Gewalt in Venezuela Das Mord-Paradox von Caracas

Lässt Ungleichheit Menschen gewalttätig werden? Ja, besagen gängige Theorien. Doch in Venezuela passiert das Gegenteil: Der Abstand zwischen Arm und Reich wird geringer - und die Mordrate geht steil nach oben.

AP

Aus Caracas berichtet


Sie sind einfach überall - grau, hässlich, abweisend. Caracas ist eine Stadt der Mauern. Kaum ein Gebäude im Zentrum der venezolanischen Hauptstadt, das nicht durch sie abgeschirmt wird. Scherben, Zacken oder Stacheldrähte auf der Mauerkrone reichen vielen Bewohnern nicht mehr aus. Sie lassen Hochspannungsleitungen um ihre Grundstücke ziehen.

Die Venezolaner haben guten Grund sich einzumauern. Caracas gilt als gefährlichste Hauptstadt der Welt. Überprüfen lässt sich das kaum, denn die sozialistische Regierung gibt keine Statistiken zu Gewaltverbrechen mehr heraus. Doch die alltäglichen Horrormeldungen sprechen für sich.

Nach Schätzungen des nichtstaatlichen Observatorio Venezolano de Violencia (OVV) kamen 2012 im ganzen Land fast 22.000 Venezolaner gewaltsam zu Tode, das sind 73 Opfer pro 100.000 Einwohnern. In Deutschland kamen auf die gleiche Bevölkerungsmenge 0,7 Fälle von Mord- und Todschlag.

Die traurigen Rekordwerte erreichte Venezuela ausgerechnet unter dem verstorbenen Präsidenten Hugo Chávez und seinem Nachfolger Nicolás Maduro. Das Seltsame daran: Selbst Gegner gestehen den linksgerichteten Chavisten zu, dass sie die früher enorme Ungleichheit im Land deutlich reduziert haben. Mittlerweile ist der Abstand zwischen reichstem und ärmstem Fünftel der Bevölkerung laut Uno-Daten geringer als irgendwo sonst auf dem lateinamerikanischen Festland.

Nach gängigen Theorien hätte mit der Ungleichheit auch die Gewalt zurückgehen müssen. Forscher wie der britische Epidemiologe Richard Wilkinson sehen einen direkten Zusammenhang zwischen dem Ausmaß an Ungleichheit in einer Gesellschaft und ihrer Mordrate. Doch das Beispiel Venezuela spricht gegen diese These: Während in Nachbarländern wie dem lange berüchtigten Kolumbien die Mordraten sinken, haben sie sich laut OVV unter den Chavisten verdreifacht. Ein bereits vom Krebs gezeichneter Hugo Chávez räumte 2012 ein: "Venezuela ist ein Beispiel dafür, dass Sozialpolitik nicht reicht, um die Raten der Gewaltkriminalität zu senken."

Jeder dritte könnte einen Mord in Auftrag geben

Als "Paradox von Caracas" bezeichnet Veronica Zubillaga das Phänomen. Die Soziologin lehrt an der Universität Simón Bolívar, der Campus vor den Toren von Caracas ist ein palmengesäumtes Idyll. Doch die kleine Frau mit den großen Ohrringen kennt die andere Seite der Hauptstadt. Zubillaga hat viel Zeit in Armenvierteln verbracht.

Gerade hier zeigt sich Venezuela als schwacher Staat, Sicherheitskräfte sind kaum präsent und häufig korrupt. Entsprechend gering ist die Hemmschwelle für Selbstjustiz: Laut einer aktuellen Umfrage fände es mehr als jeder dritte Venezolaner ein Leichtes, in seiner Umgebung einen Mord in Auftrag zu geben.

Die Regierung habe das Problem lange geleugnet, sagt Zubillaga. Als der Ex-Offizier Chávez dann reagierte, tat er es mit militärischen Mitteln. In der Spezialeinheit Dibise bekämpfen seit 2010 Soldaten und Polizisten gemeinsam Gewalt und Drogenhandel. Nachfolger Maduro schickte im Mai zusätzlich 3000 Soldaten auf die Straßen.

"Dibise ist ein völliger Reinfall", sagt Zubillaga. Nach der Einführung sei die Mordrate weiter gestiegen, obwohl zugleich die Zahl der Gefangenen in die Höhe schoss. Das liegt auch daran, dass ähnlich wie in den USA schon kleinere Drogendelikte hart bestraft werden. Eine Folge sind völlig überfüllte Gefängnisse, die gut dreimal so viele Gefangene beherbergen wie vorgesehen. Drinnen haben oft Gangsterbosse das Kommando übernommen, die andere Gefangene erpressen und aus der Zelle heraus weiter ihre Geschäfte machen. Zubillaga spricht von "Orten des entfesselten Kapitalismus, wo alles vom Gewinn gesteuert wird".

Bis hierhin erinnert Venezuelas Mischung aus staatlicher Überforderung und Überreaktion von Polizei und Justiz an andere Länder in Lateinamerika - unabhängig von ihrer ideologischen Ausrichtung. Doch ein Teil der Gewalt scheint Folge der bolivarischen Revolution selbst zu sein.

Mit dem Aufstieg wächst die Angst

Diese Einschätzung stützt ein Mann, der konterrevolutionärer Umtriebe unverdächtig ist: Der Kriminologe Andres Antillano ist neben seiner Professur an der Universidad Central de Venezuela aktives Mitglied der "Siedlerbewegung", die bezahlbaren Wohnraum für Arme fordert. Für die meisten von ihnen hat sich zwar unter Chávez die Lage verbessert, aber nicht für alle gleichermaßen. "Die einfache Bevölkerung beginnt Unterschiede innerhalb der eigenen Schicht festzustellen", sagt Antillano. "Es gibt neue Grenzen."

Wer gute Verbindungen zur Regierung hat, konnte seinen Wohlstand unter Chávez zum Teil deutlich steigern. Neureiche sind auch als Boliburguesía bekannt - eine Wortkreuzung aus dem Revolutionshelden Bolívar und dem spanischen Wort für Bourgeoisie. Mit dem sozialen Aufstieg würden sich selbst zwischen Nachbarn plötzlich Gräben auftun, sagt Antillano.

Die Folge ist unübersehbar: Auch in ärmeren Vierteln sind viele Fenster vergittert und Grundstücke umzäunt - denn hier ereignen sich die weitaus meisten Gewalttaten. Laut Antillano ist das ein Unterschied zu früher, als sich die Attacken vor allem gegen Wohlhabende richteten. Arm kämpft nicht gegen Reich, sondern gegen Ein-bisschen-weniger-Arm. "Wir sind von einer Interklassen- zu einer Intraklassengewalt gekommen."

Häufigstes Opfer sind junge Männer, die mangels Perspektiven in den Drogenhandel einsteigen und in Gefechten mit der Polizei oder rivalisierenden Gangs sterben. Auch das ist laut Soziologin Zubillaga Teil des venezolanischen Paradoxons: Heute überleben zwar dank staatlicher Programme deutlich mehr Säuglinge die ersten Monate. Doch für männliche 15- bis 24-Jährige ist Mord die Todesursache Nummer eins.

Auch Chavisten lieben Waffen

Immerhin ist die Regierung mittlerweile ein entscheidendes Problem angegangen, die Kontrolle von Waffen. Bis vor kurzem war Waffenbesitz in Venezuela kaum reguliert - noch so eine Parallele zu den USA. Seit Juni gilt nun ein Gesetz, das den Verkauf und das Tragen von Waffen einschränkt.

Eine Expertenkommission hatte weitergehende Kontrollen gefordert, zu ihr gehörte zunächst auch Zubillaga. Doch sie habe sich zusammen mit allen anderen Wissenschaftler zurückgezogen - wegen hohen politischen Drucks. "Es war ein Wahljahr", sagt sie, "alles sollte schnell gehen".

Doch wird die Regierung am Ende auch gegen die Waffennarren unter den eigenen Anhängern vorgehen? Zu ihren Stützen gehören schließlich bewaffnete Paramilitärs in den Armenvierteln. Im Mai, nicht mal einen Monat, bevor er das "Entwaffnungsgesetz" erließ, kündigte Präsident Maduro sogar die Gründung einer neuen Arbeitermiliz an. Sie soll "Faschismus und Bourgeoisie" abwehren. Selbstverständlich bewaffnet.

