Hohe Zinsen Spekulanten wetten gegen Spanien, Belgien, Frankreich

Italiens Lage ist schon kritisch - nun zweifeln Anleger auch an Frankreich und Belgien: Die Zinsen für Schulden dieser Staaten steigen auf ein neues Hoch, bedenklich ist die Lage auch in Spanien. Die Deutsche Bank fordert eine radikale Rettungsaktion der Europäischen Zentralbank.

Börse in Madrid: Spanien muss Investoren höhere Zinsen bieten
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Börse in Madrid: Spanien muss Investoren höhere Zinsen bieten


Hamburg - Die Lage auf dem europäischen Anleihenmarkt verschärft sich. Die Renditen für zehnjährige Staatsanleihen aus Frankreich und Belgien sind auf neue Rekordstände geklettert, auch für Papiere aus Spanien und Italien stiegen die Risikoaufschläge. Das heißt: Diese Länder müssen immer höhere Zinsen zahlen, wenn sie alte Schulden durch neue ablösen.

Grund ist das gestiegene Misstrauen der Anleger - sie sind nur noch gegen eine höhere Rendite bereit, den betroffenen Ländern Geld zu leihen. Experten begründen dies mit neuen Schwierigkeiten in Italien. Die Probleme des dortigen neuen Premierministers Mario Monti bei der Kabinettsbildung führten zu neuem Pessimismus, hieß es. Zudem sorgte eine Anleihe-Auktion in Spanien für schlechtere Stimmung an den Märkten. Das Land hatte sich am Dienstag nur zu spürbar höheren Zinsen frische Mittel am Geldmarkt besorgen können. Die Renditen dort stiegen auf 6,31 Prozent.

Dadurch wird auch Frankreich, die zweitgrößte Volkswirtschaft der Euro-Zone nach Deutschland, immer stärker von der Schuldenkrise erfasst: Bei zehnjährigen Staatsanleihen musste das Land Zinsen von knapp 3,6 Prozent zahlen - der Abstand gegenüber vergleichbaren deutschen Staatsanleihen ist damit so hoch wie zuletzt vor der Einführung der Gemeinschaftswährung. Auch Belgiens Anleihen stoßen bei Investoren auf weniger Interesse: Die Rendite für Zehnjahrespapiere kletterte auf rund 4,8 Prozent, ebenfalls ein Rekordwert.

Nach wie vor kritisch ist die Situation bei Italien. Die Rendite für zehnjährige Anleihen notierte am Dienstag mit 7,03 Prozent erneut knapp über der kritischen Schwelle, ab der Griechenland, Portugal und Irland Hilfen beantragen mussten.

Deutsche Bank fordert Obergrenze für Schuldzinsen

Italien stellt die Euro-Zone derzeit vor ein existentielles Problem: Wenn die drittgrößte Volkswirtschaft der Währungsgemeinschaft ihre Schulden nicht mehr bedienen kann, stößt auch der Rettungsfonds EFSF an seine Grenzen. Deshalb wird bereits über ein stärkeres Eingreifen der Europäischen Zentralbank spekuliert. Die Notenbank solle vermehrt italienische Anleihen kaufen - was die Zinsen für italienische Anleihen senken würde.

Der Chefvolkswirt der Deutschen Bank, Thomas Mayer, hat sich dafür ausgesprochen, eine Art Obergrenze für die Zinsen festzulegen. "Um die Finanzmärkte zu beeindrucken, muss die EZB eine unbegrenzte Interventionsbereitschaft signalisieren", sagte Mayer der "Financial Times Deutschland". Als Vorbild nannte er die Schweizer Nationalbank (SNB), die einen Mindestkurs für den Frankenkurs definierte - und diesen seitdem auch einhält.

Die Schweizer Notenbanker hatten im September angekündigt, den Kurs zum Euro bei mindestens 1,20 Franken festzulegen - und diese Grenze "mit aller Konsequenz zu verteidigen". Das bedeutet: Die SNB kauft so lange Devisen, bis der Mindestkurs erreicht ist. Bislang ging die Strategie auf, der Kurs lag seit September stets über 1,20 Franken, aktuell notiert der Euro bei 1,24 Franken.

Nur mit einem solchen Signal könne Italien aus der Krise kommen, sagte der Chefvolkswirt der Deutschen Bank der "FTD". Rom müsse ein Reformprogramm nach dem Vorbild der deutschen Agenda 2010 vorlegen, aber das allein reiche nicht. "Die EZB muss den Reformprozess begleiten, indem sie den Zins auf ein erträgliches Niveau drückt", so Mayer.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Artikels hieß es, die Rendite für französische Staatsanleihen habe den höchsten Wert seit Einführung des Euro erreicht. Tatsächlich ist aber nur der Aufschlag gegenüber vergleichbaren deutschen Staatsanleihen so hoch wie zuletzt vor der Einführung der Gemeinschaftswährung. Der Fehler beruht auf einer Meldung der Nachrichtenagentur dpa, wir bitten ihn zu entschuldigen.

cte/dpa



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insgesamt 445 Beiträge
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Seite 1
Michael Giertz, 15.11.2011
1. Prophetische Sicht
Zitat von sysopItaliens Lage ist schon kritisch -*nun zweifeln Anleger*auch an Frankreich und Belgien: Die Zinsen für*neue Schulden dieser Staaten steigen*auf*ein Rekordhoch, schlimm ist die Lage auch in Spanien.*Die Deutsche Bank fordert eine radikale Rettungsaktion der Europäischen Zentralbank. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,797960,00.html
Alles, was ich vorhergesagt habe, ist eingetreten. Und 2012 bricht der ganze Mist endgültig unter der Last von Schuldzinsen bzw nicht mehr tauschbaren Schulden zusammen. Der Dominoeffekt ist nicht aufhaltbar ohne radikalen Schnitt. Der Schnitt wird nicht kommen.
mzumo 15.11.2011
2. Leihen Sie mal ohne Bonität Geld
Nein, Spekulanten wetten nicht gegen diese Länder. Ihre grottenschlechte Haushaltspolitik macht eben das Risiko höher dass die Spekulanten ihr Geld nicht mehr wieder sehen.
mrblond1981 15.11.2011
3. Irgendwie Witzig
Alle Staaten um uns herum fallen Horden von Spekulanten einher. Deutschland wird sicher erst als allerletztes ins Visir kommen, wenn überhaupt. Die Märkte lieben unsere Angie und wer von den Märkten geliebt wird, der bleibt auch im Amt. ;-)
muwe6161 15.11.2011
4. Und wer kriegt das Geld?
Zitat von sysopItaliens Lage ist schon kritisch -*nun zweifeln Anleger*auch an Frankreich und Belgien: Die Zinsen für*neue Schulden dieser Staaten steigen*auf*ein Rekordhoch, schlimm ist die Lage auch in Spanien.*Die Deutsche Bank fordert eine radikale Rettungsaktion der Europäischen Zentralbank. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,797960,00.html
Prima, dann geht die Spekulation ja auf. Lassen wir den gemeinen Steuerzahler in den Trinksprüchen hochleben! Jetzt nur noch die Frage der Geldverteilung...
Kalleblom 15.11.2011
5. Agenda 2010!
"Rom müsse ein Reformprogramm nach dem Vorbild der deutschen Agenda 2010 vorlegen," Hier im Forum ist doch immer der Tenor. dass dies nicht gut für Deutschland war. Wie wird es in dem Punkt für Italien aussehen?
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