunisten und
misterfister 09.04.2013
der oberste Märchenerzähler laden einen Volkswirt ein, um als Experte oder Gutachter tätig zu werden. Man kennt es bereits aus dem Strafprozess: Meistens kommt der Gutachter zu einem Ergebnis, das im Sinne des Auftraggebers ist. Tatsächlich wird niemand ernsthaft einen Euro Austritt erwägen.
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