Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Ex-HSH-Chef Nonnenmacher vor Gericht: Dr. No bleibt stumm

Von

Prozessbeginn: Die Angeklagten im HSH-Prozess Fotos
DPA

Er war der vielleicht meistgehasste Banker Deutschlands - nun steht der ehemalige HSH-Chef Dirk Jens Nonnenmacher vor Gericht. Doch schon der Prozessauftakt macht klar, wie schwer es ist, zweifelhafte Finanzgeschäfte strafrechtlich zu erfassen.

Hamburg - Dirk Jens Nonnenmacher erscheint als erster Angeklagter im Gerichtssaal. 25 Minuten bevor einer der größten Bankenprozesse der bundesdeutschen Geschichte starten soll, schreitet der Protagonist mit seinen Riesenschritten den Raum ab, als wolle er ihn vermessen. Draußen vor der Tür hat er sich gerade den Weg durch Kameras und Mikrofone gebahnt. Hier drinnen ist er erst mal sicher. Nonnenmacher, gern "Dr. No" genannt, atmet tief durch.

Äußerlich hat er sich kaum verändert: Die Haare trägt er immer noch nach hinten gekämmt - wenngleich nicht mehr ganz so streng wie früher. Das Gesicht ist blass. Der dunkle Anzug fällt am dürren Körper herab.

Offiziell ist Nonnenmacher nur einer von sechs ehemaligen Vorständen der HSH Nordbank, die als Angeklagte vor dem Hamburger Landgericht stehen. Doch in der öffentlichen Wahrnehmung ragt er weit heraus. Wie kaum ein anderer Banker in Deutschland steht Nonnenmacher für alles Schlechte, das der Finanzbranche anhaftet: Arroganz, Gier, Kaltblütigkeit. Wie viele andere Finanzinstitute musste die HSH Nordbank mit Steuergeldern vor dem Kollaps gerettet werden. Das schafft Wut. Dass Nonnenmacher nun der Prozess gemacht wird, dürfte viele Menschen mit Genugtuung erfüllen.

Doch vor Gericht gelten andere Maßstäbe. Hier geht es nicht um Rache, sondern ums Recht. Und da wird es schon deutlich schwieriger. Haben Nonnenmacher und seine ehemaligen Kollegen gegen das Gesetz verstoßen oder nur gegen die Moral?

"Die Strafkammer betritt Neuland"

Die Staatsanwaltschaft hat sich ein einzelnes Geschäft rausgesucht, um den Ex-Bankern Untreue nachzuweisen: Es geht um eine sehr komplexe Transaktion namens Omega 55, die die damaligen Vorstände der Landesbank Ende 2007 absegneten. Laut Staatsanwaltschaft ging es ihnen dabei darum, Risiken aus der Bilanz zu verstecken. Es drohte eine schlechtere Note von Rating-Agenturen - etwas, das die Manager gerade überhaupt nicht gebrauchen konnten. Schließlich sollten sie die Bank im Jahr darauf an die Börse bringen.

Also schlossen sie einen Doppel-Deal mit der Pariser Großbank BNP Paribas ab: Die Franzosen sollten ein Paket aus Immobilien- und Rohstoffkrediten der HSH gegen Ausfall versichern. Im Gegenzug übernahm die Landesbank Risiken der BNP Paribas in Höhe von insgesamt 2,4 Milliarden Euro. Dabei stand sie unter anderem für Staats- und Unternehmensanleihen gerade, aber zum Beispiel auch für Papiere der US-Investmentbank Lehman Brothers.

Als die Finanzkrise kam, ging das Geschäft grandios schief. Die HSH konnte die Papiere nur mit großem Verlust wieder verkaufen. Am Ende standen laut Staatsanwaltschaft Schäden in Höhe von 158 Millionen Euro.

Die Hamburger Richter müssen nun klären, ob die Chefs der HSH einfach nur ein schlechtes Geschäft gemacht haben oder wissentlich zu hohe Risiken eingegangen sind. Im Mittelpunkt steht dabei der Verdacht, dass die Vorstände die Kreditvorlage für das Geschäft nicht ausreichend geprüft, sondern kurz vor Weihnachten innerhalb von drei Tagen durchgepeitscht haben.

Gegen den damaligen Finanzvorstand Nonnenmacher und den Ex-Kapitalmarktchef Jochen Friedrich erhebt die Staatsanwaltschaft zudem noch den Vorwurf der Bilanzfälschung: Statt die zwischenzeitlichen Wertverluste aus dem Omega-Geschäft in der Bilanz der Bank einzurechnen, bilanzierten die beiden die Papiere zum Anschaffungswert - also ohne Verlust.

Um zu entscheiden, was Unrecht war und was nur ein schlechtes Geschäft, müssen die Richter in den kommenden Monaten tief in die Finanzarithmetik abtauchen. Sie werden sich dabei Hilfe von Sachverständigen holen. Doch eines scheint schon jetzt klar: Es dürfte schwierig werden, die juristischen Verfehlungen der Banker strafrechtlich zu erfassen.

"Die Strafkammer betritt Neuland", sagt der Vorsitzende Richter Marc Tully am ersten Verhandlungstag. "Das ist für alle Beteiligten keine ganz glückliche Situation."

In der Pause isst Nonnenmacher Currywurst mit Pommes

Im Zentrum dürfte am Ende die Frage stehen, welche Risiken die Banker nach damaligem Wissensstand eingehen konnten. Konnten sie ahnen, dass die übernommenen Papiere in der aufziehenden Finanzkrise dramatisch an Wert verlieren würden?

Dass Manager kaufmännische Risiken eingingen, sei eine "notwendige Voraussetzung erfolgreichen Wirtschaftens", sagt Tully. Zulässige unternehmerische Betätigung dürfe nicht kriminalisiert werden.

Nonnenmacher sagt am Mittwoch nichts zu den Vorwürfen. Nur ein leises "korrekt" ist zu hören, als er seinen Geburtsort und sein Geburtsdatum bestätigen soll. Danach schweigt er wieder. Sein Anwalt lässt durchblicken, wie er den früheren Bankchef aus der Schusslinie holen will: Anders als bisher angenommen, habe Nonnenmacher die entscheidenden Papiere nicht am 19. Dezember 2007 unterschrieben, sondern erst am 29. Dezember. Eine Analyse von Nonnenmachers Handschrift soll das beweisen. Stimmt die Theorie, hätte der spätere Bankchef das Geschäft also länger geprüft als die anderen Vorstände.

Ob diese Verteidigungsstrategie aufgeht, ist fraglich. Sein öffentliches Image jedenfalls wird Nonnenmacher dadurch nicht retten. Dabei kann der Mann auch ganz bodenständig sein: Zum Mittagessen zog es ihn und seine Anwälte am Dienstag nicht etwa ins Nobelrestaurant, sondern in die Gerichtskantine: Es gab Currywurst mit Pommes, für 4,50 Euro.

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 23 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Bonus
Peter4711 24.07.2013
Der Mann ist Bangster. Der bekommt eher einen Bonus von 5.000.000. Euro, bevor er hinter Gitter wandert. Das ist nicht nur in Bayern so, wo Herr Mollath schmort.
2. ...
Newspeak 24.07.2013
Doch vor Gericht gelten andere Maßstäbe. Hier geht es nicht um Rache, sondern ums Recht. Und da wird es schon deutlich schwieriger. Haben Nonnenmacher und seine ehemaligen Kollegen gegen das Gesetz verstoßen oder nur gegen die Moral? Hach, ja. Bei Herren wie Herrn Nonnenmacher erlaubt man sich die tiefgründigsten philosophischen Dispute und wägt nach allen möglichen Gesichtspunkten ab. Bei Otto Normalverbraucher wird kurzer Prozeß gemacht, gerne sperrt man Leute auch mal jahrelang prophylaktisch weg und verweigert ihnen mit Ausflüchten aller Art ihr Recht. Die Franzosen hatten mal eine gute Art, wie man mit solchen Leuten umgeht. Ging fix und ohne Revision.
3. Naja, egal
specialsymbol 24.07.2013
Der gute Mann hat ja sorgfältig geprüft. Und anders als bei Verträgen gilt nicht das Datum auf dem Papier sondern die Tagesform der Unterschrift. Dazu kommt noch diese unsägliche mediale Vorverurteilung. Am Ende wird ihm dafür noch eine Entschädigung zugesprochen, zusätzlich zum Freispruch aufgrund diffiziler philosophisch-juristischer Erwägungen.
4. Die Politik
mooringman 24.07.2013
in Hamburg und Schleswig-Holstein,die Aufsichtsräte,sie müßten ebenfalls mit auf die Anklagebank. Das betrifft CDU,Grüne,FDP und die Sozis......sie waren alle daran beteiligt.
5.
dosmundos 24.07.2013
Zuerst einmal war der Herr so sackdämlich, ein gewaltiges Schrottgeschäft zu machen, um die gesteckten Ziele zu erreichen, dann wurde versucht, den Griff ins Klo in der Bilanz zu verstecken. Vielleicht kriminell, jedenfalls aber einfach spektakulär unfähig! Das mit dem "vielleicht meistgehassten Banker" ist aber stark übetrieben. Wenn es nach Unfähigkeit ginge, dürfte Ex-Hypo-Real-Estate-Bankmanager-Darsteller Georg Funke definitiv der heißeste Titelanwärter sein...
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: