Hilfe für Banken: Franzosen wollen Rettungsfonds anzapfen

Der deutsch-französische Streit über die Euro-Rettung bekommt eine neue Qualität. Laut Nachrichtenagentur Reuters will die Regierung in Paris Gelder aus dem Hilfsfonds EFSF abrufen - für die eigenen Banken. In Berlin ist man wenig begeistert: "Die Franzosen haben die Sache falsch verstanden."

Verhandlungspartner Merkel, Sarkozy: Haben die Franzosen den EFSF falsch verstanden? Zur Großansicht
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Verhandlungspartner Merkel, Sarkozy: Haben die Franzosen den EFSF falsch verstanden?

Berlin - Es ist ein offenes Geheimnis: Geht Griechenland pleite, dürften mehrere Banken Hilfe brauchen. Das gilt insbesondere für französische Geldinstitute, die zusammen mit deutschen Banken die größten Bestände an griechischen Staatsanleihen halten.

Zwar haben Deutsche wie Franzosen bereits zugesagt, ihre Banken im Notfall mit zusätzlichem Kapital zu versorgen. Doch laut einem Bericht der Nachrichtenagentur Reuters gibt es nun Streit über die Frage, woher dieses Kapital kommen soll. Die französische Regierung will demnach Mittel aus dem Rettungsfonds EFSF zur Stärkung der eigenen Banken einsetzen. Die Bundesregierung stemme sich aber gegen solche Pläne.

"Die Franzosen haben den EFSF falsch verstanden", zitiert Reuters eine deutsche Quelle. Die Geldinstitute sollten zunächst selbst versuchen sollten, sich frisches Kapital am Markt zu besorgen. Gelinge ihnen das nicht, sollten nationale Auffangmechanismen greifen - im Falle Deutschland könnte das der reaktivierte Bankenrettungsfonds Soffin sein. Nur wenn sonst kein Geld zur Verfügung stehe, sollte über Hilfen auf europäischer Ebene nachgedacht werden.

Zurzeit arbeiten die Euro-Länder an den Leitlinien für den Einsatz der EFSF-Mittel, die von 240 auf 440 Milliarden Euro aufgestockt werden sollen. Zudem soll der Rettungsschirm künftig auch Staatsanleihen von schwächelnden Euro-Ländern aufkaufen dürfen.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sagte am Freitag, Angaben über die Belastungen, die durch mögliche Bankenhilfen auf die Bundesbürger zukämen, könnten derzeit nicht gemacht werden. Hierfür müssten zunächst die Zahlen der europäischen Bankenaufsicht EBA abgewartet werden.

Regierungssprecher Steffen Seibert versicherte, mögliche Finanzspritzen seien an klare Bedingungen geknüpft. Er betonte ebenfalls, dass zunächst die Eigentümer der Banken sowie die Nationalstaaten in der Pflicht seien. Dabei dürfe nicht vergessen werden, dass Hilfen des Rettungsschirms an Bedingungen geknüpft seien. In Koalitionskreisen hieß es, der Haushaltsausschuss des Bundestages würde einer bedingungslosen Bereitstellung von EFSF-Mitteln für Banken nicht zustimmen.

"Wir wollen vor der Kurve stehen"

Eine Sprecherin des Bundesfinanzministeriums sagte, die deutschen Banken stünden heute besser da als vor der Finanzkrise 2008. Die Debatte werde "höchst vorsorglich und präventiv" geführt: "Wir wollen vor der Kurve stehen."

Die EU drückt in der Frage der Banken-Rekapitalisierung aufs Tempo: Schon "in den kommenden Tagen" werde die Kommission einen Vorschlag für ein koordiniertes Vorgehen vorlegen, sagte Kommissionssprecher Olivier Bailly am Freitag. Mit Blick auf ein Treffen von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) mit dem französischen Staatschef Nicolas Sarkozy am Sonntag in Berlin gebe es "ein Fenster der Gelegenheit" für die Kommission, Optionen aufzuzeigen. Bailly betonte, die Entscheidung "über das Format, die Höhe und die Modalitäten" der Rekapitalisierung liege allein bei den Mitgliedstaaten.

Zugleich trat Bailly Spekulationen entgegen, Brüssel plane eine gigantische Bad Bank, bei der angeschlagene Institute ihre wertlosen Staatsanleihen loswerden könnten. Anlass dazu hatte Kommissionschef José Manuel Barroso gegeben, als er in einem Interview sagte, trotz Schuldenkrise müssten Wackelbanken ihre "Schrottpapiere loswerden können".

Frankreich und Deutschland sind sich offenbar nicht nur in der Frage möglicher Bankenhilfen uneins. Laut einem Bericht des "Handelsblatts" streiten die Länder auch darüber, in welchem Umfang der EFSF künftig Staatsanleihen ankaufen darf.

Frankreich wolle hier keine Vorgaben machen, berichtet die Zeitung unter Berufung auf einen hochrangigen EU-Diplomaten. Die Bundesregierung wolle hingegen die für Bond-Käufe eingesetzte Summe je Euro-Staat begrenzen. Deutschland denke außerdem auch an eine zeitliche Befristung der Anleihenkäufe.

yes/dab/Reuters/dapd/dpa

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1. Sprachschwierigkeiten?
HBRSS 07.10.2011
Kaum zu glauben, wie delitantisch hier mit den Geldern der Steuerzahler umgegangen wird. Wir sollten ebenfalls auf die Straße gehen und gegen die Finanzdiktatur der Frau M. demonstrieren.
2. Unfassbar
Silversurfer2000 07.10.2011
Zitat von sysopDer deutsch-französische Streit über die*Euro-Rettung bekommt eine neue Qualität. Laut Nachrichtenagentur Reuters will die Regierung in Paris Gelder aus dem Hilfsfonds EFSF*abrufen - für die eigenen Banken. In Berlin ist man entsetzt: "Die Franzosen haben die Sache falsch verstanden." http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,790550,00.html
Da fällt mir nichts mehr zu ein - wenn jetzt Frankreich den EFSF anzapft, gibt es kein Halten mehr. Wie verrückt war die Bundesregierung, wenn das vertraglich möglich ist. Bin platt.
3. .
peter234 07.10.2011
Der Euro wie er der Völker in Frieden und Freundschaft vereint. Kennt jemand den Spruch "Beim Geld hört die Freundschaft auf"?
4. ...
Greg84 07.10.2011
Hätte man mal das Volk entscheiden lassen, was die vom Rettungsschirm halten, vermutlich wäre er gar nicht zustande gekommen. Weniger Ahnung als unsere Politiker haben die meisten Bürger wohl auch nicht.
5. ++++++++++++++++++++++++++
pappel 07.10.2011
Zitat von sysopDer deutsch-französische Streit über die*Euro-Rettung bekommt eine neue Qualität. Laut Nachrichtenagentur Reuters will die Regierung in Paris Gelder aus dem Hilfsfonds EFSF*abrufen - für die eigenen Banken. In Berlin ist man entsetzt: "Die Franzosen haben die Sache falsch verstanden." http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,790550,00.html
Nö, ham se nicht! Deutschland hat halt zum EFSF ja gesagt und jetzt muss es zahlen. Für ganz Europa. Wie immer haben die Kritiker recht. Leider.
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Finanzkrise in Griechenland
Europa wird ungeduldig: Griechenland bekommt sein Schuldenproblem nicht in den Griff - inzwischen wird offen über eine geplante Insolvenz des Landes gesprochen. Doch ist das die Rettung für den Euro?

Was würde eine Pleite Griechenlands bedeuten? Die wichtigsten Fragen und Antworten im Überblick:
Welche Folgen hätte eine Pleite Griechenlands?
Für die Euro-Zone wären die Folgen weitreichend: Die Gläubiger müssten ganz oder teilweise auf ihr Geld verzichten. Die Europäische Zentralbank etwa müsste Verluste auf die Staatsanleihen hinnehmen. Gleiches gilt für Geschäftsbanken oder Versicherer, die in griechische Staatsanleihen investiert haben. Das würde ihr Eigenkapital belasten. Allerdings haben die großen Banken im Ausland ihre Papiere schon zum Teil abgeschrieben.

Umstrittener sind die Folgen für Griechenland: Einige Ökonomen halten eine Pleite für die beste Option. Denn die Schuldenlast des Landes würde vermindert, die Zinsbelastung im Haushalt würde sinken, und die Tilgungsverpflichtungen dürften abnehmen. Als endgültige Lösung für die Schuldenkrise gilt eine Pleite aber keineswegs, denn die Griechen müssten ihre laufenden Ausgaben trotzdem ihren Einnahmen anpassen. Sonst häufen sie weiter Schulden an. Der Teufelskreis wäre nicht durchbrochen. Außerdem blieben griechische Banken bei einer Pleite auf Forderungen sitzen. Das Bankensystem im Land könnte kollabieren.
Wäre ein Austritt aus der Euro-Zone sinnvoll?
Die konkreten ökonomischen Folgen eines Austritts Griechenlands aus der Euro-Zone sind schwer vorhersehbar. Viele Experten sind sich aber sicher, dass die Auswirkungen für das Schuldenland und andere Staaten des Währungsraums verheerend wären.
Für Griechenland könnte es der wirtschaftliche Zusammenbruch sein. Ohne Euro müsste das Land wieder seine alte Währung Drachme einführen, die vermutlich eine drastische Abwertung erfahren würde. Über billigere Produkte würde dies zwar der internationalen Wettbewerbsfähigkeit Athens zugutekommen. Viel schwerwiegender wäre aber, dass zugleich die in Euro aufgenommenen Altschulden drastisch steigen würden. Das wäre allerdings nicht der Fall, wenn es vorher zu einer Pleite gekommen wäre.
Hinzu kommt, dass das Land seine Staatsausgaben mangels Kreditfähigkeit nur aus seinen Einnahmen finanzieren könnte. Die Folge wäre ein vermutlich noch viel stärkerer Abschwung als bisher.

Auch für die Euro-Zone hätte ein Austritt mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit verheerende Folgen. An den Finanzmärkten würden wohl schnell andere finanzschwache Länder unter Druck geraten, der sogenannte Domino-Effekt könnte eintreten. Die Risikoaufschläge für Staatsanleihen entsprechender Länder würden drastisch steigen und die jeweiligen Länder ähnlich wie Griechenland an den Rand der Zahlungsunfähigkeit führen. Letztlich könnte so der gesamte Währungsraum ins Wanken geraten.
Gibt es eine Alternative zu Pleite und Austritt?
Wichtig ist vor allem, dass Athen seine Sanierungspläne einhält und keine neuen Schulden anhäuft: Der Staat muss verschlankt werden, die Steuerhinterziehung bekämpft, die Privatisierung von Staatseigentum muss weitergehen. Zudem muss das zweite Rettungspaket für Athen umgesetzt werden, das bis 2014 die Unabhängigkeit vom Kapitalmarkt garantiert und dem Land so Zeit für tiefgreifende Reformen geben soll.
Fakten zur Euro-Zone

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