Hoeneß-Prozess Sensation aus dem Wäschekorb

Eine Steuerbeamtin packt aus: Sie bringt Uli Hoeneß in höchste Bedrängnis. Mindestens 27 Millionen Euro soll der Bayern-Funktionär dem Fiskus vorenthalten haben. Der zweite Prozesstag, der Überblick.

REUTERS

München - Für Uli Hoeneß war der zweite Prozesstag ein Desaster in mehreren Akten. Am Dienstagmorgen stand noch sein spektakuläres Geständnis vom Vortag im Raum: Er habe 18,5 Millionen Euro hinterzogen, nicht 3,5 Millionen Euro, wie die Staatsanwaltschaft ihm vorgeworfen hatte. Der Bayern-Präsident konnte darauf hoffen, dem Gericht als reuiger Sünder zu erscheinen. Bis zur Aussage einer Rosenheimer Steuerfahnderin.

1. Was sagte die Steuerfahnderin aus?

Die Beamtin bestritt, dass Hoeneß seit seiner Selbstanzeige vollständig mit den Behörden kooperiert hat.

Die Verteidigung von Hoeneß soll mehrmals Fristen verstreichen lassen haben. Unterlagen seiner Bank, "52.000 Blätter insgesamt", hätten die Anwälte erst am 27. Februar 2014 an die Staatsanwaltschaft gegeben. Da lagen diese Dokumente aber schon länger als ein Jahr bei Hoeneß.

Die "Grunddateien" der PDF-Dokumente seien schon am 18. Januar 2013 erstellt worden: einen Tag nach der Selbstanzeige des Bayern-Präsidenten. Das habe die EDV-Abteilung der Finanzbehörde festgestellt.

Der an der Börse zockende Präsident hatte mit seinen Spekulationen den Dateien zufolge zeitweise hohe Gewinne erzielt. Deutlich über 100 Millionen Euro lagerten zwischenzeitlich auf dem Depot. Nach 2006 ging es abwärts. "Ende 2010 ist nicht mehr sehr viel von den Gewinnen da, was leider an der Steuer nichts ändert", schilderte die Beamtin.

2. Was war der größte Paukenschlag?

Die Akten, die die Fahnderin am Morgen in einem roten Wäschekorb in den Gerichtssaal trug, hatten es offenbar in sich: Mindestens 23,7 Millionen Euro hinterzogene Steuern sollen sich aus den Unterlagen ergeben - zusätzlich zu den 3,5 Millionen Euro, von denen die Staatsanwaltschaft in ihrer Anklage ausgegangen war. Insgesamt geht es nun also um 27,2 Millionen Euro.

Die neuen Zahlen seien von der Verteidigung nicht hinterfragt worden, sagte Gerichtssprecherin Andrea Titz. Damit sei nicht zu rechnen gewesen.

3. Jetzt geht es schon um 27 Millionen - ist das nun alles?

Nicht unbedingt. Laut der Steuerfahnderin seien die gut 27 Millionen Euro eine "Best-Case"-Rechnung zugunsten des Angeklagten. Sie basiert auf einer ersten Durchsicht des neuen Materials.

Auch die von der Verteidigung nachgereichten Angaben sollen noch Lücken aufweisen. "Hier fehlen 1,7 Millionen, von denen keiner weiß, wo sie sind", sagte Richter Rupert Heindl.

4. Wie erging es Hoeneß?

Irgendwann schlug der Bayern-Patron die Hände vors Gesicht, er verfolgte die Entwicklung mit hochrotem Kopf. Hoeneß muss nach der weiteren Verschärfung seiner Lage mehr denn je eine Freiheitsstrafe befürchten.

Die Lage für Hoeneß, der den Prozess mit zunehmender Apathie verfolgte, ist damit noch unangenehmer geworden, als sie es am Montag schon war.

5. Wie reagiert die Öffentlichkeit?

Nach Ansicht von Steuergewerkschafts-Chef Thomas Eigenthaler geht an einer Verurteilung von Hoeneß kein Weg mehr vorbei. "Eine Freiheitsstrafe ist für mich absolut zwingend", sagte er dem Bayerischen Rundfunk noch bevor die höhere Steuerschuld bekannt wurde. "Ob sie jetzt noch zur Bewährung ausgesetzt werden kann, daran habe ich ganz, ganz starke Zweifel."

Der prominent besetzte Aufsichtsrat des FC Bayern München, dem Hoeneß vorsteht, äußert sich dagegen nicht zu dem Prozess. Das Gerichtsverfahren laufe noch, sagte Audi-Chef Rupert Stadler. Der Prozess beleuchte einen "komplexen Sachverhalt" und bedürfe einer "letztinstanzlichen Entscheidung". Stadler ist im Aufsichtsrat der Bayern Hoeneß' Stellvertreter. Ein Vertreter des ebenfalls im Aufsichtsrat vertretenen Sportartikel-Herstellers Adidas äußerte sich ähnlich.

