Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Auftakt im Hoeneß-Prozess: Der Offenbarungseid

Aus München berichtet

Der Prozess gegen Uli Hoeneß begann am Montag spektakulär: Der Bayern-Präsident räumte ein, 18,5 Millionen Euro Steuern hinterzogen zu haben - viel mehr als bislang bekannt. Zu Details gab er sich ahnunglos. Das Interessanteste aber war die Taktik des Hoeneß-Verteidigers.

DPA

Er kommt. Betritt als Erster den Saal. Das Jackett geöffnet, so angestrengt lässig wie eben möglich. Hinter ihm drei Anwälte, schon in Robe. Bei Christian Wulff war das anders: Da zogen die Verteidiger ihre Roben erst an, wenn keine Kamera mehr im Saal war. Es sollte kein Bild entstehen, auf dem der Ex-Bundespräsident eindeutig von Strafverteidigern umgeben war.

Dieses Problem hat FC-Bayern-Präsident Uli Hoeneß am ersten Tag seines Prozesses wegen Steuerhinterziehung nicht (hier lesen Sie das Minutenprotokoll des Prozess-Auftakts, hier den schnellen überblick mit den wichtigsten Fakten). Er wird begleitet vom Frankfurter Strafverteidiger Hanns W. Feigen sowie von den Steueranwälten Markus Gotzens und Bernd Groß. Und er gibt den schuldbewussten, reuigen Sünder, wie ein Gericht ihn sich auf den ersten Blick kaum besser wünschen könnte.

Hoeneß bekennt: "Ich habe Steuern hinterzogen. Mir ist bewusst, dass daran auch meine Selbstanzeige nichts ändert. Ich habe aber gehofft, durch meine Selbstanzeige einer strafrechtlichen Verfolgung zu entgehen." Er gelobt Besserung, verspricht, alles zu bezahlen, was von ihm verlangt wird, verspricht eine "rückhaltlose Rückkehr zur Steuerehrlichkeit". Er will "reinen Tisch" machen und vor allem "mit mir selbst ins Reine kommen". Und er deutet an, dass die Spekulationsgewinne, die er und seine Anwälte präsentieren werden, "keinesfalls niedriger, sondern eher deutlich höher als die tatsächlich steuerlich relevanten Zahlen" seien. Noch höher?

Fotostrecke

14  Bilder
Steuerprozess: Der Richter zweifelt, der Anwalt rüffelt
Uli Hoeneß scheint nichts beschönigen zu wollen. Oder doch? Das Konto in der Schweiz bei der Zürcher Vontobel-Bank sei ein "Zocker-Konto" gewesen, sagt er und fährt fort, wie um andere Spielernaturen zu warnen: "Einen wirtschaftlichen Gewinn habe ich in der Gesamtschau nicht gemacht." Mehrfach schiebt er Vontobel die Schuld zu: "Das hat die Bank von sich aus gemacht" oder "Das habe ich gar nicht gemerkt". Oder: "Ich habe das nicht entschieden!"

Skeptisch hält ihm der Vorsitzende Richter Rupert Heindl vor, dass er doch wohl nicht nur drei Jahre lang Gewinne eingefahren und in den übrigen Jahren nur Verlust gemacht habe. Dass er Aufträge gegeben haben muss. Dass er doch wohl informiert gewesen sei. Doch Hoeneß behauptet, sich komplett auf seinen Devisenhändler, seinen Freund, verlassen zu haben.

Heindl hebt die Augenbrauen. "Bei diesen Millionensummen?" Nie einen Kontoauszug gesehen? Nie einen gebraucht? "In Deutschland haben sie ganze Leitz-Ordner mit Auszügen und Belegen bei der Steuererklärung vorgelegt! Warum nicht vom Schweizer Konto?" Hoeneß schweigt, dreht sich fragend zu seinen Anwälten. Glauben wenigstens die ihm? Oder war vorwiegend Dilettantismus am Werk? Es hat den Anschein.

Sein Anwalt, nicht sein Werkzeug

Nicht die geradezu unvorstellbare Zahlenflut, die Staatsanwalt von Engel herunterrattert wie ein zu schnell eingestellter Kassenautomat, ist das Interessante an diesem ersten Hauptverhandlungstag. Sondern das Agieren der Verteidigung. Feigen weist zunächst darauf hin, dass ohne die Selbstanzeige die Ermittlungen "höchstwahrscheinlich ohne Ergebnis" geblieben wären - das hatte selbst die Staatsanwaltschaft in einem schriftlichen Vermerk eingeräumt.

Doch Feigen fährt auch dazwischen, wenn sein Mandant etwas sagt, was ihm nicht ins Konzept passt. Wenn es sein muss, stellt er sich sogar an die Seite des Vorsitzenden oder distanziert sich deutlich von seinem Mandanten. Zum Beispiel, als Hoeneß so tut, als habe ihm die Information, Reporter seien bei Vontobel vorstellig geworden, gar nichts ausgemacht: "Aber Herr Hoeneß", blafft Feigen ihn da an, "die Gäule gingen doch durch bei Ihnen! Wie ein Verrückter haben Sie telefoniert!" Will der Verteidiger damit vorsichtig andeuten, Hoeneß sei, zumindest zeitweise, eben doch nicht ganz bei Sinnen gewesen? Er stellt sich jedenfalls als Anwalt seines Mandanten dar, nicht aber als dessen Werkzeug.

Ob dieser erste Verhandlungstag ein Erfolg für Hoeneß war, darüber gingen am Ende die Meinungen auseinander. Denn die inkriminierten Zahlen sind noch höher geworden. Hoeneß selbst spricht von "mehr als 50.000 Transaktionen", die es nachzuvollziehen gelte. Bisher war von rund 33.000 die Rede. Gibt es dafür Belege? Offenbar nicht.

Fotostrecke

19  Bilder
Uli Hoeneß: Der Mann, der den FC Bayern schuf
Verteidiger Feigen deutet an, dass möglicherweise nicht nur die von der Staatsanwaltschaft errechneten rund 3,5 Millionen Euro hinterzogen wurden und der Angeklagte zu Unrecht Verlustvorträge bei privaten Veräußerungsgeschäften von rund 5,5 Millionen Euro geltend gemacht habe. Fast nebenbei lässt er eine weitere Zahl fallen, mit der denn doch niemand gerechnet hatte vor diesem Verhandlungstag: 15 Millionen. Hat Hoeneß also insgesamt 18,5 Millionen Euro hinterzogen? In nicht-verjährter Zeit, wie die Sprecherin des Oberlandesgerichts bestätigt? Das war nicht nur eine Geste, um das Gericht milde zu stimmen. Das war ein Offenbarungseid.

Die Verteidigung scheint dies nicht zu bekümmern. Vontobel hätte anscheinend ein Jahr gebraucht, um die Belege dafür zusammenzustellen. So viel Zeit aber hatte Hoeneß nicht. Denn Journalisten - und mit ihnen möglicherweise bald auch die Steuerfahndung - waren ihm auf den Fersen. Es war, wie sich bei der Befragung der ersten Zeugen herausstellen sollte, höchste Zeit.

"Der Name Hoeneß fiel ganz sicher nicht"

So berichtet ein Steuerfahnder aus Stuttgart von einem Telefonat im September 2012 mit einem Reporter des "Stern", der offensichtlich über Informationen verfügte bezüglich eines Schweizer Bankkontos, auf dem Millionensummen lägen. Im Januar 2013, als der "Stern" im Internet bereits von einem "großen bayerischen Sport- und Fußballverein" schrieb und von einem Schweizer Konto, kam es laut Aussage des Zeugen zu einem zweiten Telefonat. "Die Vermutung kam auf, es handle sich nicht um Devisenspekulationen, sondern um Gelder in verschiedenen Währungen für Spielerkäufe."

Der Vorsitzende: "Aber das war alles nur Spekulation?" Der Zeuge nickt. Er habe ins Internet geschaut, weil sich der Reporter unsicher gewesen sei bezüglich des Kontoinhabers. "Mehr als ein Hinweis auf Bayern München kam also nicht?" fragt der Vorsitzende nach. "Nein, der Name Hoeneß fiel ganz sicher nicht."

Monate später, im Januar 2013, telefonierte der Stuttgarter Steuerfahnder mit einem Münchner Kollegen. Auch der hatte Kontakt mit dem Reporter. Da ging es bereits um eine Summe von 800 Millionen Schweizer Franken, um Vontobel und darum, dass die Summe 2009 vom Konto des "großen bayerischen Fußballvereins auf eine Einzelperson, eventuell den Aufsichtsratsvorsitzenden" übertragen worden sei. "Wir hatten als einzigen Anhalt 'Stern Online', aber nichts Konkretes", sagt dieser Zeuge vor Gericht. "Ich musste erst einmal im Internet nachsehen, wer überhaupt der Aufsichtsratsvorsitzende von Bayern München ist."

Die entscheidende Frage stellt dann Verteidiger Feigen: "Ist es richtig, dass dieses Gespräch über den potentiellen Aufsichtsratsvorsitzenden erst am Nachmittag des 17. Januar 2013 stattfand?" Der Zeuge bestätigt Datum und Uhrzeit. Das ist wie ein Freistoß in Strafraumnähe für Hoeneß. Denn an jenem Tag, morgens um 8.15 Uhr, wurde Hoeneß' Selbstanzeige beim Finanzamt Miesbach abgegeben.

Diesen Artikel...
Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 341 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Tippe auf Bewährungsstrafe
volker_morales 10.03.2014
Hoeness hatte den Überblick verloren. Die Staatsanwaltschaft hat offenbar bis heute nicht den zutreffenden Wert ermittelt, wenn Ihre Anklage tatsächlich zu niedrig ist. Entscheidend wird aber sein, wie das Gericht die 1. Selbstanzeige wertet, mit der Hoeness versucht hat, sich Steuer ehrlich zu machen. Spannend auch die Frage, inwieweit ihm möglicherweise auch die möglichen handwerklichen Fehler seiner Berater strafrechtlich belasten werden.
2. Wenn er nicht mindestens 6 Monate
badbanker 10.03.2014
ohne Bewaehrung bekommt, verliere ich meinen Glauben an das deutsche Rechtssystem ... obwohl, es ist die Schlagzeile in allen Medien, gut das es auf dieser Welt oder in Europa keine anderen Probleme gibt. Ein Betrüger mehr oder weniger sollte eigentlich nicht von Interesse sein ...
3. Ist schon klar, was die Vereidigung will...
bene_lava 10.03.2014
Zitat von sysopREUTERSDer Prozess gegen Uli Hoeneß beginnt spektakulär: Offenbar hat der Bayern-Präsident viel mehr Steuern hinterzogen als bislang bekannt - er gibt sich dennoch zu Details ahnunglos. Das interessanteste aber ist die Taktik des Hoeneß-Verteidigers. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/hoeness-prozess-beginnt-mit-einem-offenbarungseid-a-957915.html
Hoeneß als Spielsüchtigen darstellen. Als jemand der vermindert schuldfähig war, auf Grund krankhaftem Wetteifer. Das hat bei Ante S. auch gut funktioniert. Mir hat mal ein Staatsanwalt aus der Abteilung "Wirtschaftskriminalität" gesagt, dass es folgende Regel gibt. Je höher und fantastischer der Schaden, desto geringer die Strafe.
4. hier gehts um 2003 bis 2009
soistdasalso 10.03.2014
wie lang hat er das in echt schon gemacht?
5. Warum keine Hausdurchsuchung am Schweizer Ferienwohnsitz in Lenzerheide?
tdse13 10.03.2014
Herr Hoeneß hat ein Feriendomizil in der Schweiz (Lenzerheide). Dort lagert sicherlich die ganze Korrespondenz mit den Schweizer Banken. Auch wurde Herr Hoeneß beim Besuch einer weiteren Bank (Graubündner Kantonalbank in Chur) beobachtet: http://www.20min.ch/finance/news/story/30626929 Eine Hausdurchsuchung in der Schweiz hätte sicherlich interessantes Material zutage gefördert.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Multimedia-Spezial


Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: