Ehe-Trend Sozialer Aufstieg durch Heirat wird schwieriger

Die Ungleichheit in westlichen Gesellschaften nimmt zu. Aber woran liegt's? Studien zeigen: Einen erheblichen Einfluss hat das veränderte Heiratsverhalten von Akademikern.

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Paar: Immer mehr Menschen heiraten Partner mit gleichem Bildungshintergrund oder ähnlichem Verdienst
Corbis

Paar: Immer mehr Menschen heiraten Partner mit gleichem Bildungshintergrund oder ähnlichem Verdienst


Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Als Ursula vor mehr als 30 Jahren Ferdinand kennenlernte, da war sie Kindergärtnerin und er Großverdiener. Sie wurde zunächst Gouvernante im Haushalt von Ferdinand, kümmerte sich um seine Kinder. Nicht einmal drei Jahre später heirateten beide.

Antje und Sven* haben sich vor einigen Jahren im Zahnmedizinstudium kennengelernt, beide sind erfolgreich, wurden Doktoren, fanden gute Jobs. Beide verdienen gut und leben in einer großen Mietwohnung in einem schicken Hamburger Stadtteil.

Der eine heiratet das Kindermädchen, der andere kommt mit seiner Kommilitonin zusammen. Ursula und Ferdinand, Antje und Sven - diese beiden Beispiele zeigen eine Entwicklung: Menschen heiraten in westlichen Gesellschaften immer öfter Menschen mit gleichem Bildungshintergrund oder ähnlichem Verdienst. Der Arzt heiratet nicht mehr die Krankenschwester - er heiratet eine Ärztin.

Aufstieg durch Heirat - das war einmal

Diese Entwicklung hat einen Nebeneffekt: Der soziale Aufstieg durch Heirat wird immer schwieriger - und das verringert die Aufstiegschancen generell. Sogar die steigende Einkommensungleichheit in westlichen Gesellschaften lässt sich zum Teil mit den veränderten Heiratsverhalten erklären.

Eine Untersuchung von Hunderttausenden US-Paaren zwischen 1960 und 2005 brachte die Erkenntnis, dass die soziale Mobilität durch sogenannte homosoziale Ehen in der Gesellschaft ab- sowie die Ungleichheit der Haushalte in Sachen Einkommen zunimmt. Auch in einer 2011 veröffentlichten Studie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD)wird die "Tendenz zur Paarung unter Gleichen", als ein Grund für die wachsende Ungleichheit in der Gesellschaft genannt.

In Deutschland gibt es Studien, die eine ähnliche Entwicklung nahelegen: "Der Anteil der aufwärtsheiratenden Frauen hat über die Generationen hinweg deutlich abgenommen", schreiben etwa die Soziologen Hans-Peter Blossfeld und Andreas Timm. Es gibt jedoch auch eine Untersuchung der Soziologen Hans-Jürgen Andreß und Martin Spitzenpfeil, die auf Deutschland bezogen zu einem anderen Ergebnis kommt: Demnach sei der Anteil der homogamen Haushalte über dreißig Jahre hinweg relativ konstant geblieben.

Anteil gebildeter Frauen rapide angestiegen

Fakt ist, dass es vor 50 Jahren für Männer noch extrem schwierig war, Partnerinnen mit demselben Bildungshintergrund zu finden. In den Universitäten gab es nur wenige Frauen. Die Studenten waren also gezwungen, ihre Partnerinnen in anderen Umgebungen zu suchen. Etwa in der Kneipe oder bei Tanzveranstaltungen.

Das hat sich geändert: Der Anteil von gebildeten Frauen in westlichen Gesellschaften ist in den vergangenen Jahrzehnten rapide gestiegen, das Verhältnis bei Abiturienten und Studienanfängern ist heute ausgeglichen. Es greift nun, was Soziologen als "Gelegenheitsstruktur" bezeichnen: Es ist eben einfacher, als Student auf eine Studentin zu treffen als auf eine Fabrikarbeiterin. Und Gelegenheit macht Liebe. "Menschen fällt es leichter, sich in andere Personen zu verlieben, die einen ähnlichen Habitus haben, ähnlich denken und fühlen, gleiche Werte teilen, den selben Geschmack haben", sagt Kultursoziologe Günter Burkart.

Aufgrund dieses Trends konzentrieren sich die höheren Gehälter, die Akademiker oftmals beziehen, in einzelnen Haushalten. Auch in Deutschland haben die Einkommensunterschiede in den vergangenen Jahren extrem zugenommen. Das oberste Zehntel der Bevölkerung verdient achtmal so viel wie das unterste.

Doch nicht die gesamte Entwicklung zu mehr Ungleichheit kann dem Heiratsverhalten angelastet werden: Forscher kommen zu dem Ergebnis, dass ein US-Paar mit zwei Hochschulabschlüssen 1960 76 Prozent mehr als der nationale Durchschnittshaushalt verdiente, 2005 waren es bereits 119 Prozent. Der Abstand von Akademiker- zu Normalverdiener-Gehältern wächst also rapide.

Es muss egal sein, wenn Freundinnen über den Partner herziehen

Die Frauen haben es in der Hand: Sie müssen bei der Partnerwahl nicht mehr nach oben gucken - denn dort sind sie bereits angekommen. "Nun könnten sie ihrerseits nach unten schauen - doch warum sollten sie das tun? Es gibt ja viele potenzielle Partner mit einem ähnlichen Hintergrund", sagt Burkart. Und wenn die Frau tatsächlich mehr verdient oder einen höheren Abschluss hat als der Mann? "Dafür brauchen beide ein großes Selbstbewusstsein, sonst ist dieses Modell konfliktbelastet", sagt Burkart: "Es muss ihnen egal sein, wenn etwa Freundinnen oder Freunde über den Partner herziehen."

Ursula, die Kindergärtnerin, die vor mehr als 30 Jahren Ferdinand geheiratet hat, machte später noch Karriere in der Firma, für die auch ihr Mann arbeitet. Seit 2012 ist sie dort Mitglied im Aufsichtsrat. Ihr voller Name: Ursula Piëch. Der Name der Firma: Volkswagen.

(*Namen geändert)


Zusammengefasst: Höhergebildete Frauen und Männer heiraten immer öfter untereinander - das liegt vor allem an den Frauen, die in den vergangenen Jahrzehnten an die Universitäten drängten. Doch durch den Wegfall des Prinzips "Aufstieg durch Heirat" geht die soziale Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinander.

Das SPIEGEL-ONLINE-Wirtschaftsressort testet für eine Woche den "Zusammengefasst"-Absatz. Kritik, Feedback, Anregungen? Bitte hier.

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insgesamt 443 Beiträge
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Seite 1
WwdW 03.02.2015
1. Danke.
Der letzte Abschnitt lies mich schmunzeln.
Eros1981 03.02.2015
2. Das ist bitter
Damit zerschlägt sich auch die letzten Hoffnung durch Heirat etwas an meiner miserablen gesellschaftlichen und finanziellen Situation zu ändern.
fridericus1 03.02.2015
3. Ein Faktum ist sicherlich auch ...
... der zunehmende Akademikerdünkel, den ich in den letzten Jahren zu beobachten glaube. Die Jagd nach dem Doktortitel, die Einstellung "Ich habe studiert, also steht mir ein Top-Arbeitsplatz zu" und auch das Heiratsverhalten spiegeln das wider. Interessanterweise trotz steigender Akademikerzahlen (bei Rentnern würde man "Schwemme" sagen).
RainerCologne 03.02.2015
4. nunja
kann die Politik da keine Quote schaffen? bspw. dass 30% der hochqualifizierten Frauen müssen Männer mit einem Einkommen unterhalb 20.000 Euro pro Jahr heiraten.
fs01 03.02.2015
5. Wo liegt das Problem?
Wird hier jetzt etwa kritisiert, dass Frauen sich den Aufstieg durch Bildung selbst erarbeiten, anstatt sich heiraten zu lassen?
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