Finanzkrise Was wurde eigentlich aus den deutschen Skandalbanken?

Vor sechs Jahren erlebte Deutschland seine Bankendämmerung. Der Staat musste Finanzkonzerne wie die Hypo Real Estate retten. SPIEGEL ONLINE zeigt, wie viel Geld dabei wirklich draufging - und was die Chefs der Pleitebanken heute machen.

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Die Recherche-Serie
Über viele Nachrichten und Menschen wird eine Zeit lang sehr ausführlich berichtet - dann verschwinden sie wieder aus den Schlagzeilen. Wie entwickeln sich die Themen weiter, was wurde aus den Personen? Das erklären wir in dieser Serie.
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Den Mann, der Deutschland so richtig in die Finanzkrise riss, ist zum Phantom geworden. Gerhard Bruckermann, ehemaliger Chef der Depfa, verschwand mit einem Millionenvermögen. Jahrelang gab es kaum ein Lebenszeichen von Bruckermann.

Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE lebt er zurückgezogen in einem Nobelort im Schweizer Kanton Graubünden. Er gehe selten vor die Tür, berichtet ein Bekannter. Seinen Urlaub buche er unter falschem Namen. Ein Büro in Zürich sorgt dafür, dass die Welt möglichst nichts von ihm mitbekommt. Mehrere persönliche Anfragen ließ Bruckermann unbeantwortet.

Dabei könnte er doch so viel erzählen - über den Coup seines Lebens, als Bruckermann die kriselnde Depfa-Bank für 5,2 Milliarden Euro an den Münchner Finanzkonzern Hypo Real Estate Chart zeigen (HRE) verkaufte und dabei selbst gut 100 Millionen Euro einstrich. Das war im Herbst 2007. Ein Jahr später war die HRE am Ende - erdrückt unter den Altlasten der Depfa. Der deutsche Staat musste den Konzern mit mehr als 100 Milliarden Euro vor der Pleite retten. Spätestens da merkten die Deutschen, wie tief sie in der internationalen Finanzkrise steckten.

Sechs Jahre ist dieser heiße Finanzherbst nun her. Zuerst fiel die US-Investmentbank Lehmann Brothers, kurz danach musste der deutsche Staat seinen Banken beispringen: Erst der HRE, dann der HSH Nordbank, der Commerzbank Chart zeigen, der Landesbank Baden-Württemberg. Es gab kaum einen, der damals nicht wankte. Mehr als 250 Milliarden Euro wandten Bund und Länder zwischenzeitlich auf, um die heimischen Banken zu retten - teils über Bürgschaften, teils über frisches Kapital.

Die Kosten liegen bisher bei rund 50 Milliarden Euro

Angefangen hatte das große Bankenzittern schon gut ein Jahr früher: Damals, im Sommer 2007, musste die vergleichsweise kleine Mittelstandsbank IKB gerettet werden. Ein Einzelfall, dachten damals viele. Selbst als kurz darauf die SachsenLB aufgefangen werden musste, sah der damalige Bundesfinanzminister Peer Steinbrück "keine Anzeichen, dass es Probleme bei anderen deutschen Banken gibt." Erst als in den folgenden Monaten auch die Landesbanken in Nordrhein-Westfalen und Bayern ins Wanken gerieten, stieg die Nervosität wieder.

Gerhard Bruckermann musste das alles schon geahnt haben. Eine Woche bevor die ersten Probleme bei der IKB auftauchten, hatte er den Verkauf der Depfa an die HRE klar gemacht - und war damit eine tickende Zeitbombe losgeworden.

Für andere Bankchefs lief es weniger gut. Männer wie Ex-HRE-Chef Georg Funke, Werner Schmidt von der BayernLB oder Dirk Jens Nonnenmacher von der HSH Nordbank bekamen nicht nur die Wut der Bürger zu spüren, sondern auch Ärger mit der Staatsanwaltschaft. Verurteilt wurde bisher allerdings erst einer von ihnen. Wie es den Ex-Skandalbankern erging, lesen Sie hier in der Fotostrecke.

Wie viel Geld die Skandalbanken die deutschen Steuerzahler am Ende kosten werden, ist noch offen. Wahrscheinlich ist nach bisherigem Stand aber ein Betrag von rund 50 Milliarden Euro. Allein der Bankenrettungsfonds Soffin wies zuletzt einen Verlust von mehr als 20 Milliarden Euro aus, der Großteil davon geht auf das Konto der Hypo Real Estate. Hinzu kommen die Rettungsmaßnahmen der Bundesländer, die ihre Landesbanken stützen mussten. Eine Übersicht darüber, welche Bank die Steuerzahler bisher wie teuer kam:

IKB

Die Rettung der IKB hat den Staat am Ende nur indirekt Geld gekostet. Die kleine Mittelstandsbank aus Düsseldorf war im Sommer 2007 als erstes deutsches Finanzinstitut ins Straucheln geraten und musste mit Bürgschaften der Staatsbank KfW gerettet werden, die als Großaktionär an der IKB beteiligt war. Aus der Rettungsaktion entstanden am Ende zwar Belastungen von 8,2 Milliarden Euro für die KfW, auf den Bundeshaushalt wirkte sich das aber nicht aus. Auch die Garantien von bis zu zehn Milliarden Euro, die der Bankenrettungsfonds Soffin später bereitstellte, kosteten den Staat nichts. Sie sind mittlerweile alle ausgelaufen oder wurden von der IKB zurückgegeben. Geschätzte Kosten für die öffentliche Hand: 8,2 Milliarden Euro

SachsenLB

Die SachsenLB war im Sommer 2007 als zweites deutsches Finanzinstitut in Schieflage geraten. Der Freistaat Sachsen gab die Bank daraufhin an die damals noch kraftstrotzende Landesbank Baden-Württemberg ab - und erklärte sich bereit, für künftige Verluste bis zu 2,75 Milliarden Euro geradezustehen. Mehr als eine Milliarde davon wurde bereits fällig. Geschätzte Kosten für die öffentliche Hand: Rund zwei Milliarden Euro

WestLB

Die WestLB ist Vergangenheit. Wegen der Beihilfen, die die marode Landesbank vom Land Nordrhein-Westfalen erhalten hat, musste sie 2012 zerschlagen werden. Insgesamt stehen der Rettungsfonds Soffin und die Alteigentümer der Bank (also das Land und die regionalen Sparkassenverbände) mit rund 18 Milliarden Euro für die frühere WestLB gerade. Drei Milliarden sind als Kapital an die Nachfolgebank Portigon geflossen, davon kamen zwei Milliarden vom Rettungsfonds Soffin und eine Milliarde vom Land NRW. Deutlich höhere Risikoabschirmungen waren für die eigens gegründete Bad Bank mit dem Namen Erste Abwicklungsanstalt nötig. Hier haben sich das Land, die Sparkassenverbände und der Soffin in einem abgestuften Plan über die Haftung für Verluste bis zu einer Höhe von insgesamt rund 15 Milliarden Euro geeinigt. Alles was darüber hinausginge, müssten das Land und die Sparkassen hälftig tragen. Bisher wurden 1,4 Milliarden Euro Haftung für die EAA fällig. Wie viele Milliarden es am Ende werden, ist offen. NRW-Finanzminister Norbert Walter-Borjans hatte die Belastungen für die Steuerzahler einst auf 18 Milliarden Euro geschätzt, mittlerweile geht man im Ministerium von einem etwas geringeren Betrag aus. Geschätzte Kosten für die öffentliche Hand: Mehr als 10 Milliarden Euro

BayernLB

Der Freistaat hat die BayernLB mit insgesamt zehn Milliarden Euro frischem Kapital gestützt, von denen bisher gut 1,2 Milliarden Euro zurückgezahlt wurden. Bis 2019 sollen es fünf Milliarden Euro werden. Zusätzlich hat der Freistaat jedoch auch eine Garantie über knapp fünf Milliarden Euro abgegeben, die in diesem Jahr erstmals eingesetzt werden dürfte, um Verluste aus Geschäften mit Schrottpapieren auszugleichen. In einem Nachtragshaushalt sind dafür 300 Millionen Euro vorgesehen. Geschätzte Kosten für die öffentliche Hand: Mindestens fünf Milliarden Euro

Hypo Real Estate

Die Rettung der Hypo Real Estate kam den Staat bisher am teuersten. Zwar sind die genutzten Garantien des Soffin von bis zu 124 Milliarden Euro in zwischen alle zurückgegeben oder ausgelaufen. Was blieb sind jedoch 9,8 Milliarden Euro Eigenkapitalhilfen. Wie viel davon am Ende ab den Staat zurückfließt, hängt vor allem davon ab, wie teuer sich die Nachfolgerin der HRE, die Deutsche Pfandbriefbank, verkaufen lässt. Viel mehr als eine Milliarde dürfte dabei allerdings nicht rausspringen, heißt es in Finanzkreisen. Nach dieser Rechnung blieben also mehr als acht Milliarden Euro Miese. Hinzu kommen die Verluste aus der Bad Bank, in die die HRE ihre gefährlichsten Teile auslagern durfte und für die nun der Staat geradesteht. Bisher hat der Soffin 9,3 Milliarden Euro überwiesen, um die Verluste der Abwicklungsanstalt auszugleichen. Am Ende dürften es noch deutlich mehr werden. Geschätzte Kosten für die öffentliche Hand: Mehr als 20 Milliarden Euro

HSH Nordbank

Die HSH Nordbank gehört zu den Instituten, die sich bisher nur schleppend von der Finanzkrise erholt haben. Erst 2013 mussten die Garantien der Länder Hamburg und Schleswig-Holstein wieder auf zehn Milliarden Euro erhöht werden. Der Vorstand schätzt, dass die Bank davon bis 2025 rund 1,6 Milliarden Euro in Anspruch nehmen wird. Das wären dann tatsächliche Kosten für die Steuerzahler. Hinzu kommen drei Milliarden Euro, die die Länder der Bank als Kapitalhilfen gewährt haben. Geschätzte Kosten für die öffentliche Hand: 4,6 Milliarden Euro

Commerzbank

Auch die Rettung der Commerzbank war für den Staat nicht gerade billig. Insgesamt 18,2 Milliarden Euro Kapital hat der Bankenrettungsfonds Soffin in die einst stolze Privatbank gesteckt. Ein Großteil davon wurde mittlerweile zurückgezahlt, zudem überwies die Bank mehr als eine Milliarde Euro an Zinsen und Abschlagzahlungen an den Bund. 5,1 Milliarden Euro Staatsgeld stecken aber noch immer in der Commerzbank. Dass der Bund die Summe voll zurückbekommt, ist unwahrscheinlich: Der 17-Prozent-Anteil der Aktien, die er für sein Geld hält, ist an der Börse mit rund 2,5 Milliarden Euro gerade mal die Hälfte wert. Geschätzte Kosten für die öffentliche Hand: 1,5 Milliarden Euro

Landesbank Baden-Württemberg

Die Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) hatte 2007 noch den Retter der SachsenLB gegeben. 2009 musste sie selbst aufgefangen werden. Die Eigentümer - das Land Baden-Württemberg, die Stadt Stuttgart und die Sparkassen - stellten Garantien über insgesamt 12,7 Milliarden Euro bereit und schossen fünf Milliarden Euro Kapital zu. Der Garantieschirm ist mittlerweile auf 4,5 Milliarden Euro geschrumpft und deckt nur noch die übernommenen Altlasten der SachsenLB ab. Zudem hat die Bank nach eigenen Angaben im laufenden Jahr die erste Milliarde Euro Kapitalhilfe zurückgezahlt. Ob am Ende Verluste übrig bleiben und wie hoch diese sein werden, ist offen. Als Gebühr für den Risikoschirm haben die Eigentümer seit 2009 jedenfalls rund 1,5 Milliarden Euro von der Bank erhalten. Geschätzte Kosten für die öffentliche Hand: 2,5 Milliarden Euro

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turmalinfriend 26.09.2014
1. Geld wechselt nur die Taschen
Der Fall Bruckermann zeigt, dass das Geld nicht verschwindet, sondern nur die Taschen dieser Verbrecher wechselt. Der Staat muss Gesetze und Übereinkommen schaffen, die eine Enteignung dieser Personen erlaubt.
wibo2 26.09.2014
2. Wieviel Geld ging bei den deutschen Pleitebanken wirklich drauf?
Die hier in diesem Artikel angegebene Summe reicht bei weitem nicht. 50 Mrd. Euro? Schön wär's! Die Summe des von den deutschen Dumm Bankern verbrannten Geldes wird am Ende des Tages ein Vielfaches von 50 Mrd. Euro sein. Wieviel Geld verbrannt wurde, wird verschleiert. Das ist noch im Nebel. Das sagt uns niemand. Aber eines Tages werden wir das erfahren, weil wir das bezahlen müssen. Sparer, Aktionäre und Steuerzahler werden die Haftung für Defizitbanken nach dem Willen des Gesetzgebers übernehmen müssen. Auch die Kunden deutscher Lebensversicherer werden zur Haftung für ihrer Institute herangezogen. So viel ist schon mal klar. Die Bad Bank der Hypo Real Estate habe derweil Athen ohne Not mehr als 2,5 Milliarden Euro Schulden erlassen, berichtete SPON. Das alleine ist schon das 50 fache der im Artikel erwähnten 50 Mrd. Euro.
Grafsteiner 26.09.2014
3. Ein nutzvoller Artikel
es gibt ihn also doch noch, den Journalismus, der nachfragt, recherchiert und aufklären will. Und nicht vernebeln und verzerren. Statt nur Klatschpresse zu machen und gewünschte Artikel zu veröffentlichen. Das letztere -da braucht man kein Prophet zu sein- wird die Medien kaputtmachen. Goschnpresse braucht keiner. jojhran.simus tut wiede rniot. Gerade ein Kournalsuimus, der die gehiemdienstl+gen druchschaut und die Leser infdarüber (Q) informiert.
cvdheyden 26.09.2014
4. Erklärung?
Es gibt bisher keine wissenschaftliche und damit logische Erklärung dafür, dass der Steuerzahler die Banken retten "MUSS". Meine Fragen: 1.) Warum mussten diese Banken "gerettet" werden. Jedes andere Unternehmen melded konkurs wenn das Geld alle ist. 2.) Welchen gesellschaftlichen Nutzen haben jetzt grade diese Sakndalbanken? 3.) Was wäre wahrscheinlich passiert wenn die Banken, einfach pleite gegangen wären? Meine Meinung dazu in einem Satz: Die Gesellschaft wäre nicht zusammengebrochen. Aber wir hätten eine sehr viel gesündere Bankenwelt heute.
lafrench 26.09.2014
5. Steuerduldsamkeit der Deutschen
Kosten .. "für die öffentliche Hand"? Warum kann man als Journalist statt der Euphemismen nicht ganz direkt sagen: Kosten für die Bürger/Steuerzahler? Steuerrückforderung von der Seite der Bürger? Fehlanzeige. Bloß kein Verfall in Anarchie... Steuern - ...waren das nicht eigentlich eine unfreiwillige solidarische Abgabe - mit dem Zweck, dass WIR vom Staat etwas zurückzuerhalten?
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