Herbstgutachten der Wirtschaftsforscher: "Griechenland ist nicht zu retten"

Deutschlands führende Wirtschaftsforschungsinstitute sehen schwarz für Griechenland. Ohne einen zweiten Schuldenschnitt werde das Land seine Misere nicht bewältigen können, so die Experten. In ihrem Herbstgutachten warnen sie zudem vor steigender Inflation in der Euro-Zone.

Akropolis in Athen: Reformprozess mit wenig Aussicht auf Erfolg Zur Großansicht
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Akropolis in Athen: Reformprozess mit wenig Aussicht auf Erfolg

Berlin - "Wir vermuten, dass Griechenland nicht zu retten ist", sagte der Ökonom Joachim Scheide vom Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW). Das Land brauche eine Restrukturierung seiner Schulden. Es werde sehr schwer sein, den Reformprozess fortzusetzen.

Bereits im Frühjahr hatten die privaten Gläubiger dem Land in einem ersten Schuldenschnitt Forderungen von 100 Milliarden Euro erlassen. Sollte es zu einem zweiten Schnitt kommen, wären nun wohl die öffentlichen Gläubiger betroffen, also vor allem die Euro-Staaten, die dem Land seit 2010 fast 150 Milliarden Euro an Krediten gegeben haben, sowie die Europäische Zentralbank (EZB), die griechische Anleihen im Volumen von geschätzt 45 Milliarden Euro aufgekauft hat.

Mehr als jeder zweite Jugendliche ist arbeitslos

Entsprechend umstritten ist ein zweiter Schuldenschnitt. Der Internationale Währungsfond (IWF) hatte sich jüngst dafür ausgesprochen, Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) wies die Forderungen am Donnerstag aber zurück. Dies sei einer der Vorschläge des IWF, die nicht zielführend seien, sagte Schäuble am Rande des IWF-Jahrestreffens in Tokio. Die Finanzminister der Euro-Gruppe hätten einen Forderungsverzicht der öffentlichen Gläubiger gegenüber Griechenland ebenfalls abgelehnt. Auch die EZB habe klargestellt, dass dies für sie nicht in Frage komme.

Die Wirtschaftsforscher plädierten dagegen geschlossen für einen zweiten Schuldenschnitt. Der Konjunkturchef des Ifo-Instituts, Kai Carstensen, sagte, Griechenland habe bei der Haushaltssanierung viel erreicht. "Gleichzeitig sehen wir aber, dass die Fortschritte in der griechischen Wirtschaft längst nicht so groß sind, wie es auf den ersten Blick scheinen mag." Die Anpassungsbemühungen des Landes seien enorm, sie reichten aber nicht aus, um die Schuldentragfähigkeit schnell wiederherzustellen.

Durch die Sparbemühungen der vergangenen Jahre ist das Land in eine tiefe Rezession gerutscht. Auch die Arbeitslosigkeit steigt dramatisch. Im Juli sprang die Arbeitslosenquote nach Angaben der griechischen Statistikbehörde zum ersten Mal seit Beginn der Krise über 25 Prozent. Ein Jahr zuvor hatte sie noch bei 17,8 Prozent gelegen. In der Gruppe der 15-bis 24-Jährigen sind inzwischen gut 54 Prozent arbeitslos gemeldet.

Die Forscher warnen vor steigender Inflation

In ihren Herbstgutachten kritisieren die Forscher zudem die Krisenpolitik der EZB und das von ihr geplante neue Programm zum Kauf von Staatsanleihen. Weil die Notenbank ihre Interventionen an die Erfüllung von Bedingungen durch die betroffenen Staaten knüpfe, gefährde sie ihre eigene Glaubwürdigkeit, schreiben die Institute in ihrem von der Bundesregierung in Auftrag gegebenen Gutachten. "Die EZB wird zum Wächter über die nationalen Finanzpolitiken und beeinflusst möglicherweise die Solvenz einzelner Staaten. Neben der Unabhängigkeit gerät so auch die Glaubwürdigkeit in Gefahr."

Dies könne schwerwiegende Folgen haben: So steige durch die Politik der EZB beispielsweise mittelfristig das Inflationsrisiko, warnen die Experten. "Dieser Prozess kann dadurch ausgelöst werden, dass die EZB letztlich monetäre Staatsfinanzierung betreibt. In der Folge könnten die Bürger und die Akteure an den Märkten das Vertrauen in die EZB verlieren, nachhaltig für Preisstabilität zu sorgen. Früher oder später würden sich dann die Inflationserwartungen aus ihrer Verankerung lösen."

Der EZB-Rat hatte Anfang September gegen den erbitterten Widerstand der Bundesbank beschlossen, Staatsanleihen von Schuldenländern zu kaufen, wenn diese Länder unter den Euro-Rettungsschirm ESM schlüpfen und bestimmte Bedingungen erfüllen.

stk/Reuters/dpa/AFP

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insgesamt 218 Beiträge
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1.
fortion 11.10.2012
Zitat von sysopDeutschlands führende Wirtschaftsforschungsinstitute erwarten einen zweiten Schuldenschnitt für Griechenland. Die Gläubiger des Landes müssten auf einen Teil ihrer Forderungen verzichten, sagen die Experten. In ihrem Herbstgutachten warnen sie zudem vor steigender Inflation in der Euro-Zone. Herbstgutachten: Wirtschaftsforscher zweifeln an Griechenland - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/herbstgutachten-wirtschaftsforscher-zweifeln-an-griechenland-a-860724.html)
Was für eine überraschende Erkenntnis. Eigentlich wußte das jeder normalbegabte Grundschüler, der 1 und 1 zusammenzählen kann, nur die großartigen Fachleute und Politiker wollten es lange Zeit nicht wahrhaben und haben unbeirrt eine Milliarde nach der anderen verbrannt. Nur gut, daß niemand diese Leute haftbar macht.
2. Das Prinzip Europa
vorschau 11.10.2012
Europa ist, wenn die armen Leute in den reichen Ländern die reichen Leute in den armen Ländern finanziell unterstützen. Das ist schön und macht Freude.
3. Gestern noch...
yovanka 11.10.2012
Zitat von sysopDeutschlands führende Wirtschaftsforschungsinstitute erwarten einen zweiten Schuldenschnitt für Griechenland. Die Gläubiger des Landes müssten auf einen Teil ihrer Forderungen verzichten, sagen die Experten. In ihrem Herbstgutachten warnen sie zudem vor steigender Inflation in der Euro-Zone. Herbstgutachten: Wirtschaftsforscher zweifeln an Griechenland - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/herbstgutachten-wirtschaftsforscher-zweifeln-an-griechenland-a-860724.html)
wuchs die griechische Industrie überraschend stark.
4. wissen wir schon
bernd_senftig 11.10.2012
Die korrekte Überschrift heißt: der Euro ist nicht zu retten. Es macht keinen Sinn soviel Zeit und Energie für die Rettung des Ramschgelds zu opfern. Es gibt wirklich dringendere Probleme auf unserer Welt.
5. ...
blauer_engel 11.10.2012
"Wir vermuten, dass Griechenland nicht zu retten ist." Was soll uns das sagen? "Vermutet" habe ich das schon vor einem Jahr. Ich denke nicht, dass ich der einzige wahr. Es ist ein bescheidenes Zeugnis vom IfW, um letztlich zu belegen, dass diese Sparpolitik nichts bringt außer weitere Schulden. Unter diesem Gesichtspunkt als Lösung nur einen weiteren Schuldenschnitt vorzuschlagen, ist mehr als dürftig. Wie soll es denn weiter gehen? Schuldenschnitt - sparen - weiter Schulden machen - erneuter Schuldenschnitt? Von diesen sogenannten Ökonomen würde ich konstruktive Vorschläge zur Ankurbelung der Wirtschaft erwarten, die die Menschen wieder in Arbeit bringen und für Einnahmen sorgen, um den Schuldenberg abzubauen.
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Fläche: 131.957 km²

Bevölkerung: 11,305 Mio.

Hauptstadt: Athen

Staatsoberhaupt:
Karolos Papoulias

Regierungschef: Antonis Samaras

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