Verkauf der HSH Nordbank So teuer wie 14 Elbphilharmonien - mindestens

Die HSH Nordbank wird an US-Finanzinvestoren verkauft - die Länder Hamburg und Schleswig-Holstein beenden damit ein Milliardendebakel. Wie konnte es dazu kommen? Und wie teuer wird es wirklich?

Daniel Günther (l.) und Olaf Scholz (SPD)
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Daniel Günther (l.) und Olaf Scholz (SPD)

Von , Kiel


Ist das nun ein Tag zum Strahlen oder einer zum Klagen? Da scheinen sich auch Olaf Scholz und Daniel Günther nicht so ganz einig zu sein. Während Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Günther (CDU) von einem "schweren Tag für unsere beiden Länder" spricht, kann Hamburgs Erster Bürgermeister Scholz (SPD) gar nicht oft genug das "gute Verhandlungsergebnis" betonen, mit dem man es geschafft habe, eine "existenzielle Krise" der Nordländer abzuwenden. Ja, was denn nun?

Fest steht: Die Länder Hamburg und Schleswig-Holstein haben die HSH Nordbank verkauft - und damit ein düsteres Kapitel beendet. Wirksam wird der Vertrag zwar erst zum sogenannten Closing des Geschäfts in einigen Wochen oder Monaten. Und auch die beiden Landesparlamente und die EU-Kommission müssen noch zustimmen. Doch "ein bisschen Erleichterung ist schon da", wie Ministerpräsident Günther am Ende der Pressekonferenz in Kiel zugibt.

Rund eine Milliarde Euro zahlen die Käufer - ein Konsortium von Finanzinvestoren unter Führung der US-Investoren Cerberus und J.C. Flowers. Dass man die skandal- und verlustgeplagte Bank überhaupt zu einem positiven Preis verkaufen kann, galt bis vor Kurzem noch als undenkbar. Und doch bleiben aus dem 15 Jahre dauernden Kapitel HSH Nordbank vor allem die finanziellen Katastrophen haften, die die Bürger der beiden Bundesländer noch über Jahre hinaus spüren werden.

Wie konnte es so weit kommen?

Es begann mit einem spektakulären Bon-Jovi-Konzert und endete mit einer kargen Pressekonferenz im Kieler Landtag. Dazwischen liegen 15 Jahre voll großer Ambitionen und noch größerer Abstürze. Die HSH Nordbank sollte mitmischen bei den Großen der internationalen Finanzwelt. Das aus zwei eher langweiligen Landesbanken entstandene Geldhaus sollte an die Börse gehen und seinen Eigentümern eine Rendite von mindestens 15 Prozent abwerfen.

"Wir waren damals alle mehr oder minder besoffen von der Idee, dass die HSH Nordbank als Global Player immer satte Gewinne einfährt", sagte 2009 die ehemalige Ministerpräsidentin von Schleswig-Holstein, Heide Simonis, dem "Hamburger Abendblatt". Tatsächlich brachte die Bank am Ende Milliardenverluste - und musste auf Geheiß der EU-Kommission verkauft werden. Die Alternative wäre die Abwicklung gewesen.

Wie konnte die HSH so in Schieflage geraten? Und warum musste sie jetzt verkauft werden? Verfolgen Sie die kurze, aber stürmische Geschichte der Landesbank in der Zeitleiste.

Was kostet das Debakel die Steuerzahler?

Noch ist die Schlussrechnung nicht bis ins Detail möglich, aber wie es aussieht, wird das Debakel der HSH Nordbank die Länder Hamburg und Schleswig-Holstein am Ende zwischen 10 und 15 Milliarden Euro kosten.

Die Summe setzt sich wie folgt zusammen:

  • 3 Milliarden Euro wurden 2009 direkt als Eigenkapital in die Bank injiziert, um sie vor der Pleite zu retten, hinzu kamen im Jahr 2012 noch einmal 500 Millionen Euro - macht zusammen 3,5 Milliarden Euro an Eigenkapital.
  • Zusätzlich haben die beiden Länder der Bank Garantien über 10 Milliarden Euro gegeben, um für Schulden zu bürgen. Auch dieses Geld ist für die Steuerzahler verloren. Die Bank muss die Garantien vollständig in Anspruch nehmen. Macht zusammen mit dem Eigenkapital also ein Minus von 13,5 Milliarden Euro.
  • Hinzu dürften noch Belastungen aus einem Portfolio fauler Schiffskredite kommen, das die Länder der Bank für 2,4 Milliarden Euro abgekauft haben. Theoretisch kann die gesamte Summe ausfallen, sicher ist das aber nicht. Zählt man die 2,4 Milliarden Euro komplett zu den Verlusten hinzu, kommt man auf 15,9 Milliarden Euro.
  • Noch schwieriger einzuschätzen ist die Belastung aus der sogenannten Gewährträgerhaftung. Darunter versteht man Garantien für Kredite und Wertpapiere aus der Zeit vor 2005, für die die Länder im Zweifelsfall geradestehen müssen. Das Volumen liegt noch bei rund 3,2 Milliarden Euro. Ein größerer Ausfall ist hier derzeit aber eher unwahrscheinlich.
  • Der letzte Posten auf der Liste sind die Transaktionskosten für die Rettungsaktionen: Sie machten laut "Hamburger Abendblatt" 680 Millionen Euro aus. Insgesamt kommt man so auf Höchstkosten von knapp 20 Milliarden Euro.
  • Abziehen muss man davon das Geld, dass die HSH seit 2009 als Gebühren für die Garantien der Länder überwiesen hat: insgesamt rund 3,4 Milliarden Euro. Und den Verkaufserlös von 1 Milliarde Euro, also insgesamt 4,4 Milliarden Euro.

Ob eher 10 oder eher 15 Milliarden Euro - wie hoch die Verluste für die Länder am Ende genau sein werden, wird sich erst später zeigen. Der schleswig-holsteinische Ministerpräsident Günther geht derzeit von 5,4 Milliarden Euro für sein Land aus, im schlimmsten Fall würden es nach seinen Worten 7 Milliarden Euro. Für Hamburg sieht es nach Angaben von Bürgermeister Scholz ähnlich aus.

Rechnet man nur mit dem offiziell veranschlagten Verlust, kommt man also auf knapp 11 Milliarden Euro für beide Länder zusammen.

Das ist fünf Mal so viel wie das Bundesland Hamburg im vergangenen Jahr für Schulen ausgegeben hat. Oder gut 15 Mal so viel wie für Kitas oder Polizei. Auch die Kosten für die Elbphilharmonie betrugen mit knapp 800 Millionen Euro nur einen Bruchteil dessen, was Hamburg wegen der HSH Nordbank schultern muss.

Was wird jetzt aus der Bank?

Die Bank wird es weiter geben, allerdings unter einem anderen Namen und viel kleiner als früher. Im Jahr 2003 war sie mit 4500 Beschäftigten und einer Bilanzsumme von 180 Milliarden Euro gestartet. Mittlerweile ist sie bereits deutlich geschrumpft. Aktuell beschäftigt die Bank gut 1900 Mitarbeiter, bei einer Bilanzsumme von gut 70 Milliarden Euro.

Bereits vereinbart ist, dass die Zahl der Mitarbeiter bis Mitte 2019 auf 1600 schrumpfen soll, Insider gehen perspektivisch von etwa 1300 Beschäftigten aus. Eine Garantie für die Zahl der Mitarbeiter oder für den Erhalt der Standorte Hamburg und Kiel enthält der Kaufvertrag nicht.

Die Investoren Cerberus und J.C. Flowers sind schon länger am europäischen Bankenmarkt aktiv - sie wissen also im Prinzip, worum es geht. Flowers kennt die HSH ohnehin seit Jahren sehr gut. Cerberus ist seit kurzem an der Deutschen Bank und der Commerzbank beteiligt.

Die Investoren wollen die Bank schlanker und rentabler machen. Die HSH dürfte als reine Unternehmensbank weitermachen. Sie will sich künftig unter anderem auf die Finanzierung von Infrastrukturprojekten konzentrieren, wobei ein Schwerpunkt auf erneuerbaren Energien liegen soll. Ein zweites Standbein wird die gewerbliche Immobilienfinanzierung sein. Erst an dritter Stelle kommt demnach die Schiffsfinanzierung, jene Sparte, die so viel zum Niedergang der Bank beigetragen hat.

Die neuen Eigentümer finden eine gut aufgeräumte Bank vor, die mit ordentlich Eigenkapital ausgestattet ist und sich fast aller Risiken entledigt hat. Für die müssen nun nur noch die Steuerzahler geradestehen.

insgesamt 146 Beiträge
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Seite 1
skurilla 28.02.2018
1. Da hat der Kapitalismus
ja perfekt funktioniert!
cirus27 28.02.2018
2. aber, aber, leute...
das geld ist doch nicht weg - es haben jetzt nur andere! ein schöner lokaler abschluß für unseren g-20-olaf, der auch weiterhin mit dem geld anderer leute spielt, aber nun auch woanders. möge ihm sein glück erhalten bleiben!
general_0815 28.02.2018
3. Warum
habe ich da kein gutes Gefühl, wenn Herr Scholz Finanzminister wird?
tonhalle 28.02.2018
4. Vom quasi öffentlichen Dienst zur Heuschrecke das wird böse!
Wie so oft hat sich gezeigt, dass im öffentlichen Bereich aus unerfindlichen Gründen gerne auf Professionalität verzichtet wird. Die Mitarbeiter, welche in der Vergangenheit beamtenähnlichen Schutz genossen haben und dem Tun und Nichtstun der Unternehmensleitung schutzlos ausgeliefert waren, werden jetzt einen Sprung in Wasser vor sich haben, dessen Temperatur zu den aktuellen Außenwerten passt! Jeder, der schon beide Welten kennengelernt hat, kennt den Ausgang des scheibchenweisen Zerlegen, so nicht im ersten Schritt sofort längere Zöpfe abgeschnitten werden können. Kein professioneller Investor (und dieser macht seinem Namen alle Ehre), insbesondere aus den USA, hat auch nur den Hauch einer sozialen Verantwortung. Da wird jedes Wort des Kaufvertrages einzeln bewertet und jede Lücke bis an die Grenzen der Legalität ausgenutzt. Ein Aufruf an alle, die Glauben, dass es in größerem Umfang Ethik im internationalen Wirtschaftsleben gäbe: Macht Euch endlich mal die Mühe eine überraschende Wirtschaftsnachricht solcher Art zum Anlass zu nehmen ein Extremszenario des Raubtierkapitalismus aufzuschreiben und vergleicht nach 1-2 Jahren mit der Realität. Nokia, BenQ, Dieselgate in Deutschland, Steuern und Apple..... Da sitzen gut bezahlte Profis, die unsere Politiker (egal welcher Partei) mit Leichtigkeit über den Tisch ziehen! Schade für die Mitarbeiter, denn die sind nicht mehr vermittelbar in einer implodierenden Branche.
markniss 28.02.2018
5. Der Staat, der alles besser kann...
Nur mal so am Rande, denn es hat wahrscheinlich niemand mitbekommen: Die übel beschimpften Privat-Banker von der Commerzbank haben ALLE Rettungsgelder an den Staat zurückbezahlt. Der Steuerzahler hat bei der Sache sogar Geld verdient, denn der Bund hält heute 15% an der gesunden Commerzbank. Im Gegenteil dazu die HSH, wo der Staat Eigentümer und Aufsichtsrat ist: Mindestens 10 Milliarden Euro unwiederbringlich versenkt. Wo sind denn gerade diejenigen, die glauben, dass der Staat alles besser kann?
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