Berlin - Die Töne im Honorarstreit zwischen Ärzten und Krankenkassen werden schriller. Am Dienstag sorgten Äußerungen von Ärztepräsident Frank Ulrich Montgomery für Aufregung. Die Mediziner hätten die Verhandlungen zu Recht platzen lassen, sagte er. "Es war nicht zu erwarten, dass der Gegner schon beim ersten Zeigen der Folterinstrumente einknickt", sagte der Präsident der Bundesärztekammer.
Diese Wortwahl kritisierte der Chef der Techniker Krankenkasse (TK), Jens Baas. Es sei legitim, in Verhandlungen erst einmal mehr Geld zu fordern, sagte er SPIEGEL ONLINE. "Ganz und gar nicht normal sind allerdings die Ankündigungen von Ärztefunktionären, Patienten in Geiselhaft nehmen zu wollen und wortwörtlich von 'Folterinstrumenten' zu sprechen." Dies sei eine verbale Aufrüstung, die an der Realität vorbeigehe.
Montgomery hatte den Kassen mit einem "heißen Herbst" gedroht. Der Vorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Andreas Köhler, sagte aber, Patienten sollen zunächst nicht unmittelbar von den geplanten Protesten betroffen sein. "Wir wollen nicht im ersten Schritt jetzt die Patientenversorgung gefährden, sondern wir werden andere Maßnahmen finden, um auf unsere berechtigten Anliegen aufmerksam zu machen", sagte Köhler im ZDF-"Morgenmagazin". Der Unmut der Ärzte sei aber hoch. "Die sind bereit zu streiken."
Netto-Verdienst von 5000 Euro im Monat
TK-Chef Baas gab sich verhandlungsbereit. "Mit einer überzogenen Rhetorik tun sich die Ärzte keinen Gefallen", sagte er. "Für mich gilt jetzt: Runter von der Palme, ran an den Verhandlungstisch - dort werden Lösungen gefunden, nicht vor verschlossenen Praxistüren."
Die KBV hatte die Verhandlungen über die Honorare der rund 150.000 niedergelassenen Ärzte und Psychotherapeuten am Montag platzen lassen. Die Mediziner sollten ein Plus von 270 Millionen Euro erhalten, das wären 0,9 Prozent mehr als jetzt. Die KBV fordert 3,5 Milliarden Euro mehr - ein Plus von elf Prozent.
Seit Jahren ist vor allem die Verteilung des Milliardenhonorars zwischen den Ärzten umstritten. Allgemeinmediziner verdienen laut KBV-Zahlen 5018 Euro pro Monat netto, Orthopäden 6344 Euro und Psychotherapeuten 2658 Euro.
Streik birgt Risiko für die Ärzte
Ein KBV-Sprecher versuchte, die Furcht vor einem Streik zu mildern. "Selbst im schlimmsten Fall wird es zwar Unannehmlichkeiten für die Patienten geben, aber es wird nicht dazu führen, dass sie nicht mehr versorgt werden", sagte Ronald Stahl. So würden die Ärzte voraussichtlich nur noch das leisten, für was sie in den vorgegebenen Praxisbudgets auch bezahlt werden - und sonst nur noch Notfälle behandeln. Patienten dürften in den kommenden Wochen also vor allem noch später als heute schon Termine beim Facharzt bekommen.
Wie viele Ärzte sich an Streiks beteiligen würden, ist schwer abzuschätzen. Am Dienstagmittag schaltete die Ärzteorganisation Hartmannbund auf ihrer Homepage ein Feld zum Anklicken frei: "Würden Sie sich an Praxisschließungen beteiligen?" Die ersten Rückläufer zeigten eine hohe Zustimmung. Doch Streiks bergen ein Risiko für die Ärzte. Denn wer keine Patienten annimmt, verdient auch weniger. Die Angestellten müssen weiterhin bezahlt werden, eine Streikkasse gibt es nicht.
mmq/dapd/dpa
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