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Seite 1
nütztnichts 30.11.2013
1. Was für ein reduzierter Blick!
Muss ma das denn überhaupt erwähnen? Die soziale Lage und die Bildungssituation sind sicher wichtige Faktoren, aber doch wahrscheinlich nicht die einzigen! Trotzdem schreibt der Autor diesen Artikels so, als hätte er hier eine ganz neue Erkenntnis entdeckt. Stattdessen reduziert er die womöglich doch eher komplexere Frage nach Ursachen für Gewalt, darauf dass es wohl nicht an der sozialen Lage hängt. Das ist sicher falsch. Es ist ein Faktor von mehreren und von vielen Wechselwirkungen. Interessant wäre mal gewesen, hier in die Tiefe zu gehen, statt so einen langen kurzsinnigen Text zu schreiben.
nojoe 30.11.2013
2. Bitte
Ungleichheit lässt die Leute gewalttätig werden? Was ist das denn für eine bescheuerte Idee? Wann immer die Menschen gleich gemacht werden sollten (zwei große Diktatoren des europäischen Kontinents lassen grüßen, der eine aus Braunau, der andere aus Georgien), stieg die Gewalt ins Unermessliche.
raber 30.11.2013
3. Venezuelas Ungleichheit ist nicht alleinschuldig
Ungleichheit ist nicht immer mit höheren Mordraten verbunden. Eine gut funktionierende Polizei, keine juristische Korruption, richtige Waffenkontrolle und auch das Nicht-Gegeneinander-Hetzen der Politiker sind einige der Faktoren die die Gewalttätigkeit einigermassen eindämmen können. Andererseits sind die verstärkten Aktivitäten der Drogenbanden in Venezuela auch an all dem beteiligt und haben brutale Territorialkämpfe. Es ist nicht zu vergessen, dass es auch Leute gibt, die ein Interesse an Unsicherheit in einem Lande haben; siehe Sicherheitsfirmen, Waffenhändler und sicherlich auch Politiker.
tailspin 30.11.2013
4. Ultimative Fehlkalkulation
Chavez und jetzt Maduro muessen wohl geglaubt haben, die Zustimmung des Waehlerproletariats zu ihren Regimen mit Ertraegen aus dem nationalen Oelvermoegen kaufen zu koennen bei ansonsten grassierendem, real existierenden Sozialismus. Das ging wohl auch eine Zeit lang gut. Aber man kann die Wirtschaft durch gallopierende Verbloedung in der politischen Fuehrung schneller zu Grunde richten als das Geld durch Oel wieder reinkommt. Zumal die Oelindustrie auch zu Schanden geritten wird. Ich arbeite in der technischen Zulieferindustrie fuer Oelfoerderung in Kolumbien. Die besten Fachleute dort sind aus Venezuela emigriert, weil sie fuer sich und ihre Familien keine Perspektive mehr gesehen haben. Ja, am Ende egalisiert sich in Venezuela der Unterschied zwischen arm und reich in Richtung arm und arm. Wenn jeder zum Bodensatz der Gesellschaft gehoert und das Lebensminimum nicht mehr bestritten warden kann, dann gibt es eben Gewaltexzesse. Absolut keine Ueberraschung und absolut vorhersehbar, wenn nicht sogar gewollt, weil der Ausgang so offensichtlich ist. Nur einige Theroretiker scheinen damit ein Problem zu haben.
kalim.karemi 30.11.2013
5. die Ungleichheit wurde verringert
Zitat von sysopAPLässt Ungleichheit Menschen gewalttätig bwerden? Ja, besagen gängige Theorien. Doch in Venezuela passiert das Gegenteil: Der Abstand zwischen Arm und Reich wird geringer - und die Mordrate geht steil nach oben. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/hohe-mordrate-venezuela-leidet-unter-kriminalitaet-a-932945.html
indem heute alle ärmer sind als noch vor Jahren. Ist auch eine Möglichkeit soziale Unterschiede zu beseitigen. Wahrscheinlich lässt die aufgezwungene Gleichheit Menschen aggressiver werden. Das Problem wird sich aber bald erübrigen, die roten sind ja immer gut mit der Strategie gefahren, das Pressemonopol zu beanspruchen. Wir werden sehen, bald wird es in Venezuela kaum noch Gewalt geben.
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