SPD-Finanzexperte Joachim Poß übte an diesen Aussagen Kritik: "Es geht hier um Steuerkriminalität. Und jetzt steht fest, dass Hoeneß Unterlagen zurückgehalten hat. Es muss Schluss sein mit Verharmlosung", sagte Poß der "Neuen Osnabrücker Zeitung".

Der Chef der Linkspartei, Bernd Riexinger, forderte in der "Rheinischen Post" den sofortigen Rückzug von Hoeneß vom Präsidenten-Amt. "Er kann nun keinesfalls weiter an der Spitze des FC Bayern bleiben. Ehrlich machen heißt zurücktreten", sagte Riexinger.

6. Wie geht es jetzt weiter?

Am Mittwoch will das Gericht zwei zusätzliche Zeugen hören: Hoeneß' Betriebsprüfer und den EDV-Beamten der Steuerfahndung. Letzterer könnte die Aussage der Steuerfahnderin zu den zurückgehaltenen Dokumenten untermauern.

Der Zeitplan mit einer raschen Urteilsverkündung am Donnerstag ist daher trotz der neuen Entwicklungen weiterhin möglich - allerdings keineswegs sicher. Das Gericht will erst noch den Mittwoch abwarten.

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Prozess gegen Uli Hoeneß: Schwere Vorwürfe, ernste Gesichter

ade/dpa

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insgesamt 99 Beiträge
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endymion37 11.03.2014
1. Verzockt....
hat sich da Uli schon wieder...mit seinen Anwälten. Statt wirklich zu kooperieren, hatten die Anwälte wohl die Taktik, das Material so lange zu halten, bis eine sinnvolle Auswertung zum Prozess nicht mehr möglich wäre. Jetzt geht der Schuss nach hinten los.
adolfo1 11.03.2014
2. Gesamtvermögen Schweiz
Ob das Gesamtvermögen von H. in der Schweiz je herausgefunden wird, über welches dortiges Anfangskapital hat er verfügt, wie wurde es dorthin gebracht, er selbst mit Hilfe der Banken, oder stammt es aus "Prämienzahlungen" seitens Dritter. Könnte man "Sponsoren" falls sie die Geldgeber sind, auch belangen ?
shardan 11.03.2014
3. Wenn Hoeneß...
jetzt nicht in den Knast einfährt, wird es ausgesprochen schwierig, irgend jemandem noch zu erklären, wozu er Steuern eigentlich bezahlen soll. Das Verhalten von Herrn Hoeness, einen großen weiteren Teil zuzugeben, aber immer noch ein paar Takte zu verschweigen, istt in meinen Augen auch nicht mehr strafmildernd zubewerten. Das Verhalten ist ebenso weit ab der Realität wie das Verhalten der Fans, die immer noch ihren Wirtschaftskriminellen bejubeln, weil er ja "so viel Gutes" getan hat. Das mag durchaus sein, aber dann kommt mir doch die Frage hoch, wie viel Gutes jemand tun muss, damit selbst ein Mord noch ungestraft bleiben soll? Moral kann man nicht erkaufen, Herr Hoeneß. Verschwinden Sie sang- und klanglos in einer Zelle, gestrichen in den Farben von Schalke oder BVB.
Pitterdrei 11.03.2014
4. was sind schon 27 Mio.EUR
da haben andere noch weit mehr hinterzogen. Schöner wäre es, wenn noch ein paar weitere CD's auf den Markt kämen, mit all den Schlaumeiern drauf, welche von sich denken, Sie wären die Größten. Für Unsereiner sind solche Beträge weder greifbar noch verifizierbar uns reichen 50 EUR am Tag und wir sind satt. Andere werden dies wohl nie begreifen, wie dies gehen kann; aber sei's drum, das "Runde in das Eckige" - ferdsch ! Schäuble kann's brauchen - Kindergelderhöhung = 2 EUR Welt verkehrt.....
tulius-rex 11.03.2014
5. Nachhilfe
Zitat von sysopAFPEine Steuerbeamtin packt aus: Sie bringt Uli Hoeneß in höchste Bedrängnis. Mindestens 27 Millionen Euro soll der Bayern-Funktionär dem Fiskus vorenthalten haben. Der zweite Prozesstag, der Überblick. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/hoeness-prozess-steuerfahnderin-und-27-millionen-euro-der-2-tag-a-958079.html
Steuern werden aufgrund demokratischer Mehrheitsbeschlüsse von Bund, Ländern und Gemeinden beschlossen und erhoben und sind Bringschulden. Jeder, der Einnahmen hat, hat diese zu versteuern, man kann auch beim Finanzamt nachfragen und bekommt eine vernünftige Auskunft und kann sich hohe Kosten für einen Steuerberater sparen. Steuerbetrüger haben indes ihre eigene, selbstgebastelte Moral. Wenn sie unser Gemeinwesen nicht mehr wollen, sollen sie eben ins Ausland verschwinden (Beckenbauer, B.Becker, Zumwinkel, Schumacher u.s.w.). Ich jedenfalls zahle gerne Steuern für eine gute Polizei, gute Schulen und Straßen und werden dadurch trotzdem nicht arm.
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