Herbstgutachten Wirtschaftsforscher fordern EZB-Kurskorrektur

Die führenden Wirtschaftsforscher gehen im Herbstgutachten hart mit der Europäischen Zentralbank ins Gericht. Die müsse rasch aufhören, Anleihen von Schuldenstaaten zu kaufen - sonst drohe Verbrauchern ein Preisschock.

EZB-Sitz in Frankfurt: "Mandat überdehnt"
dapd

EZB-Sitz in Frankfurt: "Mandat überdehnt"


Berlin - Die Europäische Zentralbank (EZB) soll im Kampf gegen die Schuldenkrise im Euro-Raum schnell ihren Kurs ändern - das fordern die führenden deutschen Wirtschaftsforschungsinstitute in ihrem Herbstgutachten. Die Notenbank solle keine Anleihen überschuldeter Staaten mehr kaufen und stattdessen die Zinsen senken, schreiben die Forscher. Die Politik kritisieren die Ökonomen für ihr Krisenmanagement. Dennoch erwarten die Experten vor allem für die Arbeitnehmer in Deutschland ein gutes Jahr.

Die Mehrheit der Forscher vertritt im Gutachten die Auffassung, dass die Notenbank ihr Mandat überdehnt und ihre Unabhängigkeit aufs Spiel gesetzt hat, weil sie das Anleihekaufprogramm für Krisenstaaten wieder aufgenommen hat. Die EZB hat inzwischen für mehr als 160 Milliarden Euro Staatstitel von Schuldenländern wie Spanien und Italien in ihren Büchern.

Die Experten von IWH (Institut für Wirtschaftsforschung Halle) und Kiel Economics sehen das anders. Sie halten die Staatsanleihenkäufe aufgrund der akuten Bedrohung der Stabilität des Banken- und Finanzsystems für gerechtfertigt. Einig sind sich die Institute jedoch darin, dass die EZB das Kaufprogramm rasch stoppen müsse, um einen Preisschock zu vermeiden.

Gute Aussichten für Deutschland

Für Deutschland sagen die führenden Ökonomen ein durchaus akzeptables Jahr 2012 voraus: Zwar senkten sie ihre Wachstumsprognose von 2,0 auf nur noch 0,8 Prozent - die befürchtete Rezession wird es ihrer Ansicht nach aber nicht geben.

Für Arbeitnehmer wird das kommende Jahr demnach sogar ein besonders erfreuliches Jahr: Die Löhne dürften kräftiger steigen und die Beschäftigung einen Rekordwert erreichen. Die Zahl der Arbeitslosen wird demnach im kommenden Jahr um 153.000 auf rund 2,8 Millionen sinken, die Beschäftigung um fast 200.000 auf den Rekordwert von knapp 41,3 Millionen steigen.

Zudem dürften sich viele Beschäftigte über deutlich höhere Löhne freuen. Die tariflichen Stundenlöhne dürften um 2,5 Prozent zulegen und damit stärker als in diesem Jahr mit 1,8 Prozent. Da die Ökonomen gleichzeitig mit einem geringeren Preisanstieg rechnen, könnten viele Haushalte über eine spürbar höhere Kaufkraft verfügen. Allerdings gelte dies nur so lange, wie die Schuldenkrise nicht zu einem Inflationsschub führe.

Keine Eskalation der Bankenkrise erwartet

Kritik übten die Wirtschaftsexperten am Krisenmanagement der Politik. Sie fordern, endlich einheitliche Verfahren für den Umgang mit Staats- und Bankenpleiten durchzusetzen. Mit einer Eskalation der Bankenkrise wegen einer Umschuldung in Griechenland rechnen die Institute aber nicht. "Eine Ansteckung in dem Ausmaß wie nach der Insolvenz von Lehman Brothers ist wenig wahrscheinlich."

Aus diesem Grund sei auch eine schwere Rezession wie 2009 nicht zu erwarten. Damals brach die Konjunktur wegen der weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise um 5,1 Prozent ein.

China bekommt die europäische Schuldenkrise allerdings immer stärker zu spüren. Das Handelsplus der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt sank im September laut den Behörden in Peking auf 14,5 Milliarden Dollar. Das ist nur noch die Hälfte des Überschusses im Juli. Vor allem die Exporte in die EU fielen sehr niedrig aus. Die chinesischen Zollbehörden kritisierten zudem, dass ein Anstieg der heimischen Währung die Exporte drossele.

fdi/Reuters/dpa



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insgesamt 34 Beiträge
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MtSchiara 13.10.2011
1. Seit wann interessiert sich die EZB für die Meinung Deutschlands oder ihr Mandat?
---Zitat von Spiegel-Artikel--- Die Europäische Zentralbank (EZB) soll im Kampf gegen die Schuldenkrise im Euro-Raum schnell ihren Kurs ändern - das fordern die führenden deutschen Wirtschaftsforschungsinstitute in ihrem Herbstgutachten. Die Notenbank solle keine Anleihen überschuldeter Staaten mehr kaufen und stattdessen die Zinsen senken, schreiben die Forscher. [...] Die Mehrheit der Forscher vertritt im Gutachten die Auffassung, dass die Notenbank ihr Mandat überdehnt und ihre Unabhängigkeit aufs Spiel gesetzt hat, weil sie das Anleihekaufprogramm für Krisenstaaten wieder aufgenommen hat. ---Zitatende--- Seit wann interessiert sich die EZB für die Meinung Deutschlands oder ihr Mandat? Chef des EZB war ein Franzose und ist nun ein Italiener, und im Rat hat jedes Land eine Stimme (also Malta ist gleichberechtigt mit Deutschland) und die Südländer können somit Deutschland immer überstimmen und dadurch weiterhin hunderte Milliarden per Mehrheitsbeschluß aus Deutschland abziehen.
National-Oekonom, 13.10.2011
2. "EuroRettung" ohne Monetarisierung nicht machbar
Der Ankauf von Anleihen löst per se keine Inflation aus, solange die EZB die Kontrolle über den Zins behält. Mit den derzeitigen Niedrigst-Zinsen wird der Inflation Vorschub geleistet! Nicht aber mit dem Kauf der Anleihen. Der Artikel geht übrigens auf diese These des "Preisschocks" überhaupt nicht ein, er bleibt die Antwort auf die Frage : Preisschock durch Ankauf (??) schuldig. Ein Hauptproblem EMU ist, dass man nicht verstanden hat, dass die Geldschöpfung beim Staat verbleiben muss. Nur setzt dies bei einer multinationalen Zentralbank eine Regulierung zwischen den Staaten voraus. Alle Staaten hätten demnach den gleichen Zugang zur Geldschöpfung via EZB: allerdings muss sich die Schuldenquote, die bei der EZB aufgenommen wird, auf speziell zu besichernde Anteile beschränken.
E.Cartman 13.10.2011
3. ...
Zitat von sysopDie führenden Wirtschaftsforscher gehen im Herbstgutachten hart mit der Europäischen Zentralbank ins Gericht. Die müsse rasch aufhören, Anleihen von Schuldenstaaten zu kaufen - sonst drohe Verbrauchern ein Preisschock. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,791625,00.html
Wenn mehr Geld da ist, können sich die "Verbraucher" ja über höhere nominale Löhne freuen, und es verlieren eben die Leute, die ihr Geld bei einem Finanzsektor haben liegen lassen, der ganz offensichtlich keine Risikoprüfung betreibt, und die es daher ohnehin verloren hätten. Achja... Wir reden von der deutschen Festung der Wettbewerbsfähigkeit/Arbeitsplatzsicherheit oder wie sich Lohndumping derzeit nennt. Sorry, mein Fehler.
Ruhri1972 13.10.2011
4. Rechtsfreier Raum
Um die sogenannte Unabhängigkeit der EZB nicht zu gefährden, arbeitet die EZB in einem rechtsfreien Raum. Keine Staatsanwaltschaft der Welt (insbesonders die örtliche in Frankfurt am Main) fühlt sich für die Mandatübertretung (Verdacht auf Untreue) zuständig. So kann die EZB weiterhin einen Ausverkauf zu Lasten der Steuerzahler betreiben.
whiteelephant1 13.10.2011
5. was soll das denn nun schon wieder
Ich stimme überein mit den "Fachleute", dass die EZB keine Staatsanleihen mehr kaufen soll. Aber die Zinsen senken, ist doch vollkommener Irrsinn. Durch die niedrigen Zinsen ist die Verlockung noch weiterer Verschuldung viel zu gross. Die Normalität ist doch, je mehr Nachfrage um so mehr steigen die Zinsen. Hier wird doch mal wieder alles im Sinne der unfähigen Politker auf den Kopf gestellt. Wie will man denn irgendwann (im Falle einer Rezession), die Wirtschaft noch ankurbeln, wenn man das Instrument einer Zinssenkung nicht mehr hat? Also hört endlich auf Anleihen zu kaufen und bitte keine Zinsen senken.